Liebe und Distanz: Interview mit Erwin Koch

Vor dem Interview mit Erwin Koch saß ich in meinem Büro und habe mich mit meiner Volontariatskollegin unterhalten. Ich so: „Ich hab gleich ein Interview für meinen Blog. Erwin Koch. Scheint sogar relativ bekannt zu sein.“ Und sie so: „Wie bitte? Du quatscht gleich mit Erwin Koch?“ Ich: „Ja, kennst du den etwa?Und sie: „Das ist ungefähr der Gott der Reportage.“ Eine Information, die mich fünf Minuten vor Interviewbeginn durchaus nervös gemacht hat.

Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich nur diese eine Reportage aus der DUMMY Ausgabe 56 von ihm kannte: „Du sollst mich töten“ über zwei Priester in Kolumbien, die eine Liebesbeziehung miteinander haben und sich von einer Gruppe von Auftragskillern gemeinsam erschießen lassen. Mehr möchte ich jetzt gar nicht verraten. Klingt eh ganz anders, wenn Erwin Koch es schreibt. „Zwei Kugeln schlugen in Reátigas Kopf, 9 Millimeter, drei in Píffanos, 7.65, wahrscheinlich um 19.30 Uhr, Carrera 94B AvCalle 43SUR. Dann heulte ein Motorrad auf, zwei Schatten, und verschwand in der Nacht des 26. Januar 2011.“ Genau, ganz schön viele Zahlen. Warum das alles so ist, wie es ist, habe ich ihn in unserem Interview gefragt.

Erwin Koch (61) ist preisgekrönter Journalist und Romanautor aus der Schweiz. Er schrieb Reportagen unter anderem für Die Zeit, Geo, Brigitte, DUMMY und viele andere. Wieso kommen eigentlich so viele gute Journalist*innen aus der Schweiz? 

Sehen Sie eine klare Grenze zwischen Journalismus und Literatur?

Ja, schon. Wenn ich einen Roman schreibe, fühle ich mich frei, all die Dinge zu erfinden, die mir im Moment in den Kontext passen. Wenn ich eine Figur möchte, die einen Klumpfuß hat, dann kann ich das erfinden. Bei der Reportage geht das natürlich nicht. Ich habe drei Romane geschrieben und zwei davon basieren auf Reportagen, die ich vorher geschrieben hatte. Ich empfand es als Befreiung, drauf losschreiben zu können ohne Rücksicht zu nehmen auf die Realität.

Kam ihr Stil schon immer gut an bei den Redaktionen oder wurde Ihnen viel wegredigiert?

Am meisten habe ich durch das gelernt, was man weggestrichen hat. Ich hatte das Glück, ganz am Anfang gute Redakteure zu haben. So als junger Journalist wollte ich vielleicht originell sein oder klug und war vielleicht auch manchmal verliebt in das Resultat meiner Recherche. Wenn es zum Beispiel schwierig gewesen war, irgendein Detail in Erfahrung zu bringen, dann habe ich es allein deswegen in den Text hineingefügt, obwohl ich es eigentlich besser weggelassen hätte. Und dann kamen mir die Redakteure zugute, die das weggestrichen haben.

Ich lasse fast immer meine Mutter und meinen Bruder gegenlesen, bevor ich etwas veröffentliche. Gibt es bei Ihnen auch so eine Person?

Ja, ich habe bis heute einen sehr guten Gegenleser, einen Freund, der mir wegstreicht, was zu viel ist, und manchmal auch etwas umbaut. Ich übernehme wohl 99% seiner Korrekturen. Der ist auch Journalist. Ich lese seine Dinge und er liest meine. Aber er ist der bessere Gegenleser. Ich sehe vor allem einen falschen Genitiv oder ein fehlendes Komma. Er sieht tiefer.

Gibt es etwas, dass Sie sich im Laufe Ihrer langen Karriere bewusst abgewöhnt haben?

Gute Frage… (denkt nach) Ja, vielleicht dies: unterschwellig eine Gebrauchsanleitung zu liefern, was der Leser jetzt von diesem Text halten soll. Im dritten Satz spätestens zu schreiben, wieso dieser Text unbedingt gelesen werden muss. Also, ich hab aufgehört, im Text den Text zu legitimieren.

Sie nutzen ja sehr viele Zahlen in ihren Texten. Obwohl man lernt, dass man nicht mehr als drei Zahlen pro Absatz schreiben soll. Wieso halten Sie sich nicht daran?

Ich war nie an einer Journalistenschule (lacht). Nein, ich weiß es nicht… Viele dieser Zahlen, die merkt sich kein Leser. Es ist eher ein Stilmittel. Auch ein Versuch, Glaubwürdigkeit herzustellen, indem ich konkrete Zahlen nenne. Vom Inhalt her sind die nicht sehr wichtig, eher vom Stil her.

Suchen Sie am Ort der Reportage sofort nach Zahlen oder fallen Ihnen ohnehin alle möglichen Details sofort auf?

Ich glaub ich suche Zahlen. Nicht nur Zahlen, sondern viele kleine Details. Ich kratze Information zusammen und nenne das dann den Rohstoff, der mir zur Verfügung steht. Das sind die 100%. Ich kann dann beim Schreiben eine Auswahl treffen, aus dem Vollen schöpfen, und am Ende rutschen so 20% all der Informationen in den Text hinein. Meine Aufgabe ist es, wegzulassen, zu reduzieren, zu realisieren, welches Detail stützt die Geschichte, welches Detail tut der Geschichte gut, welches Detail aber ist belanglos oder führt vielleicht sogar in die Irre. Das empfinde ich beim Schreiben als meine Aufgabe: das Weglassen von Entbehrlichem.

Sie lassen Ihre Protagonist*innen immer gegenlesen, bevor Sie veröffentlichen. Warum?

Wenn es wirklich um existentielle Dinge geht, Krankheit, Tod, Verrat, Liebe, dann ist das meine Pflicht. Die Leute vertrauen mir und ich will, dass die das lesen. Die müssen das lesen und die müssens auch korrigieren. Ich mach immer, IMMER Fehler, und bin dann froh, wenn jemand diese Fehler erkennt und ausmerzt. Aber abgesehen davon haben mir die Leute ihr Leben ausgebreitet. Ich frage die so viel, eben 100%, aber die wissen ja nicht, welche 20% im Text vorkommen werden, und schon deswegen müssen die das lesen.

Wie oft kommt es vor, dass jemand etwas ändern will?

Eigentlich kaum. Ganz am Anfang hatte ich Schiss, den Menschen diese Texte auszuliefern. Dann dachte ich, wenn ich hingehe, und ihnen den Text vorlese, dann sei die Beißhemmung größer, dann würden sie weniger korrigieren. Aber die korrigieren nicht groß herum, außer es stimmt etwas in der Chronologie der Abläufe nicht. Dass die sagen „Nein, das bin nicht ich“, das hab ich nie erfahren.

Heißt das, dass sie Personen letztendlich immer positiv darstellen?

Ja, wahrscheinlich schon. In den Texten, wo es darum geht, dass jemand eher am Rand der Gesellschaft lebt und steht, jemand ein Trauma erlebt hat,… da hab ich gar keinen Grund, die Leute zu kritisieren. Ich lass die reden. Ich hatte mal eine Frau, die ihren Mann vergiften wollte und letztendlich hat dann diese Frau das Gefühl, der Text könnte für ihre Situation Verständnis wecken. Ich weiß nicht, ob positiv das richtige Wort ist, aber sicher hau ich die nicht in die Pfanne.

Bei der Dummy-Geschichte waren zwei der wichtigsten Protagonisten tot. War es besonders schwierig, die richtig darzustellen?

Das Schwierigste war, an die Leute ranzukommen. Ich musste, bevor ich nach Kolumbien ging, sicher sein, dass ich Leute dort finde, die mit mir reden. Ich kannte einen Schweizer Fotografen, der in Kolumbien lebt. Den hab ich zuerst kontaktiert und gefragt, ob er mir jemanden suchen kann, der entweder deutsch oder englisch kann und der zuverlässig und energisch genug ist, innerhalb von einem Monat aufzuklären, ob überhaupt jemand bereit ist, mit mir zu reden. Ich brauche einen Staatsanwalt, ich brauche Verwandten dieser beiden Priester, ich brauche den Bischof dieser Priester. Ich brauche die Anklageschrift, je mehr Schriftliches, desto besser. Er nannte mir dann eine Person, die selber Journalistin ist, und die hat das alles abgeklärt. Erst als sicher war, dass die Leute mit mir reden, hab ich gebucht und bin dort hingeflogen.

Es hat immer mit Glück zu tun und mit Aufsessigkeit. Eine bestimmte Dosis Aufsessigkeit die braucht es. Nicht gleich zu sagen „Dann gibt’s das halt nicht“, sondern einen anderen Kanal zu aktivieren. Also manchmal sagt der Staatsanwalt nein, wir geben nichts Schriftliches heraus, dann kann man immer noch den Verteidiger fragen, ob der mitmacht. Und so kommt man oft an die gewünschten Informationen, indem man um die Ecke herum recherchiert.

Wo finden Sie üblicherweise Ihre Geschichten?

Ich würde sagen, zur Hälfte in Zeitungen. In irgendwelchen kleinen Agenturmeldungen. Vielleicht habe ich in den letzten 35 Jahren eine Art Riecher dafür entwickelt, was hinter einer kleinen neutralen unspektakulären Agenturmeldung stecken könnte. Natürlich lieg ich da ab und zu falsch, aber in der Mehrheit der Fälle steckt da dann ein Abgrund dahinter. Und die andere Hälfte wird mir zugetragen. Freunde erzählen mir von Personen, die ein erzählenswertes Leben haben oder hatten.

Ehrlich gesagt habe ich bisher nur diese eine Geschichte von Ihnen gelesen. Welche würden Sie mir empfehlen?

Es gibt vielleicht so zwei, drei, wo ich davon ausgehe, dass die nach Maßgabe dessen, wie die Menschen darauf reagiert haben, vielleicht besser waren als andere. Eine Geschichte, die heißt „Sarah“, das ist die Geschichte eines Mädchens, das mit 14 Leukämie bekam und mit 17 starb. Ich hab einfach die Krankheitsgeschichte dieses Mädchens dargestellt. Und dann gibt’s die Geschichte „Rico“ eines elfjährigen Knaben hier in den Bergen, der der beste in der Schule war, hübsch, der beste Sportler und so weiter, der Knall auf Fall von einer Brücke sprang und Suizid begangen hat. Und seine Familie, seine Eltern und zwei Schwestern völlig ratlos und kaputt zurückgelassen hat.

Und dann vielleicht noch eine – „Das Schweigen der Eltern und der Berge“ – die Geschichte eines Mannes, der heute 50 oder 55 ist, der als kleines Kind schon realisierte, dass irgendwas in der Familie nicht stimmt. Er hat fünf Geschwister, die bleich sind. Er selbst kriegt dunkle Hände sobald die Sonne kommt. Er hat realisiert, dass irgendwas falsch ist. Niemand hat ihm je etwas gesagt. Mit 37 hat er dann herausgefunden, dass er nicht das Kind von Papa ist, sondern eines italienischen Gastarbeiters, der im Keller des Hauses bei dieser Familie wohnte. Der arbeitete in einem Steinbruch und war dort eingemietet, damit die Familie ein kleines Zubrot hatte. Der Vater war so ein Bergler, sprach kaum, die Mutter stammte nicht aus den Bergen, sondern aus Luzern, fühlte sich in diesen Bergen am Arsch der Welt und hat sich dann in den Mieter im Keller verliebt.

Wie geht man bei so intimen oder tragischen Geschichten vor, um den Menschen nicht zu nahe zu treten?

Ich arbeite mit einem Fragenkatalog. Ich hab immer ein bisschen Angst, dass mir die Person nur einmal zur Verfügung steht, also muss ich alles jetzt fragen, wo ich bei ihr bin. Ich darf nichts vergessen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihre Geschichte eigentlich gern erzählen. Sie wissen aber nicht, was mich interessiert, also schreibe ich viele, viele Fragen auf. Die erste ist immer die nach dem Geburtsdatum und die zweite ist: Wars eine normale Geburt oder bist du zu früh gekommen oder zu spät? Vielleicht gibt das ja einen schönen Nebensatz. Was ist deine älteste Erinnerung, schönste Kindheitserinnerung, wie war dein Vater, und so weiter. Das sind manchmal 200 Fragen. Und das Gespräch dauert je nach Erinnerungsvermögen der Person manchmal sechs bis sieben Stunden. Das ist mein Rohmaterial. Ich lass die Leute einfach handeln, ich verurteile sie nicht und stelle das Gesagte nicht in einen bestimmten Kontext.

Wie schließen Sie Ihre Gespräche ab?

Ich bedanke mich. Ich weiß nicht, ob diese Behauptung stimmt, aber ich vermute sie stimmt: Ich verliebe mich, glaube ich, in meine Auskunftspersonen. Die sind mir dann wirklich sympathisch. Ich kann nicht sagen, dass ich mit ihnen leide, aber ich versteh die dann, glaube ich, und ich verliebe mich auf eine gewisse Weise in sie.

Beim Schreiben entliebe ich mich wieder von ihnen, weil ich das Schreiben als Anstrengung empfinde. Dann sitz ich da und suche einen ersten Satz und der zweite ist noch schwieriger, der dritte auch. Das Auswählen dessen, was in den Text hineinkommt, das rückt mich wieder von dieser Person weg. Es geht dann nicht mehr darum, möglichst viel aus dieser Person herauszulocken, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, wie das beim Gespräch der Fall war. Sondern jetzt muss ich mich von der Sympathie lösen, die ich für diese Person hatte, und muss mich nur noch darum kümmern, dass dieser Text am Schluss funktioniert. Ich hab festgestellt, dass die Leute, die mir ja vertraut und mir ihr Leben erzählt haben, nachdem sie den Text gelesen haben, auch selber wieder Distanz suchen. Nur mit einer Person, über die ich schrieb, habe ich noch Kontakt. Das pendelt sich dann so wieder ein: Es war gut, dass ich bei ihnen war, sie sind froh, dass das aufgeschrieben ist. Okay, jetzt ist es erledigt.

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Ganz viel Geduld: Interview mit Paula Scheidt

Als ich klein war, sind wir mal in einen Spielzeugladen in Kairo gegangen. Mein Bruder und ich durften uns jeweils etwas aussuchen. Er hat sehr schnell etwas gefunden, mich hingegen hat nichts überzeugt. Mein Vater hat gesagt: Macht nichts, wir gehen morgen in den anderen Laden. Aber ich konnte auf gar keinen Fall bis morgen warten. Also habe ich mir ein kleines Stoffnashorn ausgesucht, um nicht mit leeren Händen den Laden zu verlassen. Im Nachheinein hab ich mich natürlich geärgert, dass ich nicht gewartet und etwas genommen habe, was ich wirklich wollte.

Obwohl ich heute weiß, dass kleine Stoffnashörner eine ziemlich coole Sache sind, denke ich im Nachheinein oft an diese Begebenheit, wenn ich mal wieder zu ungeduldig bin und daher mit dem Zweitbesten Vorlieb nehme. Auf gute Geschichten sollte man aber auf jeden Fall warten. Paula Scheidt hat zum Beispiel 1,5 Jahre auf eine Geschichte gewartet, die mich sehr beeindruckt hat. In der DUMMY-Ausgabe Nr. 55 erschien „Fast & Furious“, eine genaue Rekonstruktion der Ereignisse vom 13. August 2014. Ein Autofahrer wurde eines Abends auf der Autobahn nahe Zürich von einem Taxi geschnitten und entschied sich, den Taxifahrer zur Rede zu stellen. Indem er ihn mitten auf der Autobahn zum Anhalten zwang und sich dann zu Fuß dem Taxi näherte. Da der Taxifahrer in Panik geriet und der andere Fahrer sich bereits über seinen Wagen lehnte, drückte er aufs Gas und fuhr mit 125 km/h im Slalom über die Autobahn – mit dem anderen Mann auf der Motorhaube, bis dieser schließlich in einem Tunnel auf die Straße geschleudert wurde.

Die Geschichte klingt schon total krank, wenn man sie in drei Sätzen zusammenfasst. Aber als ich sie gelesen habe, kam mir mal wieder diese Frage in den Sinn, die ich mir oft bei richtig guten Artikeln stelle: Wie findet man sowas und wie um alles in der Welt konnte Paula Scheidt so einen detaillierten Text verfassen, als hätte sie selbst mit im Wagen gesessen? Die Antwort ist: mit viel Geduld. Dann kann man als Journalistin sogar juristisch etwas bewirken…

Wie startest du ins Interview, mit Smalltalk oder direkt zur Sache?

Ich mache meistens kurz Smalltalk aber wirklich ziemlich wenig. Eigentlich gehe ich direkt zur Sache. Meistens ist das Interview ja verabredet und die Leute wissen schon, worum es geht. Irgendwie warten sie sowieso darauf, dass man zum Thema kommt. Ich habe nicht das Gefühl, dass es etwas bringt, weil ich die Leute gar nicht unbedingt auftauen will. Ich sortiere halt die Fragen so, dass am Anfang eher die unverfänglichen kommen und dann gegen Ende die schwierigeren, oder die, von denen ich mir mehr erhoffe.

Was ist für dich die wichtigste Recherchemethode?

Es hängt von der Geschichte ab. Ich schreibe ja vor allem Reportagen, wo man dann dabei ist, wenn etwas passiert. Am meisten Spaß macht mir das Beobachten, wenn man selbst die Geschichte miterlebt. Gespräche sind wahrscheinlich das Wichtigste. Ich habe sicher nie einen Text geschrieben ohne lange Interviews zu führen. Die Autobahn-Story war eine Spezialfall, da habe ich sehr viel mit Akten gearbeitet.

Wie kamst du an die Autobahn-Story?

Das war eine Randnotiz in der Zeitung. Das ist glaub ich ein Klassiker. Zumindest habe ich das mal so in der Journalistenschule gelernt, dass man guckt, welche kleinen Meldungen es in Regional- oder Boulevardzeitungen gibt, und welche sich für eine größere Recherche eignen würden. In dem Fall war es eine Kurzmeldung bei uns in der Zeitung in Zürich. Ich habe das dann verfolgt. Viele Infos gibt es erst, wenn es zum Prozess kommt. Die Polizeiprotokolle sind bis dahin unter Verschluss und werden beim Prozess verwendet. Dann gibt es die Plädoyers von den Anwälten und nachher gibt es ein langes begründetes Urteil. Da steht wahnsinnig viel drin, da gibt es Gutachten von Ärzten und von Forensikern und mit alldem kann man dann arbeiten. Aber bis dahin vergeht sehr viel Zeit. Der Prozess war eineinhalb Jahre nach dem Vorfall. Das heißt man muss lange warten und man muss natürlich an die Akten rankommen. Ich bin beim Gericht als Gerichtsreporterin akkreditiert und habe so Kontakt zu dem Anwalt des Taxifahrers aufgenommen. Der hatte ein Interesse daran, dass der Fall nochmal anders dargestellt wird, weil er bisher in den Medien zu Ungunsten von seinem Mandanten ausgefallen war.

Hatte der Text einen Einfluss?

Ja, das hatte es. Es war zwar nicht meine Intention, den Text zu schreiben, um den Taxifahrer vor dem Gefängnis zu retten. Ich wollte den Ablauf eigentlich nur möglichst detailliert darstellen. Aber ich habe den Text ja geschrieben, bevor das ganze nochmal in Berufung ging. Und während der späteren Verhandlung hat der Verteidiger des Taxifahrers auch aus meinem Text zitiert, um darauf hinzuweisen, dass der Taxifahrer in einem Ausnahmezustand war, weil er solche Angst hatte. Dann wurde nochmal ein psychologisches Gutachten angefordert und tatsächlich hat er dann auf einer höheren Instanz statt acht Jahren Haft nur zwei oder drei Jahre auf Bewährung bekommen. Ob es noch eine Instanz weiter geht, ist noch nicht klar.

Erklärst du den Protagonisten deiner Geschichten vorher, was du mit ihnen vorhast?

Ich versuche schon, grundsätzlich Texte zu schreiben, wo es nicht einen Guten und einen Schlechten gibt. Ich versuche immer, bei allen die Beweggründe zu verstehen und nicht sofort zu bewerten. Ich glaube, die Texte sind auch besser, wenn man sich auf alle einlässt und nicht vor der Recherche weiß, wer gut und wer böse ist. Aber es gibt natürlich schon Fälle, wo man sich relativ sicher sein kann, wie das am Ende aussehen wird. Wenn man zu klar macht, dass man jemanden nur treffen will, weil der dann später der Bösewicht im Text sein wird, hat der ja schon gar keine Lust, sich mit einem zu treffen. Aber es gibt natürlich Fälle, wo sich jemand rechtfertigen will. Wo klar ist, dass er oder sie schlecht wegkommen wird, aber wo die Person weiß, dass sie noch schlechter wegkommen wird, wenn sie nicht mit einem redet.

Wie bleibt man fair, auch wenn man eigentlich vorher weiß, dass die Person im Text nicht gerade sympathisch erscheinen wird?

Ich finde Konfrontieren wichtig. Ich frage immer genau die Fragen, um die es geht, und nicht drum herum. Das finde ich heikel, wenn man nur vorsichtige Fragen stellt, und später ganz deutliche Urteile fällt. Aber ich sag natürlich nicht zu den Personen: Hören Sie zu, ich schreib nen Text und ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass Sie in dem Text der Bösewicht sein werden. Weil man auch manchmal nicht genau abschätzen kann, wie die anderen Personen eigentlich den Text lesen. Ich versuche zu zeigen, wie die Dynamiken laufen und nicht so sehr zu sagen, was richtig und falsch ist. Es gibt Texte, wo sich die Leute dann über andere Sachen aufregen als man denkt, oder Texte, die man so oder so lesen kann. Ich finde das Wichtigste ist, dass man jemanden nicht von vornherein verurteilt. Auch wenn man der Meinung ist, dass die eine Person alles richtig und die andere alles falsch gemacht hat, sollte man versuchen, sich in beide Personen hineinzuversetzen, ihre Motivationen nachzuzeichnen.. und das Urteil dann den Lesern überlassen.

Nasse Füße: Interview mit Benjamin von Brackel

Jeder kennt diese Bilder, bei denen man die Zahlen von 1 bis 100 verbinden muss, sodass nach und nach die Umrisse eines Motivs erkennbar werden. Am Anfang sieht man nur ein Gewusel von kleinen schwarzen Punkten mit kleinen schwarzen Zahlen daneben. Wenn man dann die richtigen Linien zieht, sieht man das Motiv. Ungefähr so stelle ich mir eine richtig gute Reportage vor. Eine Autorin recherchiert eine Geschichte, sieht also erstmal das gesamte Motiv. Dann muss sie dieses Motiv in Einzelpunkte zerlegen und diese im Verlauf ihrer Reportage strategisch platzieren. Der Leser zieht später bei der Lektüre die Linien zwischen den Punkten und sieht letztendlich das gleiche Motiv wie die Autorin. Die Schwierigkeit als Autorin liegt meines Erachtens darin, herauszufinden, was die entscheidenden Charakteristika sind, die der Leser kennen muss, um das Gesamtbild sehen zu können.  Ich bewundere es immer, wenn in Texten Details erwähnt werden, die mir selbst niemals aufgefallen wären, die aber eine Person, einen Ort, eine Stimmung genau auf den Punkt bringen.

Benjamin von Brackels Geschichte „Doktor Burt hat eine Idee“ (Reportagen #36, September 2017) enthält solche Details. Sie erzählt von einem Arzt in Chicago, der mithilfe von Chemotherapie Multiple Sklerose (MS) zu heilen versucht. Auf verschiedenen Zeitebenen und an verschiedenen Orten portraitiert Benjamin von Brackel den MS-Pionier und folgt parallel dazu dem Weg der Patientin Taylor von ihrer Diagnose bis zum erfolgreichen Abschluss der Behandlung.

Benjamin von Brackel (35) ist freier Umweltjournalist in Berlin. Seine Reportagen sind unter anderem in der Zeit, der Süddeutschen Zeitung und dem Magazin Reportagen erschienen.

Wie würden Sie Ihren Schreibstil beschreiben?

Ich würde sagen, eher schlicht. Was ich nicht so mag, ist wenn man zu blumig schreibt und der Leser nicht weiß, wohin die  Geschichte führt und er sich durch jede Menge Ballast arbeiten muss. Ich versuche, eher knackig zu beschreiben, was Sache ist, und auch nicht ewig viele Adjektive zu benutzen. Viel  mehr Kraft bekommt die Sprache mit starken Verben, guten Vergleichen, Details.

Wodurch wurde Ihr Stil am meisten geprägt?

Es ist nicht so, dass ich schon immer so geschrieben hab. Ich bin seit 14 Jahren Journalist, hab zig Praktika hinter mir und jedes hat ein bisschen was geschliffen. Darum würde ich auch jedem raten, viel Erfahrung zu sammeln und sich auszuprobieren. Die Deutsche Journalistenschule war dann auch nochmal so ein Mosaikstein. Ansonsten denke ich, es ist total wichtig, was man liest. Wenn man gerade ein dickes Buch gelesen hat, schreibt man danach ein bisschen anders. Was man liest, definiert auch ein bisschen, wie man schreibt.

In Ihrer Reportage über den MS-Arzt Dr. Burt schreiben Sie „Über Nacht sind die Pfützen auf den Strassen gefroren, es ist klirrend kalt. Richard Burt hastet den Gehweg entlang, bis er an einer Kreuzung stehen bleibt. Er macht einen Satz über die Schneehaufen, knackt durch die Eisschicht und taucht mit seinen Turnschuhen ins Wasser.“ Wie kommt so ein Detail in den Text und wozu?

Ich versuche schon, gezielt auf Details zu achten, weil Details einfach die Würze eines Textes sind und den Leser in die Geschichte ziehen. An dem Morgen bin ich selber mal durchs Eis gebrochen und hatte nasse Füße und mit ihm war ich auch an dem Tag unterwegs. Inhaltlich wollte ich das beschreiben, weil es den Leser erst mal vor ein Rätsel  stellt: Ein wichtiger Arzt, der eine ganze Krankenhausabteilung leitet und kurz vor dem Durchbruch steht, MS zu heilen, muss sich jeden Morgen bei solch Winterwetter die Schuhe nass machen und bekommt nasse Füße. Er kommt nicht etwa mit einem dicken Benz angefahren – wie es vielleicht zu erwarten wäre – sondern er geht immer zu Fuß. Der Grund: Er wohnt zwei Blocks entfernt, um jederzeit bei seinen Patienten sein zu können, wenn es einen Notfall gibt. Dieses Detail zeigt also wunderbar, wie er  sein Leben der Arbeit unterordnet.

Sie schreiben in einer Rückblende über den Tag, an dem die 17-jährige Taylor erste Anzeichen der MS-Erkrankung spürt: „Der Fleck auf ihren Augen wird immer grösser. Sie plaudert mit ihrem Dad, singt zur Musik im Radio.“ Fragen Sie nach solchen Informationen („singt zur Musik im Radio“) gezielt oder erzählen die Leute das von selbst?

Das hat sie mir erzählt und ich hatte wahnsinnig Glück mit ihr, weil sie sehr detailreich und gut erzählt hat. Ich hatte ja bestimmt fünf oder sechs von Burts Patienten interviewt, bevor ich sie ausgewählt habe – unter anderem weil sie die beste Geschichte zu bieten hatte, aber auch weil sie am besten erzählt hat. Man muss sich natürlich Zeit nehmen,  um ein Gespür dafür zu kriegen, ob das, was die Leute erzählen, wirklich stimmt, und dann sollte man das auch abgleichen. Mit Taylor hatte ich drei bis vier lange Telefongespräche, bevor ich überhaupt nach Chicago geflogen bin, und da war ihre Mutter immer dabei. Zuerst dachte ich, das könnte sie am erzählen hindern, aber im Nachhinein war es von Vorteil: immer, wenn Taylor sich nicht ganz sicher war, ist die Mutter eingesprungen und ich konnte so kontrollieren, ob das Hand und Fuß hat, was sie erzählt.

Was sind die nächsten Schritte, nachdem Sie auf ein Thema gestoßen sind?

Als ich das erste Mal von Dr. Burt gehört habe, da wusste ich sofort, dass ich die Geschichte machen will. Dann habe ich erst mal nachgeprüft, ob es darüber schon was gibt in Deutschland. Ich hab einfach gegooglet und es gab nichts! Das hat mich gewundert und noch mehr bestärkt, darüber zu schreiben. Dann nimmt man eben Kontakt auf und fragt die Leute, ob sie mitmachen. Dass jemand nicht will und ablehnt, hab ich bisher nur ganz selten erlebt. Normalerweise will  jeder seine Geschichte erzählen.

Gibt es eine Geschichte, auf die Sie besonders stolz sind, und wenn ja, warum?

Die Geschichte von Dr. Burt und Taylor gehört auf jeden Fall dazu. Wenn man etwas Neues entdeckt, das Relevanz hat, und das dann auch noch in einer Form aufschreibt, die eine emotionale Wirkung auf den Leser hat, dann gibt einem das die meiste Befriedigung. Und bei der Geschichte kommt dazu, dass ein paar Leute das lesen könnten, die von MS betroffen sind und möglicherweise neue Auswege sehen. Wenn man sich vorstellt, dass sich das Leben von Menschen durch den eigenen Artikel positiv verändern könnte, dann ist das natürlich großartig.

Vertrauensvolle Gespräche: Interview mit Yvonne Staat

„Joa… das wars dann eigentlich schon von meiner Seite…“ Ich hasse es, wenn ich ein Interview so beende. Am besten noch mit einem nervösen Lachen hintendran. Oder, wenn ich etwas ganz Einfaches frage, dann aber tausendmal umformuliere und schließlich immer leiser werde – in der Hoffnung, dass mein Gegenüber gemerkt hat, dass ich eine Frage gestellt habe. Das klingt dann ungefähr so: „Wie ist das, wenn du Interviews führst, fängst du mit Smalltalk an oder steigst du direkt ins Gespräch ein, also, ich meine, versuchst du da eine gewisse Ebene aufzubauen, Vertrauen zu schaffen oder findest du das unnötig, beziehungsweise…?“

Interviews sind für mich wohl der nervenaufreibendste Teil meiner Arbeit. Manchmal verfluche ich schon zwei Wochen vorher den Tag, an dem ich ein Gespräch führen muss. Natürlich ist letztendlich noch nie etwas Peinliches oder Unangenehmes passiert. Vielleicht mal ein schwer zugängliches Gegenüber oder Smalltalk, der überhaupt nicht erwidert wird. Das Tolle am Interview ist, dass man sich die eigene Unbeholfenheit im Nachhinein anhören und sich nochmal ganz intensiv dafür schämen muss; dann aber sofort Fehler erkennen und anpacken kann.

In „2 Kinder“ (FAZ, 13.08.2017) portraitiert Yvonne Staat einen Mann und eine Frau tschetschenischer Herkunft. „Said und Irsana waren Kinder, als sie aus Tschetschenien nach Deutschland flüchteten. Schon damals wussten sie, dass der Mensch eine Ehre hat. Die Erwachsenen hatten ihnen oft davon erzählt. Der Mensch wird mit der Ehre geboren und muss sie hüten wie einen Schatz. Solange er lebt. Denn nichts ist wertvoller als die eigene Ehre. Und nichts ist schlimmer, als wenn diese eigene Ehre beschmutzt wird und ihren Glanz verliert.“ Bei der Lektüre des Textes kam es mir vor, als säße ich Said und Irsana in einer Verhörzelle gegenüber, während sie mir detailliert ihre Lebensgeschichte darlegten. Das klingt jetzt nach einer sehr unangenehmen Atmosphäre, aber ich meine es anders. Es war eine Darstellung von zwei Persönlichkeiten ohne irgendwelches Geschehen drum herum. Kaum Bilder aus der Umgebung, kein Fotoalbum der Kindheit, einfach nur pure Persönlichkeit. Da wurde ich natürlich neugierig, wie die Autorin die Interviews geführt hat.

Yvonne Staat (42) ist Journalistin aus der Schweiz. Sie wohnt in Wien und schreibt seit 2008 als Freie unter anderem für die FAZ, die NZZ und den Tagesanzeiger.

Wie kommen Sie normalerweise an Ihre Themen ran?

Das ist schwierig. Viele meiner Kollegen sagen, es sei sehr einfach für sie, Themen zu finden, die Themen würden ja nur auf der Straße liegen. Mir fällt das eher schwer, die Themen fallen mir auch nicht einfach so ein, wenn ich den Alltag betrachte. Vielleicht stoße ich manchmal bei der Zeitungslektüre auf ein Thema, das mich interessiert, das aber für mich noch viel zu abstrakt und theoretisch klingt. Ich versuche, Themen nicht zu theoretisch anzugehen – was natürlich auch eine Berechtigung hat – aber ich versuche immer, mit einzelnen Menschen zu reden. Und dann hängt es davon ab, ob ich diese Menschen finde. Diese Suche dauert oft sehr lange. Viele Themen verwerfe ich, weil es nicht möglich ist, die richtigen Personen zu finden, die bereit wären, offen zu erzählen.

Wie sind Sie bei 2 Kinder an die Personen rangekommen?

An Said bin ich über Facebook gekommen. Das hing zusammen mit einer anderen Geschichte über eine Gruppe von Jugendlichen, die eine andere Jugendliche zusammengeschlagen und das ganze auf Video aufgenommen und ins Netz gestellt haben. Unter den Tätern war auch ein junger Tschetschene. Da war ich schon viel auf Facebook unterwegs und habe mit unterschiedlichen jungen Leuten gechattet und einer dieser jungen Männer war dann eben Said, der sich bereit erklärt hat, mich öfter zu treffen für ein Gespräch über ihn.

Eigentlich wollte ich zuerst nur über ihn schreiben und parallel dazu eine Geschichte darüber schreiben, wie es ist, für arme Familien am Existenzminimum zu leben. Dabei bin ich über verschiedene Vereine zu einer werdenden Mutter gekommen, die zufällig auch junge Tschetschenin war. Dann hatte ich die Idee, die beiden Geschichten miteinander zu verbinden.

Wie beginnen Sie so ein Gespräch, gerade wenn es um eine emotionale Geschichte geht?

Das ist schwierig. Ich habe das Gefühl, dass es sehr wichtig ist, das Vertrauen zu gewinnen. Wie das geschieht oder wie mir das gelingt, das kann ich gar nicht so genau erklären. Einerseits liegt es bestimmt daran, dass ich die Leute mehrmals treffe und lange Gespräche führe. Das Material, das ich dann habe, ist immens, und was im Artikel steht, ist nur ein ganz kleiner Auszug. Dass man sich die Zeit nimmt, die Menschen öfter zu treffen und auch einfach mal reden zu lassen, ohne das Ganze zu bewerten oder moralisch zu beurteilen, einfach mal zuzuhören, und auf das, was sie sagen, einzugehen, offen zuzuhören, das schafft Vertrauen. Und vielleicht ist es auch die Art, wie man auftritt, wie man sich anzieht, wie man sich gibt – es ist so eine Mischung aus Auftreten und Zuhören. Oft sind die ersten 20 Minuten sehr holprig, die Gesprächspartner sind verschlossen. Das ändert sich plötzlich, wenn jemand etwas erzählt, das ihn emotional sehr berührt. Das ist für mich dann eine Spur, der ich folge.

Vieles habe ich bei 2 Kinder aber auch nicht erreicht. Ich wäre gerne zu Said nach Hause gegangen oder hätte mit seiner Mutter geredet… dafür hat das Vertrauen zum Beispiel nicht gereicht. Da hätte ich vielleicht noch länger dranbleiben können. Man kann immer noch mehr machen aber man hat auch den Druck, eine Geschichte abzuliefern. Irgendwann sage ich dann: so, jetzt muss ich aufhören und mit dem, was ich habe, etwas machen.

In welcher Umgebung fanden die Gespräche statt?

Die Gespräche mit Said meistens bei McDonalds und auf Vorplätzen von S-Bahnhöfen und die mit Irsana in dem Haus, in ihrem kleinen Zimmer, in dem sie wohnt.

Wie lange dauerten die Gespräche?

Ein Gespräch hat vielleicht so zwei Stunden gedauert. Bei Irsana waren es drei Gespräche und bei Said etwa vier. Wenn man so intensiv miteinander redet, sind zwei Stunden viel. Ich merke, dass es für die Gesprächspartner anstrengend wird, danach verliert sich die Konzentration und dann ist eine Pause wichtig.

Sind Sie vor Interviews noch nervös?

Ich bin vor Interviews jedes Mal sehr nervös, egal, mit wem, sei es mit einem Politiker oder mit jungen Leuten. Das legt sich aber meiner Erfahrung nach, sobald ich anfange. Die Nervosität legt sich, aber die Konzentration, das professionelle Zuhören, das ist eine sehr anstrengende Arbeit, das ist nie entspannt. Aber die Nervosität, dass ich das Gefühl, ich finde keinen Zugang zu dem Menschen, die legt sich dann, sobald ich angefangen habe. Ich habe auch das Gefühl, das wird sich bei mir nie ändern, ich werde da bis zum Ende meines Berufslebens nervös sein. Und das ist vielleicht auch nicht so schlecht, das schärft auch die Sinne.

Was hätte Ihnen gefehlt, wenn Sie nicht an der Journalistenschule gewesen wären?

Das klingt vielleicht doof, aber in den letzten Jahren beobachte ich an mir, wie wichtig es ist, das was ich an der Journalistenschule gelernt habe, wieder abzulegen oder zu vergessen. Natürlich lernt man da auch grundlegende Sachen, beide Seiten sich anzuhören oder medienrechtliche Sachen, das ist schon sehr wichtig. Aber man lernt da auch sehr vieles, was mich lange daran gehindert hat, frei meine Geschichten zu schreiben. Zum Beispiel, wie eine Geschichte aufgebaut sein sollte, was eine Reportage ist, wie ein Ende sein sollte… und das sind alles Sachen, von denen ich mich befreien musste, um wirklich meine eigene individuelle Sprache zu finden.

Andererseits hat mir die Journalistenschule natürlich viele Kontakte gebracht, die mir geholfen haben, mir als Freie ein Netzwerk aufzubauen und Arbeitgeber zu finden. Das ist ein Vorteil von Journalistenschulen. Aber sie schränken – meiner Ansicht nach – eben auch sehr auf ein konventionelles Schreiben ein.

Was ist das Beste und was das Schlechteste, daran, als Freie zu arbeiten?

Das Beste daran ist, dass ich völlig losgelöst bin vom redaktionellen Alltag. Das war auch der Grund, warum ich aufgehört habe: ich hatte keine Lust auf Sitzungen, auf Redigieren, auf all diese Sachen, die man halt in einer Redaktion machen muss. Jetzt kann ich unabhängig von irgendwelchen Gesprächen oder Einflüssen mein Ding machen. Gleichzeitig ist der fehlende Austausch manchmal eine Schwierigkeit. Gerade, wenn ich mit einer Idee lange schwanger gehe, dann denke ich, dass es mir helfen würde, mit anderen mal zu reden und die Idee im Geiste weiterzuspinnen, Wege zu finden, die ich selbst nicht so begehen würde, die aber fruchtbar wären. In der Schweiz hatte ich dafür ein Netzwerk an Freien, die sich regelmäßig trafen, und hier in Wien habe ich das nicht. Das fehlt mir sehr.

Ein Nachteil ist natürlich auch die Bezahlung, im Journalismus sowieso, und als Freie noch viel mehr. Ich bin Pauschalistin bei der FAS und würde davon gar nicht leben können. Ich kann das eben querfinanzieren, indem ich hin und wieder einen Artikel für ein Schweizer Magazin schreibe, so kann ich davon leben. Das ist eine große Schwierigkeit und auch eine große Frechheit und irgendwie auch eine große Verletzung, dass es so ist. Dass man für das, was man tut, so bezahlt wird. Es ist schwierig das auszuhalten, einerseits rein ökonomisch aber andererseits weil Lohn auch eine Wertschätzung ist für die Arbeit, die man macht. Im journalistischen Bereich ist die sehr gering und wird wohl auch nicht besser werden.