Ein Maximum an Inklusion: Interview mit Thembi Wolf

Letztens habe ich im SZ-Magazin mal nachgezählt: da waren ganze 118 Seiten von Männern geschrieben. Nur 36 waren von Frauen – und zwar die hintersten 36 Seiten des Hefts. Das Problem einer männlich dominierten Autorenschaft haben viele der renommiertesten Zeitungen und Zeitschriften, leider auch einige meiner Lieblinge. Auf meine kritischen E-Mails an insgesamt drei solcher Redaktionen habe ich aber nie eine Antwort bekommen.

Klar, mein Blog heißt ganz bewusst Interviews mit Journalist*innen – mindestens die Hälfte der Interviewten sollen Frauen sein, lieber noch mehr. Das klappt bisher ganz gut, aber dann ist mir aufgefallen:  Frauen sind nicht die einzigen Unterrepräsentierten – bisher hatte ich nur weiße Menschen interviewt. Beim Versuch, das zu ändern, habe ich gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, Texte von Journalist*innen of Color zu finden. Ich weiß nicht, ob es den Redaktionen, die viel mehr Männer schreiben lassen, auch so geht. Sie nehmen vielleicht den ersten, der ihnen einfällt oder auffällt, ohne bewusst nach Menschen zu suchen, die das Heft ein wenig diverser machen würden. Frauen zu engagieren wäre da ja nur ein Schritt von vielen.

Als ich auf Thembi Wolf gestoßen bin, die zu Diversity im Journalismus arbeitet, habe ich sie also direkt angeschrieben. Auf sie bin ich über den Text “Eine schwierige Liebe” aufmerksam geworden. Darin beschreibt sie, welche Revolutionsikonen of Color von Malcolm X bis Che Guevara die deutsche 68er Bewegung inspiriert haben. Im Interview habe ich sie gefragt, welche Perspektiven in der deutschen Medienlandschaft fehlen und wie man das ändern kann.

Thembi Wolf (27) hat Workshops zu Medienethik und Diversity im Journalismus veranstaltet. Sie arbeitet als freie Journalistin in Berlin und schreibt unter anderem für FAZ, Zeit Online und den Freitag.

Du hast keine klassische journalistische Ausbildung gemacht. Wie bist du freie Journalistin geworden?

Ich habe ganz klein angefangen, mit 12 bei der Schülerzeitung. Ich wusste, ich will Journalistin werden, hatte aber ein ganz naives Bild davon, was das bedeutet. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und kannte nie wirklich einen Journalisten. Die Schülerzeitung war mein Horizont. Ich habe mich dann einfach überall informiert, alles mitgemacht an Workshops und Trainings, und mich in jede Aufgabe, die sich geboten hat, reingeschmissen, auch wenn ichs mir manchmal nur halb zugetraut habe. Jetzt schreibe ich die Hälfte meiner Arbeitszeit als Aushilfe für Zeit Online Nachrichten und die andere Hälfte bin ich frei. Ich versuche zu reisen, so oft ich es finanzieren kann. Denn mein Anspruch an mich als Journalistin ist auch, Geschichten ein bisschen anders zu erzählen als andere.

Was meinst du mit anders?

Ich war immer eine begeisterte Leserin von Auslandsreportagen, egal von wo. Ich hatte aber oft ein ungutes Gefühl, was die Perspektiven der Journalist*innen betraf. Da gab es nur diese typischen Kriegs- und Katastrophenreportagen aus Afrika, nach dem Motto: „Guck mal, da ist Krieg und Katastrophe aber die Kinder sind trotzdem süß.“ Bestimmte Narrative funktionieren nur aus Ländern des globalen Südens, zum Beispiel: die haben hier nichts, aber haben aus Schrott eine Bewässerungsmaschine für ihr Feld gebaut. Das ist immer so ein Blick von oben herab. Der hat mich gestört und ich dachte ich kann das vielleicht besser.

Und wie genau machst du es besser?

Wenn ich im Ausland bin oder in einem mir fremden Umfeld, versuche ich, meinen Augen nicht gleich zu trauen. Bei Auslandsgeschichten stört es mich auch, dass oft nur weiße Expert*innen aus Europa oder den USA zu Wort kommen. Das versuche ich anders zu machen. Denn es gibt es auch vor Ort Expert*innen und eine Elite und kulturelle Vordenker, die etwas über ihre Gesellschaften sagen können. Und dann muss man ganz viele Fragen stellen. Das ist eigentlich so einfach. Nur daraus besteht der Job letztendlich. Fragen, auch wenn man denkt, man hat schon verstanden. Viele Auslandsreporter*innen beschränken sich darauf mit ihrem Taxifahrer ins Gespräch zu kommen und das dann als „Stimme aus dem Volk“ zu verkaufen – anstatt mit einer Vielfalt an Menschen ins Gespräch zu kommen.

Dann muss man die Geschichte aber auch noch an deutsche Redaktionen verkaufen…

Manchmal gehe ich schon Kompromisse ein, wenn ich Themen anbiete. Wenn man in Deutschland eine Geschichte über Stromausfälle in Ruanda schreibt, muss man sich auf die Stromausfälle in Hamburg beziehen oder erklären, warum das jetzt für das Weltgefüge wichtig ist. In den USA gibt es viel mehr Auslandsjournalismus, der nicht unbedingt einen Bezug zu den Menschen in den USA haben muss. Das ist so eine deutsche Eigenart, aber ich glaube, das ändert sich langsam. Ich denke, das kommt auch dadurch, dass man diversere Stimmen zulässt. Natürlich muss eine Geschichte irgendwie relevant sein, aber wenn die für so einen riesigen Teil der Weltbevölkerung relevant ist, und Deutsche jetzt mal nicht betrifft, dann muss man da vielleicht seinen Fokus erweitern.

Wie bist du zu dem Thema Diversity im Journalismus gekommen?

Ich habe ganz schnell gemerkt, dass sehr wenige Journalist*innen so aussehen wie ich. Ich war immer die einzige mit Afro in jedem Newsroom und oft die einzige Person of Color bis die Putzfrau ankam. Das finde ich echt absurd, dass das immer noch so ist, obwohl wir schon eine ganze Weile über dieses Thema diskutieren. Aber wenn ich dann daran denke, wie ich in den Journalismus gekommen bin – das war Glück und Naivität. Viele andere, die anfangs die Ressourcen nicht haben, bleiben auf der Strecke. So bin ich auf das Diversity Thema gekommen. Ich finde, es ist eigentlich ein Vergehen an der Demokratie, wenn die Gesellschaft nicht in der Presse repräsentiert wird. Mir hat das selber oft gefehlt, dass mal jemand aus meiner Perspektive erzählt.

Was für Perspektiven fehlen in der Presse?

Es gibt sehr wenige Journalist*innen mit Migrationshintergrund. Ich glaube, die Neuen Deutschen Medienmacher haben das mal so formuliert: Jede*r 5. Deutsche hat einen Migrationshintergrund aber nur 5% der Journalist*innen. Es gibt auch super wenige Arbeiterkinder im Journalismus. Das merkt man jetzt an der Berichterstattung über die Leute, die AfD gewählt haben. Da kursiert dann so eine Vorstellung, dass das alles Bauarbeiter sind, die sich von Pommes Schranke ernähren. Damit ist einfach keinem geholfen.

Wie schafft man es denn als Redaktion, eine größere Vielfalt bei den Autor*innen zu erreichen?

Die Neuen Deutschen Medienmacher haben letztes Jahr die Forderung nach einer Quote verabschiedet. Das ist natürlich kontrovers und man kann sehr viele Gegenargumente finden, aber ich glaube echt, das könnte eine Lösung sein. Damit sagt man den Redaktionen: begebt euch mal bitte auf die Suche. Und so verstehen die dann, dass man schon viel weiter unten ansetzen muss, nämlich bei der Ausbildung. Natürlich ist das auch eine finanzielle Frage, weil wir als Journalist*innen so schlecht bezahlt werden.

Hattest du schon das Gefühl, dass du als Journalistin of Color anders behandelt wurdest?

Am Anfang habe ich in Berlin viel über Kultur geschrieben und wurde immer zu den Terminen geschickt, die etwas mit Migration zu tun hatten. Das ist eine Zwickmühle: nehme ich diese ganzen Themen jetzt an, obwohl ich die nur kriege, weil jemand mich als Schwarze wahrnimmt und mich dann zu Themen schickt, die etwas mit Afrika zu tun haben? Mache ich das dann und mache es vielleicht sogar besser als wenn die jemand anderen schicken würden, der nicht so viel darüber nachgedacht hat? Oder sage ich: Nein, ich bin nicht Afrika, ich bin… Nachhaltigkeit zum Beispiel. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe diese Themen immer gemacht und mache sie immer noch. Meine Familie väterlicherseits ist aus Südafrika, und südliches Afrika ist mittlerweile auch mein fachlicher Fokus.

Du hast zu Diversity im Journalismus referiert. Was hast du da genau gemacht?

2014 habe ich mit einer Freundin zusammen eine Werkstattreihe gestartet. Wir haben gemerkt, dass ganz viele junge Journalist*innen, die wir kennen gelernt hatten, Bock hatten, über medienethische Themen zu sprechen – zum Beispiel darüber, dass wenn über Migrationsthemen berichtet wurde, als Bebilderung immer die Frauen mit Kopftuch und Aldi-Tüte gewählt wurden. Also haben wir diskutiert, wie man Bilder aussucht, wie man über Terrorismus berichten kann ohne antimuslimischen Rassismus zu reproduzieren, wie man gendert und Redaktionen davon überzeugt. Solche Sachen debattiert man in der Journalistenausbildung oft gar nicht, obwohl Journalismus so eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft hat.

Und wie überzeugt man Redaktionen vom Gendern?

In meinem Kollektiv Collectext haben wir eine Art Factsheet entwickelt, wie man gendern kann und warum. Ich gendere zum Beispiel immer unterschiedlich. Ich bin ein großer Fan von einem Maximum an Inklusion und habe auch keine Angst vor komplizierten Xen oder Sternchen. Wenn wir einen Redakteur haben, der da verständnislos ist, sagen wir eben, dass wir zu einem Kollektiv gehören, das es sich zum Grundsatz gemacht hat, darauf zu achten. Dann verweisen wir auf das Factsheet, wo die Redakteur*innen nachlesen können, worum es uns geht.

Das funktioniert?

Ich habe bisher viele gute Erfahrungen damit gemacht. Oft habe ich das Gefühl, dass viele Journalist*innen es sich zu leicht machen. Die sagen: „Das Gendern krieg ich sowieso nicht durch“ oder: „Die neue Perspektive kriege ich nicht verkauft, also erzähle ich die gleiche Geschichte von dem Aufsteiger mit Migrationshintergrund, so wie alle anderen das schon die letzten zwanzig Jahre erzählt haben.“ Aber eigentlich macht es den Text objektiv besser, wenn man mal etwas Neues versucht und Wörter benutzt, die noch nicht abgegriffen sind.

Viele argumentieren ja auch, dass man wiederum ein bestimmtes Publikum ausschließt, das mit dieser Art von politisch korrekter Sprache nicht zurechtkommt.

Wenn meine Oma nicht mehr mitkommt beim Lesen, dann habe ich etwas falsch gemacht. Das muss gar keine normative Debatte sein. Ich sehe das ganz praktisch: wenn man es nicht schafft, eine These, und sei sie noch so komplex, so zu formulieren, dass jeder mitkommt, dann muss man halt nochmal seinen Text überarbeiten. Dann hat man einfach handwerklich etwas falsch gemacht und nicht politisch.

Du hast das Kollektiv Collectext erwähnt. Was hat es damit auf sich?

Ich bin vor zwei Jahren eingetreten, als letzte von sechs Frauen. Gerade als Berufseinsteigerin und freie Journalistin hat man selten jemanden, der einem den Rücken freihält und hinter einem steht; oder jemanden, dem man einfach mal einen Text schicken oder von einer Idee erzählen kann. Im Laufe des Berufslebens findet man sicher solche Leute, aber es ist unfassbar hilfreich, das so zu institutionalisieren. Ich weiß gar nicht, ob ich mich ohne das Kollektiv so viele Sachen getraut hätte. Außerdem haben wir die Idee, der finanziellen Ellenbogengesellschaft entgegenzutreten und zu sagen: wir teilen vielleicht irgendwann unser Einkommen. Wenn eine einen großen Auftrag hat oder einen festen Job und eine andere gerade an ihrem Herzensprojekt arbeitet, dann würde sich das gegenseitig ausgleichen.

Wie genau sieht eure Zusammenarbeit aus?

Wir treffen uns alle zwei Wochen. Manchmal fahren wir auch ein Wochenende aufs Land, um richtig viel Zeit zu haben, auch mal über medienethische Themen zu diskutieren. Ab und zu schiebt man sich Aufträge zu, wenn man selbst keine Zeit dafür hat. Klar kann es dann sein, dass man den Auftrag weitergibt, und in Zukunft keinen Auftrag mehr von der Redaktion bekommt. Aber so ist das ist eben: die absolute Solidarität. Jede freut sich über die Erfolge von jeder anderen. Und so hat man auch immer jemanden, mit dem man auf Erfolge anstoßen kann.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.