Berichten oder Helfen: Interview mit Marianne Wellershoff

Die letzten zwei Jahre habe ich fürs Amnesty Journal gearbeitet, wo es natürlich immer irgendwie um Menschenrechte ging. Und auch generell, wenn man sich journalistisch für die marginalisierten und kämpfenden Menschen dieser Welt interessiert, kommt es oft vor, dass man sich während und nach der Recherche fragt: Was hat es diesen Leuten jetzt eigentlich gebracht, dass sie mir ihre Geschichte erzählt haben? Klar, die offizielle Antwort darauf kenne ich: Als Journalistin kann ich ihnen eine Stimme verleihen, da sie sonst gar nicht gehört würden. Und öffentliche Aufmerksamkeit ist eine starke Waffe. Aber manchmal frage ich mich schon, ob das reicht. Ständig spreche ich mit Leuten, die eigentlich Unterstützung bräuchten, darf die aber doch irgendwie nicht unterstützen, weil ich sonst nicht mehr unabhängig wäre. Wie weit darf Journalismus in Aktivismus übergehen… oder andersrum? Wenn man irgendwo ehrenamtlich arbeitet, hätte man da nicht Zugang zu ganz vielen spannenden Geschichten, die man veröffentlichen könnte?

Marianne Wellershoff hat ein Jahr lang Geflüchtete in einer Erstaufnahmeeinrichtung im Hamburger Stadtteil Rahlstedt journalistisch begleitet. Dabei ist ein Blog entstanden, auf dem sie jede Woche aus dem Leben der Geflüchteten berichtet hat. Abschließend hat Marianne Wellershoff in “Mohammed heißt jetzt Lukas” noch einmal die Geschichte der irakischen Familie Rashid zusammengefasst, einer der Familien, über die sie während der Arbeit am Blog berichtet hat. Wie sie es während der Recherche geschafft hat, zwischen Berichten und Helfen zu trennen, hat sie mir im Interview erzählt.

Marianne Wellershoff (55) ist Journalistin, Autorin und Musikerin. Sie lebt in Hamburg und arbeitet seit vielen Jahren für den SPIEGEL.

Sie haben genau ein Jahr lang Geflüchtete in der Erstaufnahme in Rahlstedt begleitet. Wie haben Sie am selben Ort immer wieder neue Themen entdeckt?

Es war gar nicht so einfach, eine abwechslungsreiche Themenmischung zu finden, weil ich ja nicht jedes Mal über den Ärger mit den Behörden berichten konnte. Ich hatte vorher recherchiert und mit den Maltesern gesprochen, die die Einrichtung leiteten, sodass mir einige Themen schon klar waren: Medizinische Versorgung, Behörden, Ablehnung des Asylantrags zum Beispiel. Ganz am Anfang war ich sehr darauf angewiesen, dass die Malteser mich auf Themen und Veranstaltungen aufmerksam gemacht haben. Nach kurzer Zeit kannte ich aber viele Leute dort und hatte mein eigenes Netzwerk. Dann konnte ich sehr gut selber entscheiden, welchen Aspekt ich machen möchte.

Was war besonders herausfordernd an diesem Format des Langzeit-Blogs?

Dieser Blog war eine der größten Herausforderungen meines ganzen Berufslebens und ich kenne auch sonst niemanden, der das mal gemacht hat. Die ganze Schwierigkeit daran war, dass ich nicht in die Zukunft blicken konnte. Das heißt, ich wusste bei der Recherche gar nicht, welche Personen sich auf spannende Weise entwickeln und welche verharren würden, oder was es für ein gesamtes Themenspektrum gibt. Es ist eine Art Live-Berichterstattung, obwohl ich nur einmal in der Woche berichtet habe. Die allermeisten Geschichten, die man im Journalismus findet, auch Langzeitbeobachtungen, sind letztendlich retrospektive Beobachtungen: Man recherchiert soundsoviele Wochen, wägt ab und schreibt anschließend eine Geschichte. Ich musste das aus dem Moment heraus machen.

Wie genau liefen diese Wochen und Monate ab?

Am Anfang war ich jede Woche in der Unterkunft, manchmal sogar zweimal die Woche, je nach Thema. Aber es hat sich schnell ergeben, dass ich die Personen, die dort lebten, auch hinausbegleitet und sie woanders getroffen habe: bei einer Behörde, einer Sprachschule, bei der Wohnungssuche.

Sie wollten von den Menschen eine Geschichte haben. Was war deren Motivation sie Ihnen zu erzählen?

Der ein oder andere hat sich sicher erhofft, dass ihm das bei seinem Asylprozess hilft. Bei einem weiß ich das ganz sicher, der war dann extrem enttäuscht, dass das nicht so war. Andere wollten einfach mal ihre Geschichte erzählen und wahrgenommen werden. Für die war es wichtig, dass jemand zuhört. Wieder andere waren froh, dass sie mal mit Deutschen reden konnten. Und manche wollten, dass Flüchtlinge anders dargestellt werden.

Warum haben Sie sich in Ihrem abschließenden längeren Text ausgerechnet für die Familie Rashid entschieden?

Die Familie Rashid hat viele Familienmitglieder mit verschiedenen Altersgruppen und Lebenswegen: vom Grundschulkind bis zur Mama der Familie, die nochmal Mutter wird. Das fächert eine breite Auswahl an Themen auf. Außerdem wurde ihr Asylantrag abgelehnt, was dann nochmal die Dramatik erhöhte. Und schließlich waren die Rashids auch eine sehr freundliche Familie, die mir während dieser Zeit sehr ans Herz gewachsen ist. Das war der Grund, warum ich die Familie im Anschluss weiterhin begleitet und unterstützt habe.

Wie unterstützen Sie sie?

Ich erledige die gesamte Behördenpost, ich halte Kontakt mit den Lehrern der Kinder, helfe der Großen bei der Suche nach einer Sprachschule oder sage der Mutter, wo sie einen Eltern-Kind-Kurs finden kann.

Was halten Sie von diesem Grundsatz, dass eine Journalistin sich mit keiner Sache gemein machen darf, auch mit keiner guten?

Ich habe das ja strikt getrennt. Ich habe der Familie nicht geholfen, solange ich recherchiert und den Blog geschrieben habe. Aber natürlich habe ich auch eine Haltung. Ich bin ja zum Beispiel nicht der Meinung, dass keine Flüchtlinge ins Land kommen sollten und dass alle Flüchtlinge kriminell sind. Ich habe eine offene freundliche Haltung und die merkt man den Texten auch an. Das ist eben so, ich bin ein Mensch und habe eine bestimmte Vorstellung. Trotzdem habe ich mich sehr bemüht, den Alltag kühl und sachlich zu beschreiben.

Sie waren sehr häufig in dieser Einrichtung, wo sicher viele Menschen verzweifelt auf Wohnungen, Arbeit, Aufenthaltstitel warteten. Wurden Sie da häufig um Hilfe gebeten und wie gingen Sie damit um?

Ja, da gab es einige, über die ich geschrieben habe, die dann erwarteten, dass ich ihnen helfe eine Wohnung zu finden. Denen sagte ich: Nein, das kann ich nicht und das ist auch nicht mein Job. Ich kann über euer Leben schreiben, und vielleicht ruft dann jemand an und will euch eine Wohnung geben.

Haben die Leute das akzeptiert?

Mal mehr, mal weniger. Letztendlich haben sie es verstanden aber manche waren auch enttäuscht, dass es keine „Bezahlung“ für das Gespräch gab.

Sie haben emotionale Momente mit der Familie Rashid besprochen. An einer Stelle heißt es „Die Rashids haben tatsächlich mit ansehen müssen, wie ein Mann ertrank. (…) Es ist fast das einzige Ereignis während der Flucht, an das sich die heut neunjährige Divan noch erinnernt.“ Hatten Sie Sorge, dass Sie die Menschen durch diese Gespräche retraumatisieren, dass die das erstmal einer Therapeutin erzählen sollten?

Die Familie war ja teilweise in Therapie, auch wenn es dabei einige Schwierigkeiten gab. Grundsätzlich hat man ja ein Gefühl dafür, ob eine Person es aushält, etwas zu erzählen, oder ob das zu schwierig ist. Wenn die Person zumacht und man richtig nachbohren müsste, würde ich das unterlassen. Aber solange die Leute erzählen und man den Eindruck hat, es quillt aus ihnen heraus und sie wollen das, solange würde ich weiter fragen. Man muss natürlich ab einem bestimmten Punkt auch Verantwortung übernehmen und sich fragen, ob die Leute zwei Tage später auch noch wollen, dass das veröffentlicht wird, oder ob ihnen das schaden würde.

Die Rashids haben Ihnen erzählt, dass eine ihrer Töchter von ihrem Großcousin und Ehemann misshandelt und schließlich durch einen Brand getötet wurde. Möglicherweise habe es sich dabei um Selbstmord gehandelt. Die Angst vor der Zwangsheirat der zweiten Tochter war der Grund, warum die Rashids geflohen sind. Muss man als Journalistin so eine Geschichte nachprüfen… kann man das überhaupt?

Ich habe mich mit dem Thema Selbstmord durch Verbrennen und mit Ehrenmord in Kurdistan beschäftigt. Ich habe eine Freundin, die lange in dieser Region für eine Organisation gearbeitet hat, die Journalisten ausgebildet hat. Die habe ich gefragt, ob das stimmen kann, was die Rashids sagen. Und sie erzählte mir folgende Geschichte: in ihrem Kurs fragte eine Schülerin, wann man über ein Ereignis berichtet. Darauf antwortete meine Freundin, dass das Ereignis einzigartig und herausragend sein, viele interessieren müsse. Daraufhin verwarf die Schülerin ihr Thema wieder. Auf die Frage hin, was denn das Thema gewesen wäre, sagte sie „Selbstverbrennung von jungen Frauen in gewalttätigen Ehen. Das passiert bei uns in den Dörfern dauernd.“

Als ich das hörte, war mir klar, dass die Geschichte der Rashids stimmt – auch wenn bis heute nicht klar ist, ob es sich im Fall der Tochter um einen Mord oder einen Selbstmord gehandelt hat.

Geflüchteten-Themen ziehen ja immer viel Hass in Form von Leserbriefen oder Online-Kommentaren nach sich. Haben Sie das auch erlebt? Wie gehen Sie damit um?

Auf Facebook kamen eine ganze Menge Hasskommentare. Wir haben die richtig rechtsradikalen herausgefiltert, das war sehr unangenehm. Irgendwann sind dann die Leute von #ichbinhier e.V. darauf aufmerksam geworden und haben dagegen gehalten. Hier und da habe ich auch eingegriffen; möglichst selten, aber wenn wirklich Tatsachen verdreht wurden und Falschinformationen verbreitet wurden, habe ich das richtiggestellt.

Sie haben schon eine sehr lange Karriere als Journalistin hinter sich. Gibt es etwas, was sie journalistisch noch erreichen möchten?

Da gibt es unglaublich viel. Im nächsten Jahr werden wir beim Spiegel eine Verschmelzung von Print und Online erleben. Ich glaube, da wird es nochmal ganz viele neue Herausforderungen für uns alle geben. Ich begrüße diese Entwicklung im Journalismus total. Sie ermöglicht sehr viel mehr Kreativität in Formen, Themen und Kooperationen mit anderen Medien. Man kann etwas nicht nur aufschreiben, sondern auch Bilder, Videos oder einen Podcast machen. Dieser Blog über ein Jahr wäre ohne ein digitales Medium gar nicht denkbar gewesen. Obwohl der Journalismus finanziell unter Druck steht, hat er viel mehr zu bieten als vorher. Das macht ihn zu einem immer spannenderen Beruf.

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Dramaturgie und Journalismus: Interview mit Julia Amberger

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie Journalist*innen über einen scheinbar banalen Alltag eine spannende Geschichte erzählen. Okay, zugegeben, Crack-Dealer und -Konsument zu sein, ist nicht der banalste Alltag, den man sich vorstellen kann. Aber eben auch nichts Neues, nichts Einzigartiges. Trotzdem schafft Julia Amberger es in ihrer Reportage “Der Phoenix von Paris”, die beiden Persönlichkeiten ihres Protagonisten Matthieu aka Charles zu einer spannenden Charakterstudie zu verweben. Zwischen Cracksucht und Kultur, Straßenleben und journalistischen Ambitionen ist das Portrait eines Menschen mit vielen Widersprüchen entstanden. Vielleicht kann jedes Schicksal Thema einer Reportage sein, sofern im Mittelpunkt eine vielschichtige Persönlichkeit steht – und sofern die Journalistin bereit ist, sich durch all diese Schichten durchzuwühlen. Und noch dazu der Protagonist genug Vertrauen hat, um all diese Schichten preiszugeben. Und das Ganze dann noch mit der entsprechenden Dramaturgie und Sprache erzählt wird… okay, ist doch alles nicht so einfach.

Julia ist das jedenfalls gelungen und ich habe mit ihr darüber gesprochen, wie man Vertrauen aufbaut, Details erfährt und die Regeln der Dramaturgie auf die Reportage überträgt. Julia Amberger ist 32 und arbeitet als freie Journalistin in Berlin, unter anderem für Reportagen, taz und arte.

Kann man als Journalistin einfach so in die Pariser Crack-Szene hineinmarschieren?

Zu Matthieus Kumpels konnte ich einfach mitgehen, aber in das andere Leben, das er führt, natürlich nicht. Da hat er eine ganz andere Identität. Da ist er mit Menschen zusammen, die nie im Leben mit der Presse etwas zu tun haben würden. Wir haben uns eine Deckgeschichte überlegt: Dass ich eine Studentin bin, die gerade hier in Paris ist, sich in ihn verguckt hat und ihm seine Drogen finanziert. Ich habe ein bisschen naiv getan, und als könnte ich kein Französisch, habe aber alles verstanden. Es war etwas schwierig, weil die anderen Typen gesehen haben, dass der eine Freundin hat, und das dann auch wollten. Oder die anderen Frauen waren auf mich eifersüchtig. Am Anfang haben sie versucht, mich miteinzubeziehen, waren sehr freundlich und wollten mir ständig was zum Rauchen organisieren. Ich hab aber abgelehnt, vielleicht wurden sie deshalb mit der Zeit aggressiver und einmal haben sie mich an den Haaren gezerrt.

Warum hat Matthieu dir vertraut?

Im ersten Moment hat er mich gar nicht richtig angeguckt. Wir sind nebeneinander hergelaufen und haben dabei gequatscht. Dann sind wir in einen Park gegangen und haben uns unter die Bäume gesetzt. Er hat mich angeguckt, gefragt: „Kann ich dir vertrauen?“, und hat angefangen zu weinen. Ich meinte einfach: Klar! Und hab von mir erzählt, von meinen Recherchen, in denen ich mich in verschiedenen Welten bewege, ein bisschen so wie er, und ich denke, das war unsere besondere Verbindung. Er hat eine sehr komplizierte Familiengeschichte und lässt vieles gar nicht an sich ran. Aber er ist so ein Typ, der alles mitmacht, solange er Spaß hat. Wenn er sich langweilt, entzieht er sich wieder. Darum waren wir gemeinsam bei einem Schulfest von seiner Schwester, bei Kumpels von ihm, in Galerien… wir hingen einfach zusammen ab.

Gab es auch Konflikte?

Es gab immer wieder Momente, in denen wir fast gestritten haben. Er ist zum Beispiel mehrere Male verschwunden und ich habe ihn ewig gesucht. Als ich ihn dann wieder gefunden habe, sind wir in eine Bar gegangen, haben was getrunken und er hat mich gefragt: „Was willst du eigentlich von mir? Warum soll ich dir das alles eigentlich erzählen? Ich kann ja gar nicht wissen, was du damit vorhast.“

Was hast du darauf geantwortet?

Ich habe gesagt, dass ich ein Interesse habe, nicht nur über die Gesellschaft und das Leben zu schreiben, aus dem ich komme, sondern auch andere Denkweisen, andere Milieus und Szenen zu zeigen – nicht nur mit dem Zoo-Blick, sondern von innen – und dass er eine Person ist, die mir diesen Einblick ermöglicht. Ich habe auch versucht ihn herauszufordern und gegenzufragen, also auch mal zu fragen: Wer bist du denn und was willst du eigentlich?

Er hat dir letztendlich vieles anvertraut. Gab es viele Informationen über ihn, die du nicht im Text verwendet hast?

Ja, sehr viele. Ich habe ihm von Anfang an gesagt: „Es kommt nichts rein, was du nicht willst. Du kannst alles gegenlesen.“ Er hat zum Beispiel Angehörige, die ich rausgehalten habe. Mir war auch wichtig, dass ich ihn nicht wie so einen klassischen Crackie beschreibe. Er hat natürlich viel geraucht, aber ich wollte keine Szene beschreiben, in der er raucht. Er hat gespürt, dass ich ihn nicht abstempele.

Mit wem außer ihm selbst hast du über ihn gesprochen?

Mit einer, die ihn im Entzug begleitet hat, und immer noch eine Freundin ist. Mit seinem Vater, mit seiner Ex-Freundin… und mit einem anderen, der auch auf der Straße lebt und einer seiner engsten Freunde ist.

Im Text gibt es einige Szenen, die so wirken als wärst du dabei gewesen, obwohl das unmöglich ist. Angefangen mit dem ersten Absatz: „An dem Nachmittag, an dem Charles sterben will, strahlt der Himmel über Paris eisig blau. Charles liegt auf dem Dach eines Altbaus, 19. Jahrhundert, sieben Stockwerke, dessen Mansarden mit Dachluken durchstoßen sind, ein paar Gehminuten von der Oper Madeleine entfernt, mitten im Winter – nur 30 Zentimeter bis zur Kante. Charles liegt auf dem Rücken, die Schienen der Metallverkleidung des Daches drücken im Rücken, er stützt sich auf einem Ellenbogen ab, um sich aufzurappeln, dabei kippt er immer wieder zur Seite weg, so schwach ist er.“

Ich war nicht dabei aber habe absolut alle Details gefragt. Über die Szene, wo er sich selbst umbringen wollte, haben wir sehr viel gesprochen. Ich habe ihn bestimmt noch fünfmal angerufen und gefragt, wie der Himmel war, was für ein Tag es war, wo genau das Haus war. Dann hab ich das Haus gegoogelt und geguckt, wie es aussieht. Ich hab mir die Szene mehrmals von ihm erzählen lassen, weil die Erinnerung sich ja manchmal verändert. Es gab natürlich Sachen, an die er sich nicht so genau erinnert hat, aber die hab ich dann halt weggelassen.

An einer Stelle schreibst du über seine Mutter, die ihn im Krankenhaus besucht: „Sie presst ihre Lippen aufeinander, ihre Hände zittern. Sie schnürt den Gürtel ihres Mantels enger und stöckelt aus dem Zimmer.“ Auch da warst du nicht dabei, hast diese Infos also von ihm. Fand er das nicht komisch, dass du nach lauter Details gefragt hast?

Naja, irgendwann ist der Knoten geplatzt und er hat verstanden, dass so eine Reportage auch eine Art Kunstprojekt ist. Er gibt mir Material und ich wähle aus, was ich erzähle und was nicht.

Apropos Kunst, stellenweise wirkt deine Reportage sehr literarisch und etwas verspielt. „Charles – wie aristokratisch das klingt. Charles I, Charles II, Charles X. Könige in ganz Europa trugen diesen Namen, über Jahrhunderte hinweg.“ Warum hast du dich entschieden, so zu schreiben?

Ich wollte einen Ton für die Reportage finden, der ihm angemessen ist. Matthieu – oder Charles, wie er sich auch nennt – ist ein sehr spielerischer Typ, eine Künstlerseele, er denkt sehr assoziativ und in Bildern. Ich habe versucht, ihn als Person nachzufühlen und dann so zu schreiben.

Es gibt einen weiteren Grund. Wir haben einfach nicht so viel erlebt. Wir haben in Metroschächten abgehangen, Zeug gekauft, dann sind wir wieder woanders hingegangen, da haben die dann geraucht, und dann wieder zurück. Bei meiner ersten Recherche für „Reportagen“ war hingegen immer Action, und da schreibe ich dann automatisch ein bisschen zielorientierter. Aber wenn man nur Worte gehört hat, anstatt viel zu sehen, dann braucht ein Text eine besondere erzählerische Kraft.

Wie hast du dir während eurer Treffen Notizen gemacht?

Gar nicht. Wenn wir auf der Straße unterwegs waren, hatte ich ein Aufnahmegerät unter meinem Oberteil. Und ansonsten habe ich nur beobachtet.

Worauf achtest du?

Wie bewegt er sich? Was sieht er, worauf schaut er? Wie beschreibt er seine Umgebung? Was löst bei ihm etwas aus? Wenn ich etwas sage, was lässt ihn vielleicht stocken oder nachdenken?

Was hat deinen Stil besonders geprägt?

Ich war früher bei Arte bei den Geo-Reportagen. Dort habe ich mit den Reportern zusammengearbeitet, die mit 40 Stunden Material von einer Reise kommen und keine Ahnung haben, wie sie daraus einen Beitrag bauen sollen und wo sie überhaupt anfangen sollen. Ich habe mich mit ihnen hingesetzt und den ganzen Tag nur geguckt und Fragen gestellt. Bei denen den Prozess in Gang zu setzen, die Gedanken zu ordnen und eine Struktur aufzubauen, hat mir superviel über Dramaturgie und Drehbücher beigebracht.

Wer Filme macht, kann auch gut Reportagen schreiben?

Ja, Dramaturgie ist sehr hilfreich. Gerade arbeite ich mit einem Regisseur zusammen an einem fiktionalen Drehbuch. Da lernt man zum Beispiel, dass es keine Redundanz geben darf oder dass jeder Handlung immer eine Emotion zugrunde liegt. Die muss man sehen und erkennen.

Wie sieht dein Alltag als freie Journalistin aus?

Eine Zeit lang sammele ich einfach nur, recherchiere, reise. Dann kommt die Phase, in der ich das Material verarbeite. Da habe ich einen festen Tagesrhythmus, bin morgens um halb 10 im Büro, und gehe abends laufen oder Freunde treffen. Je stärker meine Routine ist, desto produktiver werde ich. Das braucht aber als Ausgleich auch wieder die Recherchephasen, bei denen ich komplett mit der Routine breche. Es braucht eine Weile, bis man den richtigen Wechselrhythmus gefunden hat. In den ersten zwei Jahren war ich viel mehr unterwegs, als ich hätte produzieren können.

Wie kommst du an deine Themen?

Im Volontariat bleibt man an irgendeinem Thema hängen, das man besonders spannend findet. Dann baut man sich da ein Netzwerk auf, und in diesem Netzwerk kommen dann immer wieder Themen und Menschen auf einen zu. Bei mir ist das dann so, dass ich irgendwann etwas Neues brauche. Ich ziehe weiter und baue wieder ein neues Netzwerk auf.

Was ist dein langfristiges Hauptthema?

Geographisch sind das oft afrikanische Länder, wo ich in den letzten Jahren viel unterwegs war. Ich baue gerade ein Tandem-Netzwerk zwischen europäischen und afrikanischen Journalisten auf. Ich merke, dass die Geschichten viel zu oft aus rein europäischer Perspektive gedacht werden. Thematisch interessieren mich psychologisch herausfordernde Fälle. Und oft spielt Epigenetik eine Rolle, also was Menschen schon bevor sie geboren werden, an Erfahrungen mitbekommen haben, und wie Menschen teilweise in ihrer Familiengeschichte feststecken.

Was ist dein wichtigster Tipp für Menschen, die als freie Journalist*innen arbeiten wollen?

Wenn schon denn schon. Die ersten zwei Jahre muss man richtig viel investieren und richtig viel arbeiten. Und es gibt einfach Phasen, wo es schlecht läuft. Aber das ist ja immer so, wenn man sich selbständig macht. Wenn du wirklich etwas aus dir machen willst, dann musst du auch mal was riskieren, also zum Beispiel die Flugkosten für eine Recherche selbst zahlen und dann gucken, dass man die wieder reinkriegt. Und vor allem muss man der Sache erstmal zwei Jahre Zeit geben und nicht nur ein halbes Jahr.

Ein Maximum an Inklusion: Interview mit Thembi Wolf

Letztens habe ich im SZ-Magazin mal nachgezählt: da waren ganze 118 Seiten von Männern geschrieben. Nur 36 waren von Frauen – und zwar die hintersten 36 Seiten des Hefts. Das Problem einer männlich dominierten Autorenschaft haben viele der renommiertesten Zeitungen und Zeitschriften, leider auch einige meiner Lieblinge. Auf meine kritischen E-Mails an insgesamt drei solcher Redaktionen habe ich aber nie eine Antwort bekommen.

Klar, mein Blog heißt ganz bewusst Interviews mit Journalist*innen – mindestens die Hälfte der Interviewten sollen Frauen sein, lieber noch mehr. Das klappt bisher ganz gut, aber dann ist mir aufgefallen:  Frauen sind nicht die einzigen Unterrepräsentierten – bisher hatte ich nur weiße Menschen interviewt. Beim Versuch, das zu ändern, habe ich gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, Texte von Journalist*innen of Color zu finden. Ich weiß nicht, ob es den Redaktionen, die viel mehr Männer schreiben lassen, auch so geht. Sie nehmen vielleicht den ersten, der ihnen einfällt oder auffällt, ohne bewusst nach Menschen zu suchen, die das Heft ein wenig diverser machen würden. Frauen zu engagieren wäre da ja nur ein Schritt von vielen.

Als ich auf Thembi Wolf gestoßen bin, die zu Diversity im Journalismus arbeitet, habe ich sie also direkt angeschrieben. Auf sie bin ich über den Text “Eine schwierige Liebe” aufmerksam geworden. Darin beschreibt sie, welche Revolutionsikonen of Color von Malcolm X bis Che Guevara die deutsche 68er Bewegung inspiriert haben. Im Interview habe ich sie gefragt, welche Perspektiven in der deutschen Medienlandschaft fehlen und wie man das ändern kann.

Thembi Wolf (27) hat Workshops zu Medienethik und Diversity im Journalismus veranstaltet. Sie arbeitet als freie Journalistin in Berlin und schreibt unter anderem für FAZ, Zeit Online und den Freitag.

Du hast keine klassische journalistische Ausbildung gemacht. Wie bist du freie Journalistin geworden?

Ich habe ganz klein angefangen, mit 12 bei der Schülerzeitung. Ich wusste, ich will Journalistin werden, hatte aber ein ganz naives Bild davon, was das bedeutet. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und kannte nie wirklich einen Journalisten. Die Schülerzeitung war mein Horizont. Ich habe mich dann einfach überall informiert, alles mitgemacht an Workshops und Trainings, und mich in jede Aufgabe, die sich geboten hat, reingeschmissen, auch wenn ichs mir manchmal nur halb zugetraut habe. Jetzt schreibe ich die Hälfte meiner Arbeitszeit als Aushilfe für Zeit Online Nachrichten und die andere Hälfte bin ich frei. Ich versuche zu reisen, so oft ich es finanzieren kann. Denn mein Anspruch an mich als Journalistin ist auch, Geschichten ein bisschen anders zu erzählen als andere.

Was meinst du mit anders?

Ich war immer eine begeisterte Leserin von Auslandsreportagen, egal von wo. Ich hatte aber oft ein ungutes Gefühl, was die Perspektiven der Journalist*innen betraf. Da gab es nur diese typischen Kriegs- und Katastrophenreportagen aus Afrika, nach dem Motto: „Guck mal, da ist Krieg und Katastrophe aber die Kinder sind trotzdem süß.“ Bestimmte Narrative funktionieren nur aus Ländern des globalen Südens, zum Beispiel: die haben hier nichts, aber haben aus Schrott eine Bewässerungsmaschine für ihr Feld gebaut. Das ist immer so ein Blick von oben herab. Der hat mich gestört und ich dachte ich kann das vielleicht besser.

Und wie genau machst du es besser?

Wenn ich im Ausland bin oder in einem mir fremden Umfeld, versuche ich, meinen Augen nicht gleich zu trauen. Bei Auslandsgeschichten stört es mich auch, dass oft nur weiße Expert*innen aus Europa oder den USA zu Wort kommen. Das versuche ich anders zu machen. Denn es gibt es auch vor Ort Expert*innen und eine Elite und kulturelle Vordenker, die etwas über ihre Gesellschaften sagen können. Und dann muss man ganz viele Fragen stellen. Das ist eigentlich so einfach. Nur daraus besteht der Job letztendlich. Fragen, auch wenn man denkt, man hat schon verstanden. Viele Auslandsreporter*innen beschränken sich darauf mit ihrem Taxifahrer ins Gespräch zu kommen und das dann als „Stimme aus dem Volk“ zu verkaufen – anstatt mit einer Vielfalt an Menschen ins Gespräch zu kommen.

Dann muss man die Geschichte aber auch noch an deutsche Redaktionen verkaufen…

Manchmal gehe ich schon Kompromisse ein, wenn ich Themen anbiete. Wenn man in Deutschland eine Geschichte über Stromausfälle in Ruanda schreibt, muss man sich auf die Stromausfälle in Hamburg beziehen oder erklären, warum das jetzt für das Weltgefüge wichtig ist. In den USA gibt es viel mehr Auslandsjournalismus, der nicht unbedingt einen Bezug zu den Menschen in den USA haben muss. Das ist so eine deutsche Eigenart, aber ich glaube, das ändert sich langsam. Ich denke, das kommt auch dadurch, dass man diversere Stimmen zulässt. Natürlich muss eine Geschichte irgendwie relevant sein, aber wenn die für so einen riesigen Teil der Weltbevölkerung relevant ist, und Deutsche jetzt mal nicht betrifft, dann muss man da vielleicht seinen Fokus erweitern.

Wie bist du zu dem Thema Diversity im Journalismus gekommen?

Ich habe ganz schnell gemerkt, dass sehr wenige Journalist*innen so aussehen wie ich. Ich war immer die einzige mit Afro in jedem Newsroom und oft die einzige Person of Color bis die Putzfrau ankam. Das finde ich echt absurd, dass das immer noch so ist, obwohl wir schon eine ganze Weile über dieses Thema diskutieren. Aber wenn ich dann daran denke, wie ich in den Journalismus gekommen bin – das war Glück und Naivität. Viele andere, die anfangs die Ressourcen nicht haben, bleiben auf der Strecke. So bin ich auf das Diversity Thema gekommen. Ich finde, es ist eigentlich ein Vergehen an der Demokratie, wenn die Gesellschaft nicht in der Presse repräsentiert wird. Mir hat das selber oft gefehlt, dass mal jemand aus meiner Perspektive erzählt.

Was für Perspektiven fehlen in der Presse?

Es gibt sehr wenige Journalist*innen mit Migrationshintergrund. Ich glaube, die Neuen Deutschen Medienmacher haben das mal so formuliert: Jede*r 5. Deutsche hat einen Migrationshintergrund aber nur 5% der Journalist*innen. Es gibt auch super wenige Arbeiterkinder im Journalismus. Das merkt man jetzt an der Berichterstattung über die Leute, die AfD gewählt haben. Da kursiert dann so eine Vorstellung, dass das alles Bauarbeiter sind, die sich von Pommes Schranke ernähren. Damit ist einfach keinem geholfen.

Wie schafft man es denn als Redaktion, eine größere Vielfalt bei den Autor*innen zu erreichen?

Die Neuen Deutschen Medienmacher haben letztes Jahr die Forderung nach einer Quote verabschiedet. Das ist natürlich kontrovers und man kann sehr viele Gegenargumente finden, aber ich glaube echt, das könnte eine Lösung sein. Damit sagt man den Redaktionen: begebt euch mal bitte auf die Suche. Und so verstehen die dann, dass man schon viel weiter unten ansetzen muss, nämlich bei der Ausbildung. Natürlich ist das auch eine finanzielle Frage, weil wir als Journalist*innen so schlecht bezahlt werden.

Hattest du schon das Gefühl, dass du als Journalistin of Color anders behandelt wurdest?

Am Anfang habe ich in Berlin viel über Kultur geschrieben und wurde immer zu den Terminen geschickt, die etwas mit Migration zu tun hatten. Das ist eine Zwickmühle: nehme ich diese ganzen Themen jetzt an, obwohl ich die nur kriege, weil jemand mich als Schwarze wahrnimmt und mich dann zu Themen schickt, die etwas mit Afrika zu tun haben? Mache ich das dann und mache es vielleicht sogar besser als wenn die jemand anderen schicken würden, der nicht so viel darüber nachgedacht hat? Oder sage ich: Nein, ich bin nicht Afrika, ich bin… Nachhaltigkeit zum Beispiel. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe diese Themen immer gemacht und mache sie immer noch. Meine Familie väterlicherseits ist aus Südafrika, und südliches Afrika ist mittlerweile auch mein fachlicher Fokus.

Du hast zu Diversity im Journalismus referiert. Was hast du da genau gemacht?

2014 habe ich mit einer Freundin zusammen eine Werkstattreihe gestartet. Wir haben gemerkt, dass ganz viele junge Journalist*innen, die wir kennen gelernt hatten, Bock hatten, über medienethische Themen zu sprechen – zum Beispiel darüber, dass wenn über Migrationsthemen berichtet wurde, als Bebilderung immer die Frauen mit Kopftuch und Aldi-Tüte gewählt wurden. Also haben wir diskutiert, wie man Bilder aussucht, wie man über Terrorismus berichten kann ohne antimuslimischen Rassismus zu reproduzieren, wie man gendert und Redaktionen davon überzeugt. Solche Sachen debattiert man in der Journalistenausbildung oft gar nicht, obwohl Journalismus so eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft hat.

Und wie überzeugt man Redaktionen vom Gendern?

In meinem Kollektiv Collectext haben wir eine Art Factsheet entwickelt, wie man gendern kann und warum. Ich gendere zum Beispiel immer unterschiedlich. Ich bin ein großer Fan von einem Maximum an Inklusion und habe auch keine Angst vor komplizierten Xen oder Sternchen. Wenn wir einen Redakteur haben, der da verständnislos ist, sagen wir eben, dass wir zu einem Kollektiv gehören, das es sich zum Grundsatz gemacht hat, darauf zu achten. Dann verweisen wir auf das Factsheet, wo die Redakteur*innen nachlesen können, worum es uns geht.

Das funktioniert?

Ich habe bisher viele gute Erfahrungen damit gemacht. Oft habe ich das Gefühl, dass viele Journalist*innen es sich zu leicht machen. Die sagen: „Das Gendern krieg ich sowieso nicht durch“ oder: „Die neue Perspektive kriege ich nicht verkauft, also erzähle ich die gleiche Geschichte von dem Aufsteiger mit Migrationshintergrund, so wie alle anderen das schon die letzten zwanzig Jahre erzählt haben.“ Aber eigentlich macht es den Text objektiv besser, wenn man mal etwas Neues versucht und Wörter benutzt, die noch nicht abgegriffen sind.

Viele argumentieren ja auch, dass man wiederum ein bestimmtes Publikum ausschließt, das mit dieser Art von politisch korrekter Sprache nicht zurechtkommt.

Wenn meine Oma nicht mehr mitkommt beim Lesen, dann habe ich etwas falsch gemacht. Das muss gar keine normative Debatte sein. Ich sehe das ganz praktisch: wenn man es nicht schafft, eine These, und sei sie noch so komplex, so zu formulieren, dass jeder mitkommt, dann muss man halt nochmal seinen Text überarbeiten. Dann hat man einfach handwerklich etwas falsch gemacht und nicht politisch.

Du hast das Kollektiv Collectext erwähnt. Was hat es damit auf sich?

Ich bin vor zwei Jahren eingetreten, als letzte von sechs Frauen. Gerade als Berufseinsteigerin und freie Journalistin hat man selten jemanden, der einem den Rücken freihält und hinter einem steht; oder jemanden, dem man einfach mal einen Text schicken oder von einer Idee erzählen kann. Im Laufe des Berufslebens findet man sicher solche Leute, aber es ist unfassbar hilfreich, das so zu institutionalisieren. Ich weiß gar nicht, ob ich mich ohne das Kollektiv so viele Sachen getraut hätte. Außerdem haben wir die Idee, der finanziellen Ellenbogengesellschaft entgegenzutreten und zu sagen: wir teilen vielleicht irgendwann unser Einkommen. Wenn eine einen großen Auftrag hat oder einen festen Job und eine andere gerade an ihrem Herzensprojekt arbeitet, dann würde sich das gegenseitig ausgleichen.

Wie genau sieht eure Zusammenarbeit aus?

Wir treffen uns alle zwei Wochen. Manchmal fahren wir auch ein Wochenende aufs Land, um richtig viel Zeit zu haben, auch mal über medienethische Themen zu diskutieren. Ab und zu schiebt man sich Aufträge zu, wenn man selbst keine Zeit dafür hat. Klar kann es dann sein, dass man den Auftrag weitergibt, und in Zukunft keinen Auftrag mehr von der Redaktion bekommt. Aber so ist das ist eben: die absolute Solidarität. Jede freut sich über die Erfolge von jeder anderen. Und so hat man auch immer jemanden, mit dem man auf Erfolge anstoßen kann.

Freundschaft mit Killercop: Interview mit Benedict Wermter

Am besten haben mir schon immer die Geschichten gefallen, in denen der*die Journalist*in – und damit auch ich als Leserin – ihrer Hauptfigur so richtig nahe kommt. Um eine Person aber so eindrücklich beschreiben zu können, muss man sie gut kennen, und um jemanden gut kennenzulernen, ist ein wenig Sympathie und Freundschaft ziemlich hilfreich.

Was aber, wenn die Figur ein Offizier in der Anti-Drogen-Einheit von Manila ist, die dafür bekannt ist, reihenweise mutmaßliche Drogendealer ohne Beweise oder Gerichtsverfahren zu ermorden? Wie nah kann man so einem Menschen kommen? Wie objektiv kann man dann noch über ihn schreiben und wieviel Loyalität schuldet man ihm dennoch als Freund? Über das Thema habe ich mit Benedict Wermter geredet, der 2017 mehrere Monate auf den Philippinen verbracht und die “Die Melancholie der Killercops” geschrieben hat. Eine düstere Krimi-Reportage, die man am besten abends bei einem Bier und Regenwetter lesen sollte.

Benedict Wermter (31) ist freier Journalist aus Berlin. Er schreibt unter anderem für die taz und Correctiv.

Wie hast du den Nino Cerrado, einen Offizier in Manilas Anti-Drogen-Einheit kennengelernt?

Ich bin in meinem Viertel rumgelaufen und da war Fiesta – also ein Straßenfest, wo die Leute grillen, Basketball spielen, Karaoke singen und sich besaufen. Da ging das eigentlich relativ schnell. Ich habe erst mit einem, dann mit dem nächsten gequatscht und plötzlich saß der da auf einer Bank und hat rumgebrüllt: „Come here, my friend!“ Die anderen meinten dann schon: Geh mal zu dem hin! Und im nächsten Moment saß ich quasi auf seinem Schoß.

Hast du ihn von Anfang an als Protagonisten deiner Story gesehen?

Ich bin auf den Philippinen die ganze Zeit mit einer journalistischen Brille rumgelaufen, allerdings bin ich an dem Abend nicht mit der Absicht losgezogen, etwas zu finden. Ich wollte einfach gucken, was da so passiert, und wusste anfangs nicht, dass er mein Protagonist wird. Dann hat er relativ schnell gesagt, dass er Polizist ist, hat voll den Harten gemacht und von seinen Streetfights erzählt. Man hat auch sofort gemerkt, dass alle anderen Respekt vor ihm hatten. Ich habe erstmal nur zugehört, bin ein oder zweimal nach Hause gelaufen, um Notizen zu machen. Ich habe einfach gesagt, ich muss aufs Klo.

Wieviel Zeit habt ihr insgesamt miteinander verbracht?

Wir waren mal für ein langes Wochenende zusammen im Urlaub. Davor haben wir zusammen trainiert, mehrmals gesoffen. Es waren wohl so sechs bis sieben Treffen.

Und dann hast du ja auch seine Familie kennengelernt. Warum war die wichtig?

Ich habe seine Familie und die seiner Freundin kennengelernt. Ich habe mich zum Beispiel mit seinem Schwager getroffen, damit er mir die Geschichten von Nino nochmal erzählt. So hatte ich zumindest mehr als eine Quelle, um die Informationen und ihren Wahrheitsgehalt ein bisschen einzuordnen.

Fandest du es nicht unmoralisch, ihm privat so nahe zu kommen und ihn gleichzeitig als Recherche-Objekt zu betrachten?

Ja voll, denn ein Stück weit habe ich ihn ja hintergangen. Natürlich hätte ich am liebsten mit ganz offenen Karten gespielt. Aber an dem Tag, als ich seine Familie kennengelernt habe, habe ich ihm auch Sachen von mir gezeigt. Ich hatte ja ursprünglich gesagt, ich sei Student. Auf einer Autofahrt habe ich ihm dann gesagt: Hey übrigens, ich schreib auch manchmal was. Er meinte: You look like you write stories. Bei ihm zuhause waren wir wieder besoffen und ich habe ihm einen Film gezeigt, den ich für VICE gemacht habe. Da meinte er: that looks like proper journalism. Am selben Abend hat er sich zum ersten Mal so richtig geöffnet, viel erzählt, Akten gezeigt und Videos von seiner Vereidigung. Er hat den Kontakt nicht abgebrochen, sondern wollte irgendwie auch wissen, was als nächstes passiert.

Ab wann hast du ihm gesagt, dass du über ihn schreibst?

Ich hab ihm erstmal gesagt, dass ich gerne drehen würde, entweder mit ihm oder mit jemandem, den er kennt. Das stand im Raum aber es gab noch keine konkreten Pläne. Als wir dann zusammen im Urlaub waren und auch die Familie gefragt hat, was ich eigentlich genau mache, sagte er grinsend: He just came to the Philippines to write about my life.

Hat er die Geschichte gelesen?

Nein. Er weiß, dass es sie gibt, aber ich habe sie ihm nicht geschickt. Wir haben noch Kontakt, aber nur über wenige, kurze Nachrichten. Letztens habe ich ihn nach einem Wort gefragt, das seine Situation am besten beschreibt. Da meinte er: Boring.

Hattest du zwischendurch nicht Angst, dass du die Kontrolle über die Situation verlierst?

Ich bin mit großer Paranoia auf die Philippinen gefahren, habe sogar meinen Presseausweis zuhause gelassen. Und anfangs war ich wirklich super nervös, weil ich ja ein ganz anderes Bild von der Polizei dort hatte und das noch nicht einschätzen konnte. Als wir uns kennenlernten und er mich zu sich einlud, dachte ich sogar, es könnte ja alles eine Falle sein, wer weiß, was die mit mir vorhaben. Aber relativ schnell habe ich realisiert, dass die ganz anders mit Weißen umgehen als untereinander. Am Ende hatte ich gar keine Angst mehr, vor allem nachdem ich bei ihm zuhause gewesen war.

Hast du bei euren Gesprächen viel gefragt?

Das hat sich eher natürlich entwickelt, ohne dass ich viel gefragt habe oder fragen wollte. Ich wollte ja auch die freundschaftliche Ebene behalten. Da kam genug von ihm. Nur einmal, beim vorletzten Treffen, musste ich Fragen stellen, weil ich einen Beleg brauchte. Ich bin nochmal zu ihm hingegangen und habe gefragt, ob ich die Story jetzt machen kann oder nicht. Er meinte, offen wird mit dir da niemand drüber sprechen. Da bin ich aufs Klo gegangen und habe mein Diktiergerät angemacht. Das ist die einzige Aufnahme, die ich habe, und er weiß nichts davon. Ich musste in dem Moment nochmal so ein Medley machen von allem, was er mir bisher erzählt hatte. Das klang ungefähr so: „Weißt du noch, als du mir erzählt hast, dass du jemanden umgebracht hast… wie war das nochmal genau?“

Darf man sowas?

Klar darf man. Justiziabel ist das auf jeden Fall, denn ich habe Informationen bekommen, die ich sonst nie bekommen hätte. Es geht um öffentliches Interesse, es geht um Rechtsbrüche. Moralisch gesehen fand ich das schwierig und habe es nicht gerne gemacht. Aber um die Geschichte fertig zu kriegen, musste das einmal sein.

Du musstest also beweisen, dass der Typ wirklich existiert?

Genau. Ich hatte schon fast alles über ihn zusammen und habe angefangen, die Geschichte zu verkaufen. Ein paar Medien wollten dann auf jeden Fall einen Beleg und ich war echt unsicher, wie ich das machen soll. Einfach nach einer Aufnahme zu fragen habe ich mich nicht getraut. Letztendlich habe ich dann unbemerkt aufgenommen.

Wenn man die Reportage liest, hat man das Gefühl, Manila ist dunkel, feucht und dreckig. Ist das überstilisiert oder wirklich so?

Naja, man kann die Stadt natürlich auch anders beschreiben. Ich habe dort einen Ami kennengelernt, der sich mit Reisevideos seine Weltreise finanziert hat. Der war auch in den Slums unterwegs, hat aber immer so schöne Tageslichtszenen eingefangen nach dem Motto: Die Leute hier sind zwar sehr arm, aber die Kinder kommen trotzdem alle raus und man kann sie streicheln, voll schön alles! So kann mans auch machen. Aber ich war die meiste Zeit im Dunkeln unterwegs und in nicht so schönen Gegenden. Das ist der Teil der Stadt, der meine Reportage geprägt hat.

Wie kriegst du es hin, dass die Reportage so sinnlich wahrnehmbar ist?

Möglichst viele Notizen machen, wann immer es geht. Die Stimmung festhalten, überlegen: wie war das da gerade? Beim ersten Mal aufschreiben klingt das dann noch etwas einfältig oder noch nicht so ausgeschmückt. Bei der Geschichte hatte ich erst eine Version mit 95.000 Zeichen, also mehr als doppelt so lang. Dann habe ich mich immer weiter herangetastet und möglichst viele verschiedene Varianten und Begriffe ausprobiert. So wird die Geschichte nach und nach immer besser.

Wie sah dein Schreibprozess aus?

Ich habe mir richtig viel Zeit dafür genommen. Ich habe bestimmt 12 Arbeitstage nur geschrieben, immer wieder aufs Neue. Ich habe mir ein Motorrad gemietet und bin ein paar Tage in eine Hütte gefahren, wo wirklich niemand war. Dort habe ich 2-3 Tage versucht, mich zu sammeln. Ich habe immer schriftliche Notizen und Tonaufnahmen, die ich transkribiere. Dann packe ich alles in ein rohes Dokument und fange an, es von oben nach unten runterzuschreiben.

Warum hast du noch die Journalistin als Figur eingeführt?

Ich wollte mit einer Journalistin unterwegs sein, weil die aus relativ neutraler Sicht durch das Problem führt. Sie hilft beim Einordnen, wie eine Art Faktenblock. Mit ihr konnte man nochmal durch das Problem fahren und hat sich so den Infokasten gespart.

Warum bist du mit der Hundekampfszene eingestiegen?

Sie ist eine Metapher für dieses ganze System. Die, die ganz am Boden sind, treten gegeneinander an, und die, die das zu verantworten haben, schauen nicht einmal zu.

Über sich selbst schreiben: Interview mit einer Unbekannten

Keine Sorge, der Blog wird nicht umbenannt in “Interviews mit Unbekannten”. Aber dieses Interview dreht sich wieder um einen Text, der unter Pseudonym veröffentlicht wurde. Allerdings aus völlig anderen Gründen als der letzte.

Sophie Tal – so nennt sie sich – hat in der DUMMY #57 den Text “Volles Haus” über ihre Kindheit in einem Messie-Haushalt geschrieben. Schwer vorstellbar, so etwas mit der ganzen Welt (oder zumindest der ganzen DUMMY-Leserschaft) zu teilen. Denn irgendwie ist das Zuhause ja für viele der privateste Ort und die Kindheit eines der prägendsten Kapitel. Ich wollte also wissen, wie das ist, wenn man über etwas so Intimes so offen schreibt. Ist das überhaupt noch Journalismus? Kann man der eigenen Erinnerung als Quelle trauen? Da ihr den Text nicht online lesen könnt, hier ein kleiner Ausschnitt:

Die Räume waren thematisch sortiert. Einer war ihr Arbeitszimmer, darin waren Ordner, Stifte und Papiere. Als es unmöglich wurde, die Tür zu öffnen, ohne von einer Welle aus ungeöffneten Briefen, Textmarkern und alten Schülerarbeiten überschwemmt zu werden, blieb die Tür eben zu. “Ich muss erst einen neuen Schreibtisch besorgen, so kann ich da nicht mehr arbeiten”, sagte meine Mutter, und das klang logisch. In ihrem Schlafzimmer lagerte sie ihre Anziehsachen. Als die gefüllten Plastiktüten vom Einkaufen hüfthoch den begehbaren Kleiderschrank ausfüllten, warf sie ihre Hosen und Pullover erst auf die beiden Stühle, dann auf Stapel daneben und dann auch aufs Bett, und als es dort zu voll zum Schlafen wurde, schlief sie in unserem Gästezimmer. Das war “ohnehin viel ruhiger”.

Die Journalistin ist in ihren 30ern, mehrfach ausgezeichnet und schreibt vor allem über Gesellschaftsthemen.

In deinem Text “Volles Haus” beschreibst du sehr intime Details aus deiner Kindheit – deine Mutter ist Messie. Warum hast du dich dazu entschieden, so etwas Privates journalistisch aufzuschreiben?

Das ist ein Text, den ich schon sehr lange schreiben wollte – schon seitdem mir mit Mitte 20 klar wurde, was bei uns zuhause eigentlich los war. Das habe ich, so absurd es klingt, lange nicht realisiert. Ich hatte immer das Bedürfnis mehr als nur journalistisch zu schreiben, aber es war als würde dieser Text wie so ein Pfropfen davor sitzen – und ich hatte keine Ahnung, wie dieser Text genau sein sollte. Als ich dann die Mail von DUMMY bekommen habe, dass das Thema des nächsten Hefts „Zuhause“ sein wird, war das einfach genau der Impuls, den ich brauchte.

Kann man so einen autobiographischen Text als Journalismus bezeichnen?

Die Grenze ist da natürlich fließend. Wo ist der Unterschied dazwischen, ob ich jemanden besuche, der etwas erlebt hat, und die Geschichte dann aufschreibe, oder ob ich aufschreibe, was mir selbst passiert ist? Ich halte mich dabei ja trotzdem an die Grundregeln des Journalismus. Und ich wusste natürlich, dass man gerade bei DUMMY auch anders erzählen darf.

Nämlich wie?

Freier und persönlicher, ohne an den Stil der Publikation gebunden zu sein. Eine Tageszeitung oder ein größeres Magazin haben ihren eigenen Ton. Und da hört man als Autor auch mal Regeln für den Einstieg, oder wie viele Absätze dann kommen dürfen bis man spätestens das Thema erklärt haben muss. Das langweilt mich oft.

Ein kritischer Punkt sind vielleicht die Quellen. Hast du alles aus deiner Erinnerung aufgeschrieben?

Während des Schreibprozesses ist mir wahnsinnig viel wieder eingefallen. Und so viele harte Fakten sind in dem Text nun nicht drin. Wie unser Haus aussah und wie unsere Familienverhältnisse sind, weiß ich natürlich. Und an manchen Stellen habe ich nochmal in den Unterlagen nachgesehen, wenn es zum Beispiel um Arztbesuche ging.

Es gibt ja auch Zitate von Gesprächen, die damals stattgefunden haben sollen.

Klar, wenn man sich die Autofahrt anguckt, wo meine Mutter so viel raucht, dass mir schlecht wird, und dann das Fenster einen winzigen Spalt aufmacht und sagt: „So, das reicht.“ Da könnte sie in Wirklichkeit auch gesagt haben: „So, nun is gut.“ Aber ich habe den Inhalt eben aus meinen Erinnerungen wiedergegeben. Das ist natürlich anders als wenn man für eine Reportage unterwegs ist und spätestens abends im Hotel alles ins Notizbuch schreibt. Aber selbst da fallen einem selektiv Sachen auf. Wenn ich dich an deinem Arbeitsplatz besuche, fällt mir vielleicht der knallrote Locher auf, während jemand anderes die Marke deines Stuhls bemerkt.

War deine Mutter in den Schreibprozess miteinbezogen?

Der Grund, warum ich den Text unter einem Pseudonym veröffentlicht habe, ist meine Mutter. Ich habe den Text nicht mit ihr besprochen. Und das war keine einfache Entscheidung. Wenn man Messie ist, hat man nicht nur ein unaufgeräumtes Haus, sondern auch eine ganz bestimmte psychische Verfassung. Der Zustand meiner Mutter verschlechtert sich eigentlich jedes Jahr. Ich will nicht, dass sie sich schlecht fühlt – obwohl es ja kein vorwurfsvoller Text ist. Aber ich kann einfach nicht beurteilen, wie sehr sie das belasten würde.

Wer weiß, dass der Text von dir ist?

Etwas mehr als eine Handvoll Leute. Als ich ihn geschrieben habe, fiel es mir sehr schwer zu beurteilen, ob das überhaupt jemanden interessiert. Deswegen haben meine drei engsten Freunde den Text gelesen. Denen vertraue ich. Wenn die gesagt hätten: „Da stellst du dich völlig bloß“ oder „Das ist ja peinlich“, dann hätte ich den Text auch nicht angeboten.

Wie ist das, wenn man einen schönen Text geschrieben hat und darf niemandem davon erzählen?

Das ist für mich ganz neu, da ich sonst immer unter meinem Namen schreibe. Und es ist schon schade, weil ich finde, es ist ein schöner Text geworden. Wäre meine Mutter tot, hätte ich ihn unter meinem Namen veröffentlicht. Ich schäme mich nicht dafür. Aber was ich auf keinen Fall wollte, war Mitleid. Dafür habe ich den Text nicht geschrieben. Schön fand ich, dass Freunde mir gesagt haben: „Du weißt schon, dass du, wenn du dieses Haus mal aufräumst, nicht alleine bist.“ Aber so eine Reaktion brauche ich ja nicht von der breiten deutschen Öffentlichkeit. Darum bin ich im Nachhinein ganz froh, dass der Text nicht unter meinem Namen veröffentlicht wurde.

Nun mal weg vom Text zu einem etwas allgemeineren Thema: zurzeit schwappt die MeToo-Debatte ja von einer Branche in die nächste, überall kommen Fälle von sexueller Belästigung und Gewalt ans Licht. Welche Schwierigkeiten hat man als Frau im Journalismus?

Die MeToo-Debatte ging mir bisher irgendwie nicht so nah. Ich habe sowas auch erlebt, aber ich bin in solchen Momenten einfach immer stinksauer geworden und dann kriegt derjenige das auch mit. Aber es gibt natürlich Situationen, wo man nicht stinksauer werden kann, und solche Situationen hatte ich als junge Journalistin sehr oft. Es muss ja nicht immer gleich eine Vergewaltigung sein. Ich hab einmal bei einer großen deutschen Fernsehanstalt gearbeitet. Das war unfassbar, was da abging, das kann ich gar nicht alles erzählen. Da haben Chefs ihre Redaktionen Harem genannt. Und es gab mehrere Studentinnen, die ganz schlimm von Redakteuren angebaggert wurden. Wenn man nein gesagt hat, wurde man als frigide und langweilig bezeichnet. Und auch heute kommt es bei Konferenzen durchaus noch vor, dass ältere Redakteure Frauen über den Mund fahren, sie nachäffen oder anzügliche Witze machen. Oft ist das vielleicht gar nicht böse gemeint, aber was hilft einem das, wenn man alleine in einem Raum mit 15 Männern steht, einen super Job gemacht hat und dann dafür verarscht wird?

Merkst du auch bei der Recherche, dass du von Gesprächspartnern anders wahrgenommen wirst als männliche Kollegen?

Ja, das kommt bei bestimmten Personen schon vor. Aber ich finde, es gibt nichts Besseres als unterschätzt zu werden. Wenn da so ein schmieriger Typ seine Firma zeigt und dich als kleines Häschen betrachtet, dann hilft das manchmal sogar. Mit solchen Leuten habe ich allerdings eher selten zu tun.

Wie schwierig ist die Arbeit als freie Journalistin?

Das Leben als freie Journalistin ist ein Leben zwischen absoluter Existenzpanik und großem Glück. Mir bedeutet es viel, nicht jeden Tag in ein Büro zu müssen. Im besten Fall hat man aber natürlich etwas, was einem den monatlichen Grundbetrag einbringt. Jeder schläft besser, wenn er weiß, er kann die Miete bezahlen. Wenn man komplett frei ist, ohne Pauschalistenvertrag, ist das sehr schwierig. Ich hatte Jahre, wo es super gut funktioniert hat, wo ich von einer Sache in die nächste getaumelt bin. Ich hatte aber auch ein Jahr, da hab ich echt Angst bekommen. Ich hatte Anfang des Jahres viele größere Geschichten vorgeschlagen, die dann nach und nach aus verschiedenen Gründen weggebrochen sind oder erst sehr viel später bezahlt wurden. Man sollte sich also ein Polster anschaffen – sowohl ein finanzielles als auch ein dickes Fell. Es lohnt sich auch, eine freiwillige Arbeitslosenversicherung abzuschließen.

Und wie startet man in die Freiheit?

Ich würde es so aufbauen: einen festen Job suchen, zum Beispiel als Aushilfe in irgendeiner Redaktion, ein bis zwei Tage die Woche. Dann hat man mehr Spielraum, um andere Sachen zu machen. Wenn man tief in einer Recherche steckt, ist es ganz gut, noch einen Job zu habe, wo man nicht so viel denken muss. Ich hab zum Beispiel mal Testvergleiche geschrieben für ein Online-Magazin.

Man hört ja immer wieder, dass das Wichtigste für Journalist*innen ein gutes Netzwerk ist. Wie gezielt hast du dir ein Netzwerk aufgebaut?

Ich wünschte, ich wäre so jemand, aber ich kann das überhaupt nicht. Mich machen Netzwerk-Veranstaltungen eher traurig. Da sind immer sehr viele verzweifelte Freie, die an irgendwem kratzen, der einen Redakteursjob hat. Das finde ich echt unsexy und ein gewisser Grad an Sexyness ist eben schon wichtig. Das ist wie am Anfang einer Beziehung. Wenn Leute merken, dass du es wirklich nötig hast, dann finden die dich nicht mehr so attraktiv. Also lieber nochmal einen Monat jobben oder ausharren, und dafür niemandem hinterherrennen und betteln.

Aber Kontakte braucht man schon, oder?

Ich kenne natürlich viele Journalisten, aber die rufen mich ja auch nicht ständig an und geben mir Aufträge. Klar ist es gut, wenn man Kontakte hat und einen netten Kreis an Journalisten kennt, die man mal um Rat fragen kann. Aber wichtiger ist, sich hinzusetzen und zu überlegen: Was lese ich gerne? Für wen möchte ich gerne arbeiten? Und was kann ich gut? Dann muss man die Leute einfach anschreiben. Da macht es keinen Unterschied, ob man dazu schreibt, von wem man die e-mail Adresse bekommen hat. Man muss sich trauen und darf nicht verzweifeln, wenn man nicht gleich eine Zusage bekommt. Man muss lernen, Leute auch mal zu nerven. Man muss sich immer wieder trauen, Geschichten, die abgelehnt wurden, jemand anderem zu geben.

Was liest du gerne?

Bücher. Zeitungen lese ich eher nur am Wochenende. Dann mag ich es, auf dem Boden zu sitzen, inmitten ausgebreiteter Zeitungsseiten und mit einer Tasse Kaffee. Ich lese gerne die ZEIT. Ich liebe Elisabeth Raether. Die macht die Essenskolumne im ZEIT Magazin. Es geht aber irgendwie um viel mehr als um Essen. Und ich mag auch 11Freunde, obwohl ich mich gar nicht für Fußball interessiere.

Was ist ein guter Text für dich?

Man muss merken, dass den jemand geschrieben hat. Jemand, der darüber nachgedacht und eine Meinung hat – ohne seine Meinung als einzig wahre aufzudrängen. Ich mag es, wenn man die Stimme hört, ohne dass es einen Ich-Erzähler geben muss.

Undercover recherchieren: Interview mit einem Unbekannten

Warum übt die NATO den Kriegszustand mit russischen Zivilisten? Diese Frage konnte der Autor, der sich Alexander Schnell nennt und sich für das Kriegsspiel beworben hat weil er Russisch kann, in seiner Undercover-Reportage “Kriegsspiele in Bayern” nicht beantworten. Ist auch gar nicht Sinn der Sache. Viel spannender ist, wie er mit resignierter Ironie die zwei langen, zähen Wochen beschreibt, die er als Zivilist-Statist in einem Fake-Dorf irgendwo in Bayern verbracht hat. In einer Warten-auf-Godot-artigen Atmosphäre fristen die etwa 250 “Dorfbewohner*innen” ihr 14-tägiges Dasein und warten auf die Ankunft der Soldaten, die einen Einmarsch simulieren sollen.

“Die Sonne steht hoch am Himmel, und unten auf der Erde gibt es einfach nichts zu tun. Nur eine einzelne Frau macht Meter. Sie schiebt einen Kinderwagen die staubige Dorfstrasse rauf und runter. Die Frau ist dick, sie watschelt, und dazu summt sie ein Wiegenlied. Als sie den Kinderwagen an mir vorbeischiebt, so watschelnd, summend und sonnenverbrannt, da kann ich nicht anders, als hineinzuspähen. Er ist leer. ”

Coole Story und spannendes Thema: ab wann darf man undercover recherchieren? Und wie genau läuft das ab? Als ich die Reportage gelesen hab, wusste ich sofort: das wird mein nächster Interviewpartner! Hab dann eine ganz vorsichtige Mail an die Redaktion von Reportagen geschrieben, ob man da VIELLEICHT den Kontakt herstellen könnte, und wenn nötig könnte ich das Interview per e-mail schicken, um bloß nicht die Anonymität des Autors zu gefährden… Im nächsten Moment hatte ich eine Mail von ihm im Posteingang: Nächsten Freitag treffen in Kreuzberg? War also alles gar nicht so höchst sensibel wie ich dachte. Der Autor (in seinen 30ern) ist seit 17 Jahren Journalist und macht „im weitesten Sinne Gesellschaftsreportagen von Orten, die ihren eigenen Gesetzten folgen, ihre eigene absurde Energie haben.“

War das illegal, was du gemacht hast?

Technisch gesehen ist es natürlich nicht erlaubt. Man unterschreibt, wenn man sich dort bewirbt, einen Arbeitsvertrag. Da steht drin, dass man die Informationen nicht weiterverwerten darf

Ab wann darf man eine Undercover-Recherche machen?

Das lässt sich nicht so klar sagen. Grundsätzlich ist es gerechtfertigt, wenn ein größeres gesellschaftliches Interesse besteht, also wenn man Fehlentwicklungen oder potentielle Straftaten aufdeckt – etwas, das gesellschaftlich relevant ist.

Hast du dich juristisch beraten lassen?

Ja. Die Anwälte haben mehr oder weniger gesagt, es würde klargehen, auch wenn es gegen den Arbeitsvertrag verstößt. Aber eine Garantie kann niemand geben. Ich glaube, dass das Pseudonym schon einen gewissen Schutz bietet. Ich habe mich ja dort unter meinem echten Namen beworben.  Aber da ich mich auf das persönliche Empfinden konzentriert und nicht knochentrockene Details der US-amerikanischen Militärstrategie öffentlich gemacht habe, glaube ich nicht, dass denen das so wichtig ist.

Was hat dich während der Zeit dort am meisten genervt?

Dass man gefangen war. Obwohl es keinen Zaun gab, durften wir einen bestimmten Bereich nicht verlassen. Nebenan war ein schöner Wald, wo ich gerne mal joggen gegangen wäre, aber das war nicht möglich. Dieses Gefangensein habe ich unterschätzt. Ich war ja vorher noch nie gefangen gewesen.

Wie viele Leute wissen, dass du die Geschichte geschrieben hast?

Ein paar Freunde, ein paar Menschen aus dem journalistischen Milieu. An die große Glocke habe ich es nicht gehängt. Also zwei Hände voll vielleicht.

Wer warst du während dieser Zeit?

Ich habe mir eine Identität zurechtgelegt, über die ich jetzt nicht so viel sagen kann, um nicht zu viel über mich zu verraten. Ich habe mir das genau überlegt und mir einen unspektakulären Job ausgedacht. Wenn Leute dann aber die vierte, fünfte Nachfrage stellen und man merkt, wie man ein richtiges Lügengebäude aufbaut, fühlt sich das schon komisch an.

War es nicht auffällig, dass du dir Notizen gemacht hast?

Ich hab versucht, mich ein- oder zweimal am Tag irgendwohin zurückzuziehen und etwas aufzuschreiben. Natürlich nicht zu lange, denn das wäre aufgefallen. Manchmal kam auch jemand rein, aber die dachten dann vielleicht, ich schreibe Tagebuch. Ich habe ein ganz gutes Gedächtnis, sodass ich mir Dinge auch über ein oder zwei Tage merken konnte. Am Ende hatte ich ein überquellendes Notizbuch und habe tagelang überlegt, welche Informationen ich nutze.

Wie sieht dein Schreibprozess aus?

Normalerweise brauche ich zwei Tage für lange Geschichten. Am ersten Tag sammle ich Gedanken und ärgere mich, dass mir meine Einstiege nicht gefallen. Am zweiten Tag setze ich mich dann hin und schreibe mehr oder weniger durch. Danach korrigiere ich nochmal. Bei dieser Geschichte habe ich zwei, drei Tage für den ersten Schritt gebraucht; gar nicht so sehr wegen des Inhalts, sondern um die richtige Sprache, das richtige Ironie-Level zu finden – den richtigen Sound. Der erste Absatz ist immer am wichtigsten.

Wie kommst du üblicherweise an deine Themen?

Gerade bei großen Geschichten ist das oft gar nicht so originell. Das sind teilweise Themen, über die Kollegen von anderen Zeitungen geschrieben haben. Da wird klein berichtet: Schlägerei auf der Kurfürstenstraße, vierter Dealer in einer Woche festgenommen. Und ich denke mir dann: wenn ich da Wochen verbringe, an einem krassen Ort mit einer eigenen Energie, kann ich versuchen, die einzufangen.

Wie stehst du zu dem Wort „Ich“ in journalistischen Texten?

Ich stehe Autorenjournalismus positiv gegenüber. Es gibt einfach Fälle, wo das „Ich“ Sinn macht. Bei manchen Geschichten, wie meiner jetzt, kommt man am Autor nicht vorbei. Und es gibt solche, wo der Autor nichts zu suchen hat. Ich hab auch schon eine Reportage geschrieben, wo ich sehr präsent war, aber das Wort „Ich“ nicht gebraucht habe. Gerade für Leute, die viel lesen, ist das ja manchmal ein Reizwort. Die haben keinen Bock auf so eine Indie-Reportage, wo es um Selbstdarstellung geht. Ich finde aber, dass es grundsätzlich seine Berechtigung hat, egal wieviel Wunsch nach Objektivität es gibt. In dieser Geschichte komme ich ja sehr viel vor in der Rolle des Undercover-Reporters, aber gleichzeitig habe ich mich explizit zurückgenommen – damit die Tarnung nicht auffliegt und damit es nicht zu sehr darum geht, wie ich als Mensch zwei Wochen Militärübung verarbeite. Ich wollte eher diesen absurden Kosmos darstellen und die anderen Menschen, die darin vorkommen. Da hätte mich gestört, wenn mehr als ein zurückgenommenes Ich vorgekommen wäre.

Von welchen Personen oder Situationen hast du im Laufe deiner Karriere etwas gelernt?

Ich musste mal mit einer Frau telefonieren, deren Mann entführt worden war. Das war mir total unangenehm und ich wollte es eigentlich gar nicht machen. Die Frau wollte auch nicht mit mir reden, worüber ich heilfroh war. Danach hat mein Chef sie angerufen und zwei Stunden lang mit ihr gesprochen. Das hat mir gezeigt, dass ich kein Arschloch sein will und so etwas nicht machen will; aber auch, dass man, wenn man es denn macht, konsequent sein muss. Also entweder man ist moralisch und lässt es sein, oder man zieht es beharrlich durch. Da muss man sich als Journalist entscheiden.

Was hast du dir im Laufe deiner Karriere an- oder abgewöhnt?

Ich habe mir angewöhnt, länger da zu bleiben. Wenn es eine gute Geschichte werden soll, dann verlasse ich den Ort des Geschehens nicht sofort, sondern hole mir ein Bier und sitze da herum. Meiner natürlichen Energie entspricht das nicht. Ich habe nicht so viel Sitzfleisch, aber das nötige ich mir dann halt auf. Abgewöhnt habe ich mir, später in der Redaktion über jedes Wort erbittert zu streiten. Solange mein Sound erhalten bleibt, gilt: Kill your darlings.

Was liest du selber gerne?

Ich lese sehr viel Literatur, Gegenwartsliteratur, aber auch Klassiker. Zuletzt habe ich „Selbstverfickung“ von Oskar Roehler gelesen. Lustige Misanthropie. Mir ist es am wichtigsten, stilistisch etwas mitzubekommen.

Ist dein journalistischer Stil also von Literatur geprägt?

Ja, auf jeden Fall, gerade bei so etwas wie Satzrhythmus. Eine gute Reportage ist Literatur, die auf Fakten basiert. Ein guter Text ist für mich vor allem sprachlich und nicht inhaltlich bestimmt.

Was würdest du gerne besser machen?

Was mir bei anderen gefällt und was mir selbst oft fehlt, ist, einen krassen Ausstieg zu finden. Dass ich das nicht kann, liegt vielleicht an meiner Liebe zur Literatur, denn bei einem Buch finde ich das letzte Drittel meist irrelevant. Ob der Held jetzt am Ende Amerika erreicht oder sich in die Wassermassen stürzt, ist mir tatsächlich relativ egal, solange der Sound stimmt. Bei einer Reportage hingegen, die man nur eine Viertelstunde liest, ist es ganz cool, am Ende nochmal einen Schlag zu landen.

Du hast mehrfach von „Sound“ gesprochen. Wie würdest du deinen beschreiben?

Ich versuche, dass jede kleinste Einheit, auch ein Absatz, einen richtigen Rhythmus hat. Meistens hört es sich schlecht an, wenn drei Sätze nacheinander die gleiche Länge haben. Gut ist, wenn ein kurzer, ein mittellanger und ein langer Satz in einem Absatz stehen. Das heißt natürlich nicht, dass ich mir dieses Muster daneben lege und mich genau daran halte. Es fällt mir aber später auf.

Gibt es journalistische Faustregeln, die du für falsch hältst?

Den szenischen Einstieg. Ich mache zwar auch oft einen, finde es aber originell, wenn man mal mit einem anderen Gedanken anfängt. Einen szenischen Einstieg machen so viele Leute, dass er schon richtig gut sein muss, um zu knallen.

Wieviel schreibst du, um als freier Journalist zu leben?

Ich produziere alle vier bis fünf Wochen eine große Reportage, aber auch so zwei drei, kleinere Sachen im Monat. Nicht jeder Text kann der große Wurf sein, daran muss man sich gewöhnen. Das wäre auch total anstrengend, wenn man permanent so hohe Erwartungen an sich stellt.

Nicht weiß schreiben: Interview mit Charlotte Wiedemann

„Weiß“ ist zu einem kontroversen Wort geworden. Für die einen bedeutet es, Wahrheiten zu hinterfragen, die vielleicht nur aus eurozentrischer Sicht gelten, und sich mit Privilegien auseinanderzusetzen, die über Jahrhunderte entstanden sind. Für andere bedeutet das Wort einen Angriff, die Angst davor sich schuldig fühlen zu müssen, eine weitere Zensur im Namen der „Political Correctness“. Da ich eher zu der ersten Gruppe gehöre, fand ich es toll, Charlotte Wiedemanns Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ (2012) zum Geburtstag zu bekommen, und habe es in wenigen Tagen durchgelesen. Das Buch ist – wie sie selbst sagt – weder eine Streitschrift gegen den Auslandsjournalismus an sich noch eine ulkige Betrachtung ihrer eigenen Erfahrungen im Iran, in Mali, Kambodscha, etc. … Es ist ein (selbst-)kritisches Nachdenken darüber, wie Journalist*innen in Europa, für Europa, von Europa aus über die Welt berichten. Wie es in anderen Ländern und Kulturen tatsächlich aussieht, entspricht dabei oft nicht den Erwartungen (oder Vorurteilen) des westlichen Publikums. Eigentlich steckt darin ja das ganze Dilemma des Journalismus: die Entscheidung zwischen wahrheitsgetreuer, möglichst objektiver Recherche einerseits und dem Druck, das Ding verkaufen zu müssen andererseits.

Charlotte Wiedemann ist 1954 geboren und arbeitet seit 1999 als Auslandsreporterin mit Schwerpunkten in Mali, Südostasien und dem Iran.

In Ihrem Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ sagen Sie: „Zurückhaltend und zweifelnd zu sein, das passt nicht ins gängige Berufsbild einer Reporterin.“ Warum nicht?

Diese Eigenschaften klingen nicht so sehr nach Durchsetzungsfähigkeit. Bei der journalistischen Ausbildung, zum Beispiel bei meiner Ausbildung an der Hamburger Journalistenschule (heute Henri-Nannen-Schule), wird man schon sehr auf Konkurrenz getrimmt. Man soll sich durchsetzen, soll die Ellbogen ausbreiten und so weiter. Ich bin zwar auch ehrgeizig, habe aber schon immer eine andere Herangehensweise für mich gesehen.

Welche?

Einerseits habe ich fast immer sehr gründlich gearbeitet aus Angst Fehler zu machen. Es gibt ja auch Kolleginnen und Kollegen, die mit großer Selbstsicherheit rangehen und denken: Mir passieren schon keine Fehler. Die habe ich eigentlich oft beneidet. Aber weil ich Zweifel hatte, war ich sehr gründlich. Und zum Anderen habe ich in den Jahren, als ich noch nicht Auslandsjournalistin war, sehr viele Portraits geschrieben. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir das ganz gut liegt, dass ich durch meine Art Fragen zu stellen und den Leuten Raum zu geben, sich zu äußern, ziemlich viel erfahren habe.

In Ihrem Buch kritisieren Sie „Framing“, wie es in den westlichen Medien betrieben wird. Könnten Sie den Begriff kurz erklären?

„Framing“ ist ein Begriff aus der Medienwissenschaft. Ich bin darauf gestoßen, weil ich beobachtet habe, dass gerade im Auslandsjournalismus ein Ausschnitt gewählt wird, der aufregend, spannend, provokant sein soll, und dass alles drum herum weggelassen wird. Sehr oft entstehen durch das Weglassen des Drumherum und durch die Art, wie der Ausschnitt gewählt wird, falsche Nachrichten. Für mich bedeutet der Ausdruck Fake News, der ja erst wesentlich später aufgekommen ist, genau dieses Nicht-Einordnen oder falsche Einordnen. Dadurch entsteht die viel gravierender falsche Berichterstattung als dort, wo wir sie offensichtlich durch Fakten-Check oder durch Zweifel an der Quelle aufklären können. Beim Framing wird in der Regel nichts aufgeklärt. Das gilt oft für große komplizierte Konflikte, die einfach einmal in einer bestimmten Weise eingerahmt werden: so haben sie dann zu sein und so werden sie ständig weiter berichtet. Da kommen die Korrespondenten auch nicht mehr raus, weil das dann als Wahrheit gilt.

An welchen Punkten des Entstehungsprozesses kann man einhaken, um den westlichen, weißen Frame zu vermeiden?

Man muss sich durchsetzen können gegen falsche Annahmen von Redakteuren in einer Zentrale, also gegen die sogenannten Gate-Keeper. Sie produzieren nicht selber die Berichte, entscheiden aber, was für Aufträge vergeben werden und was für Texte in ein Blatt reinkommen. Es passiert einfach zu oft, dass Journalisten einknicken vor dem, was so ein Gatekeeper oder eine Gatekeeperin für Vorstellungen von einem Thema hat. Kollege X sitzt irgendwo in Afrika und der Gatekeeper sitzt in Hamburg und sagt ihm aber, wie er jetzt das Thema angehen soll, weil es nur so ins Programm passt. Dann passiert es oft, dass der Kollege in Afrika – weil er endlich mal wieder in die Sendung rein will –  einem Zuschnitt des Themas folgt, den er eigentlich nicht richtig findet.

Was macht man, wenn man irgendwohin geschickt wird, um eine Geschichte aufzuschreiben und dann merkt, dass eigentlich eine andere Geschichte erzählt werden sollte?

Man sollte auf jeden Fall die Geschichte erzählen, die die Realität, so wie man sie erlebt, widergibt. Die Leute, die „draußen“ als Korrespondenten oder freie Reporter sind, die haben oft einen guten Zugriff auf die Dinge. Die sind eigentlich nicht so die Adressaten meiner Kritik, sondern vielmehr die in der Redaktion.

Aber woher weiß man denn, was „die Realität“ ist und welche Geschichte erzählt werden sollte?

In der Regel spricht man ja mit ziemlich vielen Leuten. Und man muss gut vorbereitet sein. Schlecht ist hingegen diese Art Hubschrauber-Journalismus: Irgendwo poppt eine Krise hoch, von der die Leute angeblich noch nie was gehört haben, obwohl es sie schon längst gab, aber irgendwie poppt sie halt hoch ins Bewusstsein hiesiger Redaktionen. Dann düst jemand los, springt da ab, liest im Flieger noch schnell ein paar Seiten Wikipedia durch, ist vielleicht noch von einem schlechten Dolmetscher abhängig und ist froh, wenn er in der kurzen Zeit überhaupt ein paar Leute findet: die Chance, dass daraus etwas Gutes wird, ist schon ziemlich gering. Aber wenn man gut vorbereitet kommt und sich schon vorher überlegt, wer übersetzt und als Fixer assistiert, dann kann man eigentlich auch in einer kurzen Zeit sehr viel an Wissen sammeln. Die Leute, die diese Recherchen machen, wissen dann eigentlich, was angemessen ist zu berichten. Die Frage ist eher, ob das spannend genug für die Redaktion ist.

Sie schreiben von einer Gruppensubjektivität: dass wir als weiße oder westliche Journalist*innen mit all unseren Unterschieden trotzdem einen grundsätzlich eurozentrischen Blickwinkel teilen. Macht es dann überhaupt noch Sinn, als Deutsche eine Reportage in Mali, Ägypten oder woanders zu schreiben?

Da hätte ich mich selber und meinen Beruf ja längst abschaffen müssen, wenn ich der Meinung wäre, ich könnte nicht auch guten Journalismus machen. Aber meinen Versuch, nicht weiß zu schreiben, habe ich versucht, in meinen Büchern über Mali und den Iran umzusetzen: in dem über Mali, da äußern sich nur Malier über Mali. Es reicht ja schon, dass ich das Buch schreibe und das mit meiner ganzen Subjektivität und Gruppensubjektivität aufnehme und einfärbe. Dann sollen nicht auch noch lauter deutsche Experten gehört werden. In dem Buch kommen also nur Leute aus Mali oder Afrika zu Wort. Und im Buch über Iran habe ich es – bis auf einen einzigen österreichischen Iranisten – auch so gemacht. So will ich nicht nur meine eigene Subjektivität kontrollieren, sondern den Leuten auch möglichst viel Hoheit über ihr eigenes Land und ihre eigene Kultur geben. Da braucht man in der Regel nicht noch andere weiße Köpfe, die das kommentieren.

Sie haben viel mit Dolmetschern gearbeitet und schreiben auch darüber in Ihrem Buch. Was bringt das für Schwierigkeiten mit sich und wie kann man damit umgehen?

Ich hab ja mit Auslandsarbeit in Südostasien angefangen, wo man sich auf sehr vielen Sprachen gut verständigen kann. Aber wenn ich in Kambodscha bin, müssen die Interviews auf Khmer übersetzt werden. Die Qualität meiner Arbeit hängt dann zentral von der Qualität des Dolmetschers ab. Darum verwende ich sehr viel Zeit darauf, eine gute Person zu finden. Ich schreibe keine Nachrichten und will keine Zusammenfassung. Es gibt Leute, die das auf Anhieb verstehen und es gibt Leute, die große Schwierigkeiten damit haben. Gerade wegen des Bildungsgefälles in armen Ländern, neigen manche dazu, das, was ungebildetere Leute sagen, zusammenzufassen und ihren eigenen Sinn dazuzugeben. Sie denken, der Bauer sagt ja sonst nix, was man einem Ausländer präsentieren kann. Darum arbeite ich eigentlich nur mit Leuten, die eins zu eins widergeben, wie die Leute sprechen. Mit denen zu arbeiten, finde ich dann sogar besonders schön, weil ich sie danach fragen kann, wie sie es fanden, wie es auf sie gewirkt hat. Das ist eine zusätzliche Quelle des besseren Verständnisses. Natürlich geht durch die Übersetzung immer auch etwas verloren, aber das ist dann eben so.

Sie beschreiben, dass in der Nachrichtenwelt immer Ausnahmezustand herrscht, dass zwingend immer eine Dramatik gesucht oder erfunden werden muss. Sollte man tagesaktuelle Nachrichten einfach abschaffen?

Was ich schrecklich finde, ist diese Kombination davon, dass alle das Gleiche berichten und trotzdem in Konkurrenz zueinander stehen. Alle jagen danach, noch eine Zehntelsekunde früher zu berichten, aber eigentlich berichten alle null. Wenn ein Baum auf eine Schiene fällt, muss man gleich Bilder vom Baum auf der Schiene haben, obwohl alle wissen, wie ein Baum auf einer Schiene aussieht. Dieses Prinzip, das früher bei sogenannten internationalen Krisen praktiziert wurde, hat sich auf alle Bereiche ausgedehnt. Auch auf eine Koalitionsverhandlung: Warum müssen wir ständig wissen, was die Leute sagen, die vor einem Parteigebäude im Dunkeln stehen und sagen, sie wissen noch nichts? Das ist albern.

Gibt es irgendeine Faustregel, die Ihrer Meinung nach totaler Quatsch ist?

Ja, der Satz „Ein guter Journalist soll sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.“ Den hab ich immer für Schwachsinn gehalten, weil sich sehr viele Journalisten, ohne sich darüber klar zu sein, mit sehr vielen Dingen gemein machen: mit unserem Wirtschaftssystem zum Beispiel oder mit bestimmten Auffassungen über das Verhältnis von Europa zum Rest der Welt. Von daher machen sich viele Journalisten mit Sachen gemein, für die sie sich nicht rechtfertigen müssen, solange sie zum Mainstream gehören. Man muss sich erst rechtfertigen, wenn man nicht mehr zum Mainstream gehört, sondern andere Sichtweisen hat.

Wie läuft die Planung für eine Recherchereise im Ausland ab?

Das ist je nach Land sehr unterschiedlich. Im Iran ist das Schwierigste immer, das Visum zu bekommen. Man braucht einen Brief der Redaktion, der das Thema begründet. Und dann bekommt man nur so ein Visum für 10 Tage, schlimmstenfalls sogar weniger. Das heißt, dass man im Vorhinein die Dinge sehr gut planen muss, um die Zeit nutzen zu können. Und doch stellt man immer wieder fest, dass Vieles sich vorab gar nicht planen lässt. In Mali hingegen ist es anders, ich kriege ganz einfach ein Visum, brauche nicht mal ein Pressevisum, bin zeitlich nicht eingeschränkt. Gleichzeitig kann man noch viel weniger vorab planen, weil die Leute einfach nicht so ein deutsches Terminwesen kennen, sodass man alles immer erst machen kann, wenn man schon vor Ort ist.

Wie ist Ihre Ausrüstung, wenn Sie zu einem Interview- oder Recherchetermin gehen?

Ich nehme eigentlich nie Ton auf. Nur französische Interviews nehme ich auf, um später sicher zu sein, dass ich alles richtig verstanden habe. Aber bei Interviews auf Englisch mache ich mir Notizen. Ich fotografiere mittlerweile ziemlich viel mit dem Smartphone als Gedächtnisstütze. Ein Smartphone wird meistens nicht so wie ein Fotoapparat betrachtet. Beim Fotoapparat wollen die Leute immer wissen, was man fotografiert. Da aber ständig alle Leute mit ihren Smartphones rumfummeln, kann man unauffällig alles Mögliche fotografieren – zum Beispiel eine Büroeinrichtung, die man seltsam findet.

Wie läuft Ihr Schreibprozess ab?

Ich schreibe mir sehr viel von meinen Notizen noch einmal am Computer ab. Eigentlich wäre das gar nicht nötig, aber ich brauche das irgendwie, um alles zu verarbeiten. Später gucke ich da meist gar nicht rein, weil ich schon alles im Kopf sortiert habe. Beim Schreiben bin ich auch nicht wahnsinnig schnell. Jedenfalls nicht schneller als ich denken kann. Früher hab ich viel nachts geschrieben, aber wenn man älter wird, ist man einfach irgendwann zu müde. Früher konnte ich Texte auch nur schreiben, wenn ich einen guten Einstieg hatte. Irgendwann habe ich mir dann angewöhnt, dass ich Texte auch von hinten schreiben kann, indem ich mit dem Schluss anfange und dann die Mitte schreibe: also erstmal die Sachen, die einem leichter fallen.

Woran erkennen Sie einen schlechten Text?

Ich bin sehr empfindlich, was Sprache angeht. Wenn schon gleich im ersten Absatz mehrere Worte sind, von denen ich denke, die sind nicht treffend, nicht passend, oder sind abgenutzt, dann hat der Text bei mir keine Chance mehr.

Zuletzt noch eine ganz pragmatische Frage für jemanden, der gerne Auslandsreporterin oder -reporter werden würde: Lässt sich das mit einem Familienleben vereinbaren?

Ich selber habe keine Kinder, von daher kann ich das persönlich nicht so gut beantworten. Es ist ja so, dass eine ganze Reihe von Männern diesen Job machen, indem sie eine anpassungsbereite Frau haben und das Familienleben sich dann von Land zu Land mitbewegt. Ich denke, für eine moderne Familie, wo sich die Leute gleichberechtigt um Kinder kümmern, ist das schon eine echte Herausforderung.