Undercover recherchieren: Interview mit einem Unbekannten

Warum übt die NATO den Kriegszustand mit russischen Zivilisten? Diese Frage konnte der Autor, der sich Alexander Schnell nennt und sich für das Kriegsspiel beworben hat weil er Russisch kann, in seiner Undercover-Reportage “Kriegsspiele in Bayern” nicht beantworten. Ist auch gar nicht Sinn der Sache. Viel spannender ist, wie er mit resignierter Ironie die zwei langen, zähen Wochen beschreibt, die er als Zivilist-Statist in einem Fake-Dorf irgendwo in Bayern verbracht hat. In einer Warten-auf-Godot-artigen Atmosphäre fristen die etwa 250 “Dorfbewohner*innen” ihr 14-tägiges Dasein und warten auf die Ankunft der Soldaten, die einen Einmarsch simulieren sollen.

“Die Sonne steht hoch am Himmel, und unten auf der Erde gibt es einfach nichts zu tun. Nur eine einzelne Frau macht Meter. Sie schiebt einen Kinderwagen die staubige Dorfstrasse rauf und runter. Die Frau ist dick, sie watschelt, und dazu summt sie ein Wiegenlied. Als sie den Kinderwagen an mir vorbeischiebt, so watschelnd, summend und sonnenverbrannt, da kann ich nicht anders, als hineinzuspähen. Er ist leer. ”

Coole Story und spannendes Thema: ab wann darf man undercover recherchieren? Und wie genau läuft das ab? Als ich die Reportage gelesen hab, wusste ich sofort: das wird mein nächster Interviewpartner! Hab dann eine ganz vorsichtige Mail an die Redaktion von Reportagen geschrieben, ob man da VIELLEICHT den Kontakt herstellen könnte, und wenn nötig könnte ich das Interview per e-mail schicken, um bloß nicht die Anonymität des Autors zu gefährden… Im nächsten Moment hatte ich eine Mail von ihm im Posteingang: Nächsten Freitag treffen in Kreuzberg? War also alles gar nicht so höchst sensibel wie ich dachte. Der Autor (in seinen 30ern) ist seit 17 Jahren Journalist und macht „im weitesten Sinne Gesellschaftsreportagen von Orten, die ihren eigenen Gesetzten folgen, ihre eigene absurde Energie haben.“

War das illegal, was du gemacht hast?

Technisch gesehen ist es natürlich nicht erlaubt. Man unterschreibt, wenn man sich dort bewirbt, einen Arbeitsvertrag. Da steht drin, dass man die Informationen nicht weiterverwerten darf

Ab wann darf man eine Undercover-Recherche machen?

Das lässt sich nicht so klar sagen. Grundsätzlich ist es gerechtfertigt, wenn ein größeres gesellschaftliches Interesse besteht, also wenn man Fehlentwicklungen oder potentielle Straftaten aufdeckt – etwas, das gesellschaftlich relevant ist.

Hast du dich juristisch beraten lassen?

Ja. Die Anwälte haben mehr oder weniger gesagt, es würde klargehen, auch wenn es gegen den Arbeitsvertrag verstößt. Aber eine Garantie kann niemand geben. Ich glaube, dass das Pseudonym schon einen gewissen Schutz bietet. Ich habe mich ja dort unter meinem echten Namen beworben.  Aber da ich mich auf das persönliche Empfinden konzentriert und nicht knochentrockene Details der US-amerikanischen Militärstrategie öffentlich gemacht habe, glaube ich nicht, dass denen das so wichtig ist.

Was hat dich während der Zeit dort am meisten genervt?

Dass man gefangen war. Obwohl es keinen Zaun gab, durften wir einen bestimmten Bereich nicht verlassen. Nebenan war ein schöner Wald, wo ich gerne mal joggen gegangen wäre, aber das war nicht möglich. Dieses Gefangensein habe ich unterschätzt. Ich war ja vorher noch nie gefangen gewesen.

Wie viele Leute wissen, dass du die Geschichte geschrieben hast?

Ein paar Freunde, ein paar Menschen aus dem journalistischen Milieu. An die große Glocke habe ich es nicht gehängt. Also zwei Hände voll vielleicht.

Wer warst du während dieser Zeit?

Ich habe mir eine Identität zurechtgelegt, über die ich jetzt nicht so viel sagen kann, um nicht zu viel über mich zu verraten. Ich habe mir das genau überlegt und mir einen unspektakulären Job ausgedacht. Wenn Leute dann aber die vierte, fünfte Nachfrage stellen und man merkt, wie man ein richtiges Lügengebäude aufbaut, fühlt sich das schon komisch an.

War es nicht auffällig, dass du dir Notizen gemacht hast?

Ich hab versucht, mich ein- oder zweimal am Tag irgendwohin zurückzuziehen und etwas aufzuschreiben. Natürlich nicht zu lange, denn das wäre aufgefallen. Manchmal kam auch jemand rein, aber die dachten dann vielleicht, ich schreibe Tagebuch. Ich habe ein ganz gutes Gedächtnis, sodass ich mir Dinge auch über ein oder zwei Tage merken konnte. Am Ende hatte ich ein überquellendes Notizbuch und habe tagelang überlegt, welche Informationen ich nutze.

Wie sieht dein Schreibprozess aus?

Normalerweise brauche ich zwei Tage für lange Geschichten. Am ersten Tag sammle ich Gedanken und ärgere mich, dass mir meine Einstiege nicht gefallen. Am zweiten Tag setze ich mich dann hin und schreibe mehr oder weniger durch. Danach korrigiere ich nochmal. Bei dieser Geschichte habe ich zwei, drei Tage für den ersten Schritt gebraucht; gar nicht so sehr wegen des Inhalts, sondern um die richtige Sprache, das richtige Ironie-Level zu finden – den richtigen Sound. Der erste Absatz ist immer am wichtigsten.

Wie kommst du üblicherweise an deine Themen?

Gerade bei großen Geschichten ist das oft gar nicht so originell. Das sind teilweise Themen, über die Kollegen von anderen Zeitungen geschrieben haben. Da wird klein berichtet: Schlägerei auf der Kurfürstenstraße, vierter Dealer in einer Woche festgenommen. Und ich denke mir dann: wenn ich da Wochen verbringe, an einem krassen Ort mit einer eigenen Energie, kann ich versuchen, die einzufangen.

Wie stehst du zu dem Wort „Ich“ in journalistischen Texten?

Ich stehe Autorenjournalismus positiv gegenüber. Es gibt einfach Fälle, wo das „Ich“ Sinn macht. Bei manchen Geschichten, wie meiner jetzt, kommt man am Autor nicht vorbei. Und es gibt solche, wo der Autor nichts zu suchen hat. Ich hab auch schon eine Reportage geschrieben, wo ich sehr präsent war, aber das Wort „Ich“ nicht gebraucht habe. Gerade für Leute, die viel lesen, ist das ja manchmal ein Reizwort. Die haben keinen Bock auf so eine Indie-Reportage, wo es um Selbstdarstellung geht. Ich finde aber, dass es grundsätzlich seine Berechtigung hat, egal wieviel Wunsch nach Objektivität es gibt. In dieser Geschichte komme ich ja sehr viel vor in der Rolle des Undercover-Reporters, aber gleichzeitig habe ich mich explizit zurückgenommen – damit die Tarnung nicht auffliegt und damit es nicht zu sehr darum geht, wie ich als Mensch zwei Wochen Militärübung verarbeite. Ich wollte eher diesen absurden Kosmos darstellen und die anderen Menschen, die darin vorkommen. Da hätte mich gestört, wenn mehr als ein zurückgenommenes Ich vorgekommen wäre.

Von welchen Personen oder Situationen hast du im Laufe deiner Karriere etwas gelernt?

Ich musste mal mit einer Frau telefonieren, deren Mann entführt worden war. Das war mir total unangenehm und ich wollte es eigentlich gar nicht machen. Die Frau wollte auch nicht mit mir reden, worüber ich heilfroh war. Danach hat mein Chef sie angerufen und zwei Stunden lang mit ihr gesprochen. Das hat mir gezeigt, dass ich kein Arschloch sein will und so etwas nicht machen will; aber auch, dass man, wenn man es denn macht, konsequent sein muss. Also entweder man ist moralisch und lässt es sein, oder man zieht es beharrlich durch. Da muss man sich als Journalist entscheiden.

Was hast du dir im Laufe deiner Karriere an- oder abgewöhnt?

Ich habe mir angewöhnt, länger da zu bleiben. Wenn es eine gute Geschichte werden soll, dann verlasse ich den Ort des Geschehens nicht sofort, sondern hole mir ein Bier und sitze da herum. Meiner natürlichen Energie entspricht das nicht. Ich habe nicht so viel Sitzfleisch, aber das nötige ich mir dann halt auf. Abgewöhnt habe ich mir, später in der Redaktion über jedes Wort erbittert zu streiten. Solange mein Sound erhalten bleibt, gilt: Kill your darlings.

Was liest du selber gerne?

Ich lese sehr viel Literatur, Gegenwartsliteratur, aber auch Klassiker. Zuletzt habe ich „Selbstverfickung“ von Oskar Roehler gelesen. Lustige Misanthropie. Mir ist es am wichtigsten, stilistisch etwas mitzubekommen.

Ist dein journalistischer Stil also von Literatur geprägt?

Ja, auf jeden Fall, gerade bei so etwas wie Satzrhythmus. Eine gute Reportage ist Literatur, die auf Fakten basiert. Ein guter Text ist für mich vor allem sprachlich und nicht inhaltlich bestimmt.

Was würdest du gerne besser machen?

Was mir bei anderen gefällt und was mir selbst oft fehlt, ist, einen krassen Ausstieg zu finden. Dass ich das nicht kann, liegt vielleicht an meiner Liebe zur Literatur, denn bei einem Buch finde ich das letzte Drittel meist irrelevant. Ob der Held jetzt am Ende Amerika erreicht oder sich in die Wassermassen stürzt, ist mir tatsächlich relativ egal, solange der Sound stimmt. Bei einer Reportage hingegen, die man nur eine Viertelstunde liest, ist es ganz cool, am Ende nochmal einen Schlag zu landen.

Du hast mehrfach von „Sound“ gesprochen. Wie würdest du deinen beschreiben?

Ich versuche, dass jede kleinste Einheit, auch ein Absatz, einen richtigen Rhythmus hat. Meistens hört es sich schlecht an, wenn drei Sätze nacheinander die gleiche Länge haben. Gut ist, wenn ein kurzer, ein mittellanger und ein langer Satz in einem Absatz stehen. Das heißt natürlich nicht, dass ich mir dieses Muster daneben lege und mich genau daran halte. Es fällt mir aber später auf.

Gibt es journalistische Faustregeln, die du für falsch hältst?

Den szenischen Einstieg. Ich mache zwar auch oft einen, finde es aber originell, wenn man mal mit einem anderen Gedanken anfängt. Einen szenischen Einstieg machen so viele Leute, dass er schon richtig gut sein muss, um zu knallen.

Wieviel schreibst du, um als freier Journalist zu leben?

Ich produziere alle vier bis fünf Wochen eine große Reportage, aber auch so zwei drei, kleinere Sachen im Monat. Nicht jeder Text kann der große Wurf sein, daran muss man sich gewöhnen. Das wäre auch total anstrengend, wenn man permanent so hohe Erwartungen an sich stellt.

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