Undercover recherchieren: Interview mit einem Unbekannten

Warum übt die NATO den Kriegszustand mit russischen Zivilisten? Diese Frage konnte der Autor, der sich Alexander Schnell nennt und sich für das Kriegsspiel beworben hat weil er Russisch kann, in seiner Undercover-Reportage “Kriegsspiele in Bayern” nicht beantworten. Ist auch gar nicht Sinn der Sache. Viel spannender ist, wie er mit resignierter Ironie die zwei langen, zähen Wochen beschreibt, die er als Zivilist-Statist in einem Fake-Dorf irgendwo in Bayern verbracht hat. In einer Warten-auf-Godot-artigen Atmosphäre fristen die etwa 250 “Dorfbewohner*innen” ihr 14-tägiges Dasein und warten auf die Ankunft der Soldaten, die einen Einmarsch simulieren sollen.

“Die Sonne steht hoch am Himmel, und unten auf der Erde gibt es einfach nichts zu tun. Nur eine einzelne Frau macht Meter. Sie schiebt einen Kinderwagen die staubige Dorfstrasse rauf und runter. Die Frau ist dick, sie watschelt, und dazu summt sie ein Wiegenlied. Als sie den Kinderwagen an mir vorbeischiebt, so watschelnd, summend und sonnenverbrannt, da kann ich nicht anders, als hineinzuspähen. Er ist leer. ”

Coole Story und spannendes Thema: ab wann darf man undercover recherchieren? Und wie genau läuft das ab? Als ich die Reportage gelesen hab, wusste ich sofort: das wird mein nächster Interviewpartner! Hab dann eine ganz vorsichtige Mail an die Redaktion von Reportagen geschrieben, ob man da VIELLEICHT den Kontakt herstellen könnte, und wenn nötig könnte ich das Interview per e-mail schicken, um bloß nicht die Anonymität des Autors zu gefährden… Im nächsten Moment hatte ich eine Mail von ihm im Posteingang: Nächsten Freitag treffen in Kreuzberg? War also alles gar nicht so höchst sensibel wie ich dachte. Der Autor (in seinen 30ern) ist seit 17 Jahren Journalist und macht „im weitesten Sinne Gesellschaftsreportagen von Orten, die ihren eigenen Gesetzten folgen, ihre eigene absurde Energie haben.“

War das illegal, was du gemacht hast?

Technisch gesehen ist es natürlich nicht erlaubt. Man unterschreibt, wenn man sich dort bewirbt, einen Arbeitsvertrag. Da steht drin, dass man die Informationen nicht weiterverwerten darf

Ab wann darf man eine Undercover-Recherche machen?

Das lässt sich nicht so klar sagen. Grundsätzlich ist es gerechtfertigt, wenn ein größeres gesellschaftliches Interesse besteht, also wenn man Fehlentwicklungen oder potentielle Straftaten aufdeckt – etwas, das gesellschaftlich relevant ist.

Hast du dich juristisch beraten lassen?

Ja. Die Anwälte haben mehr oder weniger gesagt, es würde klargehen, auch wenn es gegen den Arbeitsvertrag verstößt. Aber eine Garantie kann niemand geben. Ich glaube, dass das Pseudonym schon einen gewissen Schutz bietet. Ich habe mich ja dort unter meinem echten Namen beworben.  Aber da ich mich auf das persönliche Empfinden konzentriert und nicht knochentrockene Details der US-amerikanischen Militärstrategie öffentlich gemacht habe, glaube ich nicht, dass denen das so wichtig ist.

Was hat dich während der Zeit dort am meisten genervt?

Dass man gefangen war. Obwohl es keinen Zaun gab, durften wir einen bestimmten Bereich nicht verlassen. Nebenan war ein schöner Wald, wo ich gerne mal joggen gegangen wäre, aber das war nicht möglich. Dieses Gefangensein habe ich unterschätzt. Ich war ja vorher noch nie gefangen gewesen.

Wie viele Leute wissen, dass du die Geschichte geschrieben hast?

Ein paar Freunde, ein paar Menschen aus dem journalistischen Milieu. An die große Glocke habe ich es nicht gehängt. Also zwei Hände voll vielleicht.

Wer warst du während dieser Zeit?

Ich habe mir eine Identität zurechtgelegt, über die ich jetzt nicht so viel sagen kann, um nicht zu viel über mich zu verraten. Ich habe mir das genau überlegt und mir einen unspektakulären Job ausgedacht. Wenn Leute dann aber die vierte, fünfte Nachfrage stellen und man merkt, wie man ein richtiges Lügengebäude aufbaut, fühlt sich das schon komisch an.

War es nicht auffällig, dass du dir Notizen gemacht hast?

Ich hab versucht, mich ein- oder zweimal am Tag irgendwohin zurückzuziehen und etwas aufzuschreiben. Natürlich nicht zu lange, denn das wäre aufgefallen. Manchmal kam auch jemand rein, aber die dachten dann vielleicht, ich schreibe Tagebuch. Ich habe ein ganz gutes Gedächtnis, sodass ich mir Dinge auch über ein oder zwei Tage merken konnte. Am Ende hatte ich ein überquellendes Notizbuch und habe tagelang überlegt, welche Informationen ich nutze.

Wie sieht dein Schreibprozess aus?

Normalerweise brauche ich zwei Tage für lange Geschichten. Am ersten Tag sammle ich Gedanken und ärgere mich, dass mir meine Einstiege nicht gefallen. Am zweiten Tag setze ich mich dann hin und schreibe mehr oder weniger durch. Danach korrigiere ich nochmal. Bei dieser Geschichte habe ich zwei, drei Tage für den ersten Schritt gebraucht; gar nicht so sehr wegen des Inhalts, sondern um die richtige Sprache, das richtige Ironie-Level zu finden – den richtigen Sound. Der erste Absatz ist immer am wichtigsten.

Wie kommst du üblicherweise an deine Themen?

Gerade bei großen Geschichten ist das oft gar nicht so originell. Das sind teilweise Themen, über die Kollegen von anderen Zeitungen geschrieben haben. Da wird klein berichtet: Schlägerei auf der Kurfürstenstraße, vierter Dealer in einer Woche festgenommen. Und ich denke mir dann: wenn ich da Wochen verbringe, an einem krassen Ort mit einer eigenen Energie, kann ich versuchen, die einzufangen.

Wie stehst du zu dem Wort „Ich“ in journalistischen Texten?

Ich stehe Autorenjournalismus positiv gegenüber. Es gibt einfach Fälle, wo das „Ich“ Sinn macht. Bei manchen Geschichten, wie meiner jetzt, kommt man am Autor nicht vorbei. Und es gibt solche, wo der Autor nichts zu suchen hat. Ich hab auch schon eine Reportage geschrieben, wo ich sehr präsent war, aber das Wort „Ich“ nicht gebraucht habe. Gerade für Leute, die viel lesen, ist das ja manchmal ein Reizwort. Die haben keinen Bock auf so eine Indie-Reportage, wo es um Selbstdarstellung geht. Ich finde aber, dass es grundsätzlich seine Berechtigung hat, egal wieviel Wunsch nach Objektivität es gibt. In dieser Geschichte komme ich ja sehr viel vor in der Rolle des Undercover-Reporters, aber gleichzeitig habe ich mich explizit zurückgenommen – damit die Tarnung nicht auffliegt und damit es nicht zu sehr darum geht, wie ich als Mensch zwei Wochen Militärübung verarbeite. Ich wollte eher diesen absurden Kosmos darstellen und die anderen Menschen, die darin vorkommen. Da hätte mich gestört, wenn mehr als ein zurückgenommenes Ich vorgekommen wäre.

Von welchen Personen oder Situationen hast du im Laufe deiner Karriere etwas gelernt?

Ich musste mal mit einer Frau telefonieren, deren Mann entführt worden war. Das war mir total unangenehm und ich wollte es eigentlich gar nicht machen. Die Frau wollte auch nicht mit mir reden, worüber ich heilfroh war. Danach hat mein Chef sie angerufen und zwei Stunden lang mit ihr gesprochen. Das hat mir gezeigt, dass ich kein Arschloch sein will und so etwas nicht machen will; aber auch, dass man, wenn man es denn macht, konsequent sein muss. Also entweder man ist moralisch und lässt es sein, oder man zieht es beharrlich durch. Da muss man sich als Journalist entscheiden.

Was hast du dir im Laufe deiner Karriere an- oder abgewöhnt?

Ich habe mir angewöhnt, länger da zu bleiben. Wenn es eine gute Geschichte werden soll, dann verlasse ich den Ort des Geschehens nicht sofort, sondern hole mir ein Bier und sitze da herum. Meiner natürlichen Energie entspricht das nicht. Ich habe nicht so viel Sitzfleisch, aber das nötige ich mir dann halt auf. Abgewöhnt habe ich mir, später in der Redaktion über jedes Wort erbittert zu streiten. Solange mein Sound erhalten bleibt, gilt: Kill your darlings.

Was liest du selber gerne?

Ich lese sehr viel Literatur, Gegenwartsliteratur, aber auch Klassiker. Zuletzt habe ich „Selbstverfickung“ von Oskar Roehler gelesen. Lustige Misanthropie. Mir ist es am wichtigsten, stilistisch etwas mitzubekommen.

Ist dein journalistischer Stil also von Literatur geprägt?

Ja, auf jeden Fall, gerade bei so etwas wie Satzrhythmus. Eine gute Reportage ist Literatur, die auf Fakten basiert. Ein guter Text ist für mich vor allem sprachlich und nicht inhaltlich bestimmt.

Was würdest du gerne besser machen?

Was mir bei anderen gefällt und was mir selbst oft fehlt, ist, einen krassen Ausstieg zu finden. Dass ich das nicht kann, liegt vielleicht an meiner Liebe zur Literatur, denn bei einem Buch finde ich das letzte Drittel meist irrelevant. Ob der Held jetzt am Ende Amerika erreicht oder sich in die Wassermassen stürzt, ist mir tatsächlich relativ egal, solange der Sound stimmt. Bei einer Reportage hingegen, die man nur eine Viertelstunde liest, ist es ganz cool, am Ende nochmal einen Schlag zu landen.

Du hast mehrfach von „Sound“ gesprochen. Wie würdest du deinen beschreiben?

Ich versuche, dass jede kleinste Einheit, auch ein Absatz, einen richtigen Rhythmus hat. Meistens hört es sich schlecht an, wenn drei Sätze nacheinander die gleiche Länge haben. Gut ist, wenn ein kurzer, ein mittellanger und ein langer Satz in einem Absatz stehen. Das heißt natürlich nicht, dass ich mir dieses Muster daneben lege und mich genau daran halte. Es fällt mir aber später auf.

Gibt es journalistische Faustregeln, die du für falsch hältst?

Den szenischen Einstieg. Ich mache zwar auch oft einen, finde es aber originell, wenn man mal mit einem anderen Gedanken anfängt. Einen szenischen Einstieg machen so viele Leute, dass er schon richtig gut sein muss, um zu knallen.

Wieviel schreibst du, um als freier Journalist zu leben?

Ich produziere alle vier bis fünf Wochen eine große Reportage, aber auch so zwei drei, kleinere Sachen im Monat. Nicht jeder Text kann der große Wurf sein, daran muss man sich gewöhnen. Das wäre auch total anstrengend, wenn man permanent so hohe Erwartungen an sich stellt.

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Ganz viel Geduld: Interview mit Paula Scheidt

Als ich klein war, sind wir mal in einen Spielzeugladen in Kairo gegangen. Mein Bruder und ich durften uns jeweils etwas aussuchen. Er hat sehr schnell etwas gefunden, mich hingegen hat nichts überzeugt. Mein Vater hat gesagt: Macht nichts, wir gehen morgen in den anderen Laden. Aber ich konnte auf gar keinen Fall bis morgen warten. Also habe ich mir ein kleines Stoffnashorn ausgesucht, um nicht mit leeren Händen den Laden zu verlassen. Im Nachheinein hab ich mich natürlich geärgert, dass ich nicht gewartet und etwas genommen habe, was ich wirklich wollte.

Obwohl ich heute weiß, dass kleine Stoffnashörner eine ziemlich coole Sache sind, denke ich im Nachheinein oft an diese Begebenheit, wenn ich mal wieder zu ungeduldig bin und daher mit dem Zweitbesten Vorlieb nehme. Auf gute Geschichten sollte man aber auf jeden Fall warten. Paula Scheidt hat zum Beispiel 1,5 Jahre auf eine Geschichte gewartet, die mich sehr beeindruckt hat. In der DUMMY-Ausgabe Nr. 55 erschien „Fast & Furious“, eine genaue Rekonstruktion der Ereignisse vom 13. August 2014. Ein Autofahrer wurde eines Abends auf der Autobahn nahe Zürich von einem Taxi geschnitten und entschied sich, den Taxifahrer zur Rede zu stellen. Indem er ihn mitten auf der Autobahn zum Anhalten zwang und sich dann zu Fuß dem Taxi näherte. Da der Taxifahrer in Panik geriet und der andere Fahrer sich bereits über seinen Wagen lehnte, drückte er aufs Gas und fuhr mit 125 km/h im Slalom über die Autobahn – mit dem anderen Mann auf der Motorhaube, bis dieser schließlich in einem Tunnel auf die Straße geschleudert wurde.

Die Geschichte klingt schon total krank, wenn man sie in drei Sätzen zusammenfasst. Aber als ich sie gelesen habe, kam mir mal wieder diese Frage in den Sinn, die ich mir oft bei richtig guten Artikeln stelle: Wie findet man sowas und wie um alles in der Welt konnte Paula Scheidt so einen detaillierten Text verfassen, als hätte sie selbst mit im Wagen gesessen? Die Antwort ist: mit viel Geduld. Dann kann man als Journalistin sogar juristisch etwas bewirken…

Wie startest du ins Interview, mit Smalltalk oder direkt zur Sache?

Ich mache meistens kurz Smalltalk aber wirklich ziemlich wenig. Eigentlich gehe ich direkt zur Sache. Meistens ist das Interview ja verabredet und die Leute wissen schon, worum es geht. Irgendwie warten sie sowieso darauf, dass man zum Thema kommt. Ich habe nicht das Gefühl, dass es etwas bringt, weil ich die Leute gar nicht unbedingt auftauen will. Ich sortiere halt die Fragen so, dass am Anfang eher die unverfänglichen kommen und dann gegen Ende die schwierigeren, oder die, von denen ich mir mehr erhoffe.

Was ist für dich die wichtigste Recherchemethode?

Es hängt von der Geschichte ab. Ich schreibe ja vor allem Reportagen, wo man dann dabei ist, wenn etwas passiert. Am meisten Spaß macht mir das Beobachten, wenn man selbst die Geschichte miterlebt. Gespräche sind wahrscheinlich das Wichtigste. Ich habe sicher nie einen Text geschrieben ohne lange Interviews zu führen. Die Autobahn-Story war eine Spezialfall, da habe ich sehr viel mit Akten gearbeitet.

Wie kamst du an die Autobahn-Story?

Das war eine Randnotiz in der Zeitung. Das ist glaub ich ein Klassiker. Zumindest habe ich das mal so in der Journalistenschule gelernt, dass man guckt, welche kleinen Meldungen es in Regional- oder Boulevardzeitungen gibt, und welche sich für eine größere Recherche eignen würden. In dem Fall war es eine Kurzmeldung bei uns in der Zeitung in Zürich. Ich habe das dann verfolgt. Viele Infos gibt es erst, wenn es zum Prozess kommt. Die Polizeiprotokolle sind bis dahin unter Verschluss und werden beim Prozess verwendet. Dann gibt es die Plädoyers von den Anwälten und nachher gibt es ein langes begründetes Urteil. Da steht wahnsinnig viel drin, da gibt es Gutachten von Ärzten und von Forensikern und mit alldem kann man dann arbeiten. Aber bis dahin vergeht sehr viel Zeit. Der Prozess war eineinhalb Jahre nach dem Vorfall. Das heißt man muss lange warten und man muss natürlich an die Akten rankommen. Ich bin beim Gericht als Gerichtsreporterin akkreditiert und habe so Kontakt zu dem Anwalt des Taxifahrers aufgenommen. Der hatte ein Interesse daran, dass der Fall nochmal anders dargestellt wird, weil er bisher in den Medien zu Ungunsten von seinem Mandanten ausgefallen war.

Hatte der Text einen Einfluss?

Ja, das hatte es. Es war zwar nicht meine Intention, den Text zu schreiben, um den Taxifahrer vor dem Gefängnis zu retten. Ich wollte den Ablauf eigentlich nur möglichst detailliert darstellen. Aber ich habe den Text ja geschrieben, bevor das ganze nochmal in Berufung ging. Und während der späteren Verhandlung hat der Verteidiger des Taxifahrers auch aus meinem Text zitiert, um darauf hinzuweisen, dass der Taxifahrer in einem Ausnahmezustand war, weil er solche Angst hatte. Dann wurde nochmal ein psychologisches Gutachten angefordert und tatsächlich hat er dann auf einer höheren Instanz statt acht Jahren Haft nur zwei oder drei Jahre auf Bewährung bekommen. Ob es noch eine Instanz weiter geht, ist noch nicht klar.

Erklärst du den Protagonisten deiner Geschichten vorher, was du mit ihnen vorhast?

Ich versuche schon, grundsätzlich Texte zu schreiben, wo es nicht einen Guten und einen Schlechten gibt. Ich versuche immer, bei allen die Beweggründe zu verstehen und nicht sofort zu bewerten. Ich glaube, die Texte sind auch besser, wenn man sich auf alle einlässt und nicht vor der Recherche weiß, wer gut und wer böse ist. Aber es gibt natürlich schon Fälle, wo man sich relativ sicher sein kann, wie das am Ende aussehen wird. Wenn man zu klar macht, dass man jemanden nur treffen will, weil der dann später der Bösewicht im Text sein wird, hat der ja schon gar keine Lust, sich mit einem zu treffen. Aber es gibt natürlich Fälle, wo sich jemand rechtfertigen will. Wo klar ist, dass er oder sie schlecht wegkommen wird, aber wo die Person weiß, dass sie noch schlechter wegkommen wird, wenn sie nicht mit einem redet.

Wie bleibt man fair, auch wenn man eigentlich vorher weiß, dass die Person im Text nicht gerade sympathisch erscheinen wird?

Ich finde Konfrontieren wichtig. Ich frage immer genau die Fragen, um die es geht, und nicht drum herum. Das finde ich heikel, wenn man nur vorsichtige Fragen stellt, und später ganz deutliche Urteile fällt. Aber ich sag natürlich nicht zu den Personen: Hören Sie zu, ich schreib nen Text und ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass Sie in dem Text der Bösewicht sein werden. Weil man auch manchmal nicht genau abschätzen kann, wie die anderen Personen eigentlich den Text lesen. Ich versuche zu zeigen, wie die Dynamiken laufen und nicht so sehr zu sagen, was richtig und falsch ist. Es gibt Texte, wo sich die Leute dann über andere Sachen aufregen als man denkt, oder Texte, die man so oder so lesen kann. Ich finde das Wichtigste ist, dass man jemanden nicht von vornherein verurteilt. Auch wenn man der Meinung ist, dass die eine Person alles richtig und die andere alles falsch gemacht hat, sollte man versuchen, sich in beide Personen hineinzuversetzen, ihre Motivationen nachzuzeichnen.. und das Urteil dann den Lesern überlassen.

Nasse Füße: Interview mit Benjamin von Brackel

Jeder kennt diese Bilder, bei denen man die Zahlen von 1 bis 100 verbinden muss, sodass nach und nach die Umrisse eines Motivs erkennbar werden. Am Anfang sieht man nur ein Gewusel von kleinen schwarzen Punkten mit kleinen schwarzen Zahlen daneben. Wenn man dann die richtigen Linien zieht, sieht man das Motiv. Ungefähr so stelle ich mir eine richtig gute Reportage vor. Eine Autorin recherchiert eine Geschichte, sieht also erstmal das gesamte Motiv. Dann muss sie dieses Motiv in Einzelpunkte zerlegen und diese im Verlauf ihrer Reportage strategisch platzieren. Der Leser zieht später bei der Lektüre die Linien zwischen den Punkten und sieht letztendlich das gleiche Motiv wie die Autorin. Die Schwierigkeit als Autorin liegt meines Erachtens darin, herauszufinden, was die entscheidenden Charakteristika sind, die der Leser kennen muss, um das Gesamtbild sehen zu können.  Ich bewundere es immer, wenn in Texten Details erwähnt werden, die mir selbst niemals aufgefallen wären, die aber eine Person, einen Ort, eine Stimmung genau auf den Punkt bringen.

Benjamin von Brackels Geschichte „Doktor Burt hat eine Idee“ (Reportagen #36, September 2017) enthält solche Details. Sie erzählt von einem Arzt in Chicago, der mithilfe von Chemotherapie Multiple Sklerose (MS) zu heilen versucht. Auf verschiedenen Zeitebenen und an verschiedenen Orten portraitiert Benjamin von Brackel den MS-Pionier und folgt parallel dazu dem Weg der Patientin Taylor von ihrer Diagnose bis zum erfolgreichen Abschluss der Behandlung.

Benjamin von Brackel (35) ist freier Umweltjournalist in Berlin. Seine Reportagen sind unter anderem in der Zeit, der Süddeutschen Zeitung und dem Magazin Reportagen erschienen.

Wie würden Sie Ihren Schreibstil beschreiben?

Ich würde sagen, eher schlicht. Was ich nicht so mag, ist wenn man zu blumig schreibt und der Leser nicht weiß, wohin die  Geschichte führt und er sich durch jede Menge Ballast arbeiten muss. Ich versuche, eher knackig zu beschreiben, was Sache ist, und auch nicht ewig viele Adjektive zu benutzen. Viel  mehr Kraft bekommt die Sprache mit starken Verben, guten Vergleichen, Details.

Wodurch wurde Ihr Stil am meisten geprägt?

Es ist nicht so, dass ich schon immer so geschrieben hab. Ich bin seit 14 Jahren Journalist, hab zig Praktika hinter mir und jedes hat ein bisschen was geschliffen. Darum würde ich auch jedem raten, viel Erfahrung zu sammeln und sich auszuprobieren. Die Deutsche Journalistenschule war dann auch nochmal so ein Mosaikstein. Ansonsten denke ich, es ist total wichtig, was man liest. Wenn man gerade ein dickes Buch gelesen hat, schreibt man danach ein bisschen anders. Was man liest, definiert auch ein bisschen, wie man schreibt.

In Ihrer Reportage über den MS-Arzt Dr. Burt schreiben Sie „Über Nacht sind die Pfützen auf den Strassen gefroren, es ist klirrend kalt. Richard Burt hastet den Gehweg entlang, bis er an einer Kreuzung stehen bleibt. Er macht einen Satz über die Schneehaufen, knackt durch die Eisschicht und taucht mit seinen Turnschuhen ins Wasser.“ Wie kommt so ein Detail in den Text und wozu?

Ich versuche schon, gezielt auf Details zu achten, weil Details einfach die Würze eines Textes sind und den Leser in die Geschichte ziehen. An dem Morgen bin ich selber mal durchs Eis gebrochen und hatte nasse Füße und mit ihm war ich auch an dem Tag unterwegs. Inhaltlich wollte ich das beschreiben, weil es den Leser erst mal vor ein Rätsel  stellt: Ein wichtiger Arzt, der eine ganze Krankenhausabteilung leitet und kurz vor dem Durchbruch steht, MS zu heilen, muss sich jeden Morgen bei solch Winterwetter die Schuhe nass machen und bekommt nasse Füße. Er kommt nicht etwa mit einem dicken Benz angefahren – wie es vielleicht zu erwarten wäre – sondern er geht immer zu Fuß. Der Grund: Er wohnt zwei Blocks entfernt, um jederzeit bei seinen Patienten sein zu können, wenn es einen Notfall gibt. Dieses Detail zeigt also wunderbar, wie er  sein Leben der Arbeit unterordnet.

Sie schreiben in einer Rückblende über den Tag, an dem die 17-jährige Taylor erste Anzeichen der MS-Erkrankung spürt: „Der Fleck auf ihren Augen wird immer grösser. Sie plaudert mit ihrem Dad, singt zur Musik im Radio.“ Fragen Sie nach solchen Informationen („singt zur Musik im Radio“) gezielt oder erzählen die Leute das von selbst?

Das hat sie mir erzählt und ich hatte wahnsinnig Glück mit ihr, weil sie sehr detailreich und gut erzählt hat. Ich hatte ja bestimmt fünf oder sechs von Burts Patienten interviewt, bevor ich sie ausgewählt habe – unter anderem weil sie die beste Geschichte zu bieten hatte, aber auch weil sie am besten erzählt hat. Man muss sich natürlich Zeit nehmen,  um ein Gespür dafür zu kriegen, ob das, was die Leute erzählen, wirklich stimmt, und dann sollte man das auch abgleichen. Mit Taylor hatte ich drei bis vier lange Telefongespräche, bevor ich überhaupt nach Chicago geflogen bin, und da war ihre Mutter immer dabei. Zuerst dachte ich, das könnte sie am erzählen hindern, aber im Nachhinein war es von Vorteil: immer, wenn Taylor sich nicht ganz sicher war, ist die Mutter eingesprungen und ich konnte so kontrollieren, ob das Hand und Fuß hat, was sie erzählt.

Was sind die nächsten Schritte, nachdem Sie auf ein Thema gestoßen sind?

Als ich das erste Mal von Dr. Burt gehört habe, da wusste ich sofort, dass ich die Geschichte machen will. Dann habe ich erst mal nachgeprüft, ob es darüber schon was gibt in Deutschland. Ich hab einfach gegooglet und es gab nichts! Das hat mich gewundert und noch mehr bestärkt, darüber zu schreiben. Dann nimmt man eben Kontakt auf und fragt die Leute, ob sie mitmachen. Dass jemand nicht will und ablehnt, hab ich bisher nur ganz selten erlebt. Normalerweise will  jeder seine Geschichte erzählen.

Gibt es eine Geschichte, auf die Sie besonders stolz sind, und wenn ja, warum?

Die Geschichte von Dr. Burt und Taylor gehört auf jeden Fall dazu. Wenn man etwas Neues entdeckt, das Relevanz hat, und das dann auch noch in einer Form aufschreibt, die eine emotionale Wirkung auf den Leser hat, dann gibt einem das die meiste Befriedigung. Und bei der Geschichte kommt dazu, dass ein paar Leute das lesen könnten, die von MS betroffen sind und möglicherweise neue Auswege sehen. Wenn man sich vorstellt, dass sich das Leben von Menschen durch den eigenen Artikel positiv verändern könnte, dann ist das natürlich großartig.