Grenzen respektieren: Interview mit Heba Khamis

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Wenn ich nicht Journalistin geworden wäre, … wäre ich am liebsten Fotojournalistin geworden! Der Beruf hat mich schon immer fasziniert, aber ich habe ihn mir nie zugetraut. Ein befreundeter Fotograf sagte mir mal, dass er nur mit Festbrennweite fotografiert, also ganz ohne Zoom. Er kann kein Bild von Weitem stehlen, wie es Paparazzi tun. Was er fotografiert, das muss er direkt vor sich haben, er muss damit bzw. mit den fotografierten Personen kommunizieren. Er muss nicht nur ihr Einverständnis einholen, sondern auch ihr Vertrauen gewinnen, sodass das Bild natürlich wirkt, nicht gestellt, obwohl es abgesprochen ist. Um all das hinzukriegen, muss man glaube ich eine ganz besondere Persönlichkeit haben, und ich bewundere diese Menschen. Klar muss auch ich als Journalistin Menschen zeigen, dass ich sie respektiere und sie mir vertrauen können… aber zu sprechen ist für viele doch weniger Überwindung als sich vor eine Kamera zu stellen. Soviel zum Thema Traumberufe, die nicht Realität wurden…

Nun zu einer tollen Fotografin, Heba Khamis, die 2018 als erste ägyptische Frau einen der World Press Photo Awards für ihre Reportage “Banned Beauty” über das “Brustbügeln” in Kamerun gewonnen hat. Bei dieser Praxis massieren Frauen die Brüste ihrer Töchter mit erhitzten Gegenständen, um das Wachstum zu verhindern. Sie sollen dadurch jünger erscheinen, um nicht Opfer sexueller Gewalt zu werden oder voreheliche Schwangerschaften zu riskieren. Ich habe Heba in Kairo getroffen und mit ihr darüber gesprochen, wie man Protagonistinnen findet, die sich in solch einer Situation ablichten lassen; warum Menschen sich überhaupt fotografieren lassen; und wie man seine Protagonist*innen respektiert und schützt.

Für dein Projekt „Banned Beauty“ hast du Frauen beim Brustbügeln in Kamerun fotografiert; für „Black Birds“ junge Geflüchtete, die sich in Berlin prostituieren. In deinem aktuellen Projekt portraitierst du Transpersonen in Ägypten. Warum entscheidest du dich immer für so unglaublich schwierige und intime Themen?

Ein Projekt muss mein Herz ergreifen, bevor ich mich dafür entscheide. Einer meiner Mentoren sagte mir kürzlich: „Du kannst den Wert deiner Arbeit nicht am Erfolg messen, sondern du musst durch deine Arbeit dich selbst finden.“ So entsteht Empathie und nur so wird das Ergebnis spannend.

Mir ist aufgefallen, dass meine Projekte sich immer mit Kultur, Religion und Körper beschäftigen. Das Projekt in Kamerun zeigt, wie die Gesellschaft den weiblichen Körper unter Druck setzt, sodass Frauen ihren Töchtern wehtun müssen, um sie zu beschützen. Beim Black Birds Projekt in Berlin geht es darum, wie wir unsere Körper verkaufen, um zu überleben, und wie beschämend Menschen das aufgrund ihrer Religion und Kultur finden. Und das Transgender Projekt beschäftigt sich mit Menschen, die einen inneren und äußeren Konflikt austragen, um herauszufinden, wer sie wirklich sind. Diese Elemente verbinden alle meine Werke und mit ihnen setze ich mich auch selbst auseinander, wenn ich versuche mich selbst, meine Identität und meine Religion zu verstehen. Was mich zu meinen Projekten hinzieht, ist also der Versuch, Menschen Gehör zu verschaffen, die einen ähnlichen Kampf austragen wie ich, wenn auch in anderer Form.

Wie überzeugst du Menschen, solch intime Seiten von sich zu zeigen?

Erst einmal versuche ich selbst zu verstehen, warum ich dieses Projekt machen möchte. Was sind wirklich meine Beweggründe? Wenn ich eine ehrliche Antwort darauf gefunden habe, hilft mir das eine Verbindung zu meinen Protagonist*innen aufzubauen. Und wenn ich ihnen meine Beweggründe erkläre, dann überzeugt sie das. Im Kameruner Projekt wollte ich die Mütter nicht als Kriminelle darstellen, sondern zeigen, dass sie ihre Töchter lieben und sie beschützen wollen. Die Frauen haben verstanden, worum es mir ging. Natürlich kommt es auch darauf an, wie man auftritt. Menschen können spüren, ob man ehrlich ist, oder ob man sie nur für eine gute Story benutzen will.

Wie schwierig war es, Frauen zu finden, die sich und ihre Töchter für das Projekt „Banned Beauty“ beim Brustbügeln fotografieren ließen?

Sehr. Der Zeitraum, in dem die Frauen das Brustbügeln durchführen, dauert nur fünf Tage bis zwei Wochen. Jemanden zu finden, der das gerade macht, ist also schon schwierig genug, aber diese Frauen dann zu überzeugen, ihre Töchter halbnackt zu zeigen, ist natürlich noch viel schwieriger.

Wie haben die Frauen reagiert?

Die Vorsitzende eines Dorfes sagte mir: „Du kommst aus Ägypten hierher, komplett verhüllt, und möchtest, dass diese Frauen dir ihre Töchter nackt zeigen. Es gibt genügend Probleme in Ägypten, warum fotografierst du nicht lieber dort?“ Diese Unterhaltung war ein Wendepunkt für mich. Die Frauen führen das Brustbügeln durch, um ihre Töchter vor den kamerunischen Männern zu beschützen, und nun komme ich und will ihre Brüste der ganzen Welt zeigen. Das machte einfach keinen Sinn! Darum gibt es auch fast keine Aufnahmen von Brüsten im Projekt. Es war zwar eine Herausforderung, über Brüste zu sprechen ohne welche zu zeigen, aber das war entscheidend, um die Frauen zu respektieren.

Wann und wie sind die Fotos in Kamerun entstanden? Was war dir wichtig?

Ich war 2016 einen Monat lang in Kamerun. Mir war von Anfang an klar, dass es ein Schwarz-Weiß-Projekt wird. Das Thema ist ohnehin sehr kompliziert, und ich wollte nicht, dass die ganzen Farben ablenken. Eigentlich hatte ich geplant, Portraits der Mütter und Töchter zu machen, um die Zuneigung zwischen ihnen zu zeigen. Also stellte ich den Töchtern eine Frage: Wie sitzt du mit deiner Mutter zusammen? In welcher Position fühlst du dich geborgen? Ich selbst reise viel, und wenn ich nach Hause komme, den Kopf auf den Schoß meiner Mutter lege, und sie meine Haare streichelt oder ihre Hand auf meine Schulter legt, dann fühle ich mich geborgen. Ich bat die Mädchen also mir genau diesen Moment aus ihrer Erfahrung zu zeigen. Dann passte ich ihre Position noch etwas an, damit das Ganze fotografierbar wurde. Dass ich Bilder vom Brustbügeln machen und verwenden würde, entschied ich erst später. Als ich den Vorgang das erste Mal mitansah, konnte ich nicht anders als ihn zu dokumentieren.

Du arbeitest als Fotografin in verschiedenen Ländern. Kommentieren Leute oft die Tatsache, dass du ein Kopftuch trägst?

Ja, sogar hier in Ägypten. Ein Projekt über Transpersonen zu machen, während man selbst Kopftuch trägt, kommt erstmal komisch. Zwar sind auch einige Transfrauen verhüllt, doch Menschenrechtsanwält*innen und -aktivist*innen haben oft Vorurteile. Das ändert sich aber, sobald sie mich kennenlernen. Natürlich ist mein Kopftuch wie ein Ausweis: es zeigt meine Identität ohne etwas über mein Herz zu verraten. Das erste, was Menschen sehen, ist das Kopftuch. Sie denken: oh, sie ist Muslima, sie ist religiös, sie ist Araberin. Ich weiß das und akzeptiere es. Sobald ich meinen Mund aufmache und spreche, vergessen die Leute diese Schubladen, in die sie mich gesteckt haben. Natürlich gibt es auch Menschen, die mich von Anfang an meiden, aber so ist das eben. Ich kann nicht jeden überzeugen.

Warum denkst du lassen sich Menschen überhaupt fotografieren?

Ich glaube, dass wir alle unsere Geschichte erzählen und von anderen gehört werden wollen. Wir möchten einfach mitteilen, wer wir sind. Das Problem ist nur, dass viele der Menschen, die ich fotografiere, Angst davor haben, dass Verwandte oder Bekannte ihre Geschichte hören und gegen sie verwenden. Sie sind zwar bereit über alles zu sprechen, fürchten sich aber, ihr Gesicht zu zeigen. Eine Person, die ich für das Transgender-Projekt in Ägypten gesprochen habe, lebt seit ihrer Operation als Frau. Ihrer Familie hat sie jedoch gesagt, dass sie – noch als Mann – im Ausland lebt. Diese Protagonistin möchte, dass die ganze Welt erfährt, was sie durchmacht, aber sie will nicht, dass ihre Familie etwas mitbekommt.

Wie gehst du als Fotografin damit um, dass Menschen nicht sichtbar werden wollen?

Ich erinnere mich selbst immer wieder daran, dass ich die Grenzen der anderen respektieren muss, nicht nur meine eigenen. Fotograf*innen haben sowieso nicht wirklich Grenzen, aber Fotografierte haben immer welche. Hier geht es um Respekt: Priorisiert man die Menschen, die man fotografiert, und ihre Privatsphäre? Oder priorisiert man die Story? Eine echte Fotografin priorisiert die Menschen auf dem Foto. Aus diesem Grund sind viele meiner Bilder anonymisiert.

Es ist nicht einfach in Ägypten über sexuelle Identität zu sprechen. Machst du dir Gedanken, dass du Probleme wegen des Transgender-Projekts bekommen könntest?

Als ich mit der Recherche anfing, postete ich auf Facebook, dass ich Protagonist*innen suche. Leute fingen an mir zu schreiben, dass sie mal große Fans waren, aber jetzt an meinen Ansichten zweifeln. Selbst das Gesetz und der Islam erlauben, das Geschlecht zu ändern, was ist also das Problem? Die Menschen reagieren aggressiv darauf, weil sie es nicht kennen. Das machte mich wütend und noch überzeugter davon, das Projekt fertigzustellen. Ich war auch teilweise besorgt, dass ich Probleme mit der Regierung bekommen könnte. Denn in Ägypten kann jeder jederzeit verhaftet werden, ohne irgendetwas verbrochen zu haben. Ich bin nicht mutig und will nicht verhaftet werden. Ich will meine Arbeit machen und Menschen erreichen, ohne mir selbst damit zu schaden. Wir werden sehen, was passiert.

Was ist dein nächstes Projekt?

Ich würde sehr gerne weiter über das Brustbügeln arbeiten, vielleicht ein Buch veröffentlichen. Und mich interessiert das Thema der Brautentführungen in Kirgisistan, aber das wird auch nicht einfach. Ersteinmal muss ich die Projekte fertig machen, die ich angefangen habe.

Wann hast du angefangen zu fotografieren?

Als ich 19 war, habe ich in der Uni von einem Fotografie-Workshop gehört, und gleich meine Kommiliton*innen überzeugt, mit mir hinzugehen. Dann machten wir eine Exkursion auf den Sinai und allen gefielen die Fotos, die ich dort machte. Meine Professorin wollte sogar eines davon zuhause aufhängen. Ich weiß noch, wie glücklich mich das machte – glücklicher sogar als später den World Press Photo Award zu gewinnen! Seitdem habe ich meine Kamera immer dabei. Seit sieben Jahren arbeite ich als Fotojournalistin, doch ich kann mich erst seit zweieinhalb Jahren wirklich Fotografin nennen. Vorher hatte ich keine persönliche Verbindung zu meinen Projekten. Nachdem ich im Ausland studiert und in Uganda einen Freiwilligendienst gemacht hatte, begann ich endlich das zu fotografieren, was mir wirklich etwas bedeutete. Nun bin ich stolz auf meine Arbeit.

Normalerweise interviewe ich Journalist*innen für meinen Blog, die schreiben. Was kann Fotojournalismus, was geschriebener nicht kann?

Menschen lesen einfach nicht mehr. Das tut mir richtig leid für die Autor*innen. Fotos erreichen Menschen schneller als Worte. Und Fotografie erreicht unterschiedlichere Menschen, weil sie keine Sprache benötigt. Jeder kann sie verstehen.

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Berichten oder Helfen: Interview mit Marianne Wellershoff

Die letzten zwei Jahre habe ich fürs Amnesty Journal gearbeitet, wo es natürlich immer irgendwie um Menschenrechte ging. Und auch generell, wenn man sich journalistisch für die marginalisierten und kämpfenden Menschen dieser Welt interessiert, kommt es oft vor, dass man sich während und nach der Recherche fragt: Was hat es diesen Leuten jetzt eigentlich gebracht, dass sie mir ihre Geschichte erzählt haben? Klar, die offizielle Antwort darauf kenne ich: Als Journalistin kann ich ihnen eine Stimme verleihen, da sie sonst gar nicht gehört würden. Und öffentliche Aufmerksamkeit ist eine starke Waffe. Aber manchmal frage ich mich schon, ob das reicht. Ständig spreche ich mit Leuten, die eigentlich Unterstützung bräuchten, darf die aber doch irgendwie nicht unterstützen, weil ich sonst nicht mehr unabhängig wäre. Wie weit darf Journalismus in Aktivismus übergehen… oder andersrum? Wenn man irgendwo ehrenamtlich arbeitet, hätte man da nicht Zugang zu ganz vielen spannenden Geschichten, die man veröffentlichen könnte?

Marianne Wellershoff hat ein Jahr lang Geflüchtete in einer Erstaufnahmeeinrichtung im Hamburger Stadtteil Rahlstedt journalistisch begleitet. Dabei ist ein Blog entstanden, auf dem sie jede Woche aus dem Leben der Geflüchteten berichtet hat. Abschließend hat Marianne Wellershoff in “Mohammed heißt jetzt Lukas” noch einmal die Geschichte der irakischen Familie Rashid zusammengefasst, einer der Familien, über die sie während der Arbeit am Blog berichtet hat. Wie sie es während der Recherche geschafft hat, zwischen Berichten und Helfen zu trennen, hat sie mir im Interview erzählt.

Marianne Wellershoff (55) ist Journalistin, Autorin und Musikerin. Sie lebt in Hamburg und arbeitet seit vielen Jahren für den SPIEGEL.

Sie haben genau ein Jahr lang Geflüchtete in der Erstaufnahme in Rahlstedt begleitet. Wie haben Sie am selben Ort immer wieder neue Themen entdeckt?

Es war gar nicht so einfach, eine abwechslungsreiche Themenmischung zu finden, weil ich ja nicht jedes Mal über den Ärger mit den Behörden berichten konnte. Ich hatte vorher recherchiert und mit den Maltesern gesprochen, die die Einrichtung leiteten, sodass mir einige Themen schon klar waren: Medizinische Versorgung, Behörden, Ablehnung des Asylantrags zum Beispiel. Ganz am Anfang war ich sehr darauf angewiesen, dass die Malteser mich auf Themen und Veranstaltungen aufmerksam gemacht haben. Nach kurzer Zeit kannte ich aber viele Leute dort und hatte mein eigenes Netzwerk. Dann konnte ich sehr gut selber entscheiden, welchen Aspekt ich machen möchte.

Was war besonders herausfordernd an diesem Format des Langzeit-Blogs?

Dieser Blog war eine der größten Herausforderungen meines ganzen Berufslebens und ich kenne auch sonst niemanden, der das mal gemacht hat. Die ganze Schwierigkeit daran war, dass ich nicht in die Zukunft blicken konnte. Das heißt, ich wusste bei der Recherche gar nicht, welche Personen sich auf spannende Weise entwickeln und welche verharren würden, oder was es für ein gesamtes Themenspektrum gibt. Es ist eine Art Live-Berichterstattung, obwohl ich nur einmal in der Woche berichtet habe. Die allermeisten Geschichten, die man im Journalismus findet, auch Langzeitbeobachtungen, sind letztendlich retrospektive Beobachtungen: Man recherchiert soundsoviele Wochen, wägt ab und schreibt anschließend eine Geschichte. Ich musste das aus dem Moment heraus machen.

Wie genau liefen diese Wochen und Monate ab?

Am Anfang war ich jede Woche in der Unterkunft, manchmal sogar zweimal die Woche, je nach Thema. Aber es hat sich schnell ergeben, dass ich die Personen, die dort lebten, auch hinausbegleitet und sie woanders getroffen habe: bei einer Behörde, einer Sprachschule, bei der Wohnungssuche.

Sie wollten von den Menschen eine Geschichte haben. Was war deren Motivation sie Ihnen zu erzählen?

Der ein oder andere hat sich sicher erhofft, dass ihm das bei seinem Asylprozess hilft. Bei einem weiß ich das ganz sicher, der war dann extrem enttäuscht, dass das nicht so war. Andere wollten einfach mal ihre Geschichte erzählen und wahrgenommen werden. Für die war es wichtig, dass jemand zuhört. Wieder andere waren froh, dass sie mal mit Deutschen reden konnten. Und manche wollten, dass Flüchtlinge anders dargestellt werden.

Warum haben Sie sich in Ihrem abschließenden längeren Text ausgerechnet für die Familie Rashid entschieden?

Die Familie Rashid hat viele Familienmitglieder mit verschiedenen Altersgruppen und Lebenswegen: vom Grundschulkind bis zur Mama der Familie, die nochmal Mutter wird. Das fächert eine breite Auswahl an Themen auf. Außerdem wurde ihr Asylantrag abgelehnt, was dann nochmal die Dramatik erhöhte. Und schließlich waren die Rashids auch eine sehr freundliche Familie, die mir während dieser Zeit sehr ans Herz gewachsen ist. Das war der Grund, warum ich die Familie im Anschluss weiterhin begleitet und unterstützt habe.

Wie unterstützen Sie sie?

Ich erledige die gesamte Behördenpost, ich halte Kontakt mit den Lehrern der Kinder, helfe der Großen bei der Suche nach einer Sprachschule oder sage der Mutter, wo sie einen Eltern-Kind-Kurs finden kann.

Was halten Sie von diesem Grundsatz, dass eine Journalistin sich mit keiner Sache gemein machen darf, auch mit keiner guten?

Ich habe das ja strikt getrennt. Ich habe der Familie nicht geholfen, solange ich recherchiert und den Blog geschrieben habe. Aber natürlich habe ich auch eine Haltung. Ich bin ja zum Beispiel nicht der Meinung, dass keine Flüchtlinge ins Land kommen sollten und dass alle Flüchtlinge kriminell sind. Ich habe eine offene freundliche Haltung und die merkt man den Texten auch an. Das ist eben so, ich bin ein Mensch und habe eine bestimmte Vorstellung. Trotzdem habe ich mich sehr bemüht, den Alltag kühl und sachlich zu beschreiben.

Sie waren sehr häufig in dieser Einrichtung, wo sicher viele Menschen verzweifelt auf Wohnungen, Arbeit, Aufenthaltstitel warteten. Wurden Sie da häufig um Hilfe gebeten und wie gingen Sie damit um?

Ja, da gab es einige, über die ich geschrieben habe, die dann erwarteten, dass ich ihnen helfe eine Wohnung zu finden. Denen sagte ich: Nein, das kann ich nicht und das ist auch nicht mein Job. Ich kann über euer Leben schreiben, und vielleicht ruft dann jemand an und will euch eine Wohnung geben.

Haben die Leute das akzeptiert?

Mal mehr, mal weniger. Letztendlich haben sie es verstanden aber manche waren auch enttäuscht, dass es keine „Bezahlung“ für das Gespräch gab.

Sie haben emotionale Momente mit der Familie Rashid besprochen. An einer Stelle heißt es „Die Rashids haben tatsächlich mit ansehen müssen, wie ein Mann ertrank. (…) Es ist fast das einzige Ereignis während der Flucht, an das sich die heut neunjährige Divan noch erinnernt.“ Hatten Sie Sorge, dass Sie die Menschen durch diese Gespräche retraumatisieren, dass die das erstmal einer Therapeutin erzählen sollten?

Die Familie war ja teilweise in Therapie, auch wenn es dabei einige Schwierigkeiten gab. Grundsätzlich hat man ja ein Gefühl dafür, ob eine Person es aushält, etwas zu erzählen, oder ob das zu schwierig ist. Wenn die Person zumacht und man richtig nachbohren müsste, würde ich das unterlassen. Aber solange die Leute erzählen und man den Eindruck hat, es quillt aus ihnen heraus und sie wollen das, solange würde ich weiter fragen. Man muss natürlich ab einem bestimmten Punkt auch Verantwortung übernehmen und sich fragen, ob die Leute zwei Tage später auch noch wollen, dass das veröffentlicht wird, oder ob ihnen das schaden würde.

Die Rashids haben Ihnen erzählt, dass eine ihrer Töchter von ihrem Großcousin und Ehemann misshandelt und schließlich durch einen Brand getötet wurde. Möglicherweise habe es sich dabei um Selbstmord gehandelt. Die Angst vor der Zwangsheirat der zweiten Tochter war der Grund, warum die Rashids geflohen sind. Muss man als Journalistin so eine Geschichte nachprüfen… kann man das überhaupt?

Ich habe mich mit dem Thema Selbstmord durch Verbrennen und mit Ehrenmord in Kurdistan beschäftigt. Ich habe eine Freundin, die lange in dieser Region für eine Organisation gearbeitet hat, die Journalisten ausgebildet hat. Die habe ich gefragt, ob das stimmen kann, was die Rashids sagen. Und sie erzählte mir folgende Geschichte: in ihrem Kurs fragte eine Schülerin, wann man über ein Ereignis berichtet. Darauf antwortete meine Freundin, dass das Ereignis einzigartig und herausragend sein, viele interessieren müsse. Daraufhin verwarf die Schülerin ihr Thema wieder. Auf die Frage hin, was denn das Thema gewesen wäre, sagte sie „Selbstverbrennung von jungen Frauen in gewalttätigen Ehen. Das passiert bei uns in den Dörfern dauernd.“

Als ich das hörte, war mir klar, dass die Geschichte der Rashids stimmt – auch wenn bis heute nicht klar ist, ob es sich im Fall der Tochter um einen Mord oder einen Selbstmord gehandelt hat.

Geflüchteten-Themen ziehen ja immer viel Hass in Form von Leserbriefen oder Online-Kommentaren nach sich. Haben Sie das auch erlebt? Wie gehen Sie damit um?

Auf Facebook kamen eine ganze Menge Hasskommentare. Wir haben die richtig rechtsradikalen herausgefiltert, das war sehr unangenehm. Irgendwann sind dann die Leute von #ichbinhier e.V. darauf aufmerksam geworden und haben dagegen gehalten. Hier und da habe ich auch eingegriffen; möglichst selten, aber wenn wirklich Tatsachen verdreht wurden und Falschinformationen verbreitet wurden, habe ich das richtiggestellt.

Sie haben schon eine sehr lange Karriere als Journalistin hinter sich. Gibt es etwas, was sie journalistisch noch erreichen möchten?

Da gibt es unglaublich viel. Im nächsten Jahr werden wir beim Spiegel eine Verschmelzung von Print und Online erleben. Ich glaube, da wird es nochmal ganz viele neue Herausforderungen für uns alle geben. Ich begrüße diese Entwicklung im Journalismus total. Sie ermöglicht sehr viel mehr Kreativität in Formen, Themen und Kooperationen mit anderen Medien. Man kann etwas nicht nur aufschreiben, sondern auch Bilder, Videos oder einen Podcast machen. Dieser Blog über ein Jahr wäre ohne ein digitales Medium gar nicht denkbar gewesen. Obwohl der Journalismus finanziell unter Druck steht, hat er viel mehr zu bieten als vorher. Das macht ihn zu einem immer spannenderen Beruf.

Ein Maximum an Inklusion: Interview mit Thembi Wolf

Letztens habe ich im SZ-Magazin mal nachgezählt: da waren ganze 118 Seiten von Männern geschrieben. Nur 36 waren von Frauen – und zwar die hintersten 36 Seiten des Hefts. Das Problem einer männlich dominierten Autorenschaft haben viele der renommiertesten Zeitungen und Zeitschriften, leider auch einige meiner Lieblinge. Auf meine kritischen E-Mails an insgesamt drei solcher Redaktionen habe ich aber nie eine Antwort bekommen.

Klar, mein Blog heißt ganz bewusst Interviews mit Journalist*innen – mindestens die Hälfte der Interviewten sollen Frauen sein, lieber noch mehr. Das klappt bisher ganz gut, aber dann ist mir aufgefallen:  Frauen sind nicht die einzigen Unterrepräsentierten – bisher hatte ich nur weiße Menschen interviewt. Beim Versuch, das zu ändern, habe ich gemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, Texte von Journalist*innen of Color zu finden. Ich weiß nicht, ob es den Redaktionen, die viel mehr Männer schreiben lassen, auch so geht. Sie nehmen vielleicht den ersten, der ihnen einfällt oder auffällt, ohne bewusst nach Menschen zu suchen, die das Heft ein wenig diverser machen würden. Frauen zu engagieren wäre da ja nur ein Schritt von vielen.

Als ich auf Thembi Wolf gestoßen bin, die zu Diversity im Journalismus arbeitet, habe ich sie also direkt angeschrieben. Auf sie bin ich über den Text “Eine schwierige Liebe” aufmerksam geworden. Darin beschreibt sie, welche Revolutionsikonen of Color von Malcolm X bis Che Guevara die deutsche 68er Bewegung inspiriert haben. Im Interview habe ich sie gefragt, welche Perspektiven in der deutschen Medienlandschaft fehlen und wie man das ändern kann.

Thembi Wolf (27) hat Workshops zu Medienethik und Diversity im Journalismus veranstaltet. Sie arbeitet als freie Journalistin in Berlin und schreibt unter anderem für FAZ, Zeit Online und den Freitag.

Du hast keine klassische journalistische Ausbildung gemacht. Wie bist du freie Journalistin geworden?

Ich habe ganz klein angefangen, mit 12 bei der Schülerzeitung. Ich wusste, ich will Journalistin werden, hatte aber ein ganz naives Bild davon, was das bedeutet. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und kannte nie wirklich einen Journalisten. Die Schülerzeitung war mein Horizont. Ich habe mich dann einfach überall informiert, alles mitgemacht an Workshops und Trainings, und mich in jede Aufgabe, die sich geboten hat, reingeschmissen, auch wenn ichs mir manchmal nur halb zugetraut habe. Jetzt schreibe ich die Hälfte meiner Arbeitszeit als Aushilfe für Zeit Online Nachrichten und die andere Hälfte bin ich frei. Ich versuche zu reisen, so oft ich es finanzieren kann. Denn mein Anspruch an mich als Journalistin ist auch, Geschichten ein bisschen anders zu erzählen als andere.

Was meinst du mit anders?

Ich war immer eine begeisterte Leserin von Auslandsreportagen, egal von wo. Ich hatte aber oft ein ungutes Gefühl, was die Perspektiven der Journalist*innen betraf. Da gab es nur diese typischen Kriegs- und Katastrophenreportagen aus Afrika, nach dem Motto: „Guck mal, da ist Krieg und Katastrophe aber die Kinder sind trotzdem süß.“ Bestimmte Narrative funktionieren nur aus Ländern des globalen Südens, zum Beispiel: die haben hier nichts, aber haben aus Schrott eine Bewässerungsmaschine für ihr Feld gebaut. Das ist immer so ein Blick von oben herab. Der hat mich gestört und ich dachte ich kann das vielleicht besser.

Und wie genau machst du es besser?

Wenn ich im Ausland bin oder in einem mir fremden Umfeld, versuche ich, meinen Augen nicht gleich zu trauen. Bei Auslandsgeschichten stört es mich auch, dass oft nur weiße Expert*innen aus Europa oder den USA zu Wort kommen. Das versuche ich anders zu machen. Denn es gibt es auch vor Ort Expert*innen und eine Elite und kulturelle Vordenker, die etwas über ihre Gesellschaften sagen können. Und dann muss man ganz viele Fragen stellen. Das ist eigentlich so einfach. Nur daraus besteht der Job letztendlich. Fragen, auch wenn man denkt, man hat schon verstanden. Viele Auslandsreporter*innen beschränken sich darauf mit ihrem Taxifahrer ins Gespräch zu kommen und das dann als „Stimme aus dem Volk“ zu verkaufen – anstatt mit einer Vielfalt an Menschen ins Gespräch zu kommen.

Dann muss man die Geschichte aber auch noch an deutsche Redaktionen verkaufen…

Manchmal gehe ich schon Kompromisse ein, wenn ich Themen anbiete. Wenn man in Deutschland eine Geschichte über Stromausfälle in Ruanda schreibt, muss man sich auf die Stromausfälle in Hamburg beziehen oder erklären, warum das jetzt für das Weltgefüge wichtig ist. In den USA gibt es viel mehr Auslandsjournalismus, der nicht unbedingt einen Bezug zu den Menschen in den USA haben muss. Das ist so eine deutsche Eigenart, aber ich glaube, das ändert sich langsam. Ich denke, das kommt auch dadurch, dass man diversere Stimmen zulässt. Natürlich muss eine Geschichte irgendwie relevant sein, aber wenn die für so einen riesigen Teil der Weltbevölkerung relevant ist, und Deutsche jetzt mal nicht betrifft, dann muss man da vielleicht seinen Fokus erweitern.

Wie bist du zu dem Thema Diversity im Journalismus gekommen?

Ich habe ganz schnell gemerkt, dass sehr wenige Journalist*innen so aussehen wie ich. Ich war immer die einzige mit Afro in jedem Newsroom und oft die einzige Person of Color bis die Putzfrau ankam. Das finde ich echt absurd, dass das immer noch so ist, obwohl wir schon eine ganze Weile über dieses Thema diskutieren. Aber wenn ich dann daran denke, wie ich in den Journalismus gekommen bin – das war Glück und Naivität. Viele andere, die anfangs die Ressourcen nicht haben, bleiben auf der Strecke. So bin ich auf das Diversity Thema gekommen. Ich finde, es ist eigentlich ein Vergehen an der Demokratie, wenn die Gesellschaft nicht in der Presse repräsentiert wird. Mir hat das selber oft gefehlt, dass mal jemand aus meiner Perspektive erzählt.

Was für Perspektiven fehlen in der Presse?

Es gibt sehr wenige Journalist*innen mit Migrationshintergrund. Ich glaube, die Neuen Deutschen Medienmacher haben das mal so formuliert: Jede*r 5. Deutsche hat einen Migrationshintergrund aber nur 5% der Journalist*innen. Es gibt auch super wenige Arbeiterkinder im Journalismus. Das merkt man jetzt an der Berichterstattung über die Leute, die AfD gewählt haben. Da kursiert dann so eine Vorstellung, dass das alles Bauarbeiter sind, die sich von Pommes Schranke ernähren. Damit ist einfach keinem geholfen.

Wie schafft man es denn als Redaktion, eine größere Vielfalt bei den Autor*innen zu erreichen?

Die Neuen Deutschen Medienmacher haben letztes Jahr die Forderung nach einer Quote verabschiedet. Das ist natürlich kontrovers und man kann sehr viele Gegenargumente finden, aber ich glaube echt, das könnte eine Lösung sein. Damit sagt man den Redaktionen: begebt euch mal bitte auf die Suche. Und so verstehen die dann, dass man schon viel weiter unten ansetzen muss, nämlich bei der Ausbildung. Natürlich ist das auch eine finanzielle Frage, weil wir als Journalist*innen so schlecht bezahlt werden.

Hattest du schon das Gefühl, dass du als Journalistin of Color anders behandelt wurdest?

Am Anfang habe ich in Berlin viel über Kultur geschrieben und wurde immer zu den Terminen geschickt, die etwas mit Migration zu tun hatten. Das ist eine Zwickmühle: nehme ich diese ganzen Themen jetzt an, obwohl ich die nur kriege, weil jemand mich als Schwarze wahrnimmt und mich dann zu Themen schickt, die etwas mit Afrika zu tun haben? Mache ich das dann und mache es vielleicht sogar besser als wenn die jemand anderen schicken würden, der nicht so viel darüber nachgedacht hat? Oder sage ich: Nein, ich bin nicht Afrika, ich bin… Nachhaltigkeit zum Beispiel. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe diese Themen immer gemacht und mache sie immer noch. Meine Familie väterlicherseits ist aus Südafrika, und südliches Afrika ist mittlerweile auch mein fachlicher Fokus.

Du hast zu Diversity im Journalismus referiert. Was hast du da genau gemacht?

2014 habe ich mit einer Freundin zusammen eine Werkstattreihe gestartet. Wir haben gemerkt, dass ganz viele junge Journalist*innen, die wir kennen gelernt hatten, Bock hatten, über medienethische Themen zu sprechen – zum Beispiel darüber, dass wenn über Migrationsthemen berichtet wurde, als Bebilderung immer die Frauen mit Kopftuch und Aldi-Tüte gewählt wurden. Also haben wir diskutiert, wie man Bilder aussucht, wie man über Terrorismus berichten kann ohne antimuslimischen Rassismus zu reproduzieren, wie man gendert und Redaktionen davon überzeugt. Solche Sachen debattiert man in der Journalistenausbildung oft gar nicht, obwohl Journalismus so eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft hat.

Und wie überzeugt man Redaktionen vom Gendern?

In meinem Kollektiv Collectext haben wir eine Art Factsheet entwickelt, wie man gendern kann und warum. Ich gendere zum Beispiel immer unterschiedlich. Ich bin ein großer Fan von einem Maximum an Inklusion und habe auch keine Angst vor komplizierten Xen oder Sternchen. Wenn wir einen Redakteur haben, der da verständnislos ist, sagen wir eben, dass wir zu einem Kollektiv gehören, das es sich zum Grundsatz gemacht hat, darauf zu achten. Dann verweisen wir auf das Factsheet, wo die Redakteur*innen nachlesen können, worum es uns geht.

Das funktioniert?

Ich habe bisher viele gute Erfahrungen damit gemacht. Oft habe ich das Gefühl, dass viele Journalist*innen es sich zu leicht machen. Die sagen: „Das Gendern krieg ich sowieso nicht durch“ oder: „Die neue Perspektive kriege ich nicht verkauft, also erzähle ich die gleiche Geschichte von dem Aufsteiger mit Migrationshintergrund, so wie alle anderen das schon die letzten zwanzig Jahre erzählt haben.“ Aber eigentlich macht es den Text objektiv besser, wenn man mal etwas Neues versucht und Wörter benutzt, die noch nicht abgegriffen sind.

Viele argumentieren ja auch, dass man wiederum ein bestimmtes Publikum ausschließt, das mit dieser Art von politisch korrekter Sprache nicht zurechtkommt.

Wenn meine Oma nicht mehr mitkommt beim Lesen, dann habe ich etwas falsch gemacht. Das muss gar keine normative Debatte sein. Ich sehe das ganz praktisch: wenn man es nicht schafft, eine These, und sei sie noch so komplex, so zu formulieren, dass jeder mitkommt, dann muss man halt nochmal seinen Text überarbeiten. Dann hat man einfach handwerklich etwas falsch gemacht und nicht politisch.

Du hast das Kollektiv Collectext erwähnt. Was hat es damit auf sich?

Ich bin vor zwei Jahren eingetreten, als letzte von sechs Frauen. Gerade als Berufseinsteigerin und freie Journalistin hat man selten jemanden, der einem den Rücken freihält und hinter einem steht; oder jemanden, dem man einfach mal einen Text schicken oder von einer Idee erzählen kann. Im Laufe des Berufslebens findet man sicher solche Leute, aber es ist unfassbar hilfreich, das so zu institutionalisieren. Ich weiß gar nicht, ob ich mich ohne das Kollektiv so viele Sachen getraut hätte. Außerdem haben wir die Idee, der finanziellen Ellenbogengesellschaft entgegenzutreten und zu sagen: wir teilen vielleicht irgendwann unser Einkommen. Wenn eine einen großen Auftrag hat oder einen festen Job und eine andere gerade an ihrem Herzensprojekt arbeitet, dann würde sich das gegenseitig ausgleichen.

Wie genau sieht eure Zusammenarbeit aus?

Wir treffen uns alle zwei Wochen. Manchmal fahren wir auch ein Wochenende aufs Land, um richtig viel Zeit zu haben, auch mal über medienethische Themen zu diskutieren. Ab und zu schiebt man sich Aufträge zu, wenn man selbst keine Zeit dafür hat. Klar kann es dann sein, dass man den Auftrag weitergibt, und in Zukunft keinen Auftrag mehr von der Redaktion bekommt. Aber so ist das ist eben: die absolute Solidarität. Jede freut sich über die Erfolge von jeder anderen. Und so hat man auch immer jemanden, mit dem man auf Erfolge anstoßen kann.