Nicht weiß schreiben: Interview mit Charlotte Wiedemann

„Weiß“ ist zu einem kontroversen Wort geworden. Für die einen bedeutet es, Wahrheiten zu hinterfragen, die vielleicht nur aus eurozentrischer Sicht gelten, und sich mit Privilegien auseinanderzusetzen, die über Jahrhunderte entstanden sind. Für andere bedeutet das Wort einen Angriff, die Angst davor sich schuldig fühlen zu müssen, eine weitere Zensur im Namen der „Political Correctness“. Da ich eher zu der ersten Gruppe gehöre, fand ich es toll, Charlotte Wiedemanns Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ (2012) zum Geburtstag zu bekommen, und habe es in wenigen Tagen durchgelesen. Das Buch ist – wie sie selbst sagt – weder eine Streitschrift gegen den Auslandsjournalismus an sich noch eine ulkige Betrachtung ihrer eigenen Erfahrungen im Iran, in Mali, Kambodscha, etc. … Es ist ein (selbst-)kritisches Nachdenken darüber, wie Journalist*innen in Europa, für Europa, von Europa aus über die Welt berichten. Wie es in anderen Ländern und Kulturen tatsächlich aussieht, entspricht dabei oft nicht den Erwartungen (oder Vorurteilen) des westlichen Publikums. Eigentlich steckt darin ja das ganze Dilemma des Journalismus: die Entscheidung zwischen wahrheitsgetreuer, möglichst objektiver Recherche einerseits und dem Druck, das Ding verkaufen zu müssen andererseits.

Charlotte Wiedemann ist 1954 geboren und arbeitet seit 1999 als Auslandsreporterin mit Schwerpunkten in Mali, Südostasien und dem Iran.

In Ihrem Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ sagen Sie: „Zurückhaltend und zweifelnd zu sein, das passt nicht ins gängige Berufsbild einer Reporterin.“ Warum nicht?

Diese Eigenschaften klingen nicht so sehr nach Durchsetzungsfähigkeit. Bei der journalistischen Ausbildung, zum Beispiel bei meiner Ausbildung an der Hamburger Journalistenschule (heute Henri-Nannen-Schule), wird man schon sehr auf Konkurrenz getrimmt. Man soll sich durchsetzen, soll die Ellbogen ausbreiten und so weiter. Ich bin zwar auch ehrgeizig, habe aber schon immer eine andere Herangehensweise für mich gesehen.

Welche?

Einerseits habe ich fast immer sehr gründlich gearbeitet aus Angst Fehler zu machen. Es gibt ja auch Kolleginnen und Kollegen, die mit großer Selbstsicherheit rangehen und denken: Mir passieren schon keine Fehler. Die habe ich eigentlich oft beneidet. Aber weil ich Zweifel hatte, war ich sehr gründlich. Und zum Anderen habe ich in den Jahren, als ich noch nicht Auslandsjournalistin war, sehr viele Portraits geschrieben. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir das ganz gut liegt, dass ich durch meine Art Fragen zu stellen und den Leuten Raum zu geben, sich zu äußern, ziemlich viel erfahren habe.

In Ihrem Buch kritisieren Sie „Framing“, wie es in den westlichen Medien betrieben wird. Könnten Sie den Begriff kurz erklären?

„Framing“ ist ein Begriff aus der Medienwissenschaft. Ich bin darauf gestoßen, weil ich beobachtet habe, dass gerade im Auslandsjournalismus ein Ausschnitt gewählt wird, der aufregend, spannend, provokant sein soll, und dass alles drum herum weggelassen wird. Sehr oft entstehen durch das Weglassen des Drumherum und durch die Art, wie der Ausschnitt gewählt wird, falsche Nachrichten. Für mich bedeutet der Ausdruck Fake News, der ja erst wesentlich später aufgekommen ist, genau dieses Nicht-Einordnen oder falsche Einordnen. Dadurch entsteht die viel gravierender falsche Berichterstattung als dort, wo wir sie offensichtlich durch Fakten-Check oder durch Zweifel an der Quelle aufklären können. Beim Framing wird in der Regel nichts aufgeklärt. Das gilt oft für große komplizierte Konflikte, die einfach einmal in einer bestimmten Weise eingerahmt werden: so haben sie dann zu sein und so werden sie ständig weiter berichtet. Da kommen die Korrespondenten auch nicht mehr raus, weil das dann als Wahrheit gilt.

An welchen Punkten des Entstehungsprozesses kann man einhaken, um den westlichen, weißen Frame zu vermeiden?

Man muss sich durchsetzen können gegen falsche Annahmen von Redakteuren in einer Zentrale, also gegen die sogenannten Gate-Keeper. Sie produzieren nicht selber die Berichte, entscheiden aber, was für Aufträge vergeben werden und was für Texte in ein Blatt reinkommen. Es passiert einfach zu oft, dass Journalisten einknicken vor dem, was so ein Gatekeeper oder eine Gatekeeperin für Vorstellungen von einem Thema hat. Kollege X sitzt irgendwo in Afrika und der Gatekeeper sitzt in Hamburg und sagt ihm aber, wie er jetzt das Thema angehen soll, weil es nur so ins Programm passt. Dann passiert es oft, dass der Kollege in Afrika – weil er endlich mal wieder in die Sendung rein will –  einem Zuschnitt des Themas folgt, den er eigentlich nicht richtig findet.

Was macht man, wenn man irgendwohin geschickt wird, um eine Geschichte aufzuschreiben und dann merkt, dass eigentlich eine andere Geschichte erzählt werden sollte?

Man sollte auf jeden Fall die Geschichte erzählen, die die Realität, so wie man sie erlebt, widergibt. Die Leute, die „draußen“ als Korrespondenten oder freie Reporter sind, die haben oft einen guten Zugriff auf die Dinge. Die sind eigentlich nicht so die Adressaten meiner Kritik, sondern vielmehr die in der Redaktion.

Aber woher weiß man denn, was „die Realität“ ist und welche Geschichte erzählt werden sollte?

In der Regel spricht man ja mit ziemlich vielen Leuten. Und man muss gut vorbereitet sein. Schlecht ist hingegen diese Art Hubschrauber-Journalismus: Irgendwo poppt eine Krise hoch, von der die Leute angeblich noch nie was gehört haben, obwohl es sie schon längst gab, aber irgendwie poppt sie halt hoch ins Bewusstsein hiesiger Redaktionen. Dann düst jemand los, springt da ab, liest im Flieger noch schnell ein paar Seiten Wikipedia durch, ist vielleicht noch von einem schlechten Dolmetscher abhängig und ist froh, wenn er in der kurzen Zeit überhaupt ein paar Leute findet: die Chance, dass daraus etwas Gutes wird, ist schon ziemlich gering. Aber wenn man gut vorbereitet kommt und sich schon vorher überlegt, wer übersetzt und als Fixer assistiert, dann kann man eigentlich auch in einer kurzen Zeit sehr viel an Wissen sammeln. Die Leute, die diese Recherchen machen, wissen dann eigentlich, was angemessen ist zu berichten. Die Frage ist eher, ob das spannend genug für die Redaktion ist.

Sie schreiben von einer Gruppensubjektivität: dass wir als weiße oder westliche Journalist*innen mit all unseren Unterschieden trotzdem einen grundsätzlich eurozentrischen Blickwinkel teilen. Macht es dann überhaupt noch Sinn, als Deutsche eine Reportage in Mali, Ägypten oder woanders zu schreiben?

Da hätte ich mich selber und meinen Beruf ja längst abschaffen müssen, wenn ich der Meinung wäre, ich könnte nicht auch guten Journalismus machen. Aber meinen Versuch, nicht weiß zu schreiben, habe ich versucht, in meinen Büchern über Mali und den Iran umzusetzen: in dem über Mali, da äußern sich nur Malier über Mali. Es reicht ja schon, dass ich das Buch schreibe und das mit meiner ganzen Subjektivität und Gruppensubjektivität aufnehme und einfärbe. Dann sollen nicht auch noch lauter deutsche Experten gehört werden. In dem Buch kommen also nur Leute aus Mali oder Afrika zu Wort. Und im Buch über Iran habe ich es – bis auf einen einzigen österreichischen Iranisten – auch so gemacht. So will ich nicht nur meine eigene Subjektivität kontrollieren, sondern den Leuten auch möglichst viel Hoheit über ihr eigenes Land und ihre eigene Kultur geben. Da braucht man in der Regel nicht noch andere weiße Köpfe, die das kommentieren.

Sie haben viel mit Dolmetschern gearbeitet und schreiben auch darüber in Ihrem Buch. Was bringt das für Schwierigkeiten mit sich und wie kann man damit umgehen?

Ich hab ja mit Auslandsarbeit in Südostasien angefangen, wo man sich auf sehr vielen Sprachen gut verständigen kann. Aber wenn ich in Kambodscha bin, müssen die Interviews auf Khmer übersetzt werden. Die Qualität meiner Arbeit hängt dann zentral von der Qualität des Dolmetschers ab. Darum verwende ich sehr viel Zeit darauf, eine gute Person zu finden. Ich schreibe keine Nachrichten und will keine Zusammenfassung. Es gibt Leute, die das auf Anhieb verstehen und es gibt Leute, die große Schwierigkeiten damit haben. Gerade wegen des Bildungsgefälles in armen Ländern, neigen manche dazu, das, was ungebildetere Leute sagen, zusammenzufassen und ihren eigenen Sinn dazuzugeben. Sie denken, der Bauer sagt ja sonst nix, was man einem Ausländer präsentieren kann. Darum arbeite ich eigentlich nur mit Leuten, die eins zu eins widergeben, wie die Leute sprechen. Mit denen zu arbeiten, finde ich dann sogar besonders schön, weil ich sie danach fragen kann, wie sie es fanden, wie es auf sie gewirkt hat. Das ist eine zusätzliche Quelle des besseren Verständnisses. Natürlich geht durch die Übersetzung immer auch etwas verloren, aber das ist dann eben so.

Sie beschreiben, dass in der Nachrichtenwelt immer Ausnahmezustand herrscht, dass zwingend immer eine Dramatik gesucht oder erfunden werden muss. Sollte man tagesaktuelle Nachrichten einfach abschaffen?

Was ich schrecklich finde, ist diese Kombination davon, dass alle das Gleiche berichten und trotzdem in Konkurrenz zueinander stehen. Alle jagen danach, noch eine Zehntelsekunde früher zu berichten, aber eigentlich berichten alle null. Wenn ein Baum auf eine Schiene fällt, muss man gleich Bilder vom Baum auf der Schiene haben, obwohl alle wissen, wie ein Baum auf einer Schiene aussieht. Dieses Prinzip, das früher bei sogenannten internationalen Krisen praktiziert wurde, hat sich auf alle Bereiche ausgedehnt. Auch auf eine Koalitionsverhandlung: Warum müssen wir ständig wissen, was die Leute sagen, die vor einem Parteigebäude im Dunkeln stehen und sagen, sie wissen noch nichts? Das ist albern.

Gibt es irgendeine Faustregel, die Ihrer Meinung nach totaler Quatsch ist?

Ja, der Satz „Ein guter Journalist soll sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.“ Den hab ich immer für Schwachsinn gehalten, weil sich sehr viele Journalisten, ohne sich darüber klar zu sein, mit sehr vielen Dingen gemein machen: mit unserem Wirtschaftssystem zum Beispiel oder mit bestimmten Auffassungen über das Verhältnis von Europa zum Rest der Welt. Von daher machen sich viele Journalisten mit Sachen gemein, für die sie sich nicht rechtfertigen müssen, solange sie zum Mainstream gehören. Man muss sich erst rechtfertigen, wenn man nicht mehr zum Mainstream gehört, sondern andere Sichtweisen hat.

Wie läuft die Planung für eine Recherchereise im Ausland ab?

Das ist je nach Land sehr unterschiedlich. Im Iran ist das Schwierigste immer, das Visum zu bekommen. Man braucht einen Brief der Redaktion, der das Thema begründet. Und dann bekommt man nur so ein Visum für 10 Tage, schlimmstenfalls sogar weniger. Das heißt, dass man im Vorhinein die Dinge sehr gut planen muss, um die Zeit nutzen zu können. Und doch stellt man immer wieder fest, dass Vieles sich vorab gar nicht planen lässt. In Mali hingegen ist es anders, ich kriege ganz einfach ein Visum, brauche nicht mal ein Pressevisum, bin zeitlich nicht eingeschränkt. Gleichzeitig kann man noch viel weniger vorab planen, weil die Leute einfach nicht so ein deutsches Terminwesen kennen, sodass man alles immer erst machen kann, wenn man schon vor Ort ist.

Wie ist Ihre Ausrüstung, wenn Sie zu einem Interview- oder Recherchetermin gehen?

Ich nehme eigentlich nie Ton auf. Nur französische Interviews nehme ich auf, um später sicher zu sein, dass ich alles richtig verstanden habe. Aber bei Interviews auf Englisch mache ich mir Notizen. Ich fotografiere mittlerweile ziemlich viel mit dem Smartphone als Gedächtnisstütze. Ein Smartphone wird meistens nicht so wie ein Fotoapparat betrachtet. Beim Fotoapparat wollen die Leute immer wissen, was man fotografiert. Da aber ständig alle Leute mit ihren Smartphones rumfummeln, kann man unauffällig alles Mögliche fotografieren – zum Beispiel eine Büroeinrichtung, die man seltsam findet.

Wie läuft Ihr Schreibprozess ab?

Ich schreibe mir sehr viel von meinen Notizen noch einmal am Computer ab. Eigentlich wäre das gar nicht nötig, aber ich brauche das irgendwie, um alles zu verarbeiten. Später gucke ich da meist gar nicht rein, weil ich schon alles im Kopf sortiert habe. Beim Schreiben bin ich auch nicht wahnsinnig schnell. Jedenfalls nicht schneller als ich denken kann. Früher hab ich viel nachts geschrieben, aber wenn man älter wird, ist man einfach irgendwann zu müde. Früher konnte ich Texte auch nur schreiben, wenn ich einen guten Einstieg hatte. Irgendwann habe ich mir dann angewöhnt, dass ich Texte auch von hinten schreiben kann, indem ich mit dem Schluss anfange und dann die Mitte schreibe: also erstmal die Sachen, die einem leichter fallen.

Woran erkennen Sie einen schlechten Text?

Ich bin sehr empfindlich, was Sprache angeht. Wenn schon gleich im ersten Absatz mehrere Worte sind, von denen ich denke, die sind nicht treffend, nicht passend, oder sind abgenutzt, dann hat der Text bei mir keine Chance mehr.

Zuletzt noch eine ganz pragmatische Frage für jemanden, der gerne Auslandsreporterin oder -reporter werden würde: Lässt sich das mit einem Familienleben vereinbaren?

Ich selber habe keine Kinder, von daher kann ich das persönlich nicht so gut beantworten. Es ist ja so, dass eine ganze Reihe von Männern diesen Job machen, indem sie eine anpassungsbereite Frau haben und das Familienleben sich dann von Land zu Land mitbewegt. Ich denke, für eine moderne Familie, wo sich die Leute gleichberechtigt um Kinder kümmern, ist das schon eine echte Herausforderung.

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2 thoughts on “Nicht weiß schreiben: Interview mit Charlotte Wiedemann

  1. Hallo Hannah,
    danke für dies schöne Interview. Hab es in meinem bilingualen Blog MALI-INFORMATIONEN rebloggt (leider nur einsprachig – die Übersetzung ins Fanzösische würde ich nicht “passend” schaffen).
    Das stimmt (natürlich), genau so arbeitet sie. Ich habe es erlebt in ihrem Buch « Mali oder das Ringen um Würde » (2014) wie auch in der soeben bei boell.de als ebook publizierten Zusammenfassung von 5 Jahren Militärinterventionen – sie nennt es selbst ein « Studienpapier zur Lage in Mali ». Ein Ergebnis ihrer letzten Recherchereise vom Dezember 2017.
    Wen das Interview gefesselt hat, der sollte sich das nicht entgehen lassen.

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