Liebe und Distanz: Interview mit Erwin Koch

Vor dem Interview mit Erwin Koch saß ich in meinem Büro und habe mich mit meiner Volontariatskollegin unterhalten. Ich so: „Ich hab gleich ein Interview für meinen Blog. Erwin Koch. Scheint sogar relativ bekannt zu sein.“ Und sie so: „Wie bitte? Du quatscht gleich mit Erwin Koch?“ Ich: „Ja, kennst du den etwa?Und sie: „Das ist ungefähr der Gott der Reportage.“ Eine Information, die mich fünf Minuten vor Interviewbeginn durchaus nervös gemacht hat.

Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich nur diese eine Reportage aus der DUMMY Ausgabe 56 von ihm kannte: „Du sollst mich töten“ über zwei Priester in Kolumbien, die eine Liebesbeziehung miteinander haben und sich von einer Gruppe von Auftragskillern gemeinsam erschießen lassen. Mehr möchte ich jetzt gar nicht verraten. Klingt eh ganz anders, wenn Erwin Koch es schreibt. „Zwei Kugeln schlugen in Reátigas Kopf, 9 Millimeter, drei in Píffanos, 7.65, wahrscheinlich um 19.30 Uhr, Carrera 94B AvCalle 43SUR. Dann heulte ein Motorrad auf, zwei Schatten, und verschwand in der Nacht des 26. Januar 2011.“ Genau, ganz schön viele Zahlen. Warum das alles so ist, wie es ist, habe ich ihn in unserem Interview gefragt.

Erwin Koch (61) ist preisgekrönter Journalist und Romanautor aus der Schweiz. Er schrieb Reportagen unter anderem für Die Zeit, Geo, Brigitte, DUMMY und viele andere. Wieso kommen eigentlich so viele gute Journalist*innen aus der Schweiz? 

Sehen Sie eine klare Grenze zwischen Journalismus und Literatur?

Ja, schon. Wenn ich einen Roman schreibe, fühle ich mich frei, all die Dinge zu erfinden, die mir im Moment in den Kontext passen. Wenn ich eine Figur möchte, die einen Klumpfuß hat, dann kann ich das erfinden. Bei der Reportage geht das natürlich nicht. Ich habe drei Romane geschrieben und zwei davon basieren auf Reportagen, die ich vorher geschrieben hatte. Ich empfand es als Befreiung, drauf losschreiben zu können ohne Rücksicht zu nehmen auf die Realität.

Kam ihr Stil schon immer gut an bei den Redaktionen oder wurde Ihnen viel wegredigiert?

Am meisten habe ich durch das gelernt, was man weggestrichen hat. Ich hatte das Glück, ganz am Anfang gute Redakteure zu haben. So als junger Journalist wollte ich vielleicht originell sein oder klug und war vielleicht auch manchmal verliebt in das Resultat meiner Recherche. Wenn es zum Beispiel schwierig gewesen war, irgendein Detail in Erfahrung zu bringen, dann habe ich es allein deswegen in den Text hineingefügt, obwohl ich es eigentlich besser weggelassen hätte. Und dann kamen mir die Redakteure zugute, die das weggestrichen haben.

Ich lasse fast immer meine Mutter und meinen Bruder gegenlesen, bevor ich etwas veröffentliche. Gibt es bei Ihnen auch so eine Person?

Ja, ich habe bis heute einen sehr guten Gegenleser, einen Freund, der mir wegstreicht, was zu viel ist, und manchmal auch etwas umbaut. Ich übernehme wohl 99% seiner Korrekturen. Der ist auch Journalist. Ich lese seine Dinge und er liest meine. Aber er ist der bessere Gegenleser. Ich sehe vor allem einen falschen Genitiv oder ein fehlendes Komma. Er sieht tiefer.

Gibt es etwas, dass Sie sich im Laufe Ihrer langen Karriere bewusst abgewöhnt haben?

Gute Frage… (denkt nach) Ja, vielleicht dies: unterschwellig eine Gebrauchsanleitung zu liefern, was der Leser jetzt von diesem Text halten soll. Im dritten Satz spätestens zu schreiben, wieso dieser Text unbedingt gelesen werden muss. Also, ich hab aufgehört, im Text den Text zu legitimieren.

Sie nutzen ja sehr viele Zahlen in ihren Texten. Obwohl man lernt, dass man nicht mehr als drei Zahlen pro Absatz schreiben soll. Wieso halten Sie sich nicht daran?

Ich war nie an einer Journalistenschule (lacht). Nein, ich weiß es nicht… Viele dieser Zahlen, die merkt sich kein Leser. Es ist eher ein Stilmittel. Auch ein Versuch, Glaubwürdigkeit herzustellen, indem ich konkrete Zahlen nenne. Vom Inhalt her sind die nicht sehr wichtig, eher vom Stil her.

Suchen Sie am Ort der Reportage sofort nach Zahlen oder fallen Ihnen ohnehin alle möglichen Details sofort auf?

Ich glaub ich suche Zahlen. Nicht nur Zahlen, sondern viele kleine Details. Ich kratze Information zusammen und nenne das dann den Rohstoff, der mir zur Verfügung steht. Das sind die 100%. Ich kann dann beim Schreiben eine Auswahl treffen, aus dem Vollen schöpfen, und am Ende rutschen so 20% all der Informationen in den Text hinein. Meine Aufgabe ist es, wegzulassen, zu reduzieren, zu realisieren, welches Detail stützt die Geschichte, welches Detail tut der Geschichte gut, welches Detail aber ist belanglos oder führt vielleicht sogar in die Irre. Das empfinde ich beim Schreiben als meine Aufgabe: das Weglassen von Entbehrlichem.

Sie lassen Ihre Protagonist*innen immer gegenlesen, bevor Sie veröffentlichen. Warum?

Wenn es wirklich um existentielle Dinge geht, Krankheit, Tod, Verrat, Liebe, dann ist das meine Pflicht. Die Leute vertrauen mir und ich will, dass die das lesen. Die müssen das lesen und die müssens auch korrigieren. Ich mach immer, IMMER Fehler, und bin dann froh, wenn jemand diese Fehler erkennt und ausmerzt. Aber abgesehen davon haben mir die Leute ihr Leben ausgebreitet. Ich frage die so viel, eben 100%, aber die wissen ja nicht, welche 20% im Text vorkommen werden, und schon deswegen müssen die das lesen.

Wie oft kommt es vor, dass jemand etwas ändern will?

Eigentlich kaum. Ganz am Anfang hatte ich Schiss, den Menschen diese Texte auszuliefern. Dann dachte ich, wenn ich hingehe, und ihnen den Text vorlese, dann sei die Beißhemmung größer, dann würden sie weniger korrigieren. Aber die korrigieren nicht groß herum, außer es stimmt etwas in der Chronologie der Abläufe nicht. Dass die sagen „Nein, das bin nicht ich“, das hab ich nie erfahren.

Heißt das, dass sie Personen letztendlich immer positiv darstellen?

Ja, wahrscheinlich schon. In den Texten, wo es darum geht, dass jemand eher am Rand der Gesellschaft lebt und steht, jemand ein Trauma erlebt hat,… da hab ich gar keinen Grund, die Leute zu kritisieren. Ich lass die reden. Ich hatte mal eine Frau, die ihren Mann vergiften wollte und letztendlich hat dann diese Frau das Gefühl, der Text könnte für ihre Situation Verständnis wecken. Ich weiß nicht, ob positiv das richtige Wort ist, aber sicher hau ich die nicht in die Pfanne.

Bei der Dummy-Geschichte waren zwei der wichtigsten Protagonisten tot. War es besonders schwierig, die richtig darzustellen?

Das Schwierigste war, an die Leute ranzukommen. Ich musste, bevor ich nach Kolumbien ging, sicher sein, dass ich Leute dort finde, die mit mir reden. Ich kannte einen Schweizer Fotografen, der in Kolumbien lebt. Den hab ich zuerst kontaktiert und gefragt, ob er mir jemanden suchen kann, der entweder deutsch oder englisch kann und der zuverlässig und energisch genug ist, innerhalb von einem Monat aufzuklären, ob überhaupt jemand bereit ist, mit mir zu reden. Ich brauche einen Staatsanwalt, ich brauche Verwandten dieser beiden Priester, ich brauche den Bischof dieser Priester. Ich brauche die Anklageschrift, je mehr Schriftliches, desto besser. Er nannte mir dann eine Person, die selber Journalistin ist, und die hat das alles abgeklärt. Erst als sicher war, dass die Leute mit mir reden, hab ich gebucht und bin dort hingeflogen.

Es hat immer mit Glück zu tun und mit Aufsessigkeit. Eine bestimmte Dosis Aufsessigkeit die braucht es. Nicht gleich zu sagen „Dann gibt’s das halt nicht“, sondern einen anderen Kanal zu aktivieren. Also manchmal sagt der Staatsanwalt nein, wir geben nichts Schriftliches heraus, dann kann man immer noch den Verteidiger fragen, ob der mitmacht. Und so kommt man oft an die gewünschten Informationen, indem man um die Ecke herum recherchiert.

Wo finden Sie üblicherweise Ihre Geschichten?

Ich würde sagen, zur Hälfte in Zeitungen. In irgendwelchen kleinen Agenturmeldungen. Vielleicht habe ich in den letzten 35 Jahren eine Art Riecher dafür entwickelt, was hinter einer kleinen neutralen unspektakulären Agenturmeldung stecken könnte. Natürlich lieg ich da ab und zu falsch, aber in der Mehrheit der Fälle steckt da dann ein Abgrund dahinter. Und die andere Hälfte wird mir zugetragen. Freunde erzählen mir von Personen, die ein erzählenswertes Leben haben oder hatten.

Ehrlich gesagt habe ich bisher nur diese eine Geschichte von Ihnen gelesen. Welche würden Sie mir empfehlen?

Es gibt vielleicht so zwei, drei, wo ich davon ausgehe, dass die nach Maßgabe dessen, wie die Menschen darauf reagiert haben, vielleicht besser waren als andere. Eine Geschichte, die heißt „Sarah“, das ist die Geschichte eines Mädchens, das mit 14 Leukämie bekam und mit 17 starb. Ich hab einfach die Krankheitsgeschichte dieses Mädchens dargestellt. Und dann gibt’s die Geschichte „Rico“ eines elfjährigen Knaben hier in den Bergen, der der beste in der Schule war, hübsch, der beste Sportler und so weiter, der Knall auf Fall von einer Brücke sprang und Suizid begangen hat. Und seine Familie, seine Eltern und zwei Schwestern völlig ratlos und kaputt zurückgelassen hat.

Und dann vielleicht noch eine – „Das Schweigen der Eltern und der Berge“ – die Geschichte eines Mannes, der heute 50 oder 55 ist, der als kleines Kind schon realisierte, dass irgendwas in der Familie nicht stimmt. Er hat fünf Geschwister, die bleich sind. Er selbst kriegt dunkle Hände sobald die Sonne kommt. Er hat realisiert, dass irgendwas falsch ist. Niemand hat ihm je etwas gesagt. Mit 37 hat er dann herausgefunden, dass er nicht das Kind von Papa ist, sondern eines italienischen Gastarbeiters, der im Keller des Hauses bei dieser Familie wohnte. Der arbeitete in einem Steinbruch und war dort eingemietet, damit die Familie ein kleines Zubrot hatte. Der Vater war so ein Bergler, sprach kaum, die Mutter stammte nicht aus den Bergen, sondern aus Luzern, fühlte sich in diesen Bergen am Arsch der Welt und hat sich dann in den Mieter im Keller verliebt.

Wie geht man bei so intimen oder tragischen Geschichten vor, um den Menschen nicht zu nahe zu treten?

Ich arbeite mit einem Fragenkatalog. Ich hab immer ein bisschen Angst, dass mir die Person nur einmal zur Verfügung steht, also muss ich alles jetzt fragen, wo ich bei ihr bin. Ich darf nichts vergessen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihre Geschichte eigentlich gern erzählen. Sie wissen aber nicht, was mich interessiert, also schreibe ich viele, viele Fragen auf. Die erste ist immer die nach dem Geburtsdatum und die zweite ist: Wars eine normale Geburt oder bist du zu früh gekommen oder zu spät? Vielleicht gibt das ja einen schönen Nebensatz. Was ist deine älteste Erinnerung, schönste Kindheitserinnerung, wie war dein Vater, und so weiter. Das sind manchmal 200 Fragen. Und das Gespräch dauert je nach Erinnerungsvermögen der Person manchmal sechs bis sieben Stunden. Das ist mein Rohmaterial. Ich lass die Leute einfach handeln, ich verurteile sie nicht und stelle das Gesagte nicht in einen bestimmten Kontext.

Wie schließen Sie Ihre Gespräche ab?

Ich bedanke mich. Ich weiß nicht, ob diese Behauptung stimmt, aber ich vermute sie stimmt: Ich verliebe mich, glaube ich, in meine Auskunftspersonen. Die sind mir dann wirklich sympathisch. Ich kann nicht sagen, dass ich mit ihnen leide, aber ich versteh die dann, glaube ich, und ich verliebe mich auf eine gewisse Weise in sie.

Beim Schreiben entliebe ich mich wieder von ihnen, weil ich das Schreiben als Anstrengung empfinde. Dann sitz ich da und suche einen ersten Satz und der zweite ist noch schwieriger, der dritte auch. Das Auswählen dessen, was in den Text hineinkommt, das rückt mich wieder von dieser Person weg. Es geht dann nicht mehr darum, möglichst viel aus dieser Person herauszulocken, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, wie das beim Gespräch der Fall war. Sondern jetzt muss ich mich von der Sympathie lösen, die ich für diese Person hatte, und muss mich nur noch darum kümmern, dass dieser Text am Schluss funktioniert. Ich hab festgestellt, dass die Leute, die mir ja vertraut und mir ihr Leben erzählt haben, nachdem sie den Text gelesen haben, auch selber wieder Distanz suchen. Nur mit einer Person, über die ich schrieb, habe ich noch Kontakt. Das pendelt sich dann so wieder ein: Es war gut, dass ich bei ihnen war, sie sind froh, dass das aufgeschrieben ist. Okay, jetzt ist es erledigt.

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