Recherche in der Sekte: Interview mit Marcus Bensmann

Villa Baviera heißt heute die ehemalige Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile. Wo die Bewohner heute mit Touristen Oktoberfest feiern und traditionelles deutsches Essen servieren, wurden in den 1960er bis 80er Jahren Menschen gefoltert und eingesperrt, Kinder missbraucht und Gegner der Pinochet-Diktatur ermordet. Für die Taten wurde außer dem 2010 verstorbenen Sektenführer Paul Schäfer bisher niemand belangt. Marcus Bensmann hat die Bewohner der Siedlung für seine Recherche “Prügel, Folter und Gesang” besucht – in der Hoffnung die letzten lebenden Mitwisser oder Mittäter doch noch zu einem Geständnis bewegen zu können. Um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, hat er sich ihnen auf ungewöhnliche Weise angenähert.

Marcus Bensmann berichtete zehn Jahre als freier Journalist aus Zentralasien, vor allem über Korruption und Machtmissbrauch. Heute arbeitet er für Correctiv zu den Themen Neue Rechte und AfD, Russische Einflussnahme und Lokalskandale.

Es wurde ja schon viel über die Colonia Dignidad geschrieben, gefilmt und publiziert. Warum fanden Sie es notwendig dieses Thema nochmal aufzugreifen?

Die Leute, die zusammen mit dem Sektenführer Paul Schäfer die Kolonie in Chile aufgebaut haben sind schon sehr alt, und es gibt nur einen, der im Gefängnis sitzt. Jetzt ist also die letzte Möglichkeit, nochmal etwas über die innere Struktur der Colonia Dignidad herauszufinden. Gerhard Mücke, den wir im Gefängnis gesprochen haben, ist einer der letzten Zeitzeugen. Die Colonia Dignidad ist ja ein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte: dieser Höllenort, der da entstanden ist, und die Art, wie das Auswärtige Amt und die Bundesregierung agiert haben. Den letzten Zeitzeugen im Gefängnis zu befragen ist schon an sich eine journalistische Leistung.

Im Text heißt es auch: „Die Opfer sind noch nicht entschädigt. Außer Mücke sitzt derzeit keiner der mutmaßlichen Täter hinter Gittern.“ Was könnte eine journalistische Recherche bewirken?

Bisher ist es nicht gelungen, die Menschen, die sich hier nach Deutschland geflüchtet haben, wegen ihrer Untaten zu belangen. Alle Beteiligten erzählen die gleiche Geschichte: Schäfer war für alles verantwortlich, alle anderen sind Opfer. Das ist ein Schweigekartell, das alles auf denjenigen fokussiert, der tot ist. Wenn es tatsächlich gelungen wäre, Gerhard Mücke dazu zu bringen, dass er auspackt, dann hätte man die inneren Zirkel belasten können.

Sie haben für die Recherche die Akten des Außenministeriums genutzt, wie sind Sie dabei vorgegangen?

Wir haben versucht möglichst viele Akten in einem kurzen Zeitraum zu sichten. Das war insofern spannend als wir ganz konkrete Informationen abgleichen konnten mit den Geschichten, die wir vor Ort in Chile von den Menschen gehört haben. Zum Beispiel erzählte uns das Ehepaar Mücke von einer Situation, in der sie sich angeblich gegenseitig geschützt hätten. Doch in den Akten konnten wir lesen, wie Mücke seine Frau verriet.

Wie lief die Recherche vor Ort ab?

Ich bin zweimal für etwa zwei Wochen nach Chile gefahren, zuletzt im Februar. Die ehemalige Colonia Dignidad heißt ja heute Villa Baviera und ist ein Touristenort, da kann jeder hinfahren. Die Menschen leben dort, und man kommt schnell mit ihnen in Kontakt. Sie haben eine gemeinsame Erzählung. Jeder berichtet von seinem Leid, aber erwähnt auch immer wieder das Gute: dass es ein Krankenhaus gebe, dass man die Wildnis urbar gemacht habe und dass an allem Schlechten Paul Schäfer Schuld ist. Es ist dort ein bisschen wie Disneyland und gleichzeitig merkt man, dass es eine Mauer des Schweigens gibt. Die galt es erstmal zu durchbrechen, bevor ich Gerhard Mücke im Gefängnis besuchen konnte.

Eine Protagonistin, Erika Tymm, berichtet von ihrer eigenen Folter, eine andere, Brigitte Mücke, erzählt, wie sie ihrer Mutter einen Brief schickte. „Ich habe ihr beschrieben, wie unglücklich ich in der Kolonie bin, dass es wie in einem KZ sei“… Wie kann man sich erklären, dass beide Frauen nach wie vor freiwillig dort wohnen?

Die changieren zwischen Opfer und Täter. Das ist eben die Ambivalenz, die die Colonia Dignidad und das Leben der Menschen dort so besonders und berichtenswert macht. Deutsche Touristen kommen dort heute mit so einem Gruselfaktor hin; das wissen die Bewohner und erzählen ihre Leidensgeschichten, aber es geht nie um Verantwortung. So eine ganze Struktur kann ja nicht entstehen, wenn das nur ein einzelner Mann macht. Da haben Leute mitgemacht, da gab es Mitwisser, und all diese Fragen sind bisher nicht richtig beantwortet worden.

Waren die Menschen dort sehr misstrauisch Ihnen gegenüber?

Die Bewohner der Villa Baviera halten generell Distanz zu Journalisten und „Menschenrechtlern“, weil sie sich von denen hintergangen fühlen – obwohl sie selbst gar nicht leugnen, dass die ganzen schlimmen Sachen passiert sind. Sie wollen aber nicht, dass alles in ein schlechtes Licht gerückt wird. Das ist schon immer noch eine Sekte dort. Einerseits haben sie ein Hotel und ein Restaurant, wollen also, dass Touristen kommen. Und andererseits hat man permanent das Gefühl, dass es eine Sprachregelung gibt. Insofern musste ich mich auf dieses Doppelspiel ein bisschen einlassen.

Sie schreiben, dass Sie „die Bewohner der Villa Baviera kennengelernt, mit ihnen gebetet und gesungen haben.“ Haben Sie den Leuten etwas vorgespielt?

Ich habe ja nicht gelogen. Ich bin ein Mensch, der auch sonst in die Kirche geht. Die Religion bot mir hier die Möglichkeit mit den Menschen zu reden. Die Frage des falschen Zeugnisses, der Schuldbekennung und des Vergebens von Schuld sind zentrale Fragen des Christentums, mit denen ich andersherum argumentieren konnte, dass die Bewohner selbst doch mal erzählen sollten, was wirklich passiert ist. Ich habe mich auf deren Argumentationsebene begeben. Und gegen mein persönliches Ernstnehmen des Schriftworts ist ja nichts einzuwenden. Das ist keine Lüge.

Wussten die Leute denn, dass Sie Journalist sind?

Ich habe gesagt, ich bin der Marcus Bensmann. Jeder kann googlen, wer ich bin. Und ich habe Ihnen erzählt, dass ich in Zentralasien gearbeitet habe, und dass es da auch ein deutsches Dorf in den Bergen gab. Darüber haben wir dann diskutiert.

Sie haben sich Ihren Protagonist*innen also auf einer religiösen Ebene genähert. Wie genau lief das ab?

Das, was die ältere Generation verbindet, ist die Religion, und so habe ich versucht darüber mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So ist es mir gelungen, mit Mückes Frau zu ihm ins Gefängnis zu dürfen und mit ihm zu sprechen. Ich wollte mir seine Position anhören und ihn fragen, ob er nicht bereit wäre das nochmal anders zu betrachten. Für mich war der Herr Mücke kein Zyniker, der Spaß an der Gewalt hatte, sondern ein zutiefst gläubiger Mensch. Ich konnte mir vorstellen, dass er sich nicht gleich verschließen würde, wenn ich mit ihm auf Grundlage der Bibel argumentiere. Zumindest habe ich es geschafft mit ihm reden zu können. Und ich hatte das Gefühl, dass er auch zuhörte. Aber zugleich hat er seine Abwehrstrategie gefahren, er habe von nichts gewusst, er sei an nichts Schuld. Das Spannende war, dass seine Frau ihn während des Gesprächs ab und zu mal korrigiert und gesagt hat: „Wir haben doch davon gewusst,“ oder „Da wurden doch Leute geschlagen.“ Gerhard Mücke hat sich in diesem Leugnen von allem Wissen und aller Tat eingeigelt.

Bevor sie Mücke im Gefängnis besuchen durften, haben Sie ihm einen Christstollen und einen handgeschriebenen Brief geschickt. Machen Sie sowas öfter?

Wenn ich Gefängnisbesuche mache, dann bringe ich natürlich etwas mit. Und Briefe halte ich für eine sehr interessante Form mit Quellen Kontakt aufzunehmen, vor allem handgeschriebene. Das habe ich schon ganz oft gemacht. Ein handgeschriebener Brief wird immer gelesen. Er wird nicht immer beantwortet aber immer gelesen.

Trotzdem haben die Mückes den Kontakt schließlich abgebrochen…

Ja, vielleicht war ich zu nah dran. Ich habe dann ja nochmal einen langen Brief geschrieben, in dem ich ihn mit Widersprüchen konfrontiert habe. Darauf habe ich bisher aber keine Antwort erhalten.

Hatten Sie im Gespräch das Gefühl, dass er bewusst lügt oder hat er sich seine Erinnerung so zurechtgelegt?

Man kann ja nicht hinter eine Stirn gucken, deswegen ist das Wort Lügen schwierig. Mücke gibt nicht wieder, wie die Realität ist. In einigen Fällen konnten wir das sogar nachweisen. Die Frage ist, wie man mit Schuld umgeht. Da wird gerne geleugnet – nicht nur im Fall der Colonia Dignidad, sondern generell in der deutschen Geschichte.

Sie berichten häufig investigativ über Korruption und Machtmissbrauch, also Themen, die sehr schwer zugänglich sind. Was muss man dabei beachten?

Man braucht Zeit. Man muss seine Informationen gut organisieren, dass man nicht vor einem Riesenschreibtisch sitzt, auf dem Notizzettel und Dokumente und Akten unsortiert herumliegen. Und man braucht ein Rückgrat, um vor evenutellen Anfeindungen und Streitigkeiten nicht einzuknicken, sondern in der Lage zu sein, die durchzustehen.

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