Recherche in der Sekte: Interview mit Marcus Bensmann

Villa Baviera heißt heute die ehemalige Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile. Wo die Bewohner heute mit Touristen Oktoberfest feiern und traditionelles deutsches Essen servieren, wurden in den 1960er bis 80er Jahren Menschen gefoltert und eingesperrt, Kinder missbraucht und Gegner der Pinochet-Diktatur ermordet. Für die Taten wurde außer dem 2010 verstorbenen Sektenführer Paul Schäfer bisher niemand belangt. Marcus Bensmann hat die Bewohner der Siedlung für seine Recherche “Prügel, Folter und Gesang” besucht – in der Hoffnung die letzten lebenden Mitwisser oder Mittäter doch noch zu einem Geständnis bewegen zu können. Um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, hat er sich ihnen auf ungewöhnliche Weise angenähert.

Marcus Bensmann berichtete zehn Jahre als freier Journalist aus Zentralasien, vor allem über Korruption und Machtmissbrauch. Heute arbeitet er für Correctiv zu den Themen Neue Rechte und AfD, Russische Einflussnahme und Lokalskandale.

Es wurde ja schon viel über die Colonia Dignidad geschrieben, gefilmt und publiziert. Warum fanden Sie es notwendig dieses Thema nochmal aufzugreifen?

Die Leute, die zusammen mit dem Sektenführer Paul Schäfer die Kolonie in Chile aufgebaut haben sind schon sehr alt, und es gibt nur einen, der im Gefängnis sitzt. Jetzt ist also die letzte Möglichkeit, nochmal etwas über die innere Struktur der Colonia Dignidad herauszufinden. Gerhard Mücke, den wir im Gefängnis gesprochen haben, ist einer der letzten Zeitzeugen. Die Colonia Dignidad ist ja ein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte: dieser Höllenort, der da entstanden ist, und die Art, wie das Auswärtige Amt und die Bundesregierung agiert haben. Den letzten Zeitzeugen im Gefängnis zu befragen ist schon an sich eine journalistische Leistung.

Im Text heißt es auch: „Die Opfer sind noch nicht entschädigt. Außer Mücke sitzt derzeit keiner der mutmaßlichen Täter hinter Gittern.“ Was könnte eine journalistische Recherche bewirken?

Bisher ist es nicht gelungen, die Menschen, die sich hier nach Deutschland geflüchtet haben, wegen ihrer Untaten zu belangen. Alle Beteiligten erzählen die gleiche Geschichte: Schäfer war für alles verantwortlich, alle anderen sind Opfer. Das ist ein Schweigekartell, das alles auf denjenigen fokussiert, der tot ist. Wenn es tatsächlich gelungen wäre, Gerhard Mücke dazu zu bringen, dass er auspackt, dann hätte man die inneren Zirkel belasten können.

Sie haben für die Recherche die Akten des Außenministeriums genutzt, wie sind Sie dabei vorgegangen?

Wir haben versucht möglichst viele Akten in einem kurzen Zeitraum zu sichten. Das war insofern spannend als wir ganz konkrete Informationen abgleichen konnten mit den Geschichten, die wir vor Ort in Chile von den Menschen gehört haben. Zum Beispiel erzählte uns das Ehepaar Mücke von einer Situation, in der sie sich angeblich gegenseitig geschützt hätten. Doch in den Akten konnten wir lesen, wie Mücke seine Frau verriet.

Wie lief die Recherche vor Ort ab?

Ich bin zweimal für etwa zwei Wochen nach Chile gefahren, zuletzt im Februar. Die ehemalige Colonia Dignidad heißt ja heute Villa Baviera und ist ein Touristenort, da kann jeder hinfahren. Die Menschen leben dort, und man kommt schnell mit ihnen in Kontakt. Sie haben eine gemeinsame Erzählung. Jeder berichtet von seinem Leid, aber erwähnt auch immer wieder das Gute: dass es ein Krankenhaus gebe, dass man die Wildnis urbar gemacht habe und dass an allem Schlechten Paul Schäfer Schuld ist. Es ist dort ein bisschen wie Disneyland und gleichzeitig merkt man, dass es eine Mauer des Schweigens gibt. Die galt es erstmal zu durchbrechen, bevor ich Gerhard Mücke im Gefängnis besuchen konnte.

Eine Protagonistin, Erika Tymm, berichtet von ihrer eigenen Folter, eine andere, Brigitte Mücke, erzählt, wie sie ihrer Mutter einen Brief schickte. „Ich habe ihr beschrieben, wie unglücklich ich in der Kolonie bin, dass es wie in einem KZ sei“… Wie kann man sich erklären, dass beide Frauen nach wie vor freiwillig dort wohnen?

Die changieren zwischen Opfer und Täter. Das ist eben die Ambivalenz, die die Colonia Dignidad und das Leben der Menschen dort so besonders und berichtenswert macht. Deutsche Touristen kommen dort heute mit so einem Gruselfaktor hin; das wissen die Bewohner und erzählen ihre Leidensgeschichten, aber es geht nie um Verantwortung. So eine ganze Struktur kann ja nicht entstehen, wenn das nur ein einzelner Mann macht. Da haben Leute mitgemacht, da gab es Mitwisser, und all diese Fragen sind bisher nicht richtig beantwortet worden.

Waren die Menschen dort sehr misstrauisch Ihnen gegenüber?

Die Bewohner der Villa Baviera halten generell Distanz zu Journalisten und „Menschenrechtlern“, weil sie sich von denen hintergangen fühlen – obwohl sie selbst gar nicht leugnen, dass die ganzen schlimmen Sachen passiert sind. Sie wollen aber nicht, dass alles in ein schlechtes Licht gerückt wird. Das ist schon immer noch eine Sekte dort. Einerseits haben sie ein Hotel und ein Restaurant, wollen also, dass Touristen kommen. Und andererseits hat man permanent das Gefühl, dass es eine Sprachregelung gibt. Insofern musste ich mich auf dieses Doppelspiel ein bisschen einlassen.

Sie schreiben, dass Sie „die Bewohner der Villa Baviera kennengelernt, mit ihnen gebetet und gesungen haben.“ Haben Sie den Leuten etwas vorgespielt?

Ich habe ja nicht gelogen. Ich bin ein Mensch, der auch sonst in die Kirche geht. Die Religion bot mir hier die Möglichkeit mit den Menschen zu reden. Die Frage des falschen Zeugnisses, der Schuldbekennung und des Vergebens von Schuld sind zentrale Fragen des Christentums, mit denen ich andersherum argumentieren konnte, dass die Bewohner selbst doch mal erzählen sollten, was wirklich passiert ist. Ich habe mich auf deren Argumentationsebene begeben. Und gegen mein persönliches Ernstnehmen des Schriftworts ist ja nichts einzuwenden. Das ist keine Lüge.

Wussten die Leute denn, dass Sie Journalist sind?

Ich habe gesagt, ich bin der Marcus Bensmann. Jeder kann googlen, wer ich bin. Und ich habe Ihnen erzählt, dass ich in Zentralasien gearbeitet habe, und dass es da auch ein deutsches Dorf in den Bergen gab. Darüber haben wir dann diskutiert.

Sie haben sich Ihren Protagonist*innen also auf einer religiösen Ebene genähert. Wie genau lief das ab?

Das, was die ältere Generation verbindet, ist die Religion, und so habe ich versucht darüber mit ihnen ins Gespräch zu kommen. So ist es mir gelungen, mit Mückes Frau zu ihm ins Gefängnis zu dürfen und mit ihm zu sprechen. Ich wollte mir seine Position anhören und ihn fragen, ob er nicht bereit wäre das nochmal anders zu betrachten. Für mich war der Herr Mücke kein Zyniker, der Spaß an der Gewalt hatte, sondern ein zutiefst gläubiger Mensch. Ich konnte mir vorstellen, dass er sich nicht gleich verschließen würde, wenn ich mit ihm auf Grundlage der Bibel argumentiere. Zumindest habe ich es geschafft mit ihm reden zu können. Und ich hatte das Gefühl, dass er auch zuhörte. Aber zugleich hat er seine Abwehrstrategie gefahren, er habe von nichts gewusst, er sei an nichts Schuld. Das Spannende war, dass seine Frau ihn während des Gesprächs ab und zu mal korrigiert und gesagt hat: „Wir haben doch davon gewusst,“ oder „Da wurden doch Leute geschlagen.“ Gerhard Mücke hat sich in diesem Leugnen von allem Wissen und aller Tat eingeigelt.

Bevor sie Mücke im Gefängnis besuchen durften, haben Sie ihm einen Christstollen und einen handgeschriebenen Brief geschickt. Machen Sie sowas öfter?

Wenn ich Gefängnisbesuche mache, dann bringe ich natürlich etwas mit. Und Briefe halte ich für eine sehr interessante Form mit Quellen Kontakt aufzunehmen, vor allem handgeschriebene. Das habe ich schon ganz oft gemacht. Ein handgeschriebener Brief wird immer gelesen. Er wird nicht immer beantwortet aber immer gelesen.

Trotzdem haben die Mückes den Kontakt schließlich abgebrochen…

Ja, vielleicht war ich zu nah dran. Ich habe dann ja nochmal einen langen Brief geschrieben, in dem ich ihn mit Widersprüchen konfrontiert habe. Darauf habe ich bisher aber keine Antwort erhalten.

Hatten Sie im Gespräch das Gefühl, dass er bewusst lügt oder hat er sich seine Erinnerung so zurechtgelegt?

Man kann ja nicht hinter eine Stirn gucken, deswegen ist das Wort Lügen schwierig. Mücke gibt nicht wieder, wie die Realität ist. In einigen Fällen konnten wir das sogar nachweisen. Die Frage ist, wie man mit Schuld umgeht. Da wird gerne geleugnet – nicht nur im Fall der Colonia Dignidad, sondern generell in der deutschen Geschichte.

Sie berichten häufig investigativ über Korruption und Machtmissbrauch, also Themen, die sehr schwer zugänglich sind. Was muss man dabei beachten?

Man braucht Zeit. Man muss seine Informationen gut organisieren, dass man nicht vor einem Riesenschreibtisch sitzt, auf dem Notizzettel und Dokumente und Akten unsortiert herumliegen. Und man braucht ein Rückgrat, um vor evenutellen Anfeindungen und Streitigkeiten nicht einzuknicken, sondern in der Lage zu sein, die durchzustehen.

Schwerwiegend und belegbar: Interview mit Pascale Müller

Nachdem ich mich jetzt länger mit spannenden Protagonist*innen und atmosphärischen Reportagen beschäftigt habe, habe ich auf einmal so richtig Lust auf Zahlen und Fakten. Investigative Recherche und Datenjournalismus lernen ist definitiv das nächste Projekt. Dahinter steckt natürlich nicht einfach eine Laune, sondern der Anspruch Texte zu schreiben, die nicht nur unterhalten, sondern auch bilden. Einen kleinen Einstieg hatte ich bei einem Workshop der Linken Medienakademie zum Programm Datawrapper, ein ziemlich nützliches, teilweise kostenloses, Tool zum Visualisieren von Daten (…dies ist keine Werbung, sondern ein Tipp 🙂 aber eines Tages werde auch ich mit meinem Blog Geld verdienen!!!).

Um einen ersten Einblick in das Thema investigative Recherche zu bekommen, habe ich mich mit Pascale Müller getroffen, die bei BuzzFeed in Berlin arbeitet. Ich habe ehrlich gesagt noch nicht ganz verstanden, ob BuzzFeed eine Clickbait-Seite ist, auf der die meisten Beiträge mit einer Zahl anfangen (“17 Dinge, die du noch nie in deinen Kaffee gerührt hast”) ODER ob das eine richtig coole Plattform für investigativen Journalismus ist. Die Redaktion bringt jedenfalls regelmäßig spannende Recherchen hervor, zum Beispiel über MeToo im Bundestag. Wie sie zu solch sensiblen Themen Gesprächspartnerinnen findet und was man alles beachten muss, bevor man Missstände öffentlich macht, darüber habe ich mit der Autorin geredet.

Pascale Müller ist 29 Jahre alt und arbeitet zum Schwerpunkt sexualisierte Gewalt bei BuzzFeed in Berlin. Sie hat an der Zeitenspiegel Reportagenschule in Reutlingen gelernt und mehrere Jahre als freie Journalistin gearbeitet. 2018 erhielt sie zusammen mit ihrer Kollegin Stefania Prandi den Otto Brenner Preis für ihre Recherche zu sexualisierter Gewalt gegen Erntehelferinnen in Marokko und Spanien.

Wie kamst du auf das Thema MeToo im Bundestag?

Der Bundestag hat mich im MeToo-Kontext besonders interessiert, weil die Problematik vor allem dort präsent ist, wo es um Macht geht. Außerdem geht es hier um öffentliche Personen . Wenn jemand als Politiker ein solches Verhalten an den Tag legt, ist das öffentliche Interesse daran viel größer als wenn das jemand privat tut – was nicht heißt, dass das eine schlimmer oder weniger schlimm ist als das andere. In den USA hat es sehr schnell Aufdeckung im Politikbetrieb gegeben, genauso in Frankreich, Schweden oder Großbritannien. Ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland trotz der Wedel-Recherche ganz schwierig war über das Thema zu reden. Da gab es ein ganz anderes Bewusstsein als in anderen Ländern.

Ihr habt euch also schwer getan Betroffene zu finden?

Es ist wirklich schwer, überhaupt jemanden zu finden, der darüber sprechen will. Wir haben jetzt diesen ersten Artikel veröffentlicht und würden gerne noch einen zweiten und dritten machen. Wir haben auch konkrete Hinweise. Aber die Leute möchten nicht mitmachen. Sie haben Angst ihrer Partei zu schaden. Sie denken nicht, dass ein solches Verhalten parteischädigend ist, sondern darüber zu sprechen. Daran beißt man sich die Zähne aus. Aber vielleicht ist gerade das unser Ansporn. Vielleicht sind wir auch deswegen so lange dabei, weil wir das Gefühl haben, es gibt dieses Problem und wir wollen es journalistisch aufdecken.

Am Anfang habt ihr alle Bundestagsabgeordneten angeschrieben. Ist es ratsam zu Beginn einer Recherche allen Betroffenen mitzuteilen, dass man in gewisser Weise „gegen sie ermittelt“?

Das ist eine ungewöhnliche Art und Weise eine Recherche anzufangen. Wir haben das deshalb gemacht, weil wir irgendwo ansetzen mussten. Bei dieser speziellen Recherche war das glaube ich ganz gut. Denn Personen, die solche Erfahrungen gemacht haben, steht das ja nicht auf die Stirn geschrieben. Wir müssen notgedrungen irgendwann verkünden: Wir machen diese Recherche, und wenn ihr etwas zu erzählen habt, dann kommt bitte zu uns.

Es haben sich nur 27 von 709 Personen zurückgemeldet. Wie konntet ihr damit arbeiten?

Manche haben an der anonymen Befragung teilgenommen, das haben wir dann ausgewertet. Und mit den Wenigen, die sich mit Namen gemeldet haben, haben wir Interviews geführt. Danach stand die Recherche aber eine ganze Weile still, weil wir keinen Ansatzpunkt mehr hatten. Es kam einfach niemand auf uns zu. Wir haben Betriebsräte gefragt und eine IFG-Anfrage gestellt, aber insgesamt ging alles sehr langsam.

An welcher Stelle bietet man den Personen an anonym zu bleiben? Besser wäre es ja, wenn sie sich mit Namen äußern würden.

Ich biete das schon ganz am Anfang an. In E-Mails schreibe ich direkt hinein, dass es zunächst um ein Hintergrundgespräch geht. Die meisten Interviews, die wir für diesen Artikel geführt haben, waren Hintergrundgespräche. Später habe ich noch weitere Interviews mit den gleichen Personen geführt, aus denen wir dann zitieren konnten. Ich glaube, dass Anonymität für dieses Thema wichtig ist, weil viele Leute nicht wissen, was es bedeutet, mit einer Journalistin zu sprechen. Es kann sein, dass sie so große Angst oder Bedenken haben, dass sie gar nicht mit mir sprechen und ich überhaupt keine Informationen bekomme. Da ist es mir lieber, ich bekomme die Informationen als Hintergrund oder anonymisiert .

Wie schafft man eine vertrauensvolle Atmosphäre gerade bei solchen Themen?

Darauf habe ich keine allgemeingütige Antwort. Mal funktioniert es, mal nicht, obwohl ich immer das Gleiche mache. Ich glaube, Vieles hat mit der Persönlichkeit der oder des Interviewenden zu tun. Findet man diese Person sympathisch, fühlt man sich bei ihr gut aufgehoben? Und es ist wichtig, den Prozess der Recherche offenzulegen. Ich sage den Leuten immer Bescheid, wenn ich in meiner Recherche einen Schritt weitergehe. Man erlebt ja, wenn man sexuelle Gewalt oder Belästigung erfahren hat, einen Kontrollverlust. Ich finde es deshalb wichtig, dass wir als Journalist*innen der Person soweit wie möglich Kontrolle geben. Viele Leute sind keine Medienprofis. Sie wissen nicht, was es für sie bedeutet mit einer Journalistin zu sprechen. Können sie dafür verklagt werden? Bedeutet das, sie müssen auch vor Gericht aussagen? Die Antwort ist natürlich Nein, aber diesen Fragen müssen wir von Anfang an begegnen. Letztendlich gibt es so viele Faktoren, die entscheiden, ob eine Person über ihre Erfahrung spricht oder nicht. Denn es ist anstrengend, wenn die eigene Geschichte über etwas sehr Schlimmes und Privates im Internet steht. Das muss man sich erstmal zutrauen.

Was müsst ihr für rechtliche Vorkehrungen treffen?

Wir müssen uns an die Regeln der Verdachtsberichterstattung halten. Wir dürfen niemals vorverurteilend schreiben. Wir geben der Person den Raum ihre Geschichte zu erzählen und geben dem oder der Beschuldigten den Raum dazu Stellung zu nehmen. Wir achten darauf, dass das ganze Paket unseres Artikels nicht anklagend ist, und wir nicht auf eine skandalisierende Art und Weise schreiben. Dann sagt uns unser Anwalt, ob wir es handwerklich gut gemacht haben und er uns vor Gericht verteidigen könnte, wenn wir es veröffentlichen. Nur wenn das, was wir aufdecken, schwerwiegend und belegbar ist, dürfen wir in die Persönlichkeitsrechte eingreifen und Namen öffentlich machen.

Ab wann ist ein Thema schwerwiegend und belegbar genug?

Wir müssen bei der Recherche journalistische Kriterien erfüllen. Können wir den Aussagen vertrauen, können wir die erhärten, finden wir dafür noch andere Belege? Haben wir eine ausreichende Auswahl an Quellen für eine Information? Ist es nur eine Frau, die sagt, ihr sei das mit diesem Abgeordneten oder jenem Büroleiter passiert, oder sind es fünf? Lässt sich da eine Systematik zeigen? Oft haben wir ähnliche Probleme wie in der Strafverfolgung. Weil Vorfälle von sexualisierter Gewalt meist unter vier Augen passieren, steht Aussage gegen Aussage.

Ein Beispiel gibt es in eurem Text, wo eine Frau die Geschichte einer anderen bestätigen konnte. Was könnt ihr noch tun, um eine Aussage zu prüfen?

Wenn man anfängt zu schreiben, muss man fragen: Glaube ich der Quelle, was sie da sagt? Dem Punkt kann ich mich nur nähern, wenn ich noch mit mehr Leuten rede. Ich frage zum Beispiel: Hast du, als das passiert ist, mit jemandem darüber gesprochen? Hast du eine Whatsapp-Nachricht geschickt oder am Abend deine Mutter angerufen? Kann vielleicht eine Therapeutin bestätigen, dass du ihr die Geschichte genauso geschildert hast? Das sind keine harten Beweise, aber so hangele ich mich da durch. Ich versuche auch zu schauen, wer sich noch in diesem Umfeld bewegt. Gibt es ehemalige Mitarbeiterinnen, Leute aus dem Nachbarbüro, Praktikantinnen? Oder gab es mal irgendeine Dokumentation der Vorwürfe? Ansonsten kann man gucken, ob die Geschichte in sich stimmig ist und ob die Person bei einem Treffen das Gleiche erzählt wie beim nächsten. Es gibt auch Fragetechniken, bei denen man zum Beispiel die Chronologie überprüft. Menschen, die lügen, haben Schwierigkeiten in der Chronologie zu springen.

Wie kommuniziert man einer Person, dass man ihr nicht bedingungslos glaubt und ihre Aussage überprüfen muss?

Viele Leute verstehen das, weil es in unserer Gesellschaft wirklich kulturell verankert ist, dass wir Betroffenen von sexueller Gewalt keinen Glauben schenken. Darum liefern sie sehr bereitwillig Belege. Ich habe aber noch nie mit einer Person gesprochen, wo ich das Gefühl hatte, die lügt mich an. Eine Handvoll Betroffene waren dabei, die schon angefangen hatten Protokoll zu führen, als es passiert ist. Sowas zu konstruieren wäre ja völlig pathologisch.

Ich stelle es mir frustrierend vor, wenn man Missstände aufdeckt, aber das keine Konsequenzen hat.

Ich merke, dass unser Artikel, der relativ allgemein gehalten ist, in einigen Fraktionen sehr aufmerksam gelesen wurde und man sich damit beschäftigt, wie man in der Fraktion damit umgeht. Das ist jetzt keine Entlassung des Beschuldigten oder eine große Diskussion im Plenum, aber man sieht doch, dass auch so eine Art von Berichterstattung dazu führt, dass Leute sich mit dem Thema auseinandersetzen. Und dafür sind wir ja da: Wir sollen Informationen zur Verfügung stellen, auf deren Grundlage die Leute dann entscheiden können, ob sie sich mit dem Thema beschäftigen. Als Journalisten haben wir immer den großen Anspruch, dass unsere Recherchen messbaren und öffentlichen Impact generieren. Aber ich finde es nicht schlimm, wenn man nicht immer diesen riesigen Paukenschlag hinkriegt. Was nicht heißt, dass wir das nicht jeden Tag weiter versuchen.

Dein Schwerpunkt ist sexualisierte Gewalt. Was ist schwierig an dem Thema?

Ich finde den Umgang mit Quellen sehr schwierig und ich weiß nicht, ob ich dem immer auf emotionaler Ebene gerecht werde. Ich lerne jedes Mal dazu, mache Fehler, versuche diese nächstes Mal nicht zu wiederholen. Außerdem dauern diese Recherchen extrem lange und ich verliere oft die Motivation. Aber immerhin bin ich in der privilegierten Situation, dass ich hier Vollzeit für solche Recherchen bezahlt werde. Als ich noch frei war, war das sehr frustrierend, weil man teilweise so lange für eine Geschichte braucht: Betroffene zu finden, Vertrauen zu gewinnen, Sachverhalte zu erhärten, rechtlich zu prüfen… das ist sehr langwierig. Und natürlich ist der Umgang mit traumatisierten Personen auch für uns Journalistinnen belastend, darum führen wir hier im Büro jetzt eine professionelle Supervision ein.

Bisher habe ich hauptsächlich mit Autor*innen von Reportagen gesprochen. Was magst du an der investigativen Recherche?

Ich habe gemerkt, dass ich durch Reportagen allein viele Dinge nicht so erklären kann wie ich möchte. Das sind starke Einzelfälle oder Schicksale, die toll aufgeschrieben und sehr berührend sind, aber ich möchte durch meine Recherche strukturelle Probleme aufzeigen. Da gehören natürlich auch Einzelfälle dazu, aber eben auch das, was dahintersteckt.

Was hast du in den letzten Jahren gelernt?

Geduld. Ich hab einen Hang dazu immer Dinge zu wollen, die einfach nicht möglich sind. Wir sind hier ein Team von nur sieben Leuten. Davor habe ich als Freie viele Recherchen alleine oder mit einer Kollegin mit superwenig Geld gemacht. Gleichzeitig wollte ich die Art Geschichte schreiben, die auch im Spiegel stehen könnte. Von so einer Einstellung kriegt man ein Burnout. Man muss mit seinen Möglichkeiten versuchen die Recherchen zu machen, die man machen kann. Ich finde es toll, wenn Leute sich ambitionierte Projekte vornehmen, ich glaube aber, man muss auch realistisch sehen, wieviele Ressourcen man zur Verfügung hat. Da habe ich ein bisschen Demut gelernt.

Was hat dich geprägt?

Ich habe viel von Roland Schulz vom SZ-Magazin gelernt, der bei uns an der Zeitenspiegel Reportageschule mal einen Workshop gegeben hat. Da gucke ich noch heute in die Notizen. Der schreibt zum Beispiel ganz viele verschiedene Versionen seiner Geschichte. Wenn man jung ist, hat man das Gefühl, man müsste sich mit einer genialen Eingebung hinsetzen und drei Monate Recherche einfach aufschreiben. Er sagt hingegen, dass die erste Version eines Textes immer scheiße ist. Journalismus ist Schreibhandwerk, da müssen andere Leute nochmal draufgucken und umstellen und mitschreiben. Auch von meinen Kollegen hier habe ich viel gelernt: zum Beispiel, wie man eine Recherche eine politische Ebene hebt, indem man Anfragen an Ministerien stellt.

Was gilt es dabei zu beachten?

Bei ganz normalen Presseanfragen ist es wichtig so detailliert wie möglich Fragen zu stellen, denen die Behörden nicht ausweichen können. Wenn ich eine wirklich ausführliche Anfrage habe, dann lass ich die vorher nochmal von jemandem gegenlesen. Und man muss immer sehr nett und höflich bleiben, sowas schreiben wie „Vielen Dank schon im Voraus für Ihre Mühen…“. Das fällt mir oft schwer, weil ich eher effizient bin, aber das kommt glaub ich ganz gut an. Auch ein knackiges Anschreiben ist wichtig, in dem man kurz die Ergebnisse der Recherche vorstellt und eine Stellungnahme verlangt.  Kein Grund dabei unsicher zu sein: Wenn man gutes Material hat, kann man sich ruhig groß machen und selbstbewusst auftreten.