Ein Maximum an Inklusion: Interview mit Thembi Wolf

Letztens habe ich im SZ-Magazin mal nachgezählt: da waren ganze 118 Seiten von Männern geschrieben. Nur 36 waren von Frauen – und zwar die hintersten 36 Seiten des Hefts. Das Problem einer männlich dominierten Autorenschaft haben viele der renommiertesten Zeitungen und Zeitschriften, leider auch einige meiner Lieblinge. Auf meine kritischen E-Mails an insgesamt drei solcher Redaktionen habe ich aber nie eine Antwort bekommen.

Klar, mein Blog heißt ganz bewusst Interviews mit Journalist*innen – mindestens die Hälfte der Interviewten sollen Frauen sein, lieber noch mehr. Das klappt bisher ganz gut, aber dann ist mir aufgefallen:  Frauen sind nicht die einzigen Unterrepräsentierten – bisher hatte ich nur weiße Menschen interviewt. Beim Versuch, das zu ändern, habe ich gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, Texte von Journalist*innen of Color zu finden. Ich weiß nicht, ob es den Redaktionen, die viel mehr Männer schreiben lassen, auch so geht. Sie nehmen vielleicht den ersten, der ihnen einfällt oder auffällt, ohne bewusst nach Menschen zu suchen, die das Heft ein wenig diverser machen würden. Frauen zu engagieren wäre da ja nur ein Schritt von vielen.

Als ich auf Thembi Wolf gestoßen bin, die zu Diversity im Journalismus arbeitet, habe ich sie also direkt angeschrieben. Auf sie bin ich über den Text “Eine schwierige Liebe” aufmerksam geworden. Darin beschreibt sie, welche Revolutionsikonen of Color von Malcolm X bis Che Guevara die deutsche 68er Bewegung inspiriert haben. Im Interview habe ich sie gefragt, welche Perspektiven in der deutschen Medienlandschaft fehlen und wie man das ändern kann.

Thembi Wolf (27) hat Workshops zu Medienethik und Diversity im Journalismus veranstaltet. Sie arbeitet als freie Journalistin in Berlin und schreibt unter anderem für FAZ, Zeit Online und den Freitag.

Du hast keine klassische journalistische Ausbildung gemacht. Wie bist du freie Journalistin geworden?

Ich habe ganz klein angefangen, mit 12 bei der Schülerzeitung. Ich wusste, ich will Journalistin werden, hatte aber ein ganz naives Bild davon, was das bedeutet. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und kannte nie wirklich einen Journalisten. Die Schülerzeitung war mein Horizont. Ich habe mich dann einfach überall informiert, alles mitgemacht an Workshops und Trainings, und mich in jede Aufgabe, die sich geboten hat, reingeschmissen, auch wenn ichs mir manchmal nur halb zugetraut habe. Jetzt schreibe ich die Hälfte meiner Arbeitszeit als Aushilfe für Zeit Online Nachrichten und die andere Hälfte bin ich frei. Ich versuche zu reisen, so oft ich es finanzieren kann. Denn mein Anspruch an mich als Journalistin ist auch, Geschichten ein bisschen anders zu erzählen als andere.

Was meinst du mit anders?

Ich war immer eine begeisterte Leserin von Auslandsreportagen, egal von wo. Ich hatte aber oft ein ungutes Gefühl, was die Perspektiven der Journalist*innen betraf. Da gab es nur diese typischen Kriegs- und Katastrophenreportagen aus Afrika, nach dem Motto: „Guck mal, da ist Krieg und Katastrophe aber die Kinder sind trotzdem süß.“ Bestimmte Narrative funktionieren nur aus Ländern des globalen Südens, zum Beispiel: die haben hier nichts, aber haben aus Schrott eine Bewässerungsmaschine für ihr Feld gebaut. Das ist immer so ein Blick von oben herab. Der hat mich gestört und ich dachte ich kann das vielleicht besser.

Und wie genau machst du es besser?

Wenn ich im Ausland bin oder in einem mir fremden Umfeld, versuche ich, meinen Augen nicht gleich zu trauen. Bei Auslandsgeschichten stört es mich auch, dass oft nur weiße Expert*innen aus Europa oder den USA zu Wort kommen. Das versuche ich anders zu machen. Denn es gibt es auch vor Ort Expert*innen und eine Elite und kulturelle Vordenker, die etwas über ihre Gesellschaften sagen können. Und dann muss man ganz viele Fragen stellen. Das ist eigentlich so einfach. Nur daraus besteht der Job letztendlich. Fragen, auch wenn man denkt, man hat schon verstanden. Viele Auslandsreporter*innen beschränken sich darauf mit ihrem Taxifahrer ins Gespräch zu kommen und das dann als „Stimme aus dem Volk“ zu verkaufen – anstatt mit einer Vielfalt an Menschen ins Gespräch zu kommen.

Dann muss man die Geschichte aber auch noch an deutsche Redaktionen verkaufen…

Manchmal gehe ich schon Kompromisse ein, wenn ich Themen anbiete. Wenn man in Deutschland eine Geschichte über Stromausfälle in Ruanda schreibt, muss man sich auf die Stromausfälle in Hamburg beziehen oder erklären, warum das jetzt für das Weltgefüge wichtig ist. In den USA gibt es viel mehr Auslandsjournalismus, der nicht unbedingt einen Bezug zu den Menschen in den USA haben muss. Das ist so eine deutsche Eigenart, aber ich glaube, das ändert sich langsam. Ich denke, das kommt auch dadurch, dass man diversere Stimmen zulässt. Natürlich muss eine Geschichte irgendwie relevant sein, aber wenn die für so einen riesigen Teil der Weltbevölkerung relevant ist, und Deutsche jetzt mal nicht betrifft, dann muss man da vielleicht seinen Fokus erweitern.

Wie bist du zu dem Thema Diversity im Journalismus gekommen?

Ich habe ganz schnell gemerkt, dass sehr wenige Journalist*innen so aussehen wie ich. Ich war immer die einzige mit Afro in jedem Newsroom und oft die einzige Person of Color bis die Putzfrau ankam. Das finde ich echt absurd, dass das immer noch so ist, obwohl wir schon eine ganze Weile über dieses Thema diskutieren. Aber wenn ich dann daran denke, wie ich in den Journalismus gekommen bin – das war Glück und Naivität. Viele andere, die anfangs die Ressourcen nicht haben, bleiben auf der Strecke. So bin ich auf das Diversity Thema gekommen. Ich finde, es ist eigentlich ein Vergehen an der Demokratie, wenn die Gesellschaft nicht in der Presse repräsentiert wird. Mir hat das selber oft gefehlt, dass mal jemand aus meiner Perspektive erzählt.

Was für Perspektiven fehlen in der Presse?

Es gibt sehr wenige Journalist*innen mit Migrationshintergrund. Ich glaube, die Neuen Deutschen Medienmacher haben das mal so formuliert: Jede*r 5. Deutsche hat einen Migrationshintergrund aber nur 5% der Journalist*innen. Es gibt auch super wenige Arbeiterkinder im Journalismus. Das merkt man jetzt an der Berichterstattung über die Leute, die AfD gewählt haben. Da kursiert dann so eine Vorstellung, dass das alles Bauarbeiter sind, die sich von Pommes Schranke ernähren. Damit ist einfach keinem geholfen.

Wie schafft man es denn als Redaktion, eine größere Vielfalt bei den Autor*innen zu erreichen?

Die Neuen Deutschen Medienmacher haben letztes Jahr die Forderung nach einer Quote verabschiedet. Das ist natürlich kontrovers und man kann sehr viele Gegenargumente finden, aber ich glaube echt, das könnte eine Lösung sein. Damit sagt man den Redaktionen: begebt euch mal bitte auf die Suche. Und so verstehen die dann, dass man schon viel weiter unten ansetzen muss, nämlich bei der Ausbildung. Natürlich ist das auch eine finanzielle Frage, weil wir als Journalist*innen so schlecht bezahlt werden.

Hattest du schon das Gefühl, dass du als Journalistin of Color anders behandelt wurdest?

Am Anfang habe ich in Berlin viel über Kultur geschrieben und wurde immer zu den Terminen geschickt, die etwas mit Migration zu tun hatten. Das ist eine Zwickmühle: nehme ich diese ganzen Themen jetzt an, obwohl ich die nur kriege, weil jemand mich als Schwarze wahrnimmt und mich dann zu Themen schickt, die etwas mit Afrika zu tun haben? Mache ich das dann und mache es vielleicht sogar besser als wenn die jemand anderen schicken würden, der nicht so viel darüber nachgedacht hat? Oder sage ich: Nein, ich bin nicht Afrika, ich bin… Nachhaltigkeit zum Beispiel. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe diese Themen immer gemacht und mache sie immer noch. Meine Familie väterlicherseits ist aus Südafrika, und südliches Afrika ist mittlerweile auch mein fachlicher Fokus.

Du hast zu Diversity im Journalismus referiert. Was hast du da genau gemacht?

2014 habe ich mit einer Freundin zusammen eine Werkstattreihe gestartet. Wir haben gemerkt, dass ganz viele junge Journalist*innen, die wir kennen gelernt hatten, Bock hatten, über medienethische Themen zu sprechen – zum Beispiel darüber, dass wenn über Migrationsthemen berichtet wurde, als Bebilderung immer die Frauen mit Kopftuch und Aldi-Tüte gewählt wurden. Also haben wir diskutiert, wie man Bilder aussucht, wie man über Terrorismus berichten kann ohne antimuslimischen Rassismus zu reproduzieren, wie man gendert und Redaktionen davon überzeugt. Solche Sachen debattiert man in der Journalistenausbildung oft gar nicht, obwohl Journalismus so eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft hat.

Und wie überzeugt man Redaktionen vom Gendern?

In meinem Kollektiv Collectext haben wir eine Art Factsheet entwickelt, wie man gendern kann und warum. Ich gendere zum Beispiel immer unterschiedlich. Ich bin ein großer Fan von einem Maximum an Inklusion und habe auch keine Angst vor komplizierten Xen oder Sternchen. Wenn wir einen Redakteur haben, der da verständnislos ist, sagen wir eben, dass wir zu einem Kollektiv gehören, das es sich zum Grundsatz gemacht hat, darauf zu achten. Dann verweisen wir auf das Factsheet, wo die Redakteur*innen nachlesen können, worum es uns geht.

Das funktioniert?

Ich habe bisher viele gute Erfahrungen damit gemacht. Oft habe ich das Gefühl, dass viele Journalist*innen es sich zu leicht machen. Die sagen: „Das Gendern krieg ich sowieso nicht durch“ oder: „Die neue Perspektive kriege ich nicht verkauft, also erzähle ich die gleiche Geschichte von dem Aufsteiger mit Migrationshintergrund, so wie alle anderen das schon die letzten zwanzig Jahre erzählt haben.“ Aber eigentlich macht es den Text objektiv besser, wenn man mal etwas Neues versucht und Wörter benutzt, die noch nicht abgegriffen sind.

Viele argumentieren ja auch, dass man wiederum ein bestimmtes Publikum ausschließt, das mit dieser Art von politisch korrekter Sprache nicht zurechtkommt.

Wenn meine Oma nicht mehr mitkommt beim Lesen, dann habe ich etwas falsch gemacht. Das muss gar keine normative Debatte sein. Ich sehe das ganz praktisch: wenn man es nicht schafft, eine These, und sei sie noch so komplex, so zu formulieren, dass jeder mitkommt, dann muss man halt nochmal seinen Text überarbeiten. Dann hat man einfach handwerklich etwas falsch gemacht und nicht politisch.

Du hast das Kollektiv Collectext erwähnt. Was hat es damit auf sich?

Ich bin vor zwei Jahren eingetreten, als letzte von sechs Frauen. Gerade als Berufseinsteigerin und freie Journalistin hat man selten jemanden, der einem den Rücken freihält und hinter einem steht; oder jemanden, dem man einfach mal einen Text schicken oder von einer Idee erzählen kann. Im Laufe des Berufslebens findet man sicher solche Leute, aber es ist unfassbar hilfreich, das so zu institutionalisieren. Ich weiß gar nicht, ob ich mich ohne das Kollektiv so viele Sachen getraut hätte. Außerdem haben wir die Idee, der finanziellen Ellenbogengesellschaft entgegenzutreten und zu sagen: wir teilen vielleicht irgendwann unser Einkommen. Wenn eine einen großen Auftrag hat oder einen festen Job und eine andere gerade an ihrem Herzensprojekt arbeitet, dann würde sich das gegenseitig ausgleichen.

Wie genau sieht eure Zusammenarbeit aus?

Wir treffen uns alle zwei Wochen. Manchmal fahren wir auch ein Wochenende aufs Land, um richtig viel Zeit zu haben, auch mal über medienethische Themen zu diskutieren. Ab und zu schiebt man sich Aufträge zu, wenn man selbst keine Zeit dafür hat. Klar kann es dann sein, dass man den Auftrag weitergibt, und in Zukunft keinen Auftrag mehr von der Redaktion bekommt. Aber so ist das ist eben: die absolute Solidarität. Jede freut sich über die Erfolge von jeder anderen. Und so hat man auch immer jemanden, mit dem man auf Erfolge anstoßen kann.

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Freundschaft mit Killercop: Interview mit Benedict Wermter

Am besten haben mir schon immer die Geschichten gefallen, in denen der*die Journalist*in – und damit auch ich als Leserin – ihrer Hauptfigur so richtig nahe kommt. Um eine Person aber so eindrücklich beschreiben zu können, muss man sie gut kennen, und um jemanden gut kennenzulernen, ist ein wenig Sympathie und Freundschaft ziemlich hilfreich.

Was aber, wenn die Figur ein Offizier in der Anti-Drogen-Einheit von Manila ist, die dafür bekannt ist, reihenweise mutmaßliche Drogendealer ohne Beweise oder Gerichtsverfahren zu ermorden? Wie nah kann man so einem Menschen kommen? Wie objektiv kann man dann noch über ihn schreiben und wieviel Loyalität schuldet man ihm dennoch als Freund? Über das Thema habe ich mit Benedict Wermter geredet, der 2017 mehrere Monate auf den Philippinen verbracht und die “Die Melancholie der Killercops” geschrieben hat. Eine düstere Krimi-Reportage, die man am besten abends bei einem Bier und Regenwetter lesen sollte.

Benedict Wermter (31) ist freier Journalist aus Berlin. Er schreibt unter anderem für die taz und Correctiv.

Wie hast du den Nino Cerrado, einen Offizier in Manilas Anti-Drogen-Einheit kennengelernt?

Ich bin in meinem Viertel rumgelaufen und da war Fiesta – also ein Straßenfest, wo die Leute grillen, Basketball spielen, Karaoke singen und sich besaufen. Da ging das eigentlich relativ schnell. Ich habe erst mit einem, dann mit dem nächsten gequatscht und plötzlich saß der da auf einer Bank und hat rumgebrüllt: „Come here, my friend!“ Die anderen meinten dann schon: Geh mal zu dem hin! Und im nächsten Moment saß ich quasi auf seinem Schoß.

Hast du ihn von Anfang an als Protagonisten deiner Story gesehen?

Ich bin auf den Philippinen die ganze Zeit mit einer journalistischen Brille rumgelaufen, allerdings bin ich an dem Abend nicht mit der Absicht losgezogen, etwas zu finden. Ich wollte einfach gucken, was da so passiert, und wusste anfangs nicht, dass er mein Protagonist wird. Dann hat er relativ schnell gesagt, dass er Polizist ist, hat voll den Harten gemacht und von seinen Streetfights erzählt. Man hat auch sofort gemerkt, dass alle anderen Respekt vor ihm hatten. Ich habe erstmal nur zugehört, bin ein oder zweimal nach Hause gelaufen, um Notizen zu machen. Ich habe einfach gesagt, ich muss aufs Klo.

Wieviel Zeit habt ihr insgesamt miteinander verbracht?

Wir waren mal für ein langes Wochenende zusammen im Urlaub. Davor haben wir zusammen trainiert, mehrmals gesoffen. Es waren wohl so sechs bis sieben Treffen.

Und dann hast du ja auch seine Familie kennengelernt. Warum war die wichtig?

Ich habe seine Familie und die seiner Freundin kennengelernt. Ich habe mich zum Beispiel mit seinem Schwager getroffen, damit er mir die Geschichten von Nino nochmal erzählt. So hatte ich zumindest mehr als eine Quelle, um die Informationen und ihren Wahrheitsgehalt ein bisschen einzuordnen.

Fandest du es nicht unmoralisch, ihm privat so nahe zu kommen und ihn gleichzeitig als Recherche-Objekt zu betrachten?

Ja voll, denn ein Stück weit habe ich ihn ja hintergangen. Natürlich hätte ich am liebsten mit ganz offenen Karten gespielt. Aber an dem Tag, als ich seine Familie kennengelernt habe, habe ich ihm auch Sachen von mir gezeigt. Ich hatte ja ursprünglich gesagt, ich sei Student. Auf einer Autofahrt habe ich ihm dann gesagt: Hey übrigens, ich schreib auch manchmal was. Er meinte: You look like you write stories. Bei ihm zuhause waren wir wieder besoffen und ich habe ihm einen Film gezeigt, den ich für VICE gemacht habe. Da meinte er: that looks like proper journalism. Am selben Abend hat er sich zum ersten Mal so richtig geöffnet, viel erzählt, Akten gezeigt und Videos von seiner Vereidigung. Er hat den Kontakt nicht abgebrochen, sondern wollte irgendwie auch wissen, was als nächstes passiert.

Ab wann hast du ihm gesagt, dass du über ihn schreibst?

Ich hab ihm erstmal gesagt, dass ich gerne drehen würde, entweder mit ihm oder mit jemandem, den er kennt. Das stand im Raum aber es gab noch keine konkreten Pläne. Als wir dann zusammen im Urlaub waren und auch die Familie gefragt hat, was ich eigentlich genau mache, sagte er grinsend: He just came to the Philippines to write about my life.

Hat er die Geschichte gelesen?

Nein. Er weiß, dass es sie gibt, aber ich habe sie ihm nicht geschickt. Wir haben noch Kontakt, aber nur über wenige, kurze Nachrichten. Letztens habe ich ihn nach einem Wort gefragt, das seine Situation am besten beschreibt. Da meinte er: Boring.

Hattest du zwischendurch nicht Angst, dass du die Kontrolle über die Situation verlierst?

Ich bin mit großer Paranoia auf die Philippinen gefahren, habe sogar meinen Presseausweis zuhause gelassen. Und anfangs war ich wirklich super nervös, weil ich ja ein ganz anderes Bild von der Polizei dort hatte und das noch nicht einschätzen konnte. Als wir uns kennenlernten und er mich zu sich einlud, dachte ich sogar, es könnte ja alles eine Falle sein, wer weiß, was die mit mir vorhaben. Aber relativ schnell habe ich realisiert, dass die ganz anders mit Weißen umgehen als untereinander. Am Ende hatte ich gar keine Angst mehr, vor allem nachdem ich bei ihm zuhause gewesen war.

Hast du bei euren Gesprächen viel gefragt?

Das hat sich eher natürlich entwickelt, ohne dass ich viel gefragt habe oder fragen wollte. Ich wollte ja auch die freundschaftliche Ebene behalten. Da kam genug von ihm. Nur einmal, beim vorletzten Treffen, musste ich Fragen stellen, weil ich einen Beleg brauchte. Ich bin nochmal zu ihm hingegangen und habe gefragt, ob ich die Story jetzt machen kann oder nicht. Er meinte, offen wird mit dir da niemand drüber sprechen. Da bin ich aufs Klo gegangen und habe mein Diktiergerät angemacht. Das ist die einzige Aufnahme, die ich habe, und er weiß nichts davon. Ich musste in dem Moment nochmal so ein Medley machen von allem, was er mir bisher erzählt hatte. Das klang ungefähr so: „Weißt du noch, als du mir erzählt hast, dass du jemanden umgebracht hast… wie war das nochmal genau?“

Darf man sowas?

Klar darf man. Justiziabel ist das auf jeden Fall, denn ich habe Informationen bekommen, die ich sonst nie bekommen hätte. Es geht um öffentliches Interesse, es geht um Rechtsbrüche. Moralisch gesehen fand ich das schwierig und habe es nicht gerne gemacht. Aber um die Geschichte fertig zu kriegen, musste das einmal sein.

Du musstest also beweisen, dass der Typ wirklich existiert?

Genau. Ich hatte schon fast alles über ihn zusammen und habe angefangen, die Geschichte zu verkaufen. Ein paar Medien wollten dann auf jeden Fall einen Beleg und ich war echt unsicher, wie ich das machen soll. Einfach nach einer Aufnahme zu fragen habe ich mich nicht getraut. Letztendlich habe ich dann unbemerkt aufgenommen.

Wenn man die Reportage liest, hat man das Gefühl, Manila ist dunkel, feucht und dreckig. Ist das überstilisiert oder wirklich so?

Naja, man kann die Stadt natürlich auch anders beschreiben. Ich habe dort einen Ami kennengelernt, der sich mit Reisevideos seine Weltreise finanziert hat. Der war auch in den Slums unterwegs, hat aber immer so schöne Tageslichtszenen eingefangen nach dem Motto: Die Leute hier sind zwar sehr arm, aber die Kinder kommen trotzdem alle raus und man kann sie streicheln, voll schön alles! So kann mans auch machen. Aber ich war die meiste Zeit im Dunkeln unterwegs und in nicht so schönen Gegenden. Das ist der Teil der Stadt, der meine Reportage geprägt hat.

Wie kriegst du es hin, dass die Reportage so sinnlich wahrnehmbar ist?

Möglichst viele Notizen machen, wann immer es geht. Die Stimmung festhalten, überlegen: wie war das da gerade? Beim ersten Mal aufschreiben klingt das dann noch etwas einfältig oder noch nicht so ausgeschmückt. Bei der Geschichte hatte ich erst eine Version mit 95.000 Zeichen, also mehr als doppelt so lang. Dann habe ich mich immer weiter herangetastet und möglichst viele verschiedene Varianten und Begriffe ausprobiert. So wird die Geschichte nach und nach immer besser.

Wie sah dein Schreibprozess aus?

Ich habe mir richtig viel Zeit dafür genommen. Ich habe bestimmt 12 Arbeitstage nur geschrieben, immer wieder aufs Neue. Ich habe mir ein Motorrad gemietet und bin ein paar Tage in eine Hütte gefahren, wo wirklich niemand war. Dort habe ich 2-3 Tage versucht, mich zu sammeln. Ich habe immer schriftliche Notizen und Tonaufnahmen, die ich transkribiere. Dann packe ich alles in ein rohes Dokument und fange an, es von oben nach unten runterzuschreiben.

Warum hast du noch die Journalistin als Figur eingeführt?

Ich wollte mit einer Journalistin unterwegs sein, weil die aus relativ neutraler Sicht durch das Problem führt. Sie hilft beim Einordnen, wie eine Art Faktenblock. Mit ihr konnte man nochmal durch das Problem fahren und hat sich so den Infokasten gespart.

Warum bist du mit der Hundekampfszene eingestiegen?

Sie ist eine Metapher für dieses ganze System. Die, die ganz am Boden sind, treten gegeneinander an, und die, die das zu verantworten haben, schauen nicht einmal zu.

Nicht weiß schreiben: Interview mit Charlotte Wiedemann

„Weiß“ ist zu einem kontroversen Wort geworden. Für die einen bedeutet es, Wahrheiten zu hinterfragen, die vielleicht nur aus eurozentrischer Sicht gelten, und sich mit Privilegien auseinanderzusetzen, die über Jahrhunderte entstanden sind. Für andere bedeutet das Wort einen Angriff, die Angst davor sich schuldig fühlen zu müssen, eine weitere Zensur im Namen der „Political Correctness“. Da ich eher zu der ersten Gruppe gehöre, fand ich es toll, Charlotte Wiedemanns Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ (2012) zum Geburtstag zu bekommen, und habe es in wenigen Tagen durchgelesen. Das Buch ist – wie sie selbst sagt – weder eine Streitschrift gegen den Auslandsjournalismus an sich noch eine ulkige Betrachtung ihrer eigenen Erfahrungen im Iran, in Mali, Kambodscha, etc. … Es ist ein (selbst-)kritisches Nachdenken darüber, wie Journalist*innen in Europa, für Europa, von Europa aus über die Welt berichten. Wie es in anderen Ländern und Kulturen tatsächlich aussieht, entspricht dabei oft nicht den Erwartungen (oder Vorurteilen) des westlichen Publikums. Eigentlich steckt darin ja das ganze Dilemma des Journalismus: die Entscheidung zwischen wahrheitsgetreuer, möglichst objektiver Recherche einerseits und dem Druck, das Ding verkaufen zu müssen andererseits.

Charlotte Wiedemann ist 1954 geboren und arbeitet seit 1999 als Auslandsreporterin mit Schwerpunkten in Mali, Südostasien und dem Iran.

In Ihrem Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ sagen Sie: „Zurückhaltend und zweifelnd zu sein, das passt nicht ins gängige Berufsbild einer Reporterin.“ Warum nicht?

Diese Eigenschaften klingen nicht so sehr nach Durchsetzungsfähigkeit. Bei der journalistischen Ausbildung, zum Beispiel bei meiner Ausbildung an der Hamburger Journalistenschule (heute Henri-Nannen-Schule), wird man schon sehr auf Konkurrenz getrimmt. Man soll sich durchsetzen, soll die Ellbogen ausbreiten und so weiter. Ich bin zwar auch ehrgeizig, habe aber schon immer eine andere Herangehensweise für mich gesehen.

Welche?

Einerseits habe ich fast immer sehr gründlich gearbeitet aus Angst Fehler zu machen. Es gibt ja auch Kolleginnen und Kollegen, die mit großer Selbstsicherheit rangehen und denken: Mir passieren schon keine Fehler. Die habe ich eigentlich oft beneidet. Aber weil ich Zweifel hatte, war ich sehr gründlich. Und zum Anderen habe ich in den Jahren, als ich noch nicht Auslandsjournalistin war, sehr viele Portraits geschrieben. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir das ganz gut liegt, dass ich durch meine Art Fragen zu stellen und den Leuten Raum zu geben, sich zu äußern, ziemlich viel erfahren habe.

In Ihrem Buch kritisieren Sie „Framing“, wie es in den westlichen Medien betrieben wird. Könnten Sie den Begriff kurz erklären?

„Framing“ ist ein Begriff aus der Medienwissenschaft. Ich bin darauf gestoßen, weil ich beobachtet habe, dass gerade im Auslandsjournalismus ein Ausschnitt gewählt wird, der aufregend, spannend, provokant sein soll, und dass alles drum herum weggelassen wird. Sehr oft entstehen durch das Weglassen des Drumherum und durch die Art, wie der Ausschnitt gewählt wird, falsche Nachrichten. Für mich bedeutet der Ausdruck Fake News, der ja erst wesentlich später aufgekommen ist, genau dieses Nicht-Einordnen oder falsche Einordnen. Dadurch entsteht die viel gravierender falsche Berichterstattung als dort, wo wir sie offensichtlich durch Fakten-Check oder durch Zweifel an der Quelle aufklären können. Beim Framing wird in der Regel nichts aufgeklärt. Das gilt oft für große komplizierte Konflikte, die einfach einmal in einer bestimmten Weise eingerahmt werden: so haben sie dann zu sein und so werden sie ständig weiter berichtet. Da kommen die Korrespondenten auch nicht mehr raus, weil das dann als Wahrheit gilt.

An welchen Punkten des Entstehungsprozesses kann man einhaken, um den westlichen, weißen Frame zu vermeiden?

Man muss sich durchsetzen können gegen falsche Annahmen von Redakteuren in einer Zentrale, also gegen die sogenannten Gate-Keeper. Sie produzieren nicht selber die Berichte, entscheiden aber, was für Aufträge vergeben werden und was für Texte in ein Blatt reinkommen. Es passiert einfach zu oft, dass Journalisten einknicken vor dem, was so ein Gatekeeper oder eine Gatekeeperin für Vorstellungen von einem Thema hat. Kollege X sitzt irgendwo in Afrika und der Gatekeeper sitzt in Hamburg und sagt ihm aber, wie er jetzt das Thema angehen soll, weil es nur so ins Programm passt. Dann passiert es oft, dass der Kollege in Afrika – weil er endlich mal wieder in die Sendung rein will –  einem Zuschnitt des Themas folgt, den er eigentlich nicht richtig findet.

Was macht man, wenn man irgendwohin geschickt wird, um eine Geschichte aufzuschreiben und dann merkt, dass eigentlich eine andere Geschichte erzählt werden sollte?

Man sollte auf jeden Fall die Geschichte erzählen, die die Realität, so wie man sie erlebt, widergibt. Die Leute, die „draußen“ als Korrespondenten oder freie Reporter sind, die haben oft einen guten Zugriff auf die Dinge. Die sind eigentlich nicht so die Adressaten meiner Kritik, sondern vielmehr die in der Redaktion.

Aber woher weiß man denn, was „die Realität“ ist und welche Geschichte erzählt werden sollte?

In der Regel spricht man ja mit ziemlich vielen Leuten. Und man muss gut vorbereitet sein. Schlecht ist hingegen diese Art Hubschrauber-Journalismus: Irgendwo poppt eine Krise hoch, von der die Leute angeblich noch nie was gehört haben, obwohl es sie schon längst gab, aber irgendwie poppt sie halt hoch ins Bewusstsein hiesiger Redaktionen. Dann düst jemand los, springt da ab, liest im Flieger noch schnell ein paar Seiten Wikipedia durch, ist vielleicht noch von einem schlechten Dolmetscher abhängig und ist froh, wenn er in der kurzen Zeit überhaupt ein paar Leute findet: die Chance, dass daraus etwas Gutes wird, ist schon ziemlich gering. Aber wenn man gut vorbereitet kommt und sich schon vorher überlegt, wer übersetzt und als Fixer assistiert, dann kann man eigentlich auch in einer kurzen Zeit sehr viel an Wissen sammeln. Die Leute, die diese Recherchen machen, wissen dann eigentlich, was angemessen ist zu berichten. Die Frage ist eher, ob das spannend genug für die Redaktion ist.

Sie schreiben von einer Gruppensubjektivität: dass wir als weiße oder westliche Journalist*innen mit all unseren Unterschieden trotzdem einen grundsätzlich eurozentrischen Blickwinkel teilen. Macht es dann überhaupt noch Sinn, als Deutsche eine Reportage in Mali, Ägypten oder woanders zu schreiben?

Da hätte ich mich selber und meinen Beruf ja längst abschaffen müssen, wenn ich der Meinung wäre, ich könnte nicht auch guten Journalismus machen. Aber meinen Versuch, nicht weiß zu schreiben, habe ich versucht, in meinen Büchern über Mali und den Iran umzusetzen: in dem über Mali, da äußern sich nur Malier über Mali. Es reicht ja schon, dass ich das Buch schreibe und das mit meiner ganzen Subjektivität und Gruppensubjektivität aufnehme und einfärbe. Dann sollen nicht auch noch lauter deutsche Experten gehört werden. In dem Buch kommen also nur Leute aus Mali oder Afrika zu Wort. Und im Buch über Iran habe ich es – bis auf einen einzigen österreichischen Iranisten – auch so gemacht. So will ich nicht nur meine eigene Subjektivität kontrollieren, sondern den Leuten auch möglichst viel Hoheit über ihr eigenes Land und ihre eigene Kultur geben. Da braucht man in der Regel nicht noch andere weiße Köpfe, die das kommentieren.

Sie haben viel mit Dolmetschern gearbeitet und schreiben auch darüber in Ihrem Buch. Was bringt das für Schwierigkeiten mit sich und wie kann man damit umgehen?

Ich hab ja mit Auslandsarbeit in Südostasien angefangen, wo man sich auf sehr vielen Sprachen gut verständigen kann. Aber wenn ich in Kambodscha bin, müssen die Interviews auf Khmer übersetzt werden. Die Qualität meiner Arbeit hängt dann zentral von der Qualität des Dolmetschers ab. Darum verwende ich sehr viel Zeit darauf, eine gute Person zu finden. Ich schreibe keine Nachrichten und will keine Zusammenfassung. Es gibt Leute, die das auf Anhieb verstehen und es gibt Leute, die große Schwierigkeiten damit haben. Gerade wegen des Bildungsgefälles in armen Ländern, neigen manche dazu, das, was ungebildetere Leute sagen, zusammenzufassen und ihren eigenen Sinn dazuzugeben. Sie denken, der Bauer sagt ja sonst nix, was man einem Ausländer präsentieren kann. Darum arbeite ich eigentlich nur mit Leuten, die eins zu eins widergeben, wie die Leute sprechen. Mit denen zu arbeiten, finde ich dann sogar besonders schön, weil ich sie danach fragen kann, wie sie es fanden, wie es auf sie gewirkt hat. Das ist eine zusätzliche Quelle des besseren Verständnisses. Natürlich geht durch die Übersetzung immer auch etwas verloren, aber das ist dann eben so.

Sie beschreiben, dass in der Nachrichtenwelt immer Ausnahmezustand herrscht, dass zwingend immer eine Dramatik gesucht oder erfunden werden muss. Sollte man tagesaktuelle Nachrichten einfach abschaffen?

Was ich schrecklich finde, ist diese Kombination davon, dass alle das Gleiche berichten und trotzdem in Konkurrenz zueinander stehen. Alle jagen danach, noch eine Zehntelsekunde früher zu berichten, aber eigentlich berichten alle null. Wenn ein Baum auf eine Schiene fällt, muss man gleich Bilder vom Baum auf der Schiene haben, obwohl alle wissen, wie ein Baum auf einer Schiene aussieht. Dieses Prinzip, das früher bei sogenannten internationalen Krisen praktiziert wurde, hat sich auf alle Bereiche ausgedehnt. Auch auf eine Koalitionsverhandlung: Warum müssen wir ständig wissen, was die Leute sagen, die vor einem Parteigebäude im Dunkeln stehen und sagen, sie wissen noch nichts? Das ist albern.

Gibt es irgendeine Faustregel, die Ihrer Meinung nach totaler Quatsch ist?

Ja, der Satz „Ein guter Journalist soll sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.“ Den hab ich immer für Schwachsinn gehalten, weil sich sehr viele Journalisten, ohne sich darüber klar zu sein, mit sehr vielen Dingen gemein machen: mit unserem Wirtschaftssystem zum Beispiel oder mit bestimmten Auffassungen über das Verhältnis von Europa zum Rest der Welt. Von daher machen sich viele Journalisten mit Sachen gemein, für die sie sich nicht rechtfertigen müssen, solange sie zum Mainstream gehören. Man muss sich erst rechtfertigen, wenn man nicht mehr zum Mainstream gehört, sondern andere Sichtweisen hat.

Wie läuft die Planung für eine Recherchereise im Ausland ab?

Das ist je nach Land sehr unterschiedlich. Im Iran ist das Schwierigste immer, das Visum zu bekommen. Man braucht einen Brief der Redaktion, der das Thema begründet. Und dann bekommt man nur so ein Visum für 10 Tage, schlimmstenfalls sogar weniger. Das heißt, dass man im Vorhinein die Dinge sehr gut planen muss, um die Zeit nutzen zu können. Und doch stellt man immer wieder fest, dass Vieles sich vorab gar nicht planen lässt. In Mali hingegen ist es anders, ich kriege ganz einfach ein Visum, brauche nicht mal ein Pressevisum, bin zeitlich nicht eingeschränkt. Gleichzeitig kann man noch viel weniger vorab planen, weil die Leute einfach nicht so ein deutsches Terminwesen kennen, sodass man alles immer erst machen kann, wenn man schon vor Ort ist.

Wie ist Ihre Ausrüstung, wenn Sie zu einem Interview- oder Recherchetermin gehen?

Ich nehme eigentlich nie Ton auf. Nur französische Interviews nehme ich auf, um später sicher zu sein, dass ich alles richtig verstanden habe. Aber bei Interviews auf Englisch mache ich mir Notizen. Ich fotografiere mittlerweile ziemlich viel mit dem Smartphone als Gedächtnisstütze. Ein Smartphone wird meistens nicht so wie ein Fotoapparat betrachtet. Beim Fotoapparat wollen die Leute immer wissen, was man fotografiert. Da aber ständig alle Leute mit ihren Smartphones rumfummeln, kann man unauffällig alles Mögliche fotografieren – zum Beispiel eine Büroeinrichtung, die man seltsam findet.

Wie läuft Ihr Schreibprozess ab?

Ich schreibe mir sehr viel von meinen Notizen noch einmal am Computer ab. Eigentlich wäre das gar nicht nötig, aber ich brauche das irgendwie, um alles zu verarbeiten. Später gucke ich da meist gar nicht rein, weil ich schon alles im Kopf sortiert habe. Beim Schreiben bin ich auch nicht wahnsinnig schnell. Jedenfalls nicht schneller als ich denken kann. Früher hab ich viel nachts geschrieben, aber wenn man älter wird, ist man einfach irgendwann zu müde. Früher konnte ich Texte auch nur schreiben, wenn ich einen guten Einstieg hatte. Irgendwann habe ich mir dann angewöhnt, dass ich Texte auch von hinten schreiben kann, indem ich mit dem Schluss anfange und dann die Mitte schreibe: also erstmal die Sachen, die einem leichter fallen.

Woran erkennen Sie einen schlechten Text?

Ich bin sehr empfindlich, was Sprache angeht. Wenn schon gleich im ersten Absatz mehrere Worte sind, von denen ich denke, die sind nicht treffend, nicht passend, oder sind abgenutzt, dann hat der Text bei mir keine Chance mehr.

Zuletzt noch eine ganz pragmatische Frage für jemanden, der gerne Auslandsreporterin oder -reporter werden würde: Lässt sich das mit einem Familienleben vereinbaren?

Ich selber habe keine Kinder, von daher kann ich das persönlich nicht so gut beantworten. Es ist ja so, dass eine ganze Reihe von Männern diesen Job machen, indem sie eine anpassungsbereite Frau haben und das Familienleben sich dann von Land zu Land mitbewegt. Ich denke, für eine moderne Familie, wo sich die Leute gleichberechtigt um Kinder kümmern, ist das schon eine echte Herausforderung.