Freundschaft mit Killercop: Interview mit Benedict Wermter

Am besten haben mir schon immer die Geschichten gefallen, in denen der*die Journalist*in – und damit auch ich als Leserin – ihrer Hauptfigur so richtig nahe kommt. Um eine Person aber so eindrücklich beschreiben zu können, muss man sie gut kennen, und um jemanden gut kennenzulernen, ist ein wenig Sympathie und Freundschaft ziemlich hilfreich.

Was aber, wenn die Figur ein Offizier in der Anti-Drogen-Einheit von Manila ist, die dafür bekannt ist, reihenweise mutmaßliche Drogendealer ohne Beweise oder Gerichtsverfahren zu ermorden? Wie nah kann man so einem Menschen kommen? Wie objektiv kann man dann noch über ihn schreiben und wieviel Loyalität schuldet man ihm dennoch als Freund? Über das Thema habe ich mit Benedict Wermter geredet, der 2017 mehrere Monate auf den Philippinen verbracht und die “Die Melancholie der Killercops” geschrieben hat. Eine düstere Krimi-Reportage, die man am besten abends bei einem Bier und Regenwetter lesen sollte.

Benedict Wermter (31) ist freier Journalist aus Berlin. Er schreibt unter anderem für die taz und Correctiv.

Wie hast du den Nino Cerrado, einen Offizier in Manilas Anti-Drogen-Einheit kennengelernt?

Ich bin in meinem Viertel rumgelaufen und da war Fiesta – also ein Straßenfest, wo die Leute grillen, Basketball spielen, Karaoke singen und sich besaufen. Da ging das eigentlich relativ schnell. Ich habe erst mit einem, dann mit dem nächsten gequatscht und plötzlich saß der da auf einer Bank und hat rumgebrüllt: „Come here, my friend!“ Die anderen meinten dann schon: Geh mal zu dem hin! Und im nächsten Moment saß ich quasi auf seinem Schoß.

Hast du ihn von Anfang an als Protagonisten deiner Story gesehen?

Ich bin auf den Philippinen die ganze Zeit mit einer journalistischen Brille rumgelaufen, allerdings bin ich an dem Abend nicht mit der Absicht losgezogen, etwas zu finden. Ich wollte einfach gucken, was da so passiert, und wusste anfangs nicht, dass er mein Protagonist wird. Dann hat er relativ schnell gesagt, dass er Polizist ist, hat voll den Harten gemacht und von seinen Streetfights erzählt. Man hat auch sofort gemerkt, dass alle anderen Respekt vor ihm hatten. Ich habe erstmal nur zugehört, bin ein oder zweimal nach Hause gelaufen, um Notizen zu machen. Ich habe einfach gesagt, ich muss aufs Klo.

Wieviel Zeit habt ihr insgesamt miteinander verbracht?

Wir waren mal für ein langes Wochenende zusammen im Urlaub. Davor haben wir zusammen trainiert, mehrmals gesoffen. Es waren wohl so sechs bis sieben Treffen.

Und dann hast du ja auch seine Familie kennengelernt. Warum war die wichtig?

Ich habe seine Familie und die seiner Freundin kennengelernt. Ich habe mich zum Beispiel mit seinem Schwager getroffen, damit er mir die Geschichten von Nino nochmal erzählt. So hatte ich zumindest mehr als eine Quelle, um die Informationen und ihren Wahrheitsgehalt ein bisschen einzuordnen.

Fandest du es nicht unmoralisch, ihm privat so nahe zu kommen und ihn gleichzeitig als Recherche-Objekt zu betrachten?

Ja voll, denn ein Stück weit habe ich ihn ja hintergangen. Natürlich hätte ich am liebsten mit ganz offenen Karten gespielt. Aber an dem Tag, als ich seine Familie kennengelernt habe, habe ich ihm auch Sachen von mir gezeigt. Ich hatte ja ursprünglich gesagt, ich sei Student. Auf einer Autofahrt habe ich ihm dann gesagt: Hey übrigens, ich schreib auch manchmal was. Er meinte: You look like you write stories. Bei ihm zuhause waren wir wieder besoffen und ich habe ihm einen Film gezeigt, den ich für VICE gemacht habe. Da meinte er: that looks like proper journalism. Am selben Abend hat er sich zum ersten Mal so richtig geöffnet, viel erzählt, Akten gezeigt und Videos von seiner Vereidigung. Er hat den Kontakt nicht abgebrochen, sondern wollte irgendwie auch wissen, was als nächstes passiert.

Ab wann hast du ihm gesagt, dass du über ihn schreibst?

Ich hab ihm erstmal gesagt, dass ich gerne drehen würde, entweder mit ihm oder mit jemandem, den er kennt. Das stand im Raum aber es gab noch keine konkreten Pläne. Als wir dann zusammen im Urlaub waren und auch die Familie gefragt hat, was ich eigentlich genau mache, sagte er grinsend: He just came to the Philippines to write about my life.

Hat er die Geschichte gelesen?

Nein. Er weiß, dass es sie gibt, aber ich habe sie ihm nicht geschickt. Wir haben noch Kontakt, aber nur über wenige, kurze Nachrichten. Letztens habe ich ihn nach einem Wort gefragt, das seine Situation am besten beschreibt. Da meinte er: Boring.

Hattest du zwischendurch nicht Angst, dass du die Kontrolle über die Situation verlierst?

Ich bin mit großer Paranoia auf die Philippinen gefahren, habe sogar meinen Presseausweis zuhause gelassen. Und anfangs war ich wirklich super nervös, weil ich ja ein ganz anderes Bild von der Polizei dort hatte und das noch nicht einschätzen konnte. Als wir uns kennenlernten und er mich zu sich einlud, dachte ich sogar, es könnte ja alles eine Falle sein, wer weiß, was die mit mir vorhaben. Aber relativ schnell habe ich realisiert, dass die ganz anders mit Weißen umgehen als untereinander. Am Ende hatte ich gar keine Angst mehr, vor allem nachdem ich bei ihm zuhause gewesen war.

Hast du bei euren Gesprächen viel gefragt?

Das hat sich eher natürlich entwickelt, ohne dass ich viel gefragt habe oder fragen wollte. Ich wollte ja auch die freundschaftliche Ebene behalten. Da kam genug von ihm. Nur einmal, beim vorletzten Treffen, musste ich Fragen stellen, weil ich einen Beleg brauchte. Ich bin nochmal zu ihm hingegangen und habe gefragt, ob ich die Story jetzt machen kann oder nicht. Er meinte, offen wird mit dir da niemand drüber sprechen. Da bin ich aufs Klo gegangen und habe mein Diktiergerät angemacht. Das ist die einzige Aufnahme, die ich habe, und er weiß nichts davon. Ich musste in dem Moment nochmal so ein Medley machen von allem, was er mir bisher erzählt hatte. Das klang ungefähr so: „Weißt du noch, als du mir erzählt hast, dass du jemanden umgebracht hast… wie war das nochmal genau?“

Darf man sowas?

Klar darf man. Justiziabel ist das auf jeden Fall, denn ich habe Informationen bekommen, die ich sonst nie bekommen hätte. Es geht um öffentliches Interesse, es geht um Rechtsbrüche. Moralisch gesehen fand ich das schwierig und habe es nicht gerne gemacht. Aber um die Geschichte fertig zu kriegen, musste das einmal sein.

Du musstest also beweisen, dass der Typ wirklich existiert?

Genau. Ich hatte schon fast alles über ihn zusammen und habe angefangen, die Geschichte zu verkaufen. Ein paar Medien wollten dann auf jeden Fall einen Beleg und ich war echt unsicher, wie ich das machen soll. Einfach nach einer Aufnahme zu fragen habe ich mich nicht getraut. Letztendlich habe ich dann unbemerkt aufgenommen.

Wenn man die Reportage liest, hat man das Gefühl, Manila ist dunkel, feucht und dreckig. Ist das überstilisiert oder wirklich so?

Naja, man kann die Stadt natürlich auch anders beschreiben. Ich habe dort einen Ami kennengelernt, der sich mit Reisevideos seine Weltreise finanziert hat. Der war auch in den Slums unterwegs, hat aber immer so schöne Tageslichtszenen eingefangen nach dem Motto: Die Leute hier sind zwar sehr arm, aber die Kinder kommen trotzdem alle raus und man kann sie streicheln, voll schön alles! So kann mans auch machen. Aber ich war die meiste Zeit im Dunkeln unterwegs und in nicht so schönen Gegenden. Das ist der Teil der Stadt, der meine Reportage geprägt hat.

Wie kriegst du es hin, dass die Reportage so sinnlich wahrnehmbar ist?

Möglichst viele Notizen machen, wann immer es geht. Die Stimmung festhalten, überlegen: wie war das da gerade? Beim ersten Mal aufschreiben klingt das dann noch etwas einfältig oder noch nicht so ausgeschmückt. Bei der Geschichte hatte ich erst eine Version mit 95.000 Zeichen, also mehr als doppelt so lang. Dann habe ich mich immer weiter herangetastet und möglichst viele verschiedene Varianten und Begriffe ausprobiert. So wird die Geschichte nach und nach immer besser.

Wie sah dein Schreibprozess aus?

Ich habe mir richtig viel Zeit dafür genommen. Ich habe bestimmt 12 Arbeitstage nur geschrieben, immer wieder aufs Neue. Ich habe mir ein Motorrad gemietet und bin ein paar Tage in eine Hütte gefahren, wo wirklich niemand war. Dort habe ich 2-3 Tage versucht, mich zu sammeln. Ich habe immer schriftliche Notizen und Tonaufnahmen, die ich transkribiere. Dann packe ich alles in ein rohes Dokument und fange an, es von oben nach unten runterzuschreiben.

Warum hast du noch die Journalistin als Figur eingeführt?

Ich wollte mit einer Journalistin unterwegs sein, weil die aus relativ neutraler Sicht durch das Problem führt. Sie hilft beim Einordnen, wie eine Art Faktenblock. Mit ihr konnte man nochmal durch das Problem fahren und hat sich so den Infokasten gespart.

Warum bist du mit der Hundekampfszene eingestiegen?

Sie ist eine Metapher für dieses ganze System. Die, die ganz am Boden sind, treten gegeneinander an, und die, die das zu verantworten haben, schauen nicht einmal zu.

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Nicht weiß schreiben: Interview mit Charlotte Wiedemann

„Weiß“ ist zu einem kontroversen Wort geworden. Für die einen bedeutet es, Wahrheiten zu hinterfragen, die vielleicht nur aus eurozentrischer Sicht gelten, und sich mit Privilegien auseinanderzusetzen, die über Jahrhunderte entstanden sind. Für andere bedeutet das Wort einen Angriff, die Angst davor sich schuldig fühlen zu müssen, eine weitere Zensur im Namen der „Political Correctness“. Da ich eher zu der ersten Gruppe gehöre, fand ich es toll, Charlotte Wiedemanns Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ (2012) zum Geburtstag zu bekommen, und habe es in wenigen Tagen durchgelesen. Das Buch ist – wie sie selbst sagt – weder eine Streitschrift gegen den Auslandsjournalismus an sich noch eine ulkige Betrachtung ihrer eigenen Erfahrungen im Iran, in Mali, Kambodscha, etc. … Es ist ein (selbst-)kritisches Nachdenken darüber, wie Journalist*innen in Europa, für Europa, von Europa aus über die Welt berichten. Wie es in anderen Ländern und Kulturen tatsächlich aussieht, entspricht dabei oft nicht den Erwartungen (oder Vorurteilen) des westlichen Publikums. Eigentlich steckt darin ja das ganze Dilemma des Journalismus: die Entscheidung zwischen wahrheitsgetreuer, möglichst objektiver Recherche einerseits und dem Druck, das Ding verkaufen zu müssen andererseits.

Charlotte Wiedemann ist 1954 geboren und arbeitet seit 1999 als Auslandsreporterin mit Schwerpunkten in Mali, Südostasien und dem Iran.

In Ihrem Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ sagen Sie: „Zurückhaltend und zweifelnd zu sein, das passt nicht ins gängige Berufsbild einer Reporterin.“ Warum nicht?

Diese Eigenschaften klingen nicht so sehr nach Durchsetzungsfähigkeit. Bei der journalistischen Ausbildung, zum Beispiel bei meiner Ausbildung an der Hamburger Journalistenschule (heute Henri-Nannen-Schule), wird man schon sehr auf Konkurrenz getrimmt. Man soll sich durchsetzen, soll die Ellbogen ausbreiten und so weiter. Ich bin zwar auch ehrgeizig, habe aber schon immer eine andere Herangehensweise für mich gesehen.

Welche?

Einerseits habe ich fast immer sehr gründlich gearbeitet aus Angst Fehler zu machen. Es gibt ja auch Kolleginnen und Kollegen, die mit großer Selbstsicherheit rangehen und denken: Mir passieren schon keine Fehler. Die habe ich eigentlich oft beneidet. Aber weil ich Zweifel hatte, war ich sehr gründlich. Und zum Anderen habe ich in den Jahren, als ich noch nicht Auslandsjournalistin war, sehr viele Portraits geschrieben. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir das ganz gut liegt, dass ich durch meine Art Fragen zu stellen und den Leuten Raum zu geben, sich zu äußern, ziemlich viel erfahren habe.

In Ihrem Buch kritisieren Sie „Framing“, wie es in den westlichen Medien betrieben wird. Könnten Sie den Begriff kurz erklären?

„Framing“ ist ein Begriff aus der Medienwissenschaft. Ich bin darauf gestoßen, weil ich beobachtet habe, dass gerade im Auslandsjournalismus ein Ausschnitt gewählt wird, der aufregend, spannend, provokant sein soll, und dass alles drum herum weggelassen wird. Sehr oft entstehen durch das Weglassen des Drumherum und durch die Art, wie der Ausschnitt gewählt wird, falsche Nachrichten. Für mich bedeutet der Ausdruck Fake News, der ja erst wesentlich später aufgekommen ist, genau dieses Nicht-Einordnen oder falsche Einordnen. Dadurch entsteht die viel gravierender falsche Berichterstattung als dort, wo wir sie offensichtlich durch Fakten-Check oder durch Zweifel an der Quelle aufklären können. Beim Framing wird in der Regel nichts aufgeklärt. Das gilt oft für große komplizierte Konflikte, die einfach einmal in einer bestimmten Weise eingerahmt werden: so haben sie dann zu sein und so werden sie ständig weiter berichtet. Da kommen die Korrespondenten auch nicht mehr raus, weil das dann als Wahrheit gilt.

An welchen Punkten des Entstehungsprozesses kann man einhaken, um den westlichen, weißen Frame zu vermeiden?

Man muss sich durchsetzen können gegen falsche Annahmen von Redakteuren in einer Zentrale, also gegen die sogenannten Gate-Keeper. Sie produzieren nicht selber die Berichte, entscheiden aber, was für Aufträge vergeben werden und was für Texte in ein Blatt reinkommen. Es passiert einfach zu oft, dass Journalisten einknicken vor dem, was so ein Gatekeeper oder eine Gatekeeperin für Vorstellungen von einem Thema hat. Kollege X sitzt irgendwo in Afrika und der Gatekeeper sitzt in Hamburg und sagt ihm aber, wie er jetzt das Thema angehen soll, weil es nur so ins Programm passt. Dann passiert es oft, dass der Kollege in Afrika – weil er endlich mal wieder in die Sendung rein will –  einem Zuschnitt des Themas folgt, den er eigentlich nicht richtig findet.

Was macht man, wenn man irgendwohin geschickt wird, um eine Geschichte aufzuschreiben und dann merkt, dass eigentlich eine andere Geschichte erzählt werden sollte?

Man sollte auf jeden Fall die Geschichte erzählen, die die Realität, so wie man sie erlebt, widergibt. Die Leute, die „draußen“ als Korrespondenten oder freie Reporter sind, die haben oft einen guten Zugriff auf die Dinge. Die sind eigentlich nicht so die Adressaten meiner Kritik, sondern vielmehr die in der Redaktion.

Aber woher weiß man denn, was „die Realität“ ist und welche Geschichte erzählt werden sollte?

In der Regel spricht man ja mit ziemlich vielen Leuten. Und man muss gut vorbereitet sein. Schlecht ist hingegen diese Art Hubschrauber-Journalismus: Irgendwo poppt eine Krise hoch, von der die Leute angeblich noch nie was gehört haben, obwohl es sie schon längst gab, aber irgendwie poppt sie halt hoch ins Bewusstsein hiesiger Redaktionen. Dann düst jemand los, springt da ab, liest im Flieger noch schnell ein paar Seiten Wikipedia durch, ist vielleicht noch von einem schlechten Dolmetscher abhängig und ist froh, wenn er in der kurzen Zeit überhaupt ein paar Leute findet: die Chance, dass daraus etwas Gutes wird, ist schon ziemlich gering. Aber wenn man gut vorbereitet kommt und sich schon vorher überlegt, wer übersetzt und als Fixer assistiert, dann kann man eigentlich auch in einer kurzen Zeit sehr viel an Wissen sammeln. Die Leute, die diese Recherchen machen, wissen dann eigentlich, was angemessen ist zu berichten. Die Frage ist eher, ob das spannend genug für die Redaktion ist.

Sie schreiben von einer Gruppensubjektivität: dass wir als weiße oder westliche Journalist*innen mit all unseren Unterschieden trotzdem einen grundsätzlich eurozentrischen Blickwinkel teilen. Macht es dann überhaupt noch Sinn, als Deutsche eine Reportage in Mali, Ägypten oder woanders zu schreiben?

Da hätte ich mich selber und meinen Beruf ja längst abschaffen müssen, wenn ich der Meinung wäre, ich könnte nicht auch guten Journalismus machen. Aber meinen Versuch, nicht weiß zu schreiben, habe ich versucht, in meinen Büchern über Mali und den Iran umzusetzen: in dem über Mali, da äußern sich nur Malier über Mali. Es reicht ja schon, dass ich das Buch schreibe und das mit meiner ganzen Subjektivität und Gruppensubjektivität aufnehme und einfärbe. Dann sollen nicht auch noch lauter deutsche Experten gehört werden. In dem Buch kommen also nur Leute aus Mali oder Afrika zu Wort. Und im Buch über Iran habe ich es – bis auf einen einzigen österreichischen Iranisten – auch so gemacht. So will ich nicht nur meine eigene Subjektivität kontrollieren, sondern den Leuten auch möglichst viel Hoheit über ihr eigenes Land und ihre eigene Kultur geben. Da braucht man in der Regel nicht noch andere weiße Köpfe, die das kommentieren.

Sie haben viel mit Dolmetschern gearbeitet und schreiben auch darüber in Ihrem Buch. Was bringt das für Schwierigkeiten mit sich und wie kann man damit umgehen?

Ich hab ja mit Auslandsarbeit in Südostasien angefangen, wo man sich auf sehr vielen Sprachen gut verständigen kann. Aber wenn ich in Kambodscha bin, müssen die Interviews auf Khmer übersetzt werden. Die Qualität meiner Arbeit hängt dann zentral von der Qualität des Dolmetschers ab. Darum verwende ich sehr viel Zeit darauf, eine gute Person zu finden. Ich schreibe keine Nachrichten und will keine Zusammenfassung. Es gibt Leute, die das auf Anhieb verstehen und es gibt Leute, die große Schwierigkeiten damit haben. Gerade wegen des Bildungsgefälles in armen Ländern, neigen manche dazu, das, was ungebildetere Leute sagen, zusammenzufassen und ihren eigenen Sinn dazuzugeben. Sie denken, der Bauer sagt ja sonst nix, was man einem Ausländer präsentieren kann. Darum arbeite ich eigentlich nur mit Leuten, die eins zu eins widergeben, wie die Leute sprechen. Mit denen zu arbeiten, finde ich dann sogar besonders schön, weil ich sie danach fragen kann, wie sie es fanden, wie es auf sie gewirkt hat. Das ist eine zusätzliche Quelle des besseren Verständnisses. Natürlich geht durch die Übersetzung immer auch etwas verloren, aber das ist dann eben so.

Sie beschreiben, dass in der Nachrichtenwelt immer Ausnahmezustand herrscht, dass zwingend immer eine Dramatik gesucht oder erfunden werden muss. Sollte man tagesaktuelle Nachrichten einfach abschaffen?

Was ich schrecklich finde, ist diese Kombination davon, dass alle das Gleiche berichten und trotzdem in Konkurrenz zueinander stehen. Alle jagen danach, noch eine Zehntelsekunde früher zu berichten, aber eigentlich berichten alle null. Wenn ein Baum auf eine Schiene fällt, muss man gleich Bilder vom Baum auf der Schiene haben, obwohl alle wissen, wie ein Baum auf einer Schiene aussieht. Dieses Prinzip, das früher bei sogenannten internationalen Krisen praktiziert wurde, hat sich auf alle Bereiche ausgedehnt. Auch auf eine Koalitionsverhandlung: Warum müssen wir ständig wissen, was die Leute sagen, die vor einem Parteigebäude im Dunkeln stehen und sagen, sie wissen noch nichts? Das ist albern.

Gibt es irgendeine Faustregel, die Ihrer Meinung nach totaler Quatsch ist?

Ja, der Satz „Ein guter Journalist soll sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.“ Den hab ich immer für Schwachsinn gehalten, weil sich sehr viele Journalisten, ohne sich darüber klar zu sein, mit sehr vielen Dingen gemein machen: mit unserem Wirtschaftssystem zum Beispiel oder mit bestimmten Auffassungen über das Verhältnis von Europa zum Rest der Welt. Von daher machen sich viele Journalisten mit Sachen gemein, für die sie sich nicht rechtfertigen müssen, solange sie zum Mainstream gehören. Man muss sich erst rechtfertigen, wenn man nicht mehr zum Mainstream gehört, sondern andere Sichtweisen hat.

Wie läuft die Planung für eine Recherchereise im Ausland ab?

Das ist je nach Land sehr unterschiedlich. Im Iran ist das Schwierigste immer, das Visum zu bekommen. Man braucht einen Brief der Redaktion, der das Thema begründet. Und dann bekommt man nur so ein Visum für 10 Tage, schlimmstenfalls sogar weniger. Das heißt, dass man im Vorhinein die Dinge sehr gut planen muss, um die Zeit nutzen zu können. Und doch stellt man immer wieder fest, dass Vieles sich vorab gar nicht planen lässt. In Mali hingegen ist es anders, ich kriege ganz einfach ein Visum, brauche nicht mal ein Pressevisum, bin zeitlich nicht eingeschränkt. Gleichzeitig kann man noch viel weniger vorab planen, weil die Leute einfach nicht so ein deutsches Terminwesen kennen, sodass man alles immer erst machen kann, wenn man schon vor Ort ist.

Wie ist Ihre Ausrüstung, wenn Sie zu einem Interview- oder Recherchetermin gehen?

Ich nehme eigentlich nie Ton auf. Nur französische Interviews nehme ich auf, um später sicher zu sein, dass ich alles richtig verstanden habe. Aber bei Interviews auf Englisch mache ich mir Notizen. Ich fotografiere mittlerweile ziemlich viel mit dem Smartphone als Gedächtnisstütze. Ein Smartphone wird meistens nicht so wie ein Fotoapparat betrachtet. Beim Fotoapparat wollen die Leute immer wissen, was man fotografiert. Da aber ständig alle Leute mit ihren Smartphones rumfummeln, kann man unauffällig alles Mögliche fotografieren – zum Beispiel eine Büroeinrichtung, die man seltsam findet.

Wie läuft Ihr Schreibprozess ab?

Ich schreibe mir sehr viel von meinen Notizen noch einmal am Computer ab. Eigentlich wäre das gar nicht nötig, aber ich brauche das irgendwie, um alles zu verarbeiten. Später gucke ich da meist gar nicht rein, weil ich schon alles im Kopf sortiert habe. Beim Schreiben bin ich auch nicht wahnsinnig schnell. Jedenfalls nicht schneller als ich denken kann. Früher hab ich viel nachts geschrieben, aber wenn man älter wird, ist man einfach irgendwann zu müde. Früher konnte ich Texte auch nur schreiben, wenn ich einen guten Einstieg hatte. Irgendwann habe ich mir dann angewöhnt, dass ich Texte auch von hinten schreiben kann, indem ich mit dem Schluss anfange und dann die Mitte schreibe: also erstmal die Sachen, die einem leichter fallen.

Woran erkennen Sie einen schlechten Text?

Ich bin sehr empfindlich, was Sprache angeht. Wenn schon gleich im ersten Absatz mehrere Worte sind, von denen ich denke, die sind nicht treffend, nicht passend, oder sind abgenutzt, dann hat der Text bei mir keine Chance mehr.

Zuletzt noch eine ganz pragmatische Frage für jemanden, der gerne Auslandsreporterin oder -reporter werden würde: Lässt sich das mit einem Familienleben vereinbaren?

Ich selber habe keine Kinder, von daher kann ich das persönlich nicht so gut beantworten. Es ist ja so, dass eine ganze Reihe von Männern diesen Job machen, indem sie eine anpassungsbereite Frau haben und das Familienleben sich dann von Land zu Land mitbewegt. Ich denke, für eine moderne Familie, wo sich die Leute gleichberechtigt um Kinder kümmern, ist das schon eine echte Herausforderung.