Nicht weiß schreiben: Interview mit Charlotte Wiedemann

„Weiß“ ist zu einem kontroversen Wort geworden. Für die einen bedeutet es, Wahrheiten zu hinterfragen, die vielleicht nur aus eurozentrischer Sicht gelten, und sich mit Privilegien auseinanderzusetzen, die über Jahrhunderte entstanden sind. Für andere bedeutet das Wort einen Angriff, die Angst davor sich schuldig fühlen zu müssen, eine weitere Zensur im Namen der „Political Correctness“. Da ich eher zu der ersten Gruppe gehöre, fand ich es toll, Charlotte Wiedemanns Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ (2012) zum Geburtstag zu bekommen, und habe es in wenigen Tagen durchgelesen. Das Buch ist – wie sie selbst sagt – weder eine Streitschrift gegen den Auslandsjournalismus an sich noch eine ulkige Betrachtung ihrer eigenen Erfahrungen im Iran, in Mali, Kambodscha, etc. … Es ist ein (selbst-)kritisches Nachdenken darüber, wie Journalist*innen in Europa, für Europa, von Europa aus über die Welt berichten. Wie es in anderen Ländern und Kulturen tatsächlich aussieht, entspricht dabei oft nicht den Erwartungen (oder Vorurteilen) des westlichen Publikums. Eigentlich steckt darin ja das ganze Dilemma des Journalismus: die Entscheidung zwischen wahrheitsgetreuer, möglichst objektiver Recherche einerseits und dem Druck, das Ding verkaufen zu müssen andererseits.

Charlotte Wiedemann ist 1954 geboren und arbeitet seit 1999 als Auslandsreporterin mit Schwerpunkten in Mali, Südostasien und dem Iran.

In Ihrem Buch „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben“ sagen Sie: „Zurückhaltend und zweifelnd zu sein, das passt nicht ins gängige Berufsbild einer Reporterin.“ Warum nicht?

Diese Eigenschaften klingen nicht so sehr nach Durchsetzungsfähigkeit. Bei der journalistischen Ausbildung, zum Beispiel bei meiner Ausbildung an der Hamburger Journalistenschule (heute Henri-Nannen-Schule), wird man schon sehr auf Konkurrenz getrimmt. Man soll sich durchsetzen, soll die Ellbogen ausbreiten und so weiter. Ich bin zwar auch ehrgeizig, habe aber schon immer eine andere Herangehensweise für mich gesehen.

Welche?

Einerseits habe ich fast immer sehr gründlich gearbeitet aus Angst Fehler zu machen. Es gibt ja auch Kolleginnen und Kollegen, die mit großer Selbstsicherheit rangehen und denken: Mir passieren schon keine Fehler. Die habe ich eigentlich oft beneidet. Aber weil ich Zweifel hatte, war ich sehr gründlich. Und zum Anderen habe ich in den Jahren, als ich noch nicht Auslandsjournalistin war, sehr viele Portraits geschrieben. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir das ganz gut liegt, dass ich durch meine Art Fragen zu stellen und den Leuten Raum zu geben, sich zu äußern, ziemlich viel erfahren habe.

In Ihrem Buch kritisieren Sie „Framing“, wie es in den westlichen Medien betrieben wird. Könnten Sie den Begriff kurz erklären?

„Framing“ ist ein Begriff aus der Medienwissenschaft. Ich bin darauf gestoßen, weil ich beobachtet habe, dass gerade im Auslandsjournalismus ein Ausschnitt gewählt wird, der aufregend, spannend, provokant sein soll, und dass alles drum herum weggelassen wird. Sehr oft entstehen durch das Weglassen des Drumherum und durch die Art, wie der Ausschnitt gewählt wird, falsche Nachrichten. Für mich bedeutet der Ausdruck Fake News, der ja erst wesentlich später aufgekommen ist, genau dieses Nicht-Einordnen oder falsche Einordnen. Dadurch entsteht die viel gravierender falsche Berichterstattung als dort, wo wir sie offensichtlich durch Fakten-Check oder durch Zweifel an der Quelle aufklären können. Beim Framing wird in der Regel nichts aufgeklärt. Das gilt oft für große komplizierte Konflikte, die einfach einmal in einer bestimmten Weise eingerahmt werden: so haben sie dann zu sein und so werden sie ständig weiter berichtet. Da kommen die Korrespondenten auch nicht mehr raus, weil das dann als Wahrheit gilt.

An welchen Punkten des Entstehungsprozesses kann man einhaken, um den westlichen, weißen Frame zu vermeiden?

Man muss sich durchsetzen können gegen falsche Annahmen von Redakteuren in einer Zentrale, also gegen die sogenannten Gate-Keeper. Sie produzieren nicht selber die Berichte, entscheiden aber, was für Aufträge vergeben werden und was für Texte in ein Blatt reinkommen. Es passiert einfach zu oft, dass Journalisten einknicken vor dem, was so ein Gatekeeper oder eine Gatekeeperin für Vorstellungen von einem Thema hat. Kollege X sitzt irgendwo in Afrika und der Gatekeeper sitzt in Hamburg und sagt ihm aber, wie er jetzt das Thema angehen soll, weil es nur so ins Programm passt. Dann passiert es oft, dass der Kollege in Afrika – weil er endlich mal wieder in die Sendung rein will –  einem Zuschnitt des Themas folgt, den er eigentlich nicht richtig findet.

Was macht man, wenn man irgendwohin geschickt wird, um eine Geschichte aufzuschreiben und dann merkt, dass eigentlich eine andere Geschichte erzählt werden sollte?

Man sollte auf jeden Fall die Geschichte erzählen, die die Realität, so wie man sie erlebt, widergibt. Die Leute, die „draußen“ als Korrespondenten oder freie Reporter sind, die haben oft einen guten Zugriff auf die Dinge. Die sind eigentlich nicht so die Adressaten meiner Kritik, sondern vielmehr die in der Redaktion.

Aber woher weiß man denn, was „die Realität“ ist und welche Geschichte erzählt werden sollte?

In der Regel spricht man ja mit ziemlich vielen Leuten. Und man muss gut vorbereitet sein. Schlecht ist hingegen diese Art Hubschrauber-Journalismus: Irgendwo poppt eine Krise hoch, von der die Leute angeblich noch nie was gehört haben, obwohl es sie schon längst gab, aber irgendwie poppt sie halt hoch ins Bewusstsein hiesiger Redaktionen. Dann düst jemand los, springt da ab, liest im Flieger noch schnell ein paar Seiten Wikipedia durch, ist vielleicht noch von einem schlechten Dolmetscher abhängig und ist froh, wenn er in der kurzen Zeit überhaupt ein paar Leute findet: die Chance, dass daraus etwas Gutes wird, ist schon ziemlich gering. Aber wenn man gut vorbereitet kommt und sich schon vorher überlegt, wer übersetzt und als Fixer assistiert, dann kann man eigentlich auch in einer kurzen Zeit sehr viel an Wissen sammeln. Die Leute, die diese Recherchen machen, wissen dann eigentlich, was angemessen ist zu berichten. Die Frage ist eher, ob das spannend genug für die Redaktion ist.

Sie schreiben von einer Gruppensubjektivität: dass wir als weiße oder westliche Journalist*innen mit all unseren Unterschieden trotzdem einen grundsätzlich eurozentrischen Blickwinkel teilen. Macht es dann überhaupt noch Sinn, als Deutsche eine Reportage in Mali, Ägypten oder woanders zu schreiben?

Da hätte ich mich selber und meinen Beruf ja längst abschaffen müssen, wenn ich der Meinung wäre, ich könnte nicht auch guten Journalismus machen. Aber meinen Versuch, nicht weiß zu schreiben, habe ich versucht, in meinen Büchern über Mali und den Iran umzusetzen: in dem über Mali, da äußern sich nur Malier über Mali. Es reicht ja schon, dass ich das Buch schreibe und das mit meiner ganzen Subjektivität und Gruppensubjektivität aufnehme und einfärbe. Dann sollen nicht auch noch lauter deutsche Experten gehört werden. In dem Buch kommen also nur Leute aus Mali oder Afrika zu Wort. Und im Buch über Iran habe ich es – bis auf einen einzigen österreichischen Iranisten – auch so gemacht. So will ich nicht nur meine eigene Subjektivität kontrollieren, sondern den Leuten auch möglichst viel Hoheit über ihr eigenes Land und ihre eigene Kultur geben. Da braucht man in der Regel nicht noch andere weiße Köpfe, die das kommentieren.

Sie haben viel mit Dolmetschern gearbeitet und schreiben auch darüber in Ihrem Buch. Was bringt das für Schwierigkeiten mit sich und wie kann man damit umgehen?

Ich hab ja mit Auslandsarbeit in Südostasien angefangen, wo man sich auf sehr vielen Sprachen gut verständigen kann. Aber wenn ich in Kambodscha bin, müssen die Interviews auf Khmer übersetzt werden. Die Qualität meiner Arbeit hängt dann zentral von der Qualität des Dolmetschers ab. Darum verwende ich sehr viel Zeit darauf, eine gute Person zu finden. Ich schreibe keine Nachrichten und will keine Zusammenfassung. Es gibt Leute, die das auf Anhieb verstehen und es gibt Leute, die große Schwierigkeiten damit haben. Gerade wegen des Bildungsgefälles in armen Ländern, neigen manche dazu, das, was ungebildetere Leute sagen, zusammenzufassen und ihren eigenen Sinn dazuzugeben. Sie denken, der Bauer sagt ja sonst nix, was man einem Ausländer präsentieren kann. Darum arbeite ich eigentlich nur mit Leuten, die eins zu eins widergeben, wie die Leute sprechen. Mit denen zu arbeiten, finde ich dann sogar besonders schön, weil ich sie danach fragen kann, wie sie es fanden, wie es auf sie gewirkt hat. Das ist eine zusätzliche Quelle des besseren Verständnisses. Natürlich geht durch die Übersetzung immer auch etwas verloren, aber das ist dann eben so.

Sie beschreiben, dass in der Nachrichtenwelt immer Ausnahmezustand herrscht, dass zwingend immer eine Dramatik gesucht oder erfunden werden muss. Sollte man tagesaktuelle Nachrichten einfach abschaffen?

Was ich schrecklich finde, ist diese Kombination davon, dass alle das Gleiche berichten und trotzdem in Konkurrenz zueinander stehen. Alle jagen danach, noch eine Zehntelsekunde früher zu berichten, aber eigentlich berichten alle null. Wenn ein Baum auf eine Schiene fällt, muss man gleich Bilder vom Baum auf der Schiene haben, obwohl alle wissen, wie ein Baum auf einer Schiene aussieht. Dieses Prinzip, das früher bei sogenannten internationalen Krisen praktiziert wurde, hat sich auf alle Bereiche ausgedehnt. Auch auf eine Koalitionsverhandlung: Warum müssen wir ständig wissen, was die Leute sagen, die vor einem Parteigebäude im Dunkeln stehen und sagen, sie wissen noch nichts? Das ist albern.

Gibt es irgendeine Faustregel, die Ihrer Meinung nach totaler Quatsch ist?

Ja, der Satz „Ein guter Journalist soll sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.“ Den hab ich immer für Schwachsinn gehalten, weil sich sehr viele Journalisten, ohne sich darüber klar zu sein, mit sehr vielen Dingen gemein machen: mit unserem Wirtschaftssystem zum Beispiel oder mit bestimmten Auffassungen über das Verhältnis von Europa zum Rest der Welt. Von daher machen sich viele Journalisten mit Sachen gemein, für die sie sich nicht rechtfertigen müssen, solange sie zum Mainstream gehören. Man muss sich erst rechtfertigen, wenn man nicht mehr zum Mainstream gehört, sondern andere Sichtweisen hat.

Wie läuft die Planung für eine Recherchereise im Ausland ab?

Das ist je nach Land sehr unterschiedlich. Im Iran ist das Schwierigste immer, das Visum zu bekommen. Man braucht einen Brief der Redaktion, der das Thema begründet. Und dann bekommt man nur so ein Visum für 10 Tage, schlimmstenfalls sogar weniger. Das heißt, dass man im Vorhinein die Dinge sehr gut planen muss, um die Zeit nutzen zu können. Und doch stellt man immer wieder fest, dass Vieles sich vorab gar nicht planen lässt. In Mali hingegen ist es anders, ich kriege ganz einfach ein Visum, brauche nicht mal ein Pressevisum, bin zeitlich nicht eingeschränkt. Gleichzeitig kann man noch viel weniger vorab planen, weil die Leute einfach nicht so ein deutsches Terminwesen kennen, sodass man alles immer erst machen kann, wenn man schon vor Ort ist.

Wie ist Ihre Ausrüstung, wenn Sie zu einem Interview- oder Recherchetermin gehen?

Ich nehme eigentlich nie Ton auf. Nur französische Interviews nehme ich auf, um später sicher zu sein, dass ich alles richtig verstanden habe. Aber bei Interviews auf Englisch mache ich mir Notizen. Ich fotografiere mittlerweile ziemlich viel mit dem Smartphone als Gedächtnisstütze. Ein Smartphone wird meistens nicht so wie ein Fotoapparat betrachtet. Beim Fotoapparat wollen die Leute immer wissen, was man fotografiert. Da aber ständig alle Leute mit ihren Smartphones rumfummeln, kann man unauffällig alles Mögliche fotografieren – zum Beispiel eine Büroeinrichtung, die man seltsam findet.

Wie läuft Ihr Schreibprozess ab?

Ich schreibe mir sehr viel von meinen Notizen noch einmal am Computer ab. Eigentlich wäre das gar nicht nötig, aber ich brauche das irgendwie, um alles zu verarbeiten. Später gucke ich da meist gar nicht rein, weil ich schon alles im Kopf sortiert habe. Beim Schreiben bin ich auch nicht wahnsinnig schnell. Jedenfalls nicht schneller als ich denken kann. Früher hab ich viel nachts geschrieben, aber wenn man älter wird, ist man einfach irgendwann zu müde. Früher konnte ich Texte auch nur schreiben, wenn ich einen guten Einstieg hatte. Irgendwann habe ich mir dann angewöhnt, dass ich Texte auch von hinten schreiben kann, indem ich mit dem Schluss anfange und dann die Mitte schreibe: also erstmal die Sachen, die einem leichter fallen.

Woran erkennen Sie einen schlechten Text?

Ich bin sehr empfindlich, was Sprache angeht. Wenn schon gleich im ersten Absatz mehrere Worte sind, von denen ich denke, die sind nicht treffend, nicht passend, oder sind abgenutzt, dann hat der Text bei mir keine Chance mehr.

Zuletzt noch eine ganz pragmatische Frage für jemanden, der gerne Auslandsreporterin oder -reporter werden würde: Lässt sich das mit einem Familienleben vereinbaren?

Ich selber habe keine Kinder, von daher kann ich das persönlich nicht so gut beantworten. Es ist ja so, dass eine ganze Reihe von Männern diesen Job machen, indem sie eine anpassungsbereite Frau haben und das Familienleben sich dann von Land zu Land mitbewegt. Ich denke, für eine moderne Familie, wo sich die Leute gleichberechtigt um Kinder kümmern, ist das schon eine echte Herausforderung.

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Fair berichten… auch über die AfD: Interview mit Caterina Lobenstein

Dass wirkliche Objektivität im Journalismus unmöglich ist, sollte uns allen klar sein. Wie wir formulieren, welche Quellen wir in welchem Umfang zu Wort kommen lassen, welche Themen wir relevant genug finden, um sie in der Redaktion durchzusetzen – all das ist subjektiv. Okay, finden wir uns damit ab. Was wir trotzdem tun können, ist fair zu schreiben. Besonders ist mir bei der Berichterstattung über die AfD und ihre Wähler*innen aufgefallen, dass es plötzlich in Ordnung zu sein schien, persönliche Haltungen in Nachrichtenbeiträge einfließen zu lassen, ohne das als Kommentar zu kennzeichnen; als sei die Ablehnung bestimmter politischer Gruppierungen ohnehin gesellschaftlicher Konsens oder Fakt. Darum fand ich Caterina Lobensteins Reportage „AfD in Bitterfeld: Hier herrscht Klassenkampf“ so beeindruckend. Zurückhaltend und wertfrei versucht sie sich und ihrem Publikum die Frage zu beantworten: Warum wählen so viele Menschen diese Partei? Und die Antwort darauf lautet ausnahmsweise nicht: Weil das so ungebildete, ostdeutsche Proleten sind. Caterina Lobenstein sagt: „Natürlich habe ich eine persönliche Haltung, aber gerade in der Geschichte über die AfD ging es ja wirklich ums Verstehenwollen.“ Verstehenwollen, Verständnis schaffen, das mag weniger mitreißen als ein gemeinsames Herziehen über einen Trump, eine AfD, einen Berliner Flughafenbau. Ich halte es jedoch für zielführender.

Caterina Lobenstein (34) ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft der ZEIT.

In deiner Reportage über die AfD in Bitterfeld schreibst Du: „Nirgendwo erhielt die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt so viele Stimmen wie in Bitterfeld-Wolfen. In den Tagen nach der Wahl kamen Reporter in die Stadt, aus Hamburg und Berlin, aus Großbritannien und den USA. Sie wollten wissen, warum so viele Leute hier der AfD ihre Stimme gegeben hatten. Sie filmten auf dem Marktplatz, sie zeigten Menschen, die graue Jogginghosen trugen und fettige Bratwurst aßen, die Flüchtlinge ‚Neger‘ nannten und Politiker ‚Verbrecher‘”. Steckt da eine Kritik an den Medien drin?

Ich hab die Berichterstattung oft als klischeebehaftet empfunden. Manchmal musste ich daran denken, wie ich in den 90er Jahren mit meinen Eltern vor dem Fernseher saß und mein Vater sich darüber aufgeregt hat, dass die Reporter immer genau die Ossis vor die Kamera geholt haben, die die schmuddeligste Jogginghose trugen und das fieseste Sächsisch sprachen. Ich will gar nicht bestreiten, dass es all das in Bitterfeld gibt, was da in den Videos und Fernsehsendungen gezeigt wurde. Aber ich hatte das Gefühl, es erklärt nicht besonders viel. Es erklärt zum Beispiel nicht, warum in einer Arbeiterstadt wie Bitterfeld kaum jemand mehr die klassischen Arbeiterparteien wählt, die Linke, die SPD. Meine Familie wohnt nicht weit entfernt von Bitterfeld in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Da war die Zustimmung zur AfD von Anfang an ähnlich groß. Wir haben uns immer wieder gefragt: Warum ist das eigentlich so? Warum fühlen sich diese Menschen von anderen Parteien nicht mehr vertreten? Und hat das wirklich nur was mit den Flüchtlingen zu tun? Ich habe dazu relativ wenig gelesen, wo ich danach das Gefühl hatte: Jetzt verstehe ich das.

Es gibt ja sogar den Vorwurf, dass die Medien selber zum Aufstieg der AfD beigetragen haben.

Ich glaube nicht, dass die Medien daran Schuld sind. Die AfD ist eine Partei, und wenn Leute die wählen, dann ist das erstmal ein Fakt und Journalisten berichten darüber. Es gibt natürlich dieses große Misstrauen unter AfD-Wählern und AfD-Politikern gegenüber Journalisten, das hab ich selbst erlebt, bei Parteitagen oder im Gespräch mit Wählern. Ich glaube aber, wir sind nicht der Auslöser, sondern vielleicht eher eine Art Verstärker dieser Elitenskepsis oder des Elitenhasses, der viele Menschen zur AfD getrieben hat. Wir sind Teil jener vermeintlichen Elite, der viele AfD-Wähler misstrauen.

Dein Text hebt sich ja ein bisschen ab von der typischen Berichterstattung. Er schafft schon fast Sympathie oder zumindest Verständnis. Wie haben die Leser*innen und Kolleg*innen darauf reagiert?

Ich finde nicht, dass ich in dem Text zu nett war. Ich habe versucht unvoreingenommen zu sein und war eher daran interessiert, die Protagonistin des Textes zu verstehen, als sie damit zu konfrontieren, dass ich nicht ihrer Meinung bin. Das war manchmal nicht ganz einfach, weil sie zum Teil sehr heftige Worte gewählt hat. Ich hab ihr vor allem zugehört und irgendwann fast gar nichts mehr gesagt. Sie hatte eine Menge zu erzählen. Wir haben bestimmt vier Stunden zusammen gesessen, viel Kaffee getrunken und viele Zigaretten geraucht.

Insgesamt habe ich erstaunlich viel positives Feedback für den Text bekommen. Zu der Zeit habe ich immer mal wieder über die AfD geschrieben, vor allem aber hab ich mich mit dem Thema Flucht und Migration beschäftigt. Ich bekomme da in der Regel sehr kritische Leserbriefe und auch heftige, hasserfüllte Reaktionen. Meistens von rechts, manchmal auch von links. Über diesen Artikel haben aber sowohl AfD-Wähler als auch AfD-Kritiker gesagt, dass sie ihn fair und aufschlussreich fanden.

Wie kann man als Journalistin der sozialen Spaltung entgegenwirken?

Ich glaube, indem man versucht, sich von Vorurteilen zu lösen und von allzu schnell gefassten Erklärungen. Es hilft gut zuzuhören und offene Fragen zu stellen; nicht Verurteilungen in Fragen zu verkleiden und sie den Interviewpartnern aufzutischen. Am besten hört man so vielen Seiten wie möglich zu, aber ohne, dass am Ende daraus ein dramaturgisches Wischi-Waschi wird, so ein Einerseits-Andererseits-Text, in dem einfach ein Argument ans nächste gereiht wird. Nach dem Zuhören muss man einordnen, man muss prüfen, wie stichhaltig die Argumente sind. Ob die Fakten stimmen, auf die sie sich stützen und welche Grundannahmen eigentlich dahinter stecken.

Waren die Protagonist*innen in Bitterfeld nicht sehr misstrauisch, dass jemand von der ZEIT über sie berichten möchte?

Ja. Meine Protagonistin, eine Arbeiterin, die 20 Jahre lang Nichtwählerin war und nun in der AfD ihre politische Heimat gefunden hat – Diana Riemann habe ich sie in dem Text genannt – die war anfangs  sehr misstrauisch. Sie hat die ZEIT nie gelesen, aber sie hatte von der ZEIT gehört, als Teil des vermeintlichen medialen Lügenkonglomerats. Ich fand es bei ihr auch deshalb nicht ganz einfach, weil sie anonym bleiben wollte. Ich bin ja in ihren Augen eine Vertreterin der Lügenpresse. Das war eine Herausforderung, so viel Vertrauen zu schaffen, dass sie mir glaubt, dass ich mit ihrer Identität vorsichtig umgehe. Ich schicke nie fertige Texte an Protagonisten, aber ich habe ihr angeboten, dass wir später am Telefon all jene Details und Zitate abklopfen, die sie erkennbar machen könnten. Für den Text ist sowas oft bitter, der lebt ja von den Details. Ich habe Diana Riemann zum Beispiel gefragt, was für sie Luxus bedeutet. Sie hat dann etwas gesagt, was aus schreiberischer Sicht schön in den Text gepasst hätte, ein Detail, das einem als Leser plastisch vor Augen führt, wie wenig Geld diese Frau im Alltag zur Verfügung hat. Etwas, was sie gerne konsumiert und sich einmal im Monat leistet. Aber da hat sie gesagt: Wenn Sie das aufschreiben, dann weiß sofort jeder in meinem Betrieb, dass ich das bin, und dann verliere ich meinen Job.

Wie reagiert man als Journalistin auf so eine Aussage wie von Diana Riemann, die über Flüchtlinge spricht und sagt: “Dem Viehzeug steckt das Sozialamt Zucker in den Arsch.”?

Der Satz kam sehr unvermittelt, während wir Kuchen aßen, ich hab im ersten Moment gar nicht verstanden, was sie meint. Also hab ich nachgefragt, und da hat sie mich angeschaut und gesagt: Ja dem Viehzeug, den Ausländern, wem sonst? Ich hab sie gefragt, ob das keine normalen Menschen sind. Sie sagte: Nein. Ich habe bei dem Text lange überlegt, inwieweit ich die Sprache meiner Protagonisten übernehmen, wie viel Raum ich den Zitaten geben soll. Die Worte von Frau Riemann, aber auch die Kommentare vom Facebook-Profil eines AfD-Politikers aus Bitterfeld, die in dem Text vorkommen, sind in meinen Augen menschenverachtend. Wenn man für ein Medium mit mehreren Hunderttausend Lesern schreibt, bereitet man so einer Sprache eine Bühne. Andererseits finden Menschen, die so reden, ihre Bühne auch bei Facebook oder Twitter, in der Kneipe oder im Sportverein. Ich fand es wichtig, das zu zitieren, weil diese Art von Sprache Teil des Problems ist. Viele haben ja das Gefühl, seit es die AfD gibt, dürften sie endlich mal sagen, wie es wirklich ist. Als würden sie nicht hetzen, sondern einfach unverblümt sprechen. Als ich die Zitate von Frau Riemann abgetippt hatte, dachte ich: Uff, das lässt sie mir niemals durchgehen. Ich hab ihr dann die Zitate zum Autorisieren geschickt . Sie wollte nichts verändern. Sie hat nur gesagt: Gut, dass es mal in der Zeitung steht. Ich hab dann nochmal nachgehakt, ob sie sich sicher ist. Sie meinte nur: Jaja, warum denn nicht?

Über das Wohnzimmer von Diana Riemann schreibst Du: „Auf der Sofalehne sitzt ein Harlekin, in der Schrankwand ein Engel aus Porzellan.“ Ich habe diese Kitsch-Gegenstände direkt mit einem bestimmten sozialen Milieu assoziiert. Wie schafft man es, solche Assoziationen herzustellen, ohne herabwürdigend zu werden?

Ich finde das in der Tat schwierig. Welche Details wählt man aus, um jemanden zu beschreiben, welche lässt man weg? Welche verleihen einer Figur Farbe, welche führen sie vor? Wenn man Pech hat, tappt man mitten rein ins Klischee, wenn man Glück hat, schrammt man knapp daran vorbei. Ich fand es in diesem Text wichtig, dass man als Leser zumindest ein ungefähres Bild der Protagonistin bekommt. Ich konnte sie nicht äußerlich beschreiben, weil sie ja anonym bleiben musste. Ich wollte aber, dass einem beim Lesen klar wird, in was für einem Milieu man sich befindet. Sie hatte keine minimalistische dänische Vase in ihrem Wohnzimmer stehen, wie ein Hipster in Berlin, sondern eben einen Porzellanengel. Sie hatte keinen Parkettboden, sondern einfaches Laminat. Das allein sagt natürlich erstmal gar nichts. Aber ich glaube, dass man sich, auch auf wenig Platz, einem Protagonisten annähern kann, wenn man Details zusammenfügt. Äußerlichkeiten, Vorlieben, wie jemand spricht, wie jemand sich kleidet, was und wie jemand isst. Das alles erklärt noch nichts, aber es schafft Nähe und Atmosphäre.

Wie bereitest du dich in der Regel auf deine Recherchen vor?

Ich versuche so viel wie möglich zu lesen und mache mir ein Bild davon, was schon berichtet wurde. Vor dieser Geschichte habe ich mich viel auf den Facebook-Seiten der lokalen AfD-Politiker herumgetrieben und versucht zu verstehen, worum es da geht. Ich hab relativ schnell gemerkt, dass die nicht nur über Flüchtlinge reden, was meine erste Vermutung gewesen war, sondern auch über schlechte Löhne, über Schulen, die schließen müssen, über alte Leute, die von ihrer Rente nicht leben können, über Konzerne, die keine Steuern zahlen. Außerdem habe ich Politiker vor Ort angerufen, die Bürgermeisterin, ein paar Stadträte, um erstmal vom Telefon aus die Lage grob einzuschätzen. Dann habe ich gemerkt, dass der Landtags-Direktkandidat Daniel Roi, ein junger AfD-Politiker, ein guter Protagonist ist. Als ich ihn gefragt habe, warum die Arbeiter der Stadt ausgerechnet ihn wählen und nicht die Konkurrenz von der SPD, konnte er konkrete Geschichten erzählen und mir Orte zeigen, an denen man Antworten auf diese Frage findet. Über ihn kam am Ende auch der Kontakt zu Frau Riemann.

Wie lange hat die Recherche gedauert?

Mit Frau Riemann habe ich einen langen Nachmittag verbracht und dann bin ich noch einen Tag mit Daniel Roi durch die Stadt gefahren. Ich habe ihn gebeten, mit mir an die Orte zu fahren, an denen man die Probleme sieht, die die Wähler bewegen. Wir sind zu einem See gefahren, der privatisiert wurde. Zu alten Fabriken, zum Solarpark, auf den die Bitterfelder so viel Hoffnung gesetzt hatten und der heute fast verlassen ist.

Wie geht es nach der Recherche weiter?

Ich gehe meine Blöcke durch, höre die Bänder ab und tippe sie oft auch komplett ab. Das ist super ineffizient, das darf mein Chef eigentlich niemals hören. Ich hab meist viel zu viel Material und ein riesiges Word-Dokument, das mich jedes Mal killt. Das drucke ich mir aus und gehe mit dem Textmarker drüber. Erst dann fange ich an, den richtigen Text zusammenzubauen. Ich schätze, dass am Ende um die 90 Prozent der Informationen, Beschreibungen, Zitate, die ich gesammelt habe, wieder rausfallen. Ich bewundere Kollegen, die einfach den ersten Satz hinschreiben und dann den zweiten und dann den dritten, und nach einem Tag ist die Reportage fertig geschrieben.

Du gehörst  mit 34 Jahren zu einer jüngeren Generation von Journalist*innen. Was für Schwierigkeiten stehen Nachwuchsjournalist*innen bevor?

Die größte Schwierigkeit ist, dass in vielen Redaktionen nicht mehr viel Geld ausgegeben wird und dass es schwierig ist, an eine Stelle zu kommen, die einem den größten journalistischen Luxus gewährt: Zeit. Es gibt viele Bewerber für wenige Stellen und wenig Geld für Freie. Als Redakteurin merke ich ja, wie wenig da ist, um freie Autoren zu bezahlen. Das ist nicht schön, Honorare anbieten zu müssen, bei denen ich aus eigener Erfahrung weiß, dass sie nicht reichen, um die Miete zu zahlen. Nicht, wenn man sich für die Texte Zeit nimmt und sich Mühe gibt. Und weil weniger Geld da ist, herrscht auch weniger Verständnis dafür, dass Recherchen auch mal in die Hose gehen. Die Voraussetzung für guten Journalismus ist, dass man auch mal sagen kann: Wir drucken das nicht. Zum Beispiel, wenn Interviewpartner im Nachhinein alles Wichtige wegautorisieren. Oder wenn man einer These nachspürt, die der Wirklichkeit nicht standhält.

Außerdem finde ich es zunehmend schwerer, den Überblick zu behalten: Welche Infos, die in meine Timeline gespült werden, kommen aus welcher Ecke? Wer verfolgt damit welche Interessen? Ist das Video, das Zitat, das schon zehntausende Male geteilt wurde, überhaupt echt? Aber ich will gar nicht so einen Blues verbreiten. Denn gerade weil vieles so unübersichtlich ist, werden wir weiter Journalisten brauchen – mehr denn je.

Was ist das Beste und das Schlechteste daran, als Festangestellte zu arbeiten?

Das Beste sind die fantastischen Kollegen, mit denen ich auf dem Flur sitze und mit denen ich zusammenarbeiten darf. Und grundsätzlich ist es bei Recherchen hilfreich, einen Verlag im Rücken zu haben, der nicht nur einen großen Namen hat und Raum gibt für tiefe Recherchen, sondern der sich auch gute Anwälte leistet. Das macht einen im Zweifel mutiger. Das Schlechteste? Höchstens, dass ich nicht mehr im Schlaf-T-Shirt und auf dem Sofa lümmelnd meine Texte schreibe. Gerade bin ich sehr gerne festangestellt.

Liebe und Distanz: Interview mit Erwin Koch

Vor dem Interview mit Erwin Koch saß ich in meinem Büro und habe mich mit meiner Volontariatskollegin unterhalten. Ich so: „Ich hab gleich ein Interview für meinen Blog. Erwin Koch. Scheint sogar relativ bekannt zu sein.“ Und sie so: „Wie bitte? Du quatscht gleich mit Erwin Koch?“ Ich: „Ja, kennst du den etwa?Und sie: „Das ist ungefähr der Gott der Reportage.“ Eine Information, die mich fünf Minuten vor Interviewbeginn durchaus nervös gemacht hat.

Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich nur diese eine Reportage aus der DUMMY Ausgabe 56 von ihm kannte: „Du sollst mich töten“ über zwei Priester in Kolumbien, die eine Liebesbeziehung miteinander haben und sich von einer Gruppe von Auftragskillern gemeinsam erschießen lassen. Mehr möchte ich jetzt gar nicht verraten. Klingt eh ganz anders, wenn Erwin Koch es schreibt. „Zwei Kugeln schlugen in Reátigas Kopf, 9 Millimeter, drei in Píffanos, 7.65, wahrscheinlich um 19.30 Uhr, Carrera 94B AvCalle 43SUR. Dann heulte ein Motorrad auf, zwei Schatten, und verschwand in der Nacht des 26. Januar 2011.“ Genau, ganz schön viele Zahlen. Warum das alles so ist, wie es ist, habe ich ihn in unserem Interview gefragt.

Erwin Koch (61) ist preisgekrönter Journalist und Romanautor aus der Schweiz. Er schrieb Reportagen unter anderem für Die Zeit, Geo, Brigitte, DUMMY und viele andere. Wieso kommen eigentlich so viele gute Journalist*innen aus der Schweiz? 

Sehen Sie eine klare Grenze zwischen Journalismus und Literatur?

Ja, schon. Wenn ich einen Roman schreibe, fühle ich mich frei, all die Dinge zu erfinden, die mir im Moment in den Kontext passen. Wenn ich eine Figur möchte, die einen Klumpfuß hat, dann kann ich das erfinden. Bei der Reportage geht das natürlich nicht. Ich habe drei Romane geschrieben und zwei davon basieren auf Reportagen, die ich vorher geschrieben hatte. Ich empfand es als Befreiung, drauf losschreiben zu können ohne Rücksicht zu nehmen auf die Realität.

Kam ihr Stil schon immer gut an bei den Redaktionen oder wurde Ihnen viel wegredigiert?

Am meisten habe ich durch das gelernt, was man weggestrichen hat. Ich hatte das Glück, ganz am Anfang gute Redakteure zu haben. So als junger Journalist wollte ich vielleicht originell sein oder klug und war vielleicht auch manchmal verliebt in das Resultat meiner Recherche. Wenn es zum Beispiel schwierig gewesen war, irgendein Detail in Erfahrung zu bringen, dann habe ich es allein deswegen in den Text hineingefügt, obwohl ich es eigentlich besser weggelassen hätte. Und dann kamen mir die Redakteure zugute, die das weggestrichen haben.

Ich lasse fast immer meine Mutter und meinen Bruder gegenlesen, bevor ich etwas veröffentliche. Gibt es bei Ihnen auch so eine Person?

Ja, ich habe bis heute einen sehr guten Gegenleser, einen Freund, der mir wegstreicht, was zu viel ist, und manchmal auch etwas umbaut. Ich übernehme wohl 99% seiner Korrekturen. Der ist auch Journalist. Ich lese seine Dinge und er liest meine. Aber er ist der bessere Gegenleser. Ich sehe vor allem einen falschen Genitiv oder ein fehlendes Komma. Er sieht tiefer.

Gibt es etwas, dass Sie sich im Laufe Ihrer langen Karriere bewusst abgewöhnt haben?

Gute Frage… (denkt nach) Ja, vielleicht dies: unterschwellig eine Gebrauchsanleitung zu liefern, was der Leser jetzt von diesem Text halten soll. Im dritten Satz spätestens zu schreiben, wieso dieser Text unbedingt gelesen werden muss. Also, ich hab aufgehört, im Text den Text zu legitimieren.

Sie nutzen ja sehr viele Zahlen in ihren Texten. Obwohl man lernt, dass man nicht mehr als drei Zahlen pro Absatz schreiben soll. Wieso halten Sie sich nicht daran?

Ich war nie an einer Journalistenschule (lacht). Nein, ich weiß es nicht… Viele dieser Zahlen, die merkt sich kein Leser. Es ist eher ein Stilmittel. Auch ein Versuch, Glaubwürdigkeit herzustellen, indem ich konkrete Zahlen nenne. Vom Inhalt her sind die nicht sehr wichtig, eher vom Stil her.

Suchen Sie am Ort der Reportage sofort nach Zahlen oder fallen Ihnen ohnehin alle möglichen Details sofort auf?

Ich glaub ich suche Zahlen. Nicht nur Zahlen, sondern viele kleine Details. Ich kratze Information zusammen und nenne das dann den Rohstoff, der mir zur Verfügung steht. Das sind die 100%. Ich kann dann beim Schreiben eine Auswahl treffen, aus dem Vollen schöpfen, und am Ende rutschen so 20% all der Informationen in den Text hinein. Meine Aufgabe ist es, wegzulassen, zu reduzieren, zu realisieren, welches Detail stützt die Geschichte, welches Detail tut der Geschichte gut, welches Detail aber ist belanglos oder führt vielleicht sogar in die Irre. Das empfinde ich beim Schreiben als meine Aufgabe: das Weglassen von Entbehrlichem.

Sie lassen Ihre Protagonist*innen immer gegenlesen, bevor Sie veröffentlichen. Warum?

Wenn es wirklich um existentielle Dinge geht, Krankheit, Tod, Verrat, Liebe, dann ist das meine Pflicht. Die Leute vertrauen mir und ich will, dass die das lesen. Die müssen das lesen und die müssens auch korrigieren. Ich mach immer, IMMER Fehler, und bin dann froh, wenn jemand diese Fehler erkennt und ausmerzt. Aber abgesehen davon haben mir die Leute ihr Leben ausgebreitet. Ich frage die so viel, eben 100%, aber die wissen ja nicht, welche 20% im Text vorkommen werden, und schon deswegen müssen die das lesen.

Wie oft kommt es vor, dass jemand etwas ändern will?

Eigentlich kaum. Ganz am Anfang hatte ich Schiss, den Menschen diese Texte auszuliefern. Dann dachte ich, wenn ich hingehe, und ihnen den Text vorlese, dann sei die Beißhemmung größer, dann würden sie weniger korrigieren. Aber die korrigieren nicht groß herum, außer es stimmt etwas in der Chronologie der Abläufe nicht. Dass die sagen „Nein, das bin nicht ich“, das hab ich nie erfahren.

Heißt das, dass sie Personen letztendlich immer positiv darstellen?

Ja, wahrscheinlich schon. In den Texten, wo es darum geht, dass jemand eher am Rand der Gesellschaft lebt und steht, jemand ein Trauma erlebt hat,… da hab ich gar keinen Grund, die Leute zu kritisieren. Ich lass die reden. Ich hatte mal eine Frau, die ihren Mann vergiften wollte und letztendlich hat dann diese Frau das Gefühl, der Text könnte für ihre Situation Verständnis wecken. Ich weiß nicht, ob positiv das richtige Wort ist, aber sicher hau ich die nicht in die Pfanne.

Bei der Dummy-Geschichte waren zwei der wichtigsten Protagonisten tot. War es besonders schwierig, die richtig darzustellen?

Das Schwierigste war, an die Leute ranzukommen. Ich musste, bevor ich nach Kolumbien ging, sicher sein, dass ich Leute dort finde, die mit mir reden. Ich kannte einen Schweizer Fotografen, der in Kolumbien lebt. Den hab ich zuerst kontaktiert und gefragt, ob er mir jemanden suchen kann, der entweder deutsch oder englisch kann und der zuverlässig und energisch genug ist, innerhalb von einem Monat aufzuklären, ob überhaupt jemand bereit ist, mit mir zu reden. Ich brauche einen Staatsanwalt, ich brauche Verwandten dieser beiden Priester, ich brauche den Bischof dieser Priester. Ich brauche die Anklageschrift, je mehr Schriftliches, desto besser. Er nannte mir dann eine Person, die selber Journalistin ist, und die hat das alles abgeklärt. Erst als sicher war, dass die Leute mit mir reden, hab ich gebucht und bin dort hingeflogen.

Es hat immer mit Glück zu tun und mit Aufsessigkeit. Eine bestimmte Dosis Aufsessigkeit die braucht es. Nicht gleich zu sagen „Dann gibt’s das halt nicht“, sondern einen anderen Kanal zu aktivieren. Also manchmal sagt der Staatsanwalt nein, wir geben nichts Schriftliches heraus, dann kann man immer noch den Verteidiger fragen, ob der mitmacht. Und so kommt man oft an die gewünschten Informationen, indem man um die Ecke herum recherchiert.

Wo finden Sie üblicherweise Ihre Geschichten?

Ich würde sagen, zur Hälfte in Zeitungen. In irgendwelchen kleinen Agenturmeldungen. Vielleicht habe ich in den letzten 35 Jahren eine Art Riecher dafür entwickelt, was hinter einer kleinen neutralen unspektakulären Agenturmeldung stecken könnte. Natürlich lieg ich da ab und zu falsch, aber in der Mehrheit der Fälle steckt da dann ein Abgrund dahinter. Und die andere Hälfte wird mir zugetragen. Freunde erzählen mir von Personen, die ein erzählenswertes Leben haben oder hatten.

Ehrlich gesagt habe ich bisher nur diese eine Geschichte von Ihnen gelesen. Welche würden Sie mir empfehlen?

Es gibt vielleicht so zwei, drei, wo ich davon ausgehe, dass die nach Maßgabe dessen, wie die Menschen darauf reagiert haben, vielleicht besser waren als andere. Eine Geschichte, die heißt „Sarah“, das ist die Geschichte eines Mädchens, das mit 14 Leukämie bekam und mit 17 starb. Ich hab einfach die Krankheitsgeschichte dieses Mädchens dargestellt. Und dann gibt’s die Geschichte „Rico“ eines elfjährigen Knaben hier in den Bergen, der der beste in der Schule war, hübsch, der beste Sportler und so weiter, der Knall auf Fall von einer Brücke sprang und Suizid begangen hat. Und seine Familie, seine Eltern und zwei Schwestern völlig ratlos und kaputt zurückgelassen hat.

Und dann vielleicht noch eine – „Das Schweigen der Eltern und der Berge“ – die Geschichte eines Mannes, der heute 50 oder 55 ist, der als kleines Kind schon realisierte, dass irgendwas in der Familie nicht stimmt. Er hat fünf Geschwister, die bleich sind. Er selbst kriegt dunkle Hände sobald die Sonne kommt. Er hat realisiert, dass irgendwas falsch ist. Niemand hat ihm je etwas gesagt. Mit 37 hat er dann herausgefunden, dass er nicht das Kind von Papa ist, sondern eines italienischen Gastarbeiters, der im Keller des Hauses bei dieser Familie wohnte. Der arbeitete in einem Steinbruch und war dort eingemietet, damit die Familie ein kleines Zubrot hatte. Der Vater war so ein Bergler, sprach kaum, die Mutter stammte nicht aus den Bergen, sondern aus Luzern, fühlte sich in diesen Bergen am Arsch der Welt und hat sich dann in den Mieter im Keller verliebt.

Wie geht man bei so intimen oder tragischen Geschichten vor, um den Menschen nicht zu nahe zu treten?

Ich arbeite mit einem Fragenkatalog. Ich hab immer ein bisschen Angst, dass mir die Person nur einmal zur Verfügung steht, also muss ich alles jetzt fragen, wo ich bei ihr bin. Ich darf nichts vergessen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihre Geschichte eigentlich gern erzählen. Sie wissen aber nicht, was mich interessiert, also schreibe ich viele, viele Fragen auf. Die erste ist immer die nach dem Geburtsdatum und die zweite ist: Wars eine normale Geburt oder bist du zu früh gekommen oder zu spät? Vielleicht gibt das ja einen schönen Nebensatz. Was ist deine älteste Erinnerung, schönste Kindheitserinnerung, wie war dein Vater, und so weiter. Das sind manchmal 200 Fragen. Und das Gespräch dauert je nach Erinnerungsvermögen der Person manchmal sechs bis sieben Stunden. Das ist mein Rohmaterial. Ich lass die Leute einfach handeln, ich verurteile sie nicht und stelle das Gesagte nicht in einen bestimmten Kontext.

Wie schließen Sie Ihre Gespräche ab?

Ich bedanke mich. Ich weiß nicht, ob diese Behauptung stimmt, aber ich vermute sie stimmt: Ich verliebe mich, glaube ich, in meine Auskunftspersonen. Die sind mir dann wirklich sympathisch. Ich kann nicht sagen, dass ich mit ihnen leide, aber ich versteh die dann, glaube ich, und ich verliebe mich auf eine gewisse Weise in sie.

Beim Schreiben entliebe ich mich wieder von ihnen, weil ich das Schreiben als Anstrengung empfinde. Dann sitz ich da und suche einen ersten Satz und der zweite ist noch schwieriger, der dritte auch. Das Auswählen dessen, was in den Text hineinkommt, das rückt mich wieder von dieser Person weg. Es geht dann nicht mehr darum, möglichst viel aus dieser Person herauszulocken, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, wie das beim Gespräch der Fall war. Sondern jetzt muss ich mich von der Sympathie lösen, die ich für diese Person hatte, und muss mich nur noch darum kümmern, dass dieser Text am Schluss funktioniert. Ich hab festgestellt, dass die Leute, die mir ja vertraut und mir ihr Leben erzählt haben, nachdem sie den Text gelesen haben, auch selber wieder Distanz suchen. Nur mit einer Person, über die ich schrieb, habe ich noch Kontakt. Das pendelt sich dann so wieder ein: Es war gut, dass ich bei ihnen war, sie sind froh, dass das aufgeschrieben ist. Okay, jetzt ist es erledigt.

Ganz viel Geduld: Interview mit Paula Scheidt

Als ich klein war, sind wir mal in einen Spielzeugladen in Kairo gegangen. Mein Bruder und ich durften uns jeweils etwas aussuchen. Er hat sehr schnell etwas gefunden, mich hingegen hat nichts überzeugt. Mein Vater hat gesagt: Macht nichts, wir gehen morgen in den anderen Laden. Aber ich konnte auf gar keinen Fall bis morgen warten. Also habe ich mir ein kleines Stoffnashorn ausgesucht, um nicht mit leeren Händen den Laden zu verlassen. Im Nachheinein hab ich mich natürlich geärgert, dass ich nicht gewartet und etwas genommen habe, was ich wirklich wollte.

Obwohl ich heute weiß, dass kleine Stoffnashörner eine ziemlich coole Sache sind, denke ich im Nachheinein oft an diese Begebenheit, wenn ich mal wieder zu ungeduldig bin und daher mit dem Zweitbesten Vorlieb nehme. Auf gute Geschichten sollte man aber auf jeden Fall warten. Paula Scheidt hat zum Beispiel 1,5 Jahre auf eine Geschichte gewartet, die mich sehr beeindruckt hat. In der DUMMY-Ausgabe Nr. 55 erschien „Fast & Furious“, eine genaue Rekonstruktion der Ereignisse vom 13. August 2014. Ein Autofahrer wurde eines Abends auf der Autobahn nahe Zürich von einem Taxi geschnitten und entschied sich, den Taxifahrer zur Rede zu stellen. Indem er ihn mitten auf der Autobahn zum Anhalten zwang und sich dann zu Fuß dem Taxi näherte. Da der Taxifahrer in Panik geriet und der andere Fahrer sich bereits über seinen Wagen lehnte, drückte er aufs Gas und fuhr mit 125 km/h im Slalom über die Autobahn – mit dem anderen Mann auf der Motorhaube, bis dieser schließlich in einem Tunnel auf die Straße geschleudert wurde.

Die Geschichte klingt schon total krank, wenn man sie in drei Sätzen zusammenfasst. Aber als ich sie gelesen habe, kam mir mal wieder diese Frage in den Sinn, die ich mir oft bei richtig guten Artikeln stelle: Wie findet man sowas und wie um alles in der Welt konnte Paula Scheidt so einen detaillierten Text verfassen, als hätte sie selbst mit im Wagen gesessen? Die Antwort ist: mit viel Geduld. Dann kann man als Journalistin sogar juristisch etwas bewirken…

Wie startest du ins Interview, mit Smalltalk oder direkt zur Sache?

Ich mache meistens kurz Smalltalk aber wirklich ziemlich wenig. Eigentlich gehe ich direkt zur Sache. Meistens ist das Interview ja verabredet und die Leute wissen schon, worum es geht. Irgendwie warten sie sowieso darauf, dass man zum Thema kommt. Ich habe nicht das Gefühl, dass es etwas bringt, weil ich die Leute gar nicht unbedingt auftauen will. Ich sortiere halt die Fragen so, dass am Anfang eher die unverfänglichen kommen und dann gegen Ende die schwierigeren, oder die, von denen ich mir mehr erhoffe.

Was ist für dich die wichtigste Recherchemethode?

Es hängt von der Geschichte ab. Ich schreibe ja vor allem Reportagen, wo man dann dabei ist, wenn etwas passiert. Am meisten Spaß macht mir das Beobachten, wenn man selbst die Geschichte miterlebt. Gespräche sind wahrscheinlich das Wichtigste. Ich habe sicher nie einen Text geschrieben ohne lange Interviews zu führen. Die Autobahn-Story war eine Spezialfall, da habe ich sehr viel mit Akten gearbeitet.

Wie kamst du an die Autobahn-Story?

Das war eine Randnotiz in der Zeitung. Das ist glaub ich ein Klassiker. Zumindest habe ich das mal so in der Journalistenschule gelernt, dass man guckt, welche kleinen Meldungen es in Regional- oder Boulevardzeitungen gibt, und welche sich für eine größere Recherche eignen würden. In dem Fall war es eine Kurzmeldung bei uns in der Zeitung in Zürich. Ich habe das dann verfolgt. Viele Infos gibt es erst, wenn es zum Prozess kommt. Die Polizeiprotokolle sind bis dahin unter Verschluss und werden beim Prozess verwendet. Dann gibt es die Plädoyers von den Anwälten und nachher gibt es ein langes begründetes Urteil. Da steht wahnsinnig viel drin, da gibt es Gutachten von Ärzten und von Forensikern und mit alldem kann man dann arbeiten. Aber bis dahin vergeht sehr viel Zeit. Der Prozess war eineinhalb Jahre nach dem Vorfall. Das heißt man muss lange warten und man muss natürlich an die Akten rankommen. Ich bin beim Gericht als Gerichtsreporterin akkreditiert und habe so Kontakt zu dem Anwalt des Taxifahrers aufgenommen. Der hatte ein Interesse daran, dass der Fall nochmal anders dargestellt wird, weil er bisher in den Medien zu Ungunsten von seinem Mandanten ausgefallen war.

Hatte der Text einen Einfluss?

Ja, das hatte es. Es war zwar nicht meine Intention, den Text zu schreiben, um den Taxifahrer vor dem Gefängnis zu retten. Ich wollte den Ablauf eigentlich nur möglichst detailliert darstellen. Aber ich habe den Text ja geschrieben, bevor das ganze nochmal in Berufung ging. Und während der späteren Verhandlung hat der Verteidiger des Taxifahrers auch aus meinem Text zitiert, um darauf hinzuweisen, dass der Taxifahrer in einem Ausnahmezustand war, weil er solche Angst hatte. Dann wurde nochmal ein psychologisches Gutachten angefordert und tatsächlich hat er dann auf einer höheren Instanz statt acht Jahren Haft nur zwei oder drei Jahre auf Bewährung bekommen. Ob es noch eine Instanz weiter geht, ist noch nicht klar.

Erklärst du den Protagonisten deiner Geschichten vorher, was du mit ihnen vorhast?

Ich versuche schon, grundsätzlich Texte zu schreiben, wo es nicht einen Guten und einen Schlechten gibt. Ich versuche immer, bei allen die Beweggründe zu verstehen und nicht sofort zu bewerten. Ich glaube, die Texte sind auch besser, wenn man sich auf alle einlässt und nicht vor der Recherche weiß, wer gut und wer böse ist. Aber es gibt natürlich schon Fälle, wo man sich relativ sicher sein kann, wie das am Ende aussehen wird. Wenn man zu klar macht, dass man jemanden nur treffen will, weil der dann später der Bösewicht im Text sein wird, hat der ja schon gar keine Lust, sich mit einem zu treffen. Aber es gibt natürlich Fälle, wo sich jemand rechtfertigen will. Wo klar ist, dass er oder sie schlecht wegkommen wird, aber wo die Person weiß, dass sie noch schlechter wegkommen wird, wenn sie nicht mit einem redet.

Wie bleibt man fair, auch wenn man eigentlich vorher weiß, dass die Person im Text nicht gerade sympathisch erscheinen wird?

Ich finde Konfrontieren wichtig. Ich frage immer genau die Fragen, um die es geht, und nicht drum herum. Das finde ich heikel, wenn man nur vorsichtige Fragen stellt, und später ganz deutliche Urteile fällt. Aber ich sag natürlich nicht zu den Personen: Hören Sie zu, ich schreib nen Text und ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass Sie in dem Text der Bösewicht sein werden. Weil man auch manchmal nicht genau abschätzen kann, wie die anderen Personen eigentlich den Text lesen. Ich versuche zu zeigen, wie die Dynamiken laufen und nicht so sehr zu sagen, was richtig und falsch ist. Es gibt Texte, wo sich die Leute dann über andere Sachen aufregen als man denkt, oder Texte, die man so oder so lesen kann. Ich finde das Wichtigste ist, dass man jemanden nicht von vornherein verurteilt. Auch wenn man der Meinung ist, dass die eine Person alles richtig und die andere alles falsch gemacht hat, sollte man versuchen, sich in beide Personen hineinzuversetzen, ihre Motivationen nachzuzeichnen.. und das Urteil dann den Lesern überlassen.

Nasse Füße: Interview mit Benjamin von Brackel

Jeder kennt diese Bilder, bei denen man die Zahlen von 1 bis 100 verbinden muss, sodass nach und nach die Umrisse eines Motivs erkennbar werden. Am Anfang sieht man nur ein Gewusel von kleinen schwarzen Punkten mit kleinen schwarzen Zahlen daneben. Wenn man dann die richtigen Linien zieht, sieht man das Motiv. Ungefähr so stelle ich mir eine richtig gute Reportage vor. Eine Autorin recherchiert eine Geschichte, sieht also erstmal das gesamte Motiv. Dann muss sie dieses Motiv in Einzelpunkte zerlegen und diese im Verlauf ihrer Reportage strategisch platzieren. Der Leser zieht später bei der Lektüre die Linien zwischen den Punkten und sieht letztendlich das gleiche Motiv wie die Autorin. Die Schwierigkeit als Autorin liegt meines Erachtens darin, herauszufinden, was die entscheidenden Charakteristika sind, die der Leser kennen muss, um das Gesamtbild sehen zu können.  Ich bewundere es immer, wenn in Texten Details erwähnt werden, die mir selbst niemals aufgefallen wären, die aber eine Person, einen Ort, eine Stimmung genau auf den Punkt bringen.

Benjamin von Brackels Geschichte „Doktor Burt hat eine Idee“ (Reportagen #36, September 2017) enthält solche Details. Sie erzählt von einem Arzt in Chicago, der mithilfe von Chemotherapie Multiple Sklerose (MS) zu heilen versucht. Auf verschiedenen Zeitebenen und an verschiedenen Orten portraitiert Benjamin von Brackel den MS-Pionier und folgt parallel dazu dem Weg der Patientin Taylor von ihrer Diagnose bis zum erfolgreichen Abschluss der Behandlung.

Benjamin von Brackel (35) ist freier Umweltjournalist in Berlin. Seine Reportagen sind unter anderem in der Zeit, der Süddeutschen Zeitung und dem Magazin Reportagen erschienen.

Wie würden Sie Ihren Schreibstil beschreiben?

Ich würde sagen, eher schlicht. Was ich nicht so mag, ist wenn man zu blumig schreibt und der Leser nicht weiß, wohin die  Geschichte führt und er sich durch jede Menge Ballast arbeiten muss. Ich versuche, eher knackig zu beschreiben, was Sache ist, und auch nicht ewig viele Adjektive zu benutzen. Viel  mehr Kraft bekommt die Sprache mit starken Verben, guten Vergleichen, Details.

Wodurch wurde Ihr Stil am meisten geprägt?

Es ist nicht so, dass ich schon immer so geschrieben hab. Ich bin seit 14 Jahren Journalist, hab zig Praktika hinter mir und jedes hat ein bisschen was geschliffen. Darum würde ich auch jedem raten, viel Erfahrung zu sammeln und sich auszuprobieren. Die Deutsche Journalistenschule war dann auch nochmal so ein Mosaikstein. Ansonsten denke ich, es ist total wichtig, was man liest. Wenn man gerade ein dickes Buch gelesen hat, schreibt man danach ein bisschen anders. Was man liest, definiert auch ein bisschen, wie man schreibt.

In Ihrer Reportage über den MS-Arzt Dr. Burt schreiben Sie „Über Nacht sind die Pfützen auf den Strassen gefroren, es ist klirrend kalt. Richard Burt hastet den Gehweg entlang, bis er an einer Kreuzung stehen bleibt. Er macht einen Satz über die Schneehaufen, knackt durch die Eisschicht und taucht mit seinen Turnschuhen ins Wasser.“ Wie kommt so ein Detail in den Text und wozu?

Ich versuche schon, gezielt auf Details zu achten, weil Details einfach die Würze eines Textes sind und den Leser in die Geschichte ziehen. An dem Morgen bin ich selber mal durchs Eis gebrochen und hatte nasse Füße und mit ihm war ich auch an dem Tag unterwegs. Inhaltlich wollte ich das beschreiben, weil es den Leser erst mal vor ein Rätsel  stellt: Ein wichtiger Arzt, der eine ganze Krankenhausabteilung leitet und kurz vor dem Durchbruch steht, MS zu heilen, muss sich jeden Morgen bei solch Winterwetter die Schuhe nass machen und bekommt nasse Füße. Er kommt nicht etwa mit einem dicken Benz angefahren – wie es vielleicht zu erwarten wäre – sondern er geht immer zu Fuß. Der Grund: Er wohnt zwei Blocks entfernt, um jederzeit bei seinen Patienten sein zu können, wenn es einen Notfall gibt. Dieses Detail zeigt also wunderbar, wie er  sein Leben der Arbeit unterordnet.

Sie schreiben in einer Rückblende über den Tag, an dem die 17-jährige Taylor erste Anzeichen der MS-Erkrankung spürt: „Der Fleck auf ihren Augen wird immer grösser. Sie plaudert mit ihrem Dad, singt zur Musik im Radio.“ Fragen Sie nach solchen Informationen („singt zur Musik im Radio“) gezielt oder erzählen die Leute das von selbst?

Das hat sie mir erzählt und ich hatte wahnsinnig Glück mit ihr, weil sie sehr detailreich und gut erzählt hat. Ich hatte ja bestimmt fünf oder sechs von Burts Patienten interviewt, bevor ich sie ausgewählt habe – unter anderem weil sie die beste Geschichte zu bieten hatte, aber auch weil sie am besten erzählt hat. Man muss sich natürlich Zeit nehmen,  um ein Gespür dafür zu kriegen, ob das, was die Leute erzählen, wirklich stimmt, und dann sollte man das auch abgleichen. Mit Taylor hatte ich drei bis vier lange Telefongespräche, bevor ich überhaupt nach Chicago geflogen bin, und da war ihre Mutter immer dabei. Zuerst dachte ich, das könnte sie am erzählen hindern, aber im Nachhinein war es von Vorteil: immer, wenn Taylor sich nicht ganz sicher war, ist die Mutter eingesprungen und ich konnte so kontrollieren, ob das Hand und Fuß hat, was sie erzählt.

Was sind die nächsten Schritte, nachdem Sie auf ein Thema gestoßen sind?

Als ich das erste Mal von Dr. Burt gehört habe, da wusste ich sofort, dass ich die Geschichte machen will. Dann habe ich erst mal nachgeprüft, ob es darüber schon was gibt in Deutschland. Ich hab einfach gegooglet und es gab nichts! Das hat mich gewundert und noch mehr bestärkt, darüber zu schreiben. Dann nimmt man eben Kontakt auf und fragt die Leute, ob sie mitmachen. Dass jemand nicht will und ablehnt, hab ich bisher nur ganz selten erlebt. Normalerweise will  jeder seine Geschichte erzählen.

Gibt es eine Geschichte, auf die Sie besonders stolz sind, und wenn ja, warum?

Die Geschichte von Dr. Burt und Taylor gehört auf jeden Fall dazu. Wenn man etwas Neues entdeckt, das Relevanz hat, und das dann auch noch in einer Form aufschreibt, die eine emotionale Wirkung auf den Leser hat, dann gibt einem das die meiste Befriedigung. Und bei der Geschichte kommt dazu, dass ein paar Leute das lesen könnten, die von MS betroffen sind und möglicherweise neue Auswege sehen. Wenn man sich vorstellt, dass sich das Leben von Menschen durch den eigenen Artikel positiv verändern könnte, dann ist das natürlich großartig.

Vertrauensvolle Gespräche: Interview mit Yvonne Staat

„Joa… das wars dann eigentlich schon von meiner Seite…“ Ich hasse es, wenn ich ein Interview so beende. Am besten noch mit einem nervösen Lachen hintendran. Oder, wenn ich etwas ganz Einfaches frage, dann aber tausendmal umformuliere und schließlich immer leiser werde – in der Hoffnung, dass mein Gegenüber gemerkt hat, dass ich eine Frage gestellt habe. Das klingt dann ungefähr so: „Wie ist das, wenn du Interviews führst, fängst du mit Smalltalk an oder steigst du direkt ins Gespräch ein, also, ich meine, versuchst du da eine gewisse Ebene aufzubauen, Vertrauen zu schaffen oder findest du das unnötig, beziehungsweise…?“

Interviews sind für mich wohl der nervenaufreibendste Teil meiner Arbeit. Manchmal verfluche ich schon zwei Wochen vorher den Tag, an dem ich ein Gespräch führen muss. Natürlich ist letztendlich noch nie etwas Peinliches oder Unangenehmes passiert. Vielleicht mal ein schwer zugängliches Gegenüber oder Smalltalk, der überhaupt nicht erwidert wird. Das Tolle am Interview ist, dass man sich die eigene Unbeholfenheit im Nachhinein anhören und sich nochmal ganz intensiv dafür schämen muss; dann aber sofort Fehler erkennen und anpacken kann.

In „2 Kinder“ (FAZ, 13.08.2017) portraitiert Yvonne Staat einen Mann und eine Frau tschetschenischer Herkunft. „Said und Irsana waren Kinder, als sie aus Tschetschenien nach Deutschland flüchteten. Schon damals wussten sie, dass der Mensch eine Ehre hat. Die Erwachsenen hatten ihnen oft davon erzählt. Der Mensch wird mit der Ehre geboren und muss sie hüten wie einen Schatz. Solange er lebt. Denn nichts ist wertvoller als die eigene Ehre. Und nichts ist schlimmer, als wenn diese eigene Ehre beschmutzt wird und ihren Glanz verliert.“ Bei der Lektüre des Textes kam es mir vor, als säße ich Said und Irsana in einer Verhörzelle gegenüber, während sie mir detailliert ihre Lebensgeschichte darlegten. Das klingt jetzt nach einer sehr unangenehmen Atmosphäre, aber ich meine es anders. Es war eine Darstellung von zwei Persönlichkeiten ohne irgendwelches Geschehen drum herum. Kaum Bilder aus der Umgebung, kein Fotoalbum der Kindheit, einfach nur pure Persönlichkeit. Da wurde ich natürlich neugierig, wie die Autorin die Interviews geführt hat.

Yvonne Staat (42) ist Journalistin aus der Schweiz. Sie wohnt in Wien und schreibt seit 2008 als Freie unter anderem für die FAZ, die NZZ und den Tagesanzeiger.

Wie kommen Sie normalerweise an Ihre Themen ran?

Das ist schwierig. Viele meiner Kollegen sagen, es sei sehr einfach für sie, Themen zu finden, die Themen würden ja nur auf der Straße liegen. Mir fällt das eher schwer, die Themen fallen mir auch nicht einfach so ein, wenn ich den Alltag betrachte. Vielleicht stoße ich manchmal bei der Zeitungslektüre auf ein Thema, das mich interessiert, das aber für mich noch viel zu abstrakt und theoretisch klingt. Ich versuche, Themen nicht zu theoretisch anzugehen – was natürlich auch eine Berechtigung hat – aber ich versuche immer, mit einzelnen Menschen zu reden. Und dann hängt es davon ab, ob ich diese Menschen finde. Diese Suche dauert oft sehr lange. Viele Themen verwerfe ich, weil es nicht möglich ist, die richtigen Personen zu finden, die bereit wären, offen zu erzählen.

Wie sind Sie bei 2 Kinder an die Personen rangekommen?

An Said bin ich über Facebook gekommen. Das hing zusammen mit einer anderen Geschichte über eine Gruppe von Jugendlichen, die eine andere Jugendliche zusammengeschlagen und das ganze auf Video aufgenommen und ins Netz gestellt haben. Unter den Tätern war auch ein junger Tschetschene. Da war ich schon viel auf Facebook unterwegs und habe mit unterschiedlichen jungen Leuten gechattet und einer dieser jungen Männer war dann eben Said, der sich bereit erklärt hat, mich öfter zu treffen für ein Gespräch über ihn.

Eigentlich wollte ich zuerst nur über ihn schreiben und parallel dazu eine Geschichte darüber schreiben, wie es ist, für arme Familien am Existenzminimum zu leben. Dabei bin ich über verschiedene Vereine zu einer werdenden Mutter gekommen, die zufällig auch junge Tschetschenin war. Dann hatte ich die Idee, die beiden Geschichten miteinander zu verbinden.

Wie beginnen Sie so ein Gespräch, gerade wenn es um eine emotionale Geschichte geht?

Das ist schwierig. Ich habe das Gefühl, dass es sehr wichtig ist, das Vertrauen zu gewinnen. Wie das geschieht oder wie mir das gelingt, das kann ich gar nicht so genau erklären. Einerseits liegt es bestimmt daran, dass ich die Leute mehrmals treffe und lange Gespräche führe. Das Material, das ich dann habe, ist immens, und was im Artikel steht, ist nur ein ganz kleiner Auszug. Dass man sich die Zeit nimmt, die Menschen öfter zu treffen und auch einfach mal reden zu lassen, ohne das Ganze zu bewerten oder moralisch zu beurteilen, einfach mal zuzuhören, und auf das, was sie sagen, einzugehen, offen zuzuhören, das schafft Vertrauen. Und vielleicht ist es auch die Art, wie man auftritt, wie man sich anzieht, wie man sich gibt – es ist so eine Mischung aus Auftreten und Zuhören. Oft sind die ersten 20 Minuten sehr holprig, die Gesprächspartner sind verschlossen. Das ändert sich plötzlich, wenn jemand etwas erzählt, das ihn emotional sehr berührt. Das ist für mich dann eine Spur, der ich folge.

Vieles habe ich bei 2 Kinder aber auch nicht erreicht. Ich wäre gerne zu Said nach Hause gegangen oder hätte mit seiner Mutter geredet… dafür hat das Vertrauen zum Beispiel nicht gereicht. Da hätte ich vielleicht noch länger dranbleiben können. Man kann immer noch mehr machen aber man hat auch den Druck, eine Geschichte abzuliefern. Irgendwann sage ich dann: so, jetzt muss ich aufhören und mit dem, was ich habe, etwas machen.

In welcher Umgebung fanden die Gespräche statt?

Die Gespräche mit Said meistens bei McDonalds und auf Vorplätzen von S-Bahnhöfen und die mit Irsana in dem Haus, in ihrem kleinen Zimmer, in dem sie wohnt.

Wie lange dauerten die Gespräche?

Ein Gespräch hat vielleicht so zwei Stunden gedauert. Bei Irsana waren es drei Gespräche und bei Said etwa vier. Wenn man so intensiv miteinander redet, sind zwei Stunden viel. Ich merke, dass es für die Gesprächspartner anstrengend wird, danach verliert sich die Konzentration und dann ist eine Pause wichtig.

Sind Sie vor Interviews noch nervös?

Ich bin vor Interviews jedes Mal sehr nervös, egal, mit wem, sei es mit einem Politiker oder mit jungen Leuten. Das legt sich aber meiner Erfahrung nach, sobald ich anfange. Die Nervosität legt sich, aber die Konzentration, das professionelle Zuhören, das ist eine sehr anstrengende Arbeit, das ist nie entspannt. Aber die Nervosität, dass ich das Gefühl, ich finde keinen Zugang zu dem Menschen, die legt sich dann, sobald ich angefangen habe. Ich habe auch das Gefühl, das wird sich bei mir nie ändern, ich werde da bis zum Ende meines Berufslebens nervös sein. Und das ist vielleicht auch nicht so schlecht, das schärft auch die Sinne.

Was hätte Ihnen gefehlt, wenn Sie nicht an der Journalistenschule gewesen wären?

Das klingt vielleicht doof, aber in den letzten Jahren beobachte ich an mir, wie wichtig es ist, das was ich an der Journalistenschule gelernt habe, wieder abzulegen oder zu vergessen. Natürlich lernt man da auch grundlegende Sachen, beide Seiten sich anzuhören oder medienrechtliche Sachen, das ist schon sehr wichtig. Aber man lernt da auch sehr vieles, was mich lange daran gehindert hat, frei meine Geschichten zu schreiben. Zum Beispiel, wie eine Geschichte aufgebaut sein sollte, was eine Reportage ist, wie ein Ende sein sollte… und das sind alles Sachen, von denen ich mich befreien musste, um wirklich meine eigene individuelle Sprache zu finden.

Andererseits hat mir die Journalistenschule natürlich viele Kontakte gebracht, die mir geholfen haben, mir als Freie ein Netzwerk aufzubauen und Arbeitgeber zu finden. Das ist ein Vorteil von Journalistenschulen. Aber sie schränken – meiner Ansicht nach – eben auch sehr auf ein konventionelles Schreiben ein.

Was ist das Beste und was das Schlechteste, daran, als Freie zu arbeiten?

Das Beste daran ist, dass ich völlig losgelöst bin vom redaktionellen Alltag. Das war auch der Grund, warum ich aufgehört habe: ich hatte keine Lust auf Sitzungen, auf Redigieren, auf all diese Sachen, die man halt in einer Redaktion machen muss. Jetzt kann ich unabhängig von irgendwelchen Gesprächen oder Einflüssen mein Ding machen. Gleichzeitig ist der fehlende Austausch manchmal eine Schwierigkeit. Gerade, wenn ich mit einer Idee lange schwanger gehe, dann denke ich, dass es mir helfen würde, mit anderen mal zu reden und die Idee im Geiste weiterzuspinnen, Wege zu finden, die ich selbst nicht so begehen würde, die aber fruchtbar wären. In der Schweiz hatte ich dafür ein Netzwerk an Freien, die sich regelmäßig trafen, und hier in Wien habe ich das nicht. Das fehlt mir sehr.

Ein Nachteil ist natürlich auch die Bezahlung, im Journalismus sowieso, und als Freie noch viel mehr. Ich bin Pauschalistin bei der FAS und würde davon gar nicht leben können. Ich kann das eben querfinanzieren, indem ich hin und wieder einen Artikel für ein Schweizer Magazin schreibe, so kann ich davon leben. Das ist eine große Schwierigkeit und auch eine große Frechheit und irgendwie auch eine große Verletzung, dass es so ist. Dass man für das, was man tut, so bezahlt wird. Es ist schwierig das auszuhalten, einerseits rein ökonomisch aber andererseits weil Lohn auch eine Wertschätzung ist für die Arbeit, die man macht. Im journalistischen Bereich ist die sehr gering und wird wohl auch nicht besser werden.