Nasse Füße: Interview mit Benjamin von Brackel

Jeder kennt diese Bilder, bei denen man die Zahlen von 1 bis 100 verbinden muss, sodass nach und nach die Umrisse eines Motivs erkennbar werden. Am Anfang sieht man nur ein Gewusel von kleinen schwarzen Punkten mit kleinen schwarzen Zahlen daneben. Wenn man dann die richtigen Linien zieht, sieht man das Motiv. Ungefähr so stelle ich mir eine richtig gute Reportage vor. Eine Autorin recherchiert eine Geschichte, sieht also erstmal das gesamte Motiv. Dann muss sie dieses Motiv in Einzelpunkte zerlegen und diese im Verlauf ihrer Reportage strategisch platzieren. Der Leser zieht später bei der Lektüre die Linien zwischen den Punkten und sieht letztendlich das gleiche Motiv wie die Autorin. Die Schwierigkeit als Autorin liegt meines Erachtens darin, herauszufinden, was die entscheidenden Charakteristika sind, die der Leser kennen muss, um das Gesamtbild sehen zu können.  Ich bewundere es immer, wenn in Texten Details erwähnt werden, die mir selbst niemals aufgefallen wären, die aber eine Person, einen Ort, eine Stimmung genau auf den Punkt bringen.

Benjamin von Brackels Geschichte „Doktor Burt hat eine Idee“ (Reportagen #36, September 2017) enthält solche Details. Sie erzählt von einem Arzt in Chicago, der mithilfe von Chemotherapie Multiple Sklerose (MS) zu heilen versucht. Auf verschiedenen Zeitebenen und an verschiedenen Orten portraitiert Benjamin von Brackel den MS-Pionier und folgt parallel dazu dem Weg der Patientin Taylor von ihrer Diagnose bis zum erfolgreichen Abschluss der Behandlung.

Benjamin von Brackel (35) ist freier Umweltjournalist in Berlin. Seine Reportagen sind unter anderem in der Zeit, der Süddeutschen Zeitung und dem Magazin Reportagen erschienen.

Wie würden Sie Ihren Schreibstil beschreiben?

Ich würde sagen, eher schlicht. Was ich nicht so mag, ist wenn man zu blumig schreibt und der Leser nicht weiß, wohin die  Geschichte führt und er sich durch jede Menge Ballast arbeiten muss. Ich versuche, eher knackig zu beschreiben, was Sache ist, und auch nicht ewig viele Adjektive zu benutzen. Viel  mehr Kraft bekommt die Sprache mit starken Verben, guten Vergleichen, Details.

Wodurch wurde Ihr Stil am meisten geprägt?

Es ist nicht so, dass ich schon immer so geschrieben hab. Ich bin seit 14 Jahren Journalist, hab zig Praktika hinter mir und jedes hat ein bisschen was geschliffen. Darum würde ich auch jedem raten, viel Erfahrung zu sammeln und sich auszuprobieren. Die Deutsche Journalistenschule war dann auch nochmal so ein Mosaikstein. Ansonsten denke ich, es ist total wichtig, was man liest. Wenn man gerade ein dickes Buch gelesen hat, schreibt man danach ein bisschen anders. Was man liest, definiert auch ein bisschen, wie man schreibt.

In Ihrer Reportage über den MS-Arzt Dr. Burt schreiben Sie „Über Nacht sind die Pfützen auf den Strassen gefroren, es ist klirrend kalt. Richard Burt hastet den Gehweg entlang, bis er an einer Kreuzung stehen bleibt. Er macht einen Satz über die Schneehaufen, knackt durch die Eisschicht und taucht mit seinen Turnschuhen ins Wasser.“ Wie kommt so ein Detail in den Text und wozu?

Ich versuche schon, gezielt auf Details zu achten, weil Details einfach die Würze eines Textes sind und den Leser in die Geschichte ziehen. An dem Morgen bin ich selber mal durchs Eis gebrochen und hatte nasse Füße und mit ihm war ich auch an dem Tag unterwegs. Inhaltlich wollte ich das beschreiben, weil es den Leser erst mal vor ein Rätsel  stellt: Ein wichtiger Arzt, der eine ganze Krankenhausabteilung leitet und kurz vor dem Durchbruch steht, MS zu heilen, muss sich jeden Morgen bei solch Winterwetter die Schuhe nass machen und bekommt nasse Füße. Er kommt nicht etwa mit einem dicken Benz angefahren – wie es vielleicht zu erwarten wäre – sondern er geht immer zu Fuß. Der Grund: Er wohnt zwei Blocks entfernt, um jederzeit bei seinen Patienten sein zu können, wenn es einen Notfall gibt. Dieses Detail zeigt also wunderbar, wie er  sein Leben der Arbeit unterordnet.

Sie schreiben in einer Rückblende über den Tag, an dem die 17-jährige Taylor erste Anzeichen der MS-Erkrankung spürt: „Der Fleck auf ihren Augen wird immer grösser. Sie plaudert mit ihrem Dad, singt zur Musik im Radio.“ Fragen Sie nach solchen Informationen („singt zur Musik im Radio“) gezielt oder erzählen die Leute das von selbst?

Das hat sie mir erzählt und ich hatte wahnsinnig Glück mit ihr, weil sie sehr detailreich und gut erzählt hat. Ich hatte ja bestimmt fünf oder sechs von Burts Patienten interviewt, bevor ich sie ausgewählt habe – unter anderem weil sie die beste Geschichte zu bieten hatte, aber auch weil sie am besten erzählt hat. Man muss sich natürlich Zeit nehmen,  um ein Gespür dafür zu kriegen, ob das, was die Leute erzählen, wirklich stimmt, und dann sollte man das auch abgleichen. Mit Taylor hatte ich drei bis vier lange Telefongespräche, bevor ich überhaupt nach Chicago geflogen bin, und da war ihre Mutter immer dabei. Zuerst dachte ich, das könnte sie am erzählen hindern, aber im Nachhinein war es von Vorteil: immer, wenn Taylor sich nicht ganz sicher war, ist die Mutter eingesprungen und ich konnte so kontrollieren, ob das Hand und Fuß hat, was sie erzählt.

Was sind die nächsten Schritte, nachdem Sie auf ein Thema gestoßen sind?

Als ich das erste Mal von Dr. Burt gehört habe, da wusste ich sofort, dass ich die Geschichte machen will. Dann habe ich erst mal nachgeprüft, ob es darüber schon was gibt in Deutschland. Ich hab einfach gegooglet und es gab nichts! Das hat mich gewundert und noch mehr bestärkt, darüber zu schreiben. Dann nimmt man eben Kontakt auf und fragt die Leute, ob sie mitmachen. Dass jemand nicht will und ablehnt, hab ich bisher nur ganz selten erlebt. Normalerweise will  jeder seine Geschichte erzählen.

Gibt es eine Geschichte, auf die Sie besonders stolz sind, und wenn ja, warum?

Die Geschichte von Dr. Burt und Taylor gehört auf jeden Fall dazu. Wenn man etwas Neues entdeckt, das Relevanz hat, und das dann auch noch in einer Form aufschreibt, die eine emotionale Wirkung auf den Leser hat, dann gibt einem das die meiste Befriedigung. Und bei der Geschichte kommt dazu, dass ein paar Leute das lesen könnten, die von MS betroffen sind und möglicherweise neue Auswege sehen. Wenn man sich vorstellt, dass sich das Leben von Menschen durch den eigenen Artikel positiv verändern könnte, dann ist das natürlich großartig.

Advertisements