Über sich selbst schreiben: Interview mit einer Unbekannten

Keine Sorge, der Blog wird nicht umbenannt in “Interviews mit Unbekannten”. Aber dieses Interview dreht sich wieder um einen Text, der unter Pseudonym veröffentlicht wurde. Allerdings aus völlig anderen Gründen als der letzte.

Sophie Tal – so nennt sie sich – hat in der DUMMY #57 den Text “Volles Haus” über ihre Kindheit in einem Messie-Haushalt geschrieben. Schwer vorstellbar, so etwas mit der ganzen Welt (oder zumindest der ganzen DUMMY-Leserschaft) zu teilen. Denn irgendwie ist das Zuhause ja für viele der privateste Ort und die Kindheit eines der prägendsten Kapitel. Ich wollte also wissen, wie das ist, wenn man über etwas so Intimes so offen schreibt. Ist das überhaupt noch Journalismus? Kann man der eigenen Erinnerung als Quelle trauen? Da ihr den Text nicht online lesen könnt, hier ein kleiner Ausschnitt:

Die Räume waren thematisch sortiert. Einer war ihr Arbeitszimmer, darin waren Ordner, Stifte und Papiere. Als es unmöglich wurde, die Tür zu öffnen, ohne von einer Welle aus ungeöffneten Briefen, Textmarkern und alten Schülerarbeiten überschwemmt zu werden, blieb die Tür eben zu. “Ich muss erst einen neuen Schreibtisch besorgen, so kann ich da nicht mehr arbeiten”, sagte meine Mutter, und das klang logisch. In ihrem Schlafzimmer lagerte sie ihre Anziehsachen. Als die gefüllten Plastiktüten vom Einkaufen hüfthoch den begehbaren Kleiderschrank ausfüllten, warf sie ihre Hosen und Pullover erst auf die beiden Stühle, dann auf Stapel daneben und dann auch aufs Bett, und als es dort zu voll zum Schlafen wurde, schlief sie in unserem Gästezimmer. Das war “ohnehin viel ruhiger”.

Die Journalistin ist in ihren 30ern, mehrfach ausgezeichnet und schreibt vor allem über Gesellschaftsthemen.

In deinem Text “Volles Haus” beschreibst du sehr intime Details aus deiner Kindheit – deine Mutter ist Messie. Warum hast du dich dazu entschieden, so etwas Privates journalistisch aufzuschreiben?

Das ist ein Text, den ich schon sehr lange schreiben wollte – schon seitdem mir mit Mitte 20 klar wurde, was bei uns zuhause eigentlich los war. Das habe ich, so absurd es klingt, lange nicht realisiert. Ich hatte immer das Bedürfnis mehr als nur journalistisch zu schreiben, aber es war als würde dieser Text wie so ein Pfropfen davor sitzen – und ich hatte keine Ahnung, wie dieser Text genau sein sollte. Als ich dann die Mail von DUMMY bekommen habe, dass das Thema des nächsten Hefts „Zuhause“ sein wird, war das einfach genau der Impuls, den ich brauchte.

Kann man so einen autobiographischen Text als Journalismus bezeichnen?

Die Grenze ist da natürlich fließend. Wo ist der Unterschied dazwischen, ob ich jemanden besuche, der etwas erlebt hat, und die Geschichte dann aufschreibe, oder ob ich aufschreibe, was mir selbst passiert ist? Ich halte mich dabei ja trotzdem an die Grundregeln des Journalismus. Und ich wusste natürlich, dass man gerade bei DUMMY auch anders erzählen darf.

Nämlich wie?

Freier und persönlicher, ohne an den Stil der Publikation gebunden zu sein. Eine Tageszeitung oder ein größeres Magazin haben ihren eigenen Ton. Und da hört man als Autor auch mal Regeln für den Einstieg, oder wie viele Absätze dann kommen dürfen bis man spätestens das Thema erklärt haben muss. Das langweilt mich oft.

Ein kritischer Punkt sind vielleicht die Quellen. Hast du alles aus deiner Erinnerung aufgeschrieben?

Während des Schreibprozesses ist mir wahnsinnig viel wieder eingefallen. Und so viele harte Fakten sind in dem Text nun nicht drin. Wie unser Haus aussah und wie unsere Familienverhältnisse sind, weiß ich natürlich. Und an manchen Stellen habe ich nochmal in den Unterlagen nachgesehen, wenn es zum Beispiel um Arztbesuche ging.

Es gibt ja auch Zitate von Gesprächen, die damals stattgefunden haben sollen.

Klar, wenn man sich die Autofahrt anguckt, wo meine Mutter so viel raucht, dass mir schlecht wird, und dann das Fenster einen winzigen Spalt aufmacht und sagt: „So, das reicht.“ Da könnte sie in Wirklichkeit auch gesagt haben: „So, nun is gut.“ Aber ich habe den Inhalt eben aus meinen Erinnerungen wiedergegeben. Das ist natürlich anders als wenn man für eine Reportage unterwegs ist und spätestens abends im Hotel alles ins Notizbuch schreibt. Aber selbst da fallen einem selektiv Sachen auf. Wenn ich dich an deinem Arbeitsplatz besuche, fällt mir vielleicht der knallrote Locher auf, während jemand anderes die Marke deines Stuhls bemerkt.

War deine Mutter in den Schreibprozess miteinbezogen?

Der Grund, warum ich den Text unter einem Pseudonym veröffentlicht habe, ist meine Mutter. Ich habe den Text nicht mit ihr besprochen. Und das war keine einfache Entscheidung. Wenn man Messie ist, hat man nicht nur ein unaufgeräumtes Haus, sondern auch eine ganz bestimmte psychische Verfassung. Der Zustand meiner Mutter verschlechtert sich eigentlich jedes Jahr. Ich will nicht, dass sie sich schlecht fühlt – obwohl es ja kein vorwurfsvoller Text ist. Aber ich kann einfach nicht beurteilen, wie sehr sie das belasten würde.

Wer weiß, dass der Text von dir ist?

Etwas mehr als eine Handvoll Leute. Als ich ihn geschrieben habe, fiel es mir sehr schwer zu beurteilen, ob das überhaupt jemanden interessiert. Deswegen haben meine drei engsten Freunde den Text gelesen. Denen vertraue ich. Wenn die gesagt hätten: „Da stellst du dich völlig bloß“ oder „Das ist ja peinlich“, dann hätte ich den Text auch nicht angeboten.

Wie ist das, wenn man einen schönen Text geschrieben hat und darf niemandem davon erzählen?

Das ist für mich ganz neu, da ich sonst immer unter meinem Namen schreibe. Und es ist schon schade, weil ich finde, es ist ein schöner Text geworden. Wäre meine Mutter tot, hätte ich ihn unter meinem Namen veröffentlicht. Ich schäme mich nicht dafür. Aber was ich auf keinen Fall wollte, war Mitleid. Dafür habe ich den Text nicht geschrieben. Schön fand ich, dass Freunde mir gesagt haben: „Du weißt schon, dass du, wenn du dieses Haus mal aufräumst, nicht alleine bist.“ Aber so eine Reaktion brauche ich ja nicht von der breiten deutschen Öffentlichkeit. Darum bin ich im Nachhinein ganz froh, dass der Text nicht unter meinem Namen veröffentlicht wurde.

Nun mal weg vom Text zu einem etwas allgemeineren Thema: zurzeit schwappt die MeToo-Debatte ja von einer Branche in die nächste, überall kommen Fälle von sexueller Belästigung und Gewalt ans Licht. Welche Schwierigkeiten hat man als Frau im Journalismus?

Die MeToo-Debatte ging mir bisher irgendwie nicht so nah. Ich habe sowas auch erlebt, aber ich bin in solchen Momenten einfach immer stinksauer geworden und dann kriegt derjenige das auch mit. Aber es gibt natürlich Situationen, wo man nicht stinksauer werden kann, und solche Situationen hatte ich als junge Journalistin sehr oft. Es muss ja nicht immer gleich eine Vergewaltigung sein. Ich hab einmal bei einer großen deutschen Fernsehanstalt gearbeitet. Das war unfassbar, was da abging, das kann ich gar nicht alles erzählen. Da haben Chefs ihre Redaktionen Harem genannt. Und es gab mehrere Studentinnen, die ganz schlimm von Redakteuren angebaggert wurden. Wenn man nein gesagt hat, wurde man als frigide und langweilig bezeichnet. Und auch heute kommt es bei Konferenzen durchaus noch vor, dass ältere Redakteure Frauen über den Mund fahren, sie nachäffen oder anzügliche Witze machen. Oft ist das vielleicht gar nicht böse gemeint, aber was hilft einem das, wenn man alleine in einem Raum mit 15 Männern steht, einen super Job gemacht hat und dann dafür verarscht wird?

Merkst du auch bei der Recherche, dass du von Gesprächspartnern anders wahrgenommen wirst als männliche Kollegen?

Ja, das kommt bei bestimmten Personen schon vor. Aber ich finde, es gibt nichts Besseres als unterschätzt zu werden. Wenn da so ein schmieriger Typ seine Firma zeigt und dich als kleines Häschen betrachtet, dann hilft das manchmal sogar. Mit solchen Leuten habe ich allerdings eher selten zu tun.

Wie schwierig ist die Arbeit als freie Journalistin?

Das Leben als freie Journalistin ist ein Leben zwischen absoluter Existenzpanik und großem Glück. Mir bedeutet es viel, nicht jeden Tag in ein Büro zu müssen. Im besten Fall hat man aber natürlich etwas, was einem den monatlichen Grundbetrag einbringt. Jeder schläft besser, wenn er weiß, er kann die Miete bezahlen. Wenn man komplett frei ist, ohne Pauschalistenvertrag, ist das sehr schwierig. Ich hatte Jahre, wo es super gut funktioniert hat, wo ich von einer Sache in die nächste getaumelt bin. Ich hatte aber auch ein Jahr, da hab ich echt Angst bekommen. Ich hatte Anfang des Jahres viele größere Geschichten vorgeschlagen, die dann nach und nach aus verschiedenen Gründen weggebrochen sind oder erst sehr viel später bezahlt wurden. Man sollte sich also ein Polster anschaffen – sowohl ein finanzielles als auch ein dickes Fell. Es lohnt sich auch, eine freiwillige Arbeitslosenversicherung abzuschließen.

Und wie startet man in die Freiheit?

Ich würde es so aufbauen: einen festen Job suchen, zum Beispiel als Aushilfe in irgendeiner Redaktion, ein bis zwei Tage die Woche. Dann hat man mehr Spielraum, um andere Sachen zu machen. Wenn man tief in einer Recherche steckt, ist es ganz gut, noch einen Job zu habe, wo man nicht so viel denken muss. Ich hab zum Beispiel mal Testvergleiche geschrieben für ein Online-Magazin.

Man hört ja immer wieder, dass das Wichtigste für Journalist*innen ein gutes Netzwerk ist. Wie gezielt hast du dir ein Netzwerk aufgebaut?

Ich wünschte, ich wäre so jemand, aber ich kann das überhaupt nicht. Mich machen Netzwerk-Veranstaltungen eher traurig. Da sind immer sehr viele verzweifelte Freie, die an irgendwem kratzen, der einen Redakteursjob hat. Das finde ich echt unsexy und ein gewisser Grad an Sexyness ist eben schon wichtig. Das ist wie am Anfang einer Beziehung. Wenn Leute merken, dass du es wirklich nötig hast, dann finden die dich nicht mehr so attraktiv. Also lieber nochmal einen Monat jobben oder ausharren, und dafür niemandem hinterherrennen und betteln.

Aber Kontakte braucht man schon, oder?

Ich kenne natürlich viele Journalisten, aber die rufen mich ja auch nicht ständig an und geben mir Aufträge. Klar ist es gut, wenn man Kontakte hat und einen netten Kreis an Journalisten kennt, die man mal um Rat fragen kann. Aber wichtiger ist, sich hinzusetzen und zu überlegen: Was lese ich gerne? Für wen möchte ich gerne arbeiten? Und was kann ich gut? Dann muss man die Leute einfach anschreiben. Da macht es keinen Unterschied, ob man dazu schreibt, von wem man die e-mail Adresse bekommen hat. Man muss sich trauen und darf nicht verzweifeln, wenn man nicht gleich eine Zusage bekommt. Man muss lernen, Leute auch mal zu nerven. Man muss sich immer wieder trauen, Geschichten, die abgelehnt wurden, jemand anderem zu geben.

Was liest du gerne?

Bücher. Zeitungen lese ich eher nur am Wochenende. Dann mag ich es, auf dem Boden zu sitzen, inmitten ausgebreiteter Zeitungsseiten und mit einer Tasse Kaffee. Ich lese gerne die ZEIT. Ich liebe Elisabeth Raether. Die macht die Essenskolumne im ZEIT Magazin. Es geht aber irgendwie um viel mehr als um Essen. Und ich mag auch 11Freunde, obwohl ich mich gar nicht für Fußball interessiere.

Was ist ein guter Text für dich?

Man muss merken, dass den jemand geschrieben hat. Jemand, der darüber nachgedacht und eine Meinung hat – ohne seine Meinung als einzig wahre aufzudrängen. Ich mag es, wenn man die Stimme hört, ohne dass es einen Ich-Erzähler geben muss.

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Liebe und Distanz: Interview mit Erwin Koch

Vor dem Interview mit Erwin Koch saß ich in meinem Büro und habe mich mit meiner Volontariatskollegin unterhalten. Ich so: „Ich hab gleich ein Interview für meinen Blog. Erwin Koch. Scheint sogar relativ bekannt zu sein.“ Und sie so: „Wie bitte? Du quatscht gleich mit Erwin Koch?“ Ich: „Ja, kennst du den etwa?Und sie: „Das ist ungefähr der Gott der Reportage.“ Eine Information, die mich fünf Minuten vor Interviewbeginn durchaus nervös gemacht hat.

Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich nur diese eine Reportage aus der DUMMY Ausgabe 56 von ihm kannte: „Du sollst mich töten“ über zwei Priester in Kolumbien, die eine Liebesbeziehung miteinander haben und sich von einer Gruppe von Auftragskillern gemeinsam erschießen lassen. Mehr möchte ich jetzt gar nicht verraten. Klingt eh ganz anders, wenn Erwin Koch es schreibt. „Zwei Kugeln schlugen in Reátigas Kopf, 9 Millimeter, drei in Píffanos, 7.65, wahrscheinlich um 19.30 Uhr, Carrera 94B AvCalle 43SUR. Dann heulte ein Motorrad auf, zwei Schatten, und verschwand in der Nacht des 26. Januar 2011.“ Genau, ganz schön viele Zahlen. Warum das alles so ist, wie es ist, habe ich ihn in unserem Interview gefragt.

Erwin Koch (61) ist preisgekrönter Journalist und Romanautor aus der Schweiz. Er schrieb Reportagen unter anderem für Die Zeit, Geo, Brigitte, DUMMY und viele andere. Wieso kommen eigentlich so viele gute Journalist*innen aus der Schweiz? 

Sehen Sie eine klare Grenze zwischen Journalismus und Literatur?

Ja, schon. Wenn ich einen Roman schreibe, fühle ich mich frei, all die Dinge zu erfinden, die mir im Moment in den Kontext passen. Wenn ich eine Figur möchte, die einen Klumpfuß hat, dann kann ich das erfinden. Bei der Reportage geht das natürlich nicht. Ich habe drei Romane geschrieben und zwei davon basieren auf Reportagen, die ich vorher geschrieben hatte. Ich empfand es als Befreiung, drauf losschreiben zu können ohne Rücksicht zu nehmen auf die Realität.

Kam ihr Stil schon immer gut an bei den Redaktionen oder wurde Ihnen viel wegredigiert?

Am meisten habe ich durch das gelernt, was man weggestrichen hat. Ich hatte das Glück, ganz am Anfang gute Redakteure zu haben. So als junger Journalist wollte ich vielleicht originell sein oder klug und war vielleicht auch manchmal verliebt in das Resultat meiner Recherche. Wenn es zum Beispiel schwierig gewesen war, irgendein Detail in Erfahrung zu bringen, dann habe ich es allein deswegen in den Text hineingefügt, obwohl ich es eigentlich besser weggelassen hätte. Und dann kamen mir die Redakteure zugute, die das weggestrichen haben.

Ich lasse fast immer meine Mutter und meinen Bruder gegenlesen, bevor ich etwas veröffentliche. Gibt es bei Ihnen auch so eine Person?

Ja, ich habe bis heute einen sehr guten Gegenleser, einen Freund, der mir wegstreicht, was zu viel ist, und manchmal auch etwas umbaut. Ich übernehme wohl 99% seiner Korrekturen. Der ist auch Journalist. Ich lese seine Dinge und er liest meine. Aber er ist der bessere Gegenleser. Ich sehe vor allem einen falschen Genitiv oder ein fehlendes Komma. Er sieht tiefer.

Gibt es etwas, dass Sie sich im Laufe Ihrer langen Karriere bewusst abgewöhnt haben?

Gute Frage… (denkt nach) Ja, vielleicht dies: unterschwellig eine Gebrauchsanleitung zu liefern, was der Leser jetzt von diesem Text halten soll. Im dritten Satz spätestens zu schreiben, wieso dieser Text unbedingt gelesen werden muss. Also, ich hab aufgehört, im Text den Text zu legitimieren.

Sie nutzen ja sehr viele Zahlen in ihren Texten. Obwohl man lernt, dass man nicht mehr als drei Zahlen pro Absatz schreiben soll. Wieso halten Sie sich nicht daran?

Ich war nie an einer Journalistenschule (lacht). Nein, ich weiß es nicht… Viele dieser Zahlen, die merkt sich kein Leser. Es ist eher ein Stilmittel. Auch ein Versuch, Glaubwürdigkeit herzustellen, indem ich konkrete Zahlen nenne. Vom Inhalt her sind die nicht sehr wichtig, eher vom Stil her.

Suchen Sie am Ort der Reportage sofort nach Zahlen oder fallen Ihnen ohnehin alle möglichen Details sofort auf?

Ich glaub ich suche Zahlen. Nicht nur Zahlen, sondern viele kleine Details. Ich kratze Information zusammen und nenne das dann den Rohstoff, der mir zur Verfügung steht. Das sind die 100%. Ich kann dann beim Schreiben eine Auswahl treffen, aus dem Vollen schöpfen, und am Ende rutschen so 20% all der Informationen in den Text hinein. Meine Aufgabe ist es, wegzulassen, zu reduzieren, zu realisieren, welches Detail stützt die Geschichte, welches Detail tut der Geschichte gut, welches Detail aber ist belanglos oder führt vielleicht sogar in die Irre. Das empfinde ich beim Schreiben als meine Aufgabe: das Weglassen von Entbehrlichem.

Sie lassen Ihre Protagonist*innen immer gegenlesen, bevor Sie veröffentlichen. Warum?

Wenn es wirklich um existentielle Dinge geht, Krankheit, Tod, Verrat, Liebe, dann ist das meine Pflicht. Die Leute vertrauen mir und ich will, dass die das lesen. Die müssen das lesen und die müssens auch korrigieren. Ich mach immer, IMMER Fehler, und bin dann froh, wenn jemand diese Fehler erkennt und ausmerzt. Aber abgesehen davon haben mir die Leute ihr Leben ausgebreitet. Ich frage die so viel, eben 100%, aber die wissen ja nicht, welche 20% im Text vorkommen werden, und schon deswegen müssen die das lesen.

Wie oft kommt es vor, dass jemand etwas ändern will?

Eigentlich kaum. Ganz am Anfang hatte ich Schiss, den Menschen diese Texte auszuliefern. Dann dachte ich, wenn ich hingehe, und ihnen den Text vorlese, dann sei die Beißhemmung größer, dann würden sie weniger korrigieren. Aber die korrigieren nicht groß herum, außer es stimmt etwas in der Chronologie der Abläufe nicht. Dass die sagen „Nein, das bin nicht ich“, das hab ich nie erfahren.

Heißt das, dass sie Personen letztendlich immer positiv darstellen?

Ja, wahrscheinlich schon. In den Texten, wo es darum geht, dass jemand eher am Rand der Gesellschaft lebt und steht, jemand ein Trauma erlebt hat,… da hab ich gar keinen Grund, die Leute zu kritisieren. Ich lass die reden. Ich hatte mal eine Frau, die ihren Mann vergiften wollte und letztendlich hat dann diese Frau das Gefühl, der Text könnte für ihre Situation Verständnis wecken. Ich weiß nicht, ob positiv das richtige Wort ist, aber sicher hau ich die nicht in die Pfanne.

Bei der Dummy-Geschichte waren zwei der wichtigsten Protagonisten tot. War es besonders schwierig, die richtig darzustellen?

Das Schwierigste war, an die Leute ranzukommen. Ich musste, bevor ich nach Kolumbien ging, sicher sein, dass ich Leute dort finde, die mit mir reden. Ich kannte einen Schweizer Fotografen, der in Kolumbien lebt. Den hab ich zuerst kontaktiert und gefragt, ob er mir jemanden suchen kann, der entweder deutsch oder englisch kann und der zuverlässig und energisch genug ist, innerhalb von einem Monat aufzuklären, ob überhaupt jemand bereit ist, mit mir zu reden. Ich brauche einen Staatsanwalt, ich brauche Verwandten dieser beiden Priester, ich brauche den Bischof dieser Priester. Ich brauche die Anklageschrift, je mehr Schriftliches, desto besser. Er nannte mir dann eine Person, die selber Journalistin ist, und die hat das alles abgeklärt. Erst als sicher war, dass die Leute mit mir reden, hab ich gebucht und bin dort hingeflogen.

Es hat immer mit Glück zu tun und mit Aufsessigkeit. Eine bestimmte Dosis Aufsessigkeit die braucht es. Nicht gleich zu sagen „Dann gibt’s das halt nicht“, sondern einen anderen Kanal zu aktivieren. Also manchmal sagt der Staatsanwalt nein, wir geben nichts Schriftliches heraus, dann kann man immer noch den Verteidiger fragen, ob der mitmacht. Und so kommt man oft an die gewünschten Informationen, indem man um die Ecke herum recherchiert.

Wo finden Sie üblicherweise Ihre Geschichten?

Ich würde sagen, zur Hälfte in Zeitungen. In irgendwelchen kleinen Agenturmeldungen. Vielleicht habe ich in den letzten 35 Jahren eine Art Riecher dafür entwickelt, was hinter einer kleinen neutralen unspektakulären Agenturmeldung stecken könnte. Natürlich lieg ich da ab und zu falsch, aber in der Mehrheit der Fälle steckt da dann ein Abgrund dahinter. Und die andere Hälfte wird mir zugetragen. Freunde erzählen mir von Personen, die ein erzählenswertes Leben haben oder hatten.

Ehrlich gesagt habe ich bisher nur diese eine Geschichte von Ihnen gelesen. Welche würden Sie mir empfehlen?

Es gibt vielleicht so zwei, drei, wo ich davon ausgehe, dass die nach Maßgabe dessen, wie die Menschen darauf reagiert haben, vielleicht besser waren als andere. Eine Geschichte, die heißt „Sarah“, das ist die Geschichte eines Mädchens, das mit 14 Leukämie bekam und mit 17 starb. Ich hab einfach die Krankheitsgeschichte dieses Mädchens dargestellt. Und dann gibt’s die Geschichte „Rico“ eines elfjährigen Knaben hier in den Bergen, der der beste in der Schule war, hübsch, der beste Sportler und so weiter, der Knall auf Fall von einer Brücke sprang und Suizid begangen hat. Und seine Familie, seine Eltern und zwei Schwestern völlig ratlos und kaputt zurückgelassen hat.

Und dann vielleicht noch eine – „Das Schweigen der Eltern und der Berge“ – die Geschichte eines Mannes, der heute 50 oder 55 ist, der als kleines Kind schon realisierte, dass irgendwas in der Familie nicht stimmt. Er hat fünf Geschwister, die bleich sind. Er selbst kriegt dunkle Hände sobald die Sonne kommt. Er hat realisiert, dass irgendwas falsch ist. Niemand hat ihm je etwas gesagt. Mit 37 hat er dann herausgefunden, dass er nicht das Kind von Papa ist, sondern eines italienischen Gastarbeiters, der im Keller des Hauses bei dieser Familie wohnte. Der arbeitete in einem Steinbruch und war dort eingemietet, damit die Familie ein kleines Zubrot hatte. Der Vater war so ein Bergler, sprach kaum, die Mutter stammte nicht aus den Bergen, sondern aus Luzern, fühlte sich in diesen Bergen am Arsch der Welt und hat sich dann in den Mieter im Keller verliebt.

Wie geht man bei so intimen oder tragischen Geschichten vor, um den Menschen nicht zu nahe zu treten?

Ich arbeite mit einem Fragenkatalog. Ich hab immer ein bisschen Angst, dass mir die Person nur einmal zur Verfügung steht, also muss ich alles jetzt fragen, wo ich bei ihr bin. Ich darf nichts vergessen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihre Geschichte eigentlich gern erzählen. Sie wissen aber nicht, was mich interessiert, also schreibe ich viele, viele Fragen auf. Die erste ist immer die nach dem Geburtsdatum und die zweite ist: Wars eine normale Geburt oder bist du zu früh gekommen oder zu spät? Vielleicht gibt das ja einen schönen Nebensatz. Was ist deine älteste Erinnerung, schönste Kindheitserinnerung, wie war dein Vater, und so weiter. Das sind manchmal 200 Fragen. Und das Gespräch dauert je nach Erinnerungsvermögen der Person manchmal sechs bis sieben Stunden. Das ist mein Rohmaterial. Ich lass die Leute einfach handeln, ich verurteile sie nicht und stelle das Gesagte nicht in einen bestimmten Kontext.

Wie schließen Sie Ihre Gespräche ab?

Ich bedanke mich. Ich weiß nicht, ob diese Behauptung stimmt, aber ich vermute sie stimmt: Ich verliebe mich, glaube ich, in meine Auskunftspersonen. Die sind mir dann wirklich sympathisch. Ich kann nicht sagen, dass ich mit ihnen leide, aber ich versteh die dann, glaube ich, und ich verliebe mich auf eine gewisse Weise in sie.

Beim Schreiben entliebe ich mich wieder von ihnen, weil ich das Schreiben als Anstrengung empfinde. Dann sitz ich da und suche einen ersten Satz und der zweite ist noch schwieriger, der dritte auch. Das Auswählen dessen, was in den Text hineinkommt, das rückt mich wieder von dieser Person weg. Es geht dann nicht mehr darum, möglichst viel aus dieser Person herauszulocken, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, wie das beim Gespräch der Fall war. Sondern jetzt muss ich mich von der Sympathie lösen, die ich für diese Person hatte, und muss mich nur noch darum kümmern, dass dieser Text am Schluss funktioniert. Ich hab festgestellt, dass die Leute, die mir ja vertraut und mir ihr Leben erzählt haben, nachdem sie den Text gelesen haben, auch selber wieder Distanz suchen. Nur mit einer Person, über die ich schrieb, habe ich noch Kontakt. Das pendelt sich dann so wieder ein: Es war gut, dass ich bei ihnen war, sie sind froh, dass das aufgeschrieben ist. Okay, jetzt ist es erledigt.