Über sich selbst schreiben: Interview mit einer Unbekannten

Keine Sorge, der Blog wird nicht umbenannt in “Interviews mit Unbekannten”. Aber dieses Interview dreht sich wieder um einen Text, der unter Pseudonym veröffentlicht wurde. Allerdings aus völlig anderen Gründen als der letzte.

Sophie Tal – so nennt sie sich – hat in der DUMMY #57 den Text “Volles Haus” über ihre Kindheit in einem Messie-Haushalt geschrieben. Schwer vorstellbar, so etwas mit der ganzen Welt (oder zumindest der ganzen DUMMY-Leserschaft) zu teilen. Denn irgendwie ist das Zuhause ja für viele der privateste Ort und die Kindheit eines der prägendsten Kapitel. Ich wollte also wissen, wie das ist, wenn man über etwas so Intimes so offen schreibt. Ist das überhaupt noch Journalismus? Kann man der eigenen Erinnerung als Quelle trauen? Da ihr den Text nicht online lesen könnt, hier ein kleiner Ausschnitt:

Die Räume waren thematisch sortiert. Einer war ihr Arbeitszimmer, darin waren Ordner, Stifte und Papiere. Als es unmöglich wurde, die Tür zu öffnen, ohne von einer Welle aus ungeöffneten Briefen, Textmarkern und alten Schülerarbeiten überschwemmt zu werden, blieb die Tür eben zu. “Ich muss erst einen neuen Schreibtisch besorgen, so kann ich da nicht mehr arbeiten”, sagte meine Mutter, und das klang logisch. In ihrem Schlafzimmer lagerte sie ihre Anziehsachen. Als die gefüllten Plastiktüten vom Einkaufen hüfthoch den begehbaren Kleiderschrank ausfüllten, warf sie ihre Hosen und Pullover erst auf die beiden Stühle, dann auf Stapel daneben und dann auch aufs Bett, und als es dort zu voll zum Schlafen wurde, schlief sie in unserem Gästezimmer. Das war “ohnehin viel ruhiger”.

Die Journalistin ist in ihren 30ern, mehrfach ausgezeichnet und schreibt vor allem über Gesellschaftsthemen.

In deinem Text “Volles Haus” beschreibst du sehr intime Details aus deiner Kindheit – deine Mutter ist Messie. Warum hast du dich dazu entschieden, so etwas Privates journalistisch aufzuschreiben?

Das ist ein Text, den ich schon sehr lange schreiben wollte – schon seitdem mir mit Mitte 20 klar wurde, was bei uns zuhause eigentlich los war. Das habe ich, so absurd es klingt, lange nicht realisiert. Ich hatte immer das Bedürfnis mehr als nur journalistisch zu schreiben, aber es war als würde dieser Text wie so ein Pfropfen davor sitzen – und ich hatte keine Ahnung, wie dieser Text genau sein sollte. Als ich dann die Mail von DUMMY bekommen habe, dass das Thema des nächsten Hefts „Zuhause“ sein wird, war das einfach genau der Impuls, den ich brauchte.

Kann man so einen autobiographischen Text als Journalismus bezeichnen?

Die Grenze ist da natürlich fließend. Wo ist der Unterschied dazwischen, ob ich jemanden besuche, der etwas erlebt hat, und die Geschichte dann aufschreibe, oder ob ich aufschreibe, was mir selbst passiert ist? Ich halte mich dabei ja trotzdem an die Grundregeln des Journalismus. Und ich wusste natürlich, dass man gerade bei DUMMY auch anders erzählen darf.

Nämlich wie?

Freier und persönlicher, ohne an den Stil der Publikation gebunden zu sein. Eine Tageszeitung oder ein größeres Magazin haben ihren eigenen Ton. Und da hört man als Autor auch mal Regeln für den Einstieg, oder wie viele Absätze dann kommen dürfen bis man spätestens das Thema erklärt haben muss. Das langweilt mich oft.

Ein kritischer Punkt sind vielleicht die Quellen. Hast du alles aus deiner Erinnerung aufgeschrieben?

Während des Schreibprozesses ist mir wahnsinnig viel wieder eingefallen. Und so viele harte Fakten sind in dem Text nun nicht drin. Wie unser Haus aussah und wie unsere Familienverhältnisse sind, weiß ich natürlich. Und an manchen Stellen habe ich nochmal in den Unterlagen nachgesehen, wenn es zum Beispiel um Arztbesuche ging.

Es gibt ja auch Zitate von Gesprächen, die damals stattgefunden haben sollen.

Klar, wenn man sich die Autofahrt anguckt, wo meine Mutter so viel raucht, dass mir schlecht wird, und dann das Fenster einen winzigen Spalt aufmacht und sagt: „So, das reicht.“ Da könnte sie in Wirklichkeit auch gesagt haben: „So, nun is gut.“ Aber ich habe den Inhalt eben aus meinen Erinnerungen wiedergegeben. Das ist natürlich anders als wenn man für eine Reportage unterwegs ist und spätestens abends im Hotel alles ins Notizbuch schreibt. Aber selbst da fallen einem selektiv Sachen auf. Wenn ich dich an deinem Arbeitsplatz besuche, fällt mir vielleicht der knallrote Locher auf, während jemand anderes die Marke deines Stuhls bemerkt.

War deine Mutter in den Schreibprozess miteinbezogen?

Der Grund, warum ich den Text unter einem Pseudonym veröffentlicht habe, ist meine Mutter. Ich habe den Text nicht mit ihr besprochen. Und das war keine einfache Entscheidung. Wenn man Messie ist, hat man nicht nur ein unaufgeräumtes Haus, sondern auch eine ganz bestimmte psychische Verfassung. Der Zustand meiner Mutter verschlechtert sich eigentlich jedes Jahr. Ich will nicht, dass sie sich schlecht fühlt – obwohl es ja kein vorwurfsvoller Text ist. Aber ich kann einfach nicht beurteilen, wie sehr sie das belasten würde.

Wer weiß, dass der Text von dir ist?

Etwas mehr als eine Handvoll Leute. Als ich ihn geschrieben habe, fiel es mir sehr schwer zu beurteilen, ob das überhaupt jemanden interessiert. Deswegen haben meine drei engsten Freunde den Text gelesen. Denen vertraue ich. Wenn die gesagt hätten: „Da stellst du dich völlig bloß“ oder „Das ist ja peinlich“, dann hätte ich den Text auch nicht angeboten.

Wie ist das, wenn man einen schönen Text geschrieben hat und darf niemandem davon erzählen?

Das ist für mich ganz neu, da ich sonst immer unter meinem Namen schreibe. Und es ist schon schade, weil ich finde, es ist ein schöner Text geworden. Wäre meine Mutter tot, hätte ich ihn unter meinem Namen veröffentlicht. Ich schäme mich nicht dafür. Aber was ich auf keinen Fall wollte, war Mitleid. Dafür habe ich den Text nicht geschrieben. Schön fand ich, dass Freunde mir gesagt haben: „Du weißt schon, dass du, wenn du dieses Haus mal aufräumst, nicht alleine bist.“ Aber so eine Reaktion brauche ich ja nicht von der breiten deutschen Öffentlichkeit. Darum bin ich im Nachhinein ganz froh, dass der Text nicht unter meinem Namen veröffentlicht wurde.

Nun mal weg vom Text zu einem etwas allgemeineren Thema: zurzeit schwappt die MeToo-Debatte ja von einer Branche in die nächste, überall kommen Fälle von sexueller Belästigung und Gewalt ans Licht. Welche Schwierigkeiten hat man als Frau im Journalismus?

Die MeToo-Debatte ging mir bisher irgendwie nicht so nah. Ich habe sowas auch erlebt, aber ich bin in solchen Momenten einfach immer stinksauer geworden und dann kriegt derjenige das auch mit. Aber es gibt natürlich Situationen, wo man nicht stinksauer werden kann, und solche Situationen hatte ich als junge Journalistin sehr oft. Es muss ja nicht immer gleich eine Vergewaltigung sein. Ich hab einmal bei einer großen deutschen Fernsehanstalt gearbeitet. Das war unfassbar, was da abging, das kann ich gar nicht alles erzählen. Da haben Chefs ihre Redaktionen Harem genannt. Und es gab mehrere Studentinnen, die ganz schlimm von Redakteuren angebaggert wurden. Wenn man nein gesagt hat, wurde man als frigide und langweilig bezeichnet. Und auch heute kommt es bei Konferenzen durchaus noch vor, dass ältere Redakteure Frauen über den Mund fahren, sie nachäffen oder anzügliche Witze machen. Oft ist das vielleicht gar nicht böse gemeint, aber was hilft einem das, wenn man alleine in einem Raum mit 15 Männern steht, einen super Job gemacht hat und dann dafür verarscht wird?

Merkst du auch bei der Recherche, dass du von Gesprächspartnern anders wahrgenommen wirst als männliche Kollegen?

Ja, das kommt bei bestimmten Personen schon vor. Aber ich finde, es gibt nichts Besseres als unterschätzt zu werden. Wenn da so ein schmieriger Typ seine Firma zeigt und dich als kleines Häschen betrachtet, dann hilft das manchmal sogar. Mit solchen Leuten habe ich allerdings eher selten zu tun.

Wie schwierig ist die Arbeit als freie Journalistin?

Das Leben als freie Journalistin ist ein Leben zwischen absoluter Existenzpanik und großem Glück. Mir bedeutet es viel, nicht jeden Tag in ein Büro zu müssen. Im besten Fall hat man aber natürlich etwas, was einem den monatlichen Grundbetrag einbringt. Jeder schläft besser, wenn er weiß, er kann die Miete bezahlen. Wenn man komplett frei ist, ohne Pauschalistenvertrag, ist das sehr schwierig. Ich hatte Jahre, wo es super gut funktioniert hat, wo ich von einer Sache in die nächste getaumelt bin. Ich hatte aber auch ein Jahr, da hab ich echt Angst bekommen. Ich hatte Anfang des Jahres viele größere Geschichten vorgeschlagen, die dann nach und nach aus verschiedenen Gründen weggebrochen sind oder erst sehr viel später bezahlt wurden. Man sollte sich also ein Polster anschaffen – sowohl ein finanzielles als auch ein dickes Fell. Es lohnt sich auch, eine freiwillige Arbeitslosenversicherung abzuschließen.

Und wie startet man in die Freiheit?

Ich würde es so aufbauen: einen festen Job suchen, zum Beispiel als Aushilfe in irgendeiner Redaktion, ein bis zwei Tage die Woche. Dann hat man mehr Spielraum, um andere Sachen zu machen. Wenn man tief in einer Recherche steckt, ist es ganz gut, noch einen Job zu habe, wo man nicht so viel denken muss. Ich hab zum Beispiel mal Testvergleiche geschrieben für ein Online-Magazin.

Man hört ja immer wieder, dass das Wichtigste für Journalist*innen ein gutes Netzwerk ist. Wie gezielt hast du dir ein Netzwerk aufgebaut?

Ich wünschte, ich wäre so jemand, aber ich kann das überhaupt nicht. Mich machen Netzwerk-Veranstaltungen eher traurig. Da sind immer sehr viele verzweifelte Freie, die an irgendwem kratzen, der einen Redakteursjob hat. Das finde ich echt unsexy und ein gewisser Grad an Sexyness ist eben schon wichtig. Das ist wie am Anfang einer Beziehung. Wenn Leute merken, dass du es wirklich nötig hast, dann finden die dich nicht mehr so attraktiv. Also lieber nochmal einen Monat jobben oder ausharren, und dafür niemandem hinterherrennen und betteln.

Aber Kontakte braucht man schon, oder?

Ich kenne natürlich viele Journalisten, aber die rufen mich ja auch nicht ständig an und geben mir Aufträge. Klar ist es gut, wenn man Kontakte hat und einen netten Kreis an Journalisten kennt, die man mal um Rat fragen kann. Aber wichtiger ist, sich hinzusetzen und zu überlegen: Was lese ich gerne? Für wen möchte ich gerne arbeiten? Und was kann ich gut? Dann muss man die Leute einfach anschreiben. Da macht es keinen Unterschied, ob man dazu schreibt, von wem man die e-mail Adresse bekommen hat. Man muss sich trauen und darf nicht verzweifeln, wenn man nicht gleich eine Zusage bekommt. Man muss lernen, Leute auch mal zu nerven. Man muss sich immer wieder trauen, Geschichten, die abgelehnt wurden, jemand anderem zu geben.

Was liest du gerne?

Bücher. Zeitungen lese ich eher nur am Wochenende. Dann mag ich es, auf dem Boden zu sitzen, inmitten ausgebreiteter Zeitungsseiten und mit einer Tasse Kaffee. Ich lese gerne die ZEIT. Ich liebe Elisabeth Raether. Die macht die Essenskolumne im ZEIT Magazin. Es geht aber irgendwie um viel mehr als um Essen. Und ich mag auch 11Freunde, obwohl ich mich gar nicht für Fußball interessiere.

Was ist ein guter Text für dich?

Man muss merken, dass den jemand geschrieben hat. Jemand, der darüber nachgedacht und eine Meinung hat – ohne seine Meinung als einzig wahre aufzudrängen. Ich mag es, wenn man die Stimme hört, ohne dass es einen Ich-Erzähler geben muss.

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