Fair berichten… auch über die AfD: Interview mit Caterina Lobenstein

Dass wirkliche Objektivität im Journalismus unmöglich ist, sollte uns allen klar sein. Wie wir formulieren, welche Quellen wir in welchem Umfang zu Wort kommen lassen, welche Themen wir relevant genug finden, um sie in der Redaktion durchzusetzen – all das ist subjektiv. Okay, finden wir uns damit ab. Was wir trotzdem tun können, ist fair zu schreiben. Besonders ist mir bei der Berichterstattung über die AfD und ihre Wähler*innen aufgefallen, dass es plötzlich in Ordnung zu sein schien, persönliche Haltungen in Nachrichtenbeiträge einfließen zu lassen, ohne das als Kommentar zu kennzeichnen; als sei die Ablehnung bestimmter politischer Gruppierungen ohnehin gesellschaftlicher Konsens oder Fakt. Darum fand ich Caterina Lobensteins Reportage „AfD in Bitterfeld: Hier herrscht Klassenkampf“ so beeindruckend. Zurückhaltend und wertfrei versucht sie sich und ihrem Publikum die Frage zu beantworten: Warum wählen so viele Menschen diese Partei? Und die Antwort darauf lautet ausnahmsweise nicht: Weil das so ungebildete, ostdeutsche Proleten sind. Caterina Lobenstein sagt: „Natürlich habe ich eine persönliche Haltung, aber gerade in der Geschichte über die AfD ging es ja wirklich ums Verstehenwollen.“ Verstehenwollen, Verständnis schaffen, das mag weniger mitreißen als ein gemeinsames Herziehen über einen Trump, eine AfD, einen Berliner Flughafenbau. Ich halte es jedoch für zielführender.

Caterina Lobenstein (34) ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft der ZEIT.

In deiner Reportage über die AfD in Bitterfeld schreibst Du: „Nirgendwo erhielt die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt so viele Stimmen wie in Bitterfeld-Wolfen. In den Tagen nach der Wahl kamen Reporter in die Stadt, aus Hamburg und Berlin, aus Großbritannien und den USA. Sie wollten wissen, warum so viele Leute hier der AfD ihre Stimme gegeben hatten. Sie filmten auf dem Marktplatz, sie zeigten Menschen, die graue Jogginghosen trugen und fettige Bratwurst aßen, die Flüchtlinge ‚Neger‘ nannten und Politiker ‚Verbrecher‘”. Steckt da eine Kritik an den Medien drin?

Ich hab die Berichterstattung oft als klischeebehaftet empfunden. Manchmal musste ich daran denken, wie ich in den 90er Jahren mit meinen Eltern vor dem Fernseher saß und mein Vater sich darüber aufgeregt hat, dass die Reporter immer genau die Ossis vor die Kamera geholt haben, die die schmuddeligste Jogginghose trugen und das fieseste Sächsisch sprachen. Ich will gar nicht bestreiten, dass es all das in Bitterfeld gibt, was da in den Videos und Fernsehsendungen gezeigt wurde. Aber ich hatte das Gefühl, es erklärt nicht besonders viel. Es erklärt zum Beispiel nicht, warum in einer Arbeiterstadt wie Bitterfeld kaum jemand mehr die klassischen Arbeiterparteien wählt, die Linke, die SPD. Meine Familie wohnt nicht weit entfernt von Bitterfeld in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Da war die Zustimmung zur AfD von Anfang an ähnlich groß. Wir haben uns immer wieder gefragt: Warum ist das eigentlich so? Warum fühlen sich diese Menschen von anderen Parteien nicht mehr vertreten? Und hat das wirklich nur was mit den Flüchtlingen zu tun? Ich habe dazu relativ wenig gelesen, wo ich danach das Gefühl hatte: Jetzt verstehe ich das.

Es gibt ja sogar den Vorwurf, dass die Medien selber zum Aufstieg der AfD beigetragen haben.

Ich glaube nicht, dass die Medien daran Schuld sind. Die AfD ist eine Partei, und wenn Leute die wählen, dann ist das erstmal ein Fakt und Journalisten berichten darüber. Es gibt natürlich dieses große Misstrauen unter AfD-Wählern und AfD-Politikern gegenüber Journalisten, das hab ich selbst erlebt, bei Parteitagen oder im Gespräch mit Wählern. Ich glaube aber, wir sind nicht der Auslöser, sondern vielleicht eher eine Art Verstärker dieser Elitenskepsis oder des Elitenhasses, der viele Menschen zur AfD getrieben hat. Wir sind Teil jener vermeintlichen Elite, der viele AfD-Wähler misstrauen.

Dein Text hebt sich ja ein bisschen ab von der typischen Berichterstattung. Er schafft schon fast Sympathie oder zumindest Verständnis. Wie haben die Leser*innen und Kolleg*innen darauf reagiert?

Ich finde nicht, dass ich in dem Text zu nett war. Ich habe versucht unvoreingenommen zu sein und war eher daran interessiert, die Protagonistin des Textes zu verstehen, als sie damit zu konfrontieren, dass ich nicht ihrer Meinung bin. Das war manchmal nicht ganz einfach, weil sie zum Teil sehr heftige Worte gewählt hat. Ich hab ihr vor allem zugehört und irgendwann fast gar nichts mehr gesagt. Sie hatte eine Menge zu erzählen. Wir haben bestimmt vier Stunden zusammen gesessen, viel Kaffee getrunken und viele Zigaretten geraucht.

Insgesamt habe ich erstaunlich viel positives Feedback für den Text bekommen. Zu der Zeit habe ich immer mal wieder über die AfD geschrieben, vor allem aber hab ich mich mit dem Thema Flucht und Migration beschäftigt. Ich bekomme da in der Regel sehr kritische Leserbriefe und auch heftige, hasserfüllte Reaktionen. Meistens von rechts, manchmal auch von links. Über diesen Artikel haben aber sowohl AfD-Wähler als auch AfD-Kritiker gesagt, dass sie ihn fair und aufschlussreich fanden.

Wie kann man als Journalistin der sozialen Spaltung entgegenwirken?

Ich glaube, indem man versucht, sich von Vorurteilen zu lösen und von allzu schnell gefassten Erklärungen. Es hilft gut zuzuhören und offene Fragen zu stellen; nicht Verurteilungen in Fragen zu verkleiden und sie den Interviewpartnern aufzutischen. Am besten hört man so vielen Seiten wie möglich zu, aber ohne, dass am Ende daraus ein dramaturgisches Wischi-Waschi wird, so ein Einerseits-Andererseits-Text, in dem einfach ein Argument ans nächste gereiht wird. Nach dem Zuhören muss man einordnen, man muss prüfen, wie stichhaltig die Argumente sind. Ob die Fakten stimmen, auf die sie sich stützen und welche Grundannahmen eigentlich dahinter stecken.

Waren die Protagonist*innen in Bitterfeld nicht sehr misstrauisch, dass jemand von der ZEIT über sie berichten möchte?

Ja. Meine Protagonistin, eine Arbeiterin, die 20 Jahre lang Nichtwählerin war und nun in der AfD ihre politische Heimat gefunden hat – Diana Riemann habe ich sie in dem Text genannt – die war anfangs  sehr misstrauisch. Sie hat die ZEIT nie gelesen, aber sie hatte von der ZEIT gehört, als Teil des vermeintlichen medialen Lügenkonglomerats. Ich fand es bei ihr auch deshalb nicht ganz einfach, weil sie anonym bleiben wollte. Ich bin ja in ihren Augen eine Vertreterin der Lügenpresse. Das war eine Herausforderung, so viel Vertrauen zu schaffen, dass sie mir glaubt, dass ich mit ihrer Identität vorsichtig umgehe. Ich schicke nie fertige Texte an Protagonisten, aber ich habe ihr angeboten, dass wir später am Telefon all jene Details und Zitate abklopfen, die sie erkennbar machen könnten. Für den Text ist sowas oft bitter, der lebt ja von den Details. Ich habe Diana Riemann zum Beispiel gefragt, was für sie Luxus bedeutet. Sie hat dann etwas gesagt, was aus schreiberischer Sicht schön in den Text gepasst hätte, ein Detail, das einem als Leser plastisch vor Augen führt, wie wenig Geld diese Frau im Alltag zur Verfügung hat. Etwas, was sie gerne konsumiert und sich einmal im Monat leistet. Aber da hat sie gesagt: Wenn Sie das aufschreiben, dann weiß sofort jeder in meinem Betrieb, dass ich das bin, und dann verliere ich meinen Job.

Wie reagiert man als Journalistin auf so eine Aussage wie von Diana Riemann, die über Flüchtlinge spricht und sagt: “Dem Viehzeug steckt das Sozialamt Zucker in den Arsch.”?

Der Satz kam sehr unvermittelt, während wir Kuchen aßen, ich hab im ersten Moment gar nicht verstanden, was sie meint. Also hab ich nachgefragt, und da hat sie mich angeschaut und gesagt: Ja dem Viehzeug, den Ausländern, wem sonst? Ich hab sie gefragt, ob das keine normalen Menschen sind. Sie sagte: Nein. Ich habe bei dem Text lange überlegt, inwieweit ich die Sprache meiner Protagonisten übernehmen, wie viel Raum ich den Zitaten geben soll. Die Worte von Frau Riemann, aber auch die Kommentare vom Facebook-Profil eines AfD-Politikers aus Bitterfeld, die in dem Text vorkommen, sind in meinen Augen menschenverachtend. Wenn man für ein Medium mit mehreren Hunderttausend Lesern schreibt, bereitet man so einer Sprache eine Bühne. Andererseits finden Menschen, die so reden, ihre Bühne auch bei Facebook oder Twitter, in der Kneipe oder im Sportverein. Ich fand es wichtig, das zu zitieren, weil diese Art von Sprache Teil des Problems ist. Viele haben ja das Gefühl, seit es die AfD gibt, dürften sie endlich mal sagen, wie es wirklich ist. Als würden sie nicht hetzen, sondern einfach unverblümt sprechen. Als ich die Zitate von Frau Riemann abgetippt hatte, dachte ich: Uff, das lässt sie mir niemals durchgehen. Ich hab ihr dann die Zitate zum Autorisieren geschickt . Sie wollte nichts verändern. Sie hat nur gesagt: Gut, dass es mal in der Zeitung steht. Ich hab dann nochmal nachgehakt, ob sie sich sicher ist. Sie meinte nur: Jaja, warum denn nicht?

Über das Wohnzimmer von Diana Riemann schreibst Du: „Auf der Sofalehne sitzt ein Harlekin, in der Schrankwand ein Engel aus Porzellan.“ Ich habe diese Kitsch-Gegenstände direkt mit einem bestimmten sozialen Milieu assoziiert. Wie schafft man es, solche Assoziationen herzustellen, ohne herabwürdigend zu werden?

Ich finde das in der Tat schwierig. Welche Details wählt man aus, um jemanden zu beschreiben, welche lässt man weg? Welche verleihen einer Figur Farbe, welche führen sie vor? Wenn man Pech hat, tappt man mitten rein ins Klischee, wenn man Glück hat, schrammt man knapp daran vorbei. Ich fand es in diesem Text wichtig, dass man als Leser zumindest ein ungefähres Bild der Protagonistin bekommt. Ich konnte sie nicht äußerlich beschreiben, weil sie ja anonym bleiben musste. Ich wollte aber, dass einem beim Lesen klar wird, in was für einem Milieu man sich befindet. Sie hatte keine minimalistische dänische Vase in ihrem Wohnzimmer stehen, wie ein Hipster in Berlin, sondern eben einen Porzellanengel. Sie hatte keinen Parkettboden, sondern einfaches Laminat. Das allein sagt natürlich erstmal gar nichts. Aber ich glaube, dass man sich, auch auf wenig Platz, einem Protagonisten annähern kann, wenn man Details zusammenfügt. Äußerlichkeiten, Vorlieben, wie jemand spricht, wie jemand sich kleidet, was und wie jemand isst. Das alles erklärt noch nichts, aber es schafft Nähe und Atmosphäre.

Wie bereitest du dich in der Regel auf deine Recherchen vor?

Ich versuche so viel wie möglich zu lesen und mache mir ein Bild davon, was schon berichtet wurde. Vor dieser Geschichte habe ich mich viel auf den Facebook-Seiten der lokalen AfD-Politiker herumgetrieben und versucht zu verstehen, worum es da geht. Ich hab relativ schnell gemerkt, dass die nicht nur über Flüchtlinge reden, was meine erste Vermutung gewesen war, sondern auch über schlechte Löhne, über Schulen, die schließen müssen, über alte Leute, die von ihrer Rente nicht leben können, über Konzerne, die keine Steuern zahlen. Außerdem habe ich Politiker vor Ort angerufen, die Bürgermeisterin, ein paar Stadträte, um erstmal vom Telefon aus die Lage grob einzuschätzen. Dann habe ich gemerkt, dass der Landtags-Direktkandidat Daniel Roi, ein junger AfD-Politiker, ein guter Protagonist ist. Als ich ihn gefragt habe, warum die Arbeiter der Stadt ausgerechnet ihn wählen und nicht die Konkurrenz von der SPD, konnte er konkrete Geschichten erzählen und mir Orte zeigen, an denen man Antworten auf diese Frage findet. Über ihn kam am Ende auch der Kontakt zu Frau Riemann.

Wie lange hat die Recherche gedauert?

Mit Frau Riemann habe ich einen langen Nachmittag verbracht und dann bin ich noch einen Tag mit Daniel Roi durch die Stadt gefahren. Ich habe ihn gebeten, mit mir an die Orte zu fahren, an denen man die Probleme sieht, die die Wähler bewegen. Wir sind zu einem See gefahren, der privatisiert wurde. Zu alten Fabriken, zum Solarpark, auf den die Bitterfelder so viel Hoffnung gesetzt hatten und der heute fast verlassen ist.

Wie geht es nach der Recherche weiter?

Ich gehe meine Blöcke durch, höre die Bänder ab und tippe sie oft auch komplett ab. Das ist super ineffizient, das darf mein Chef eigentlich niemals hören. Ich hab meist viel zu viel Material und ein riesiges Word-Dokument, das mich jedes Mal killt. Das drucke ich mir aus und gehe mit dem Textmarker drüber. Erst dann fange ich an, den richtigen Text zusammenzubauen. Ich schätze, dass am Ende um die 90 Prozent der Informationen, Beschreibungen, Zitate, die ich gesammelt habe, wieder rausfallen. Ich bewundere Kollegen, die einfach den ersten Satz hinschreiben und dann den zweiten und dann den dritten, und nach einem Tag ist die Reportage fertig geschrieben.

Du gehörst  mit 34 Jahren zu einer jüngeren Generation von Journalist*innen. Was für Schwierigkeiten stehen Nachwuchsjournalist*innen bevor?

Die größte Schwierigkeit ist, dass in vielen Redaktionen nicht mehr viel Geld ausgegeben wird und dass es schwierig ist, an eine Stelle zu kommen, die einem den größten journalistischen Luxus gewährt: Zeit. Es gibt viele Bewerber für wenige Stellen und wenig Geld für Freie. Als Redakteurin merke ich ja, wie wenig da ist, um freie Autoren zu bezahlen. Das ist nicht schön, Honorare anbieten zu müssen, bei denen ich aus eigener Erfahrung weiß, dass sie nicht reichen, um die Miete zu zahlen. Nicht, wenn man sich für die Texte Zeit nimmt und sich Mühe gibt. Und weil weniger Geld da ist, herrscht auch weniger Verständnis dafür, dass Recherchen auch mal in die Hose gehen. Die Voraussetzung für guten Journalismus ist, dass man auch mal sagen kann: Wir drucken das nicht. Zum Beispiel, wenn Interviewpartner im Nachhinein alles Wichtige wegautorisieren. Oder wenn man einer These nachspürt, die der Wirklichkeit nicht standhält.

Außerdem finde ich es zunehmend schwerer, den Überblick zu behalten: Welche Infos, die in meine Timeline gespült werden, kommen aus welcher Ecke? Wer verfolgt damit welche Interessen? Ist das Video, das Zitat, das schon zehntausende Male geteilt wurde, überhaupt echt? Aber ich will gar nicht so einen Blues verbreiten. Denn gerade weil vieles so unübersichtlich ist, werden wir weiter Journalisten brauchen – mehr denn je.

Was ist das Beste und das Schlechteste daran, als Festangestellte zu arbeiten?

Das Beste sind die fantastischen Kollegen, mit denen ich auf dem Flur sitze und mit denen ich zusammenarbeiten darf. Und grundsätzlich ist es bei Recherchen hilfreich, einen Verlag im Rücken zu haben, der nicht nur einen großen Namen hat und Raum gibt für tiefe Recherchen, sondern der sich auch gute Anwälte leistet. Das macht einen im Zweifel mutiger. Das Schlechteste? Höchstens, dass ich nicht mehr im Schlaf-T-Shirt und auf dem Sofa lümmelnd meine Texte schreibe. Gerade bin ich sehr gerne festangestellt.

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Liebe und Distanz: Interview mit Erwin Koch

Vor dem Interview mit Erwin Koch saß ich in meinem Büro und habe mich mit meiner Volontariatskollegin unterhalten. Ich so: „Ich hab gleich ein Interview für meinen Blog. Erwin Koch. Scheint sogar relativ bekannt zu sein.“ Und sie so: „Wie bitte? Du quatscht gleich mit Erwin Koch?“ Ich: „Ja, kennst du den etwa?Und sie: „Das ist ungefähr der Gott der Reportage.“ Eine Information, die mich fünf Minuten vor Interviewbeginn durchaus nervös gemacht hat.

Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich nur diese eine Reportage aus der DUMMY Ausgabe 56 von ihm kannte: „Du sollst mich töten“ über zwei Priester in Kolumbien, die eine Liebesbeziehung miteinander haben und sich von einer Gruppe von Auftragskillern gemeinsam erschießen lassen. Mehr möchte ich jetzt gar nicht verraten. Klingt eh ganz anders, wenn Erwin Koch es schreibt. „Zwei Kugeln schlugen in Reátigas Kopf, 9 Millimeter, drei in Píffanos, 7.65, wahrscheinlich um 19.30 Uhr, Carrera 94B AvCalle 43SUR. Dann heulte ein Motorrad auf, zwei Schatten, und verschwand in der Nacht des 26. Januar 2011.“ Genau, ganz schön viele Zahlen. Warum das alles so ist, wie es ist, habe ich ihn in unserem Interview gefragt.

Erwin Koch (61) ist preisgekrönter Journalist und Romanautor aus der Schweiz. Er schrieb Reportagen unter anderem für Die Zeit, Geo, Brigitte, DUMMY und viele andere. Wieso kommen eigentlich so viele gute Journalist*innen aus der Schweiz? 

Sehen Sie eine klare Grenze zwischen Journalismus und Literatur?

Ja, schon. Wenn ich einen Roman schreibe, fühle ich mich frei, all die Dinge zu erfinden, die mir im Moment in den Kontext passen. Wenn ich eine Figur möchte, die einen Klumpfuß hat, dann kann ich das erfinden. Bei der Reportage geht das natürlich nicht. Ich habe drei Romane geschrieben und zwei davon basieren auf Reportagen, die ich vorher geschrieben hatte. Ich empfand es als Befreiung, drauf losschreiben zu können ohne Rücksicht zu nehmen auf die Realität.

Kam ihr Stil schon immer gut an bei den Redaktionen oder wurde Ihnen viel wegredigiert?

Am meisten habe ich durch das gelernt, was man weggestrichen hat. Ich hatte das Glück, ganz am Anfang gute Redakteure zu haben. So als junger Journalist wollte ich vielleicht originell sein oder klug und war vielleicht auch manchmal verliebt in das Resultat meiner Recherche. Wenn es zum Beispiel schwierig gewesen war, irgendein Detail in Erfahrung zu bringen, dann habe ich es allein deswegen in den Text hineingefügt, obwohl ich es eigentlich besser weggelassen hätte. Und dann kamen mir die Redakteure zugute, die das weggestrichen haben.

Ich lasse fast immer meine Mutter und meinen Bruder gegenlesen, bevor ich etwas veröffentliche. Gibt es bei Ihnen auch so eine Person?

Ja, ich habe bis heute einen sehr guten Gegenleser, einen Freund, der mir wegstreicht, was zu viel ist, und manchmal auch etwas umbaut. Ich übernehme wohl 99% seiner Korrekturen. Der ist auch Journalist. Ich lese seine Dinge und er liest meine. Aber er ist der bessere Gegenleser. Ich sehe vor allem einen falschen Genitiv oder ein fehlendes Komma. Er sieht tiefer.

Gibt es etwas, dass Sie sich im Laufe Ihrer langen Karriere bewusst abgewöhnt haben?

Gute Frage… (denkt nach) Ja, vielleicht dies: unterschwellig eine Gebrauchsanleitung zu liefern, was der Leser jetzt von diesem Text halten soll. Im dritten Satz spätestens zu schreiben, wieso dieser Text unbedingt gelesen werden muss. Also, ich hab aufgehört, im Text den Text zu legitimieren.

Sie nutzen ja sehr viele Zahlen in ihren Texten. Obwohl man lernt, dass man nicht mehr als drei Zahlen pro Absatz schreiben soll. Wieso halten Sie sich nicht daran?

Ich war nie an einer Journalistenschule (lacht). Nein, ich weiß es nicht… Viele dieser Zahlen, die merkt sich kein Leser. Es ist eher ein Stilmittel. Auch ein Versuch, Glaubwürdigkeit herzustellen, indem ich konkrete Zahlen nenne. Vom Inhalt her sind die nicht sehr wichtig, eher vom Stil her.

Suchen Sie am Ort der Reportage sofort nach Zahlen oder fallen Ihnen ohnehin alle möglichen Details sofort auf?

Ich glaub ich suche Zahlen. Nicht nur Zahlen, sondern viele kleine Details. Ich kratze Information zusammen und nenne das dann den Rohstoff, der mir zur Verfügung steht. Das sind die 100%. Ich kann dann beim Schreiben eine Auswahl treffen, aus dem Vollen schöpfen, und am Ende rutschen so 20% all der Informationen in den Text hinein. Meine Aufgabe ist es, wegzulassen, zu reduzieren, zu realisieren, welches Detail stützt die Geschichte, welches Detail tut der Geschichte gut, welches Detail aber ist belanglos oder führt vielleicht sogar in die Irre. Das empfinde ich beim Schreiben als meine Aufgabe: das Weglassen von Entbehrlichem.

Sie lassen Ihre Protagonist*innen immer gegenlesen, bevor Sie veröffentlichen. Warum?

Wenn es wirklich um existentielle Dinge geht, Krankheit, Tod, Verrat, Liebe, dann ist das meine Pflicht. Die Leute vertrauen mir und ich will, dass die das lesen. Die müssen das lesen und die müssens auch korrigieren. Ich mach immer, IMMER Fehler, und bin dann froh, wenn jemand diese Fehler erkennt und ausmerzt. Aber abgesehen davon haben mir die Leute ihr Leben ausgebreitet. Ich frage die so viel, eben 100%, aber die wissen ja nicht, welche 20% im Text vorkommen werden, und schon deswegen müssen die das lesen.

Wie oft kommt es vor, dass jemand etwas ändern will?

Eigentlich kaum. Ganz am Anfang hatte ich Schiss, den Menschen diese Texte auszuliefern. Dann dachte ich, wenn ich hingehe, und ihnen den Text vorlese, dann sei die Beißhemmung größer, dann würden sie weniger korrigieren. Aber die korrigieren nicht groß herum, außer es stimmt etwas in der Chronologie der Abläufe nicht. Dass die sagen „Nein, das bin nicht ich“, das hab ich nie erfahren.

Heißt das, dass sie Personen letztendlich immer positiv darstellen?

Ja, wahrscheinlich schon. In den Texten, wo es darum geht, dass jemand eher am Rand der Gesellschaft lebt und steht, jemand ein Trauma erlebt hat,… da hab ich gar keinen Grund, die Leute zu kritisieren. Ich lass die reden. Ich hatte mal eine Frau, die ihren Mann vergiften wollte und letztendlich hat dann diese Frau das Gefühl, der Text könnte für ihre Situation Verständnis wecken. Ich weiß nicht, ob positiv das richtige Wort ist, aber sicher hau ich die nicht in die Pfanne.

Bei der Dummy-Geschichte waren zwei der wichtigsten Protagonisten tot. War es besonders schwierig, die richtig darzustellen?

Das Schwierigste war, an die Leute ranzukommen. Ich musste, bevor ich nach Kolumbien ging, sicher sein, dass ich Leute dort finde, die mit mir reden. Ich kannte einen Schweizer Fotografen, der in Kolumbien lebt. Den hab ich zuerst kontaktiert und gefragt, ob er mir jemanden suchen kann, der entweder deutsch oder englisch kann und der zuverlässig und energisch genug ist, innerhalb von einem Monat aufzuklären, ob überhaupt jemand bereit ist, mit mir zu reden. Ich brauche einen Staatsanwalt, ich brauche Verwandten dieser beiden Priester, ich brauche den Bischof dieser Priester. Ich brauche die Anklageschrift, je mehr Schriftliches, desto besser. Er nannte mir dann eine Person, die selber Journalistin ist, und die hat das alles abgeklärt. Erst als sicher war, dass die Leute mit mir reden, hab ich gebucht und bin dort hingeflogen.

Es hat immer mit Glück zu tun und mit Aufsessigkeit. Eine bestimmte Dosis Aufsessigkeit die braucht es. Nicht gleich zu sagen „Dann gibt’s das halt nicht“, sondern einen anderen Kanal zu aktivieren. Also manchmal sagt der Staatsanwalt nein, wir geben nichts Schriftliches heraus, dann kann man immer noch den Verteidiger fragen, ob der mitmacht. Und so kommt man oft an die gewünschten Informationen, indem man um die Ecke herum recherchiert.

Wo finden Sie üblicherweise Ihre Geschichten?

Ich würde sagen, zur Hälfte in Zeitungen. In irgendwelchen kleinen Agenturmeldungen. Vielleicht habe ich in den letzten 35 Jahren eine Art Riecher dafür entwickelt, was hinter einer kleinen neutralen unspektakulären Agenturmeldung stecken könnte. Natürlich lieg ich da ab und zu falsch, aber in der Mehrheit der Fälle steckt da dann ein Abgrund dahinter. Und die andere Hälfte wird mir zugetragen. Freunde erzählen mir von Personen, die ein erzählenswertes Leben haben oder hatten.

Ehrlich gesagt habe ich bisher nur diese eine Geschichte von Ihnen gelesen. Welche würden Sie mir empfehlen?

Es gibt vielleicht so zwei, drei, wo ich davon ausgehe, dass die nach Maßgabe dessen, wie die Menschen darauf reagiert haben, vielleicht besser waren als andere. Eine Geschichte, die heißt „Sarah“, das ist die Geschichte eines Mädchens, das mit 14 Leukämie bekam und mit 17 starb. Ich hab einfach die Krankheitsgeschichte dieses Mädchens dargestellt. Und dann gibt’s die Geschichte „Rico“ eines elfjährigen Knaben hier in den Bergen, der der beste in der Schule war, hübsch, der beste Sportler und so weiter, der Knall auf Fall von einer Brücke sprang und Suizid begangen hat. Und seine Familie, seine Eltern und zwei Schwestern völlig ratlos und kaputt zurückgelassen hat.

Und dann vielleicht noch eine – „Das Schweigen der Eltern und der Berge“ – die Geschichte eines Mannes, der heute 50 oder 55 ist, der als kleines Kind schon realisierte, dass irgendwas in der Familie nicht stimmt. Er hat fünf Geschwister, die bleich sind. Er selbst kriegt dunkle Hände sobald die Sonne kommt. Er hat realisiert, dass irgendwas falsch ist. Niemand hat ihm je etwas gesagt. Mit 37 hat er dann herausgefunden, dass er nicht das Kind von Papa ist, sondern eines italienischen Gastarbeiters, der im Keller des Hauses bei dieser Familie wohnte. Der arbeitete in einem Steinbruch und war dort eingemietet, damit die Familie ein kleines Zubrot hatte. Der Vater war so ein Bergler, sprach kaum, die Mutter stammte nicht aus den Bergen, sondern aus Luzern, fühlte sich in diesen Bergen am Arsch der Welt und hat sich dann in den Mieter im Keller verliebt.

Wie geht man bei so intimen oder tragischen Geschichten vor, um den Menschen nicht zu nahe zu treten?

Ich arbeite mit einem Fragenkatalog. Ich hab immer ein bisschen Angst, dass mir die Person nur einmal zur Verfügung steht, also muss ich alles jetzt fragen, wo ich bei ihr bin. Ich darf nichts vergessen. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihre Geschichte eigentlich gern erzählen. Sie wissen aber nicht, was mich interessiert, also schreibe ich viele, viele Fragen auf. Die erste ist immer die nach dem Geburtsdatum und die zweite ist: Wars eine normale Geburt oder bist du zu früh gekommen oder zu spät? Vielleicht gibt das ja einen schönen Nebensatz. Was ist deine älteste Erinnerung, schönste Kindheitserinnerung, wie war dein Vater, und so weiter. Das sind manchmal 200 Fragen. Und das Gespräch dauert je nach Erinnerungsvermögen der Person manchmal sechs bis sieben Stunden. Das ist mein Rohmaterial. Ich lass die Leute einfach handeln, ich verurteile sie nicht und stelle das Gesagte nicht in einen bestimmten Kontext.

Wie schließen Sie Ihre Gespräche ab?

Ich bedanke mich. Ich weiß nicht, ob diese Behauptung stimmt, aber ich vermute sie stimmt: Ich verliebe mich, glaube ich, in meine Auskunftspersonen. Die sind mir dann wirklich sympathisch. Ich kann nicht sagen, dass ich mit ihnen leide, aber ich versteh die dann, glaube ich, und ich verliebe mich auf eine gewisse Weise in sie.

Beim Schreiben entliebe ich mich wieder von ihnen, weil ich das Schreiben als Anstrengung empfinde. Dann sitz ich da und suche einen ersten Satz und der zweite ist noch schwieriger, der dritte auch. Das Auswählen dessen, was in den Text hineinkommt, das rückt mich wieder von dieser Person weg. Es geht dann nicht mehr darum, möglichst viel aus dieser Person herauszulocken, ein Vertrauensverhältnis herzustellen, wie das beim Gespräch der Fall war. Sondern jetzt muss ich mich von der Sympathie lösen, die ich für diese Person hatte, und muss mich nur noch darum kümmern, dass dieser Text am Schluss funktioniert. Ich hab festgestellt, dass die Leute, die mir ja vertraut und mir ihr Leben erzählt haben, nachdem sie den Text gelesen haben, auch selber wieder Distanz suchen. Nur mit einer Person, über die ich schrieb, habe ich noch Kontakt. Das pendelt sich dann so wieder ein: Es war gut, dass ich bei ihnen war, sie sind froh, dass das aufgeschrieben ist. Okay, jetzt ist es erledigt.