Ganz viel Geduld: Interview mit Paula Scheidt

Als ich klein war, sind wir mal in einen Spielzeugladen in Kairo gegangen. Mein Bruder und ich durften uns jeweils etwas aussuchen. Er hat sehr schnell etwas gefunden, mich hingegen hat nichts überzeugt. Mein Vater hat gesagt: Macht nichts, wir gehen morgen in den anderen Laden. Aber ich konnte auf gar keinen Fall bis morgen warten. Also habe ich mir ein kleines Stoffnashorn ausgesucht, um nicht mit leeren Händen den Laden zu verlassen. Im Nachheinein hab ich mich natürlich geärgert, dass ich nicht gewartet und etwas genommen habe, was ich wirklich wollte.

Obwohl ich heute weiß, dass kleine Stoffnashörner eine ziemlich coole Sache sind, denke ich im Nachheinein oft an diese Begebenheit, wenn ich mal wieder zu ungeduldig bin und daher mit dem Zweitbesten Vorlieb nehme. Auf gute Geschichten sollte man aber auf jeden Fall warten. Paula Scheidt hat zum Beispiel 1,5 Jahre auf eine Geschichte gewartet, die mich sehr beeindruckt hat. In der DUMMY-Ausgabe Nr. 55 erschien „Fast & Furious“, eine genaue Rekonstruktion der Ereignisse vom 13. August 2014. Ein Autofahrer wurde eines Abends auf der Autobahn nahe Zürich von einem Taxi geschnitten und entschied sich, den Taxifahrer zur Rede zu stellen. Indem er ihn mitten auf der Autobahn zum Anhalten zwang und sich dann zu Fuß dem Taxi näherte. Da der Taxifahrer in Panik geriet und der andere Fahrer sich bereits über seinen Wagen lehnte, drückte er aufs Gas und fuhr mit 125 km/h im Slalom über die Autobahn – mit dem anderen Mann auf der Motorhaube, bis dieser schließlich in einem Tunnel auf die Straße geschleudert wurde.

Die Geschichte klingt schon total krank, wenn man sie in drei Sätzen zusammenfasst. Aber als ich sie gelesen habe, kam mir mal wieder diese Frage in den Sinn, die ich mir oft bei richtig guten Artikeln stelle: Wie findet man sowas und wie um alles in der Welt konnte Paula Scheidt so einen detaillierten Text verfassen, als hätte sie selbst mit im Wagen gesessen? Die Antwort ist: mit viel Geduld. Dann kann man als Journalistin sogar juristisch etwas bewirken…

Wie startest du ins Interview, mit Smalltalk oder direkt zur Sache?

Ich mache meistens kurz Smalltalk aber wirklich ziemlich wenig. Eigentlich gehe ich direkt zur Sache. Meistens ist das Interview ja verabredet und die Leute wissen schon, worum es geht. Irgendwie warten sie sowieso darauf, dass man zum Thema kommt. Ich habe nicht das Gefühl, dass es etwas bringt, weil ich die Leute gar nicht unbedingt auftauen will. Ich sortiere halt die Fragen so, dass am Anfang eher die unverfänglichen kommen und dann gegen Ende die schwierigeren, oder die, von denen ich mir mehr erhoffe.

Was ist für dich die wichtigste Recherchemethode?

Es hängt von der Geschichte ab. Ich schreibe ja vor allem Reportagen, wo man dann dabei ist, wenn etwas passiert. Am meisten Spaß macht mir das Beobachten, wenn man selbst die Geschichte miterlebt. Gespräche sind wahrscheinlich das Wichtigste. Ich habe sicher nie einen Text geschrieben ohne lange Interviews zu führen. Die Autobahn-Story war eine Spezialfall, da habe ich sehr viel mit Akten gearbeitet.

Wie kamst du an die Autobahn-Story?

Das war eine Randnotiz in der Zeitung. Das ist glaub ich ein Klassiker. Zumindest habe ich das mal so in der Journalistenschule gelernt, dass man guckt, welche kleinen Meldungen es in Regional- oder Boulevardzeitungen gibt, und welche sich für eine größere Recherche eignen würden. In dem Fall war es eine Kurzmeldung bei uns in der Zeitung in Zürich. Ich habe das dann verfolgt. Viele Infos gibt es erst, wenn es zum Prozess kommt. Die Polizeiprotokolle sind bis dahin unter Verschluss und werden beim Prozess verwendet. Dann gibt es die Plädoyers von den Anwälten und nachher gibt es ein langes begründetes Urteil. Da steht wahnsinnig viel drin, da gibt es Gutachten von Ärzten und von Forensikern und mit alldem kann man dann arbeiten. Aber bis dahin vergeht sehr viel Zeit. Der Prozess war eineinhalb Jahre nach dem Vorfall. Das heißt man muss lange warten und man muss natürlich an die Akten rankommen. Ich bin beim Gericht als Gerichtsreporterin akkreditiert und habe so Kontakt zu dem Anwalt des Taxifahrers aufgenommen. Der hatte ein Interesse daran, dass der Fall nochmal anders dargestellt wird, weil er bisher in den Medien zu Ungunsten von seinem Mandanten ausgefallen war.

Hatte der Text einen Einfluss?

Ja, das hatte es. Es war zwar nicht meine Intention, den Text zu schreiben, um den Taxifahrer vor dem Gefängnis zu retten. Ich wollte den Ablauf eigentlich nur möglichst detailliert darstellen. Aber ich habe den Text ja geschrieben, bevor das ganze nochmal in Berufung ging. Und während der späteren Verhandlung hat der Verteidiger des Taxifahrers auch aus meinem Text zitiert, um darauf hinzuweisen, dass der Taxifahrer in einem Ausnahmezustand war, weil er solche Angst hatte. Dann wurde nochmal ein psychologisches Gutachten angefordert und tatsächlich hat er dann auf einer höheren Instanz statt acht Jahren Haft nur zwei oder drei Jahre auf Bewährung bekommen. Ob es noch eine Instanz weiter geht, ist noch nicht klar.

Erklärst du den Protagonisten deiner Geschichten vorher, was du mit ihnen vorhast?

Ich versuche schon, grundsätzlich Texte zu schreiben, wo es nicht einen Guten und einen Schlechten gibt. Ich versuche immer, bei allen die Beweggründe zu verstehen und nicht sofort zu bewerten. Ich glaube, die Texte sind auch besser, wenn man sich auf alle einlässt und nicht vor der Recherche weiß, wer gut und wer böse ist. Aber es gibt natürlich schon Fälle, wo man sich relativ sicher sein kann, wie das am Ende aussehen wird. Wenn man zu klar macht, dass man jemanden nur treffen will, weil der dann später der Bösewicht im Text sein wird, hat der ja schon gar keine Lust, sich mit einem zu treffen. Aber es gibt natürlich Fälle, wo sich jemand rechtfertigen will. Wo klar ist, dass er oder sie schlecht wegkommen wird, aber wo die Person weiß, dass sie noch schlechter wegkommen wird, wenn sie nicht mit einem redet.

Wie bleibt man fair, auch wenn man eigentlich vorher weiß, dass die Person im Text nicht gerade sympathisch erscheinen wird?

Ich finde Konfrontieren wichtig. Ich frage immer genau die Fragen, um die es geht, und nicht drum herum. Das finde ich heikel, wenn man nur vorsichtige Fragen stellt, und später ganz deutliche Urteile fällt. Aber ich sag natürlich nicht zu den Personen: Hören Sie zu, ich schreib nen Text und ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass Sie in dem Text der Bösewicht sein werden. Weil man auch manchmal nicht genau abschätzen kann, wie die anderen Personen eigentlich den Text lesen. Ich versuche zu zeigen, wie die Dynamiken laufen und nicht so sehr zu sagen, was richtig und falsch ist. Es gibt Texte, wo sich die Leute dann über andere Sachen aufregen als man denkt, oder Texte, die man so oder so lesen kann. Ich finde das Wichtigste ist, dass man jemanden nicht von vornherein verurteilt. Auch wenn man der Meinung ist, dass die eine Person alles richtig und die andere alles falsch gemacht hat, sollte man versuchen, sich in beide Personen hineinzuversetzen, ihre Motivationen nachzuzeichnen.. und das Urteil dann den Lesern überlassen.

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